Martin Luther

 

Vom Himmel hoch, da komm ich her,

ich bring euch gute neue Mär;

der guten Mär bring ich so viel,

davon ich singn und sagen will.[1]

 

Martin Luther hat dieses „Kinderlied auf die Weihnacht Christi“ 1535 in ein Gesangbuch aufgenommen. Er hatte vorher bereits drei Weihnachtslieder verfasst, aber „Vom Himmel hoch“ sollte zu dem am meisten gesungenen Lied des Reformators zum Weihnachtsfest werden. Bei einer Umfrage im Jahre 2010 erklärte die Mehrheit der Deutschen, zumindest die erste Strophe singen zu können.[2] Dabei hatte Martin Luther das Lied zunächst vor allem für seine eigenen Kinder geschaffen, eventuell für ein Krip­penspiel, und erst später drucken lassen. Insgesamt sind 37 Luther-Lieder überliefert, und er selbst hat in einem Brief bekannt: „Wäre ich nicht Theolog’, würd’ ich am lieb­sten Musiker geworden sein.“[3] Da er sich wohl bewusst war, dass er bes­ser formulieren als komponieren konnte, wählte er häufig volkstümliche Melodien für seine Lieder und versah sie mit eigenen Texten. Die Melodie von „Vom Himmel hoch“ übernahm Martin Luther von dem Volkslied „Ich komm’ aus fremden Län­dern her“.

 

In der ersten Strophe seines Liedes hat Martin Luther auch den Text der Liedvorlage weitgehend übernommen. Aus den fremden Ländern ist bei Luther allerdings der Himmel geworden.[4] Dieses Weihnachtslied wurde mehr­mals neu vertont, wobei die Vertonung Luthers am bekanntesten ist. Besonders zu erwähnen ist auch die Aufnahme dieser Melodie durch Johann Sebastian Bachs in Chorälen seines Weihnachtsoratoriums.

 

In den ersten fünf der insgesamt fünfzehn Strophen wird die Botschaft an die Hirten in neue Worte gefasst. Im sechsten Vers werden die Kinder eingeladen, zusammen mit den Hirten in den Stall zu gehen:

 

Des lasst uns alle fröhlich sein

und mit den Hirten gehn hinein,

zu sehn, was Gott uns hat beschert,

mit seinem lieben Sohn verehrt.[5]

 

Werner Schmithals, Professor für Neues Testament in Berlin, hat herausgestellt: „Die Kinder wer­den selbst und unmittelbar angesprochen und an dem Geschehen beteiligt. Es geht um sie selbst.“[6] Dies ist ein Beispiel dafür, wie stark Martin Luther in seinen Predigten und volks­tümlichen Texten die Menschen ganz direkt ansprach und in das biblische Ge­schehen einbezog. In dem Weihnachtslied folgen dann sieben Verse, in denen die Singenden dem Jesuskind in der Krippe begegnen. Alle sind eingeladen, auch die Sünder, die nicht verschmäht werden (Vers 8).

 

Dass dieses Lied von Anfang an auch für religiöse Tänze oder Aufführungen gedacht war, lässt sich in Strophe 14 ahnen:

 

Davon ich allzeit fröhlich sei,
zu springen, singen immer frei
das rechte Susaninne schon,
mit Herzenslust den süßen Ton.
[7]

 

Das Wort „Susaninne“ wird im „Evangelischen Gesangbuch“ als „Wiegenlied“ erläutert. Und als Vorlage für den ersten Vers und die ursprüngliche Melodie diente ja auch wie erwähnt ein Tanzlied. Der fünfzehnte und letzte Vers des Liedes bringt noch einmal die Freude und den Jubel über die Geburt des Heilands zum Ausdruck:

 

Lob, Ehr sei Gott im höchsten Thron,
der uns schenkt seinen ein’gen Sohn.
Des freuen sich der Engel Schar
und singen uns solch neues Jahr.
[8]

 

Mit dem Hinweis auf das neue Jahr, ist Professor Walter Schmithals überzeugt, ist nicht lediglich das neue Kalenderjahr gemeint: „Es ist ‚solch neues Jahr’, nämlich das eine neue Jahr entsprechend dem neuen Bund, der neuen Kreatur, dem neuen Herzen, dem neuen Lied, der neuen Lehre, der neuen Geburt, dem neuen Jerusalem, dem neuen Himmel und der neuen Erde …“[9]

 

Ein wortgewaltiger Kritiker der Mächtigen in der Kirche

 

Martin Luther lebte an der Schwelle vom Mittelalter zur Neuzeit und hat die Neu­­zeit in beträchtlichem Maße mitgestaltet. Geboren wurde er am 10. November 1483 in Eisleben. Sein Vater war als Hüttenmeister im Kupferbergbau zu bescheidenem Wohlstand gekommen. Die Eltern förderten ihren begabten Sohn Martin nach Kräften. Er wuchs in Mansfeld auf und besuchte dort von 1488 an die Stadtschule und anschließend die Mag­­deburger Domschule. Dann erhielt er eine musikalische und po­e­tische Ausbil­dung im Franziskanerstift Eisenach. 1501 nahm Martin Lu­ther das Studium an der Universität Er­furt auf, wo er sich im Grundstudium eine breite Bildung aneignete. 1505 setzte er auf Wunsch seines Vaters sein Studium an der Juris­tischen Fakultät fort.

 

Vielleicht wäre er ein angesehener und wohlhabender Jurist geworden, hätte ihn nicht am 2. Juli 1505 auf dem Rückweg von einem Besuch bei seinen Eltern nach Erfurt ein schweres Gewitter überrascht. In Todesangst rief er die Hei­lige Anna, nach der Legende die Mutter Marias, an und gelobte, Mönch zu werden, wenn er das Gewitter überstehen würde. Martin Luther überlebte das Gewitter un­be­schadet und trat in den Augustinerorden ein. 1507 wurde er zum Priester geweiht. Er erhielt die Möglichkeit zum Theologiestu­dium in Wittenberg, das er 1512 mit einer Promotion erfolgreich abschloss. Der junge Theologe wurde auf den Lehrstuhl für Biblische Theologie der Universität Wit­tenberg berufen.

 

Martin Luther kämpfte viele Jahre mit der Frage, wie er einen gnädigen Gott bekommen könnte, und durchlebte manche seelische Krise. Ständig fragte er sich, ob er die Voraussetzungen dafür erfüllen könnte, das ewige Heil zu erlangen. Als Hochschullehrer gewann er dann beim Studium des Neuen Testaments die Überzeugung, dass der Mensch allein aus der Gnade Gottes ewige Gerechtigkeit erlangen könne, nicht etwa allein durch gute Werke. Die Rechtfertigung allein aus der Gnade Gottes wurde zu einem Kernpunkt der lutherischen Lehre. Der Christ lebt, so die Überzeugung Luthers, aus dem Glauben an das Evangelium. Für diese Orientierung wählte er den Ausdruck „evangelisch“.

 

Die Kirche vermittelte, lehrte Martin Luther, den Weg zu Gottes Gnade. Diese Überzeugung brachte ihn dazu, sich zunehmend kritisch mit der real vorfindlichen Kirche seiner Zeit auseinanderzusetzen. Vor allem geißelte er den sogenannten Ab­­­lass­handel. 1517 veröffentlichte Martin Luther seine Kritik am Ablasshandel und an Missständen in der Kirche in 95 Thesen, eine Kritik, die zunächst einmal für die Debatte mit seinen Kollegen an der Universität Wittenberg bestimmt war,  aber dann in der Kirche und Öfentlichkeit lebhaft und kontrovers debattiert wurde.

 

1518 formulierte Mar­tin Luther seine Position in dem „Sermon von dem Ablass und Gnade“ in allgemein verständlicher Spra­­che, und spätestens nun sah sich der Papst veranlasst, gegen den Kritiker vorzugehen. Martin Luther wurde unter der An­klage der notorischen Ketzerei nach Rom vorgeladen. Er konnte mit Unterstüt­zung seines sächsischen Landesherren Kur­fürst Friedrich dem Weisen errei­chen, dass der Prozess nach Deutschland verlegt wur­de. Das Verhör fand im Okto­ber 1518 beim Reichstag in Augsburg statt. Martin Luther wei­gerte sich, seine Aus­­sa­gen zu widerrufen, wenn er nicht auf der Grundlage der Bibel widerlegt würde. Für Kardinal Cajetan, der das Verhör leitete, war Martin Luther damit der Ketzerei über­führt. Martin Luther floh daraufhin eilig aus Augsburg, und in den folgenden zweieinhalb Jahren eskalierte der Konflikt weiter. Am 3. Januar 1521 wurde Luther mit einer Bannbulle exkom­mu­niziert.

 

Wieder war es Kurfürst Friedrich der Weise, der Martin Luther schützte und zu­dem erreichte, dass er beim Reichstag in Worms am 17. und 18. April 1521 seine Position noch einmal erläutern durfte. Eine zentrale Aussage Luthers lautete: „Solange mein Gewissen in Gottes Wort gefangen ist, kann und will ich nichts widerrufen, weil es unsicher ist und die Seligkeit bedroht, etwas gegen das Gewissen zu tun.“[10] Ob er in Worms auch den berühmten Satz „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“ gesagt hat, ist unter Historikern umstritten, auf jeden Fall hat er sich geweigert, seine theologischen Aussagen zu widerrufen. Daraufhin verbot Kaiser Karl V. im „Wormser Edikt“ für das ganze Reich, Martin Luther zu unterstützen, zu beherbergen, seine Schriften zu drucken und zu lesen. Martin Luther galt nun als „vogelfrei“ und hätte ohne Strafe von jedem getötet werden können.

 

Um ihn vor diesem Schicksal zu bewahren, ließ sein Landesherr ihn unter fal­schem Namen auf der Eisenacher Wartburg unterbringen. Martin Luther nutzte diese „Auszeit“, um das Neue Testament ins Deutsche zu übersetzen, das im September 1522 gedruckt vorlag. An­schließend übersetzte er das Alte Testament und machte damit das erste Mal die ganze Bibel der einfachen Bevölkerung in einer verständlichen Sprache zugänglich. Es gelang ihm, „dem Volk aufs Maul schauen“ und auf diese Weise eine volkstümliche Sprache zu finden.

 

In den Bauernkriegen auf der Seite der Fürsten

 

Während Martin Luther auf der Wartburg an seiner Bibelübersetzung arbeitete, zeigten seine Schriften in Sachsen große Wirkung. In Wittenberg wurden Gottesdienstreformen eingeführt, das Armenwesen reformiert und andere wichtige Neuerungen auf den Weg gebracht. Martin Luther stand von nun an im Konflikt mit der Rom-treuen Kirche auf der einen und den „Schwärmern“ auf der anderen Seite. Zu den Veränderungen, die er in Wittenberg einführte, gehörte die Messe in deutscher Sprache, die ab Weihnachten 1525 zur üblichen Form der Messe in Wittenberg und bald darauf auch in vielen anderen Orten wurde. Vor allem legte Martin Luther großes Gewicht auf die Predigt im Gottesdienst, was bis heute ein Merkmal lutherischer Kirchen ist. Martin Luther setzte sich für die Auflösung der Klöster ein und gab das Leben als Mönch auf. Er lehnte das Zölibat ab und heiratete am 27. Juni 1525 die ehemalige Nonne Katharina von Bora.

 

1524 brachen die Bauernkriege aus. Die aufständischen Bauern forderten ein Ende der Leibeigenschaft und grundlegende Rechte. Unter Aufnahme von Luthers Verkündigung beriefen sie sich auf die Bibel und waren nur bereit, von ihren For­derungen abzugehen, wenn man ihnen nachweisen könnte, dass diese im Widerspruch zur Bibel stünden. Die Führer der Bauernbewegungen schöpften aus dem Lesen der Lutherbibel die Hoffnung auf ein Ende der Leibeigenschaft und an­derer sozialer Missstände. Martin Luther distanzierte sich von der Argumentation der Bauern, setzte sich aber zunächst für ihre sozialen Forderungen ein und kritisierte die Adligen. Er billigte allerdings keinen Aufstand gegen die Obrigkeit. Für ihn war „kein Aufruhr recht, wie rechte Sache er immer haben mag“.[11]

 

Nachdem einige Bauern einen Gra­fen und seine Begleiter ermordet hatten, stellte der Reformator sich entschie­den auf die Seite der Fürsten und brandmarkte bald darauf die Aufstände in seiner Schrift „Wi­der die mörderischen Rotten der Bauern“ als Werk des Teufels. Die Unterstützung durch Martin Luther kam den Fürsten gelegen. Sie stellten eine Streitmacht auf und besiegten die aufständischen Bauern bei Bad Frankenhausen. 5.000 Bauern wur­den brutal ermordet. Thomas Müntzer wurde festgenommen und getötet. Ins­ge­samt sollen in den Bauernkriegen etwa 100.000 Bauern ums Leben gekommen sein. Der Feudalismus konnte sich danach in Deutschland noch vier Jahrhunderte behaupten.

 

Martin Luther starb am 18. Februar 1546 in seiner Geburtsstadt Eisleben. Er hinterließ 473 Druckschriften – und eine grundlegend veränderte kirchliche Situation in Deutschland und den Nachbarländern. In einer letzten Notiz bekannte der Reformator demütig: „Wir sind Bettler, das ist wahr.“[12]

 

Verhängnisvolle Angriffe auf Juden

 

In Martin Luthers Theologie nahm die Ablehnung des Judentums eine wichtige Rolle ein, und dies spiegelt sich auch in den Predigten und Schriften zur Weihnachtsgeschichte wider. Ursprünglich hatte der Reformator dem Judentum eher freundlich gegenübergestanden und die Hoffnung gehegt, ein erneuertes Christentum würde die Menschen jüdischen Glaubens veranlassen, Christen zu werden. Als die Juden aber ihrem Glauben treu blieben, wurde Martin Luther zu einem schar­­fen Gegner des Judentums. Besonders in seinen Spätschriften finden sich zahlreiche erschreckende Angriffe auf die Juden, die zur Ausgrenzung der jüdischen Bevöl­ke­rung in vorherrschend evangelischen Gebieten in Deutschland entscheidend bei­ge­tragen haben. Es waren aber nicht nur die verbalen Angriffe Luthers, die verhee­rende Wirkungen zeigen, auch seine theologischen Positionen stellten einen di­rek­­ten Angriff auf das Judentum dar. Wenn man dem Alten Testament nur insoweit Bedeutung zumisst, als es auf Jesus Christus weist, behindert das jeden Dialog und jede Gemeinsamkeit mit dem Judentum.

 

Dass Martin Luther in den Juden ein von Gott verworfenes Volk sah, blieb nicht ohne Auswirkungen auf das jüdisch-christliche Verhältnis in Deutschland. Dazu schrieb Margot Käßmann in einem Zeitschriftenbeitrag: „Mich belas­tet Luthers Verhältnis zum Judentum.“ Als die Juden durch die Reformation nicht zum Christentum gefunden hatten, hat Luther „abgrundtiefe Verachtung, ja Hass gesät. Eine Saat, die unsere evangelischen Kirchen auf entsetzliche Abwege geführt hat, vor allem in der Zeit des Nationalsozialismus“.[13]

 

Lange Zeit sind die Angriffe Luthers auf die Juden und das Judentum von den Lutherforschern höchstens am Rande behandelt worden. Hans-Martin Barth, emeritierter Professor für Syste­matische Theolo­gie und Religionsphilosophie, hat 2008 in einem Zeitschriftenaufsatz auf den Zusam­menhang zwischen den Ausfällen Luthers und zentralen theologischen Aussagen verwiesen und selbstkritisch beklagt: „Ich muss gestehen, dass ich bei mei­nen eigenen Vorlesungen über die Theologie Luthers ähnlich vorge­gangen bin – mit dem Hinweis darauf, dass Luther also gewiss selbst der Rechtfer­tigung bedurfte, von der er andernorts so eindrücklich zu reden verstanden hatte. Aber das ist zu wenig. Hier bedarf es theologischer Nachfrage!“[14] Hans-Martin Barth verweist auch auf Luthers Aussagen zu den aufständischen Bauern, seine Be­wertung von Islam und Türken sowie sein Plädoyer für die Tötung von Hexen. Daraus schließt er: „Die Arbeit an der Theologie Luthers gibt sich aber gefährliche Blößen, wenn sie sich nicht klar von den Fehlhaltungen, ja Verfeh­lun­gen im Denken des Reformators distanziert.“[15]

 

Luthers Weihnachtspredigten

 

Martin Luther hat sich einmal als „Weihnachtschrist“ bezeichnet[16] und dazu beigetragen, dass Weihnachten hierzulande zum wichtigsten Fest der Familien geworden ist, während es vorher ein Fest war, dass vor allem in den Kirchen begangen wurde und die Zeit des Adventsfas­tens beendete. Auch hat er die Tradition der Weihnachtsgeschenke sehr gefördert und mit dem Christkind in Verbindung gebracht. Dabei spielte eine Rolle, dass der Reformator dem Niko­laustag und den damit verbundenen Legenden um Niko­laus von Myra sehr skep­tisch gegenüberstand, was wohl seinen Vorbehalten gegen die Heiligenverehrung in der ka­tho­­li­schen Kirche geschuldet ist.

 

In seiner Predigt am 6. Dezember 1527 erklärte Mar­­tin Luther, die Legende enthalte „viel kyndisch ding“ und sogar Lügen.[17] Die Lutherkinder bekamen aber trotzdem wie die Kinder anderer Familien am Nikolaustag kleine Geschenke – und dann auch Weihnachten. Diese Weihnachtsgeschenke hat in der Familie Luther das Christkind gebracht, und diese Über­zeugung hat sich rasch verbreitet. Es ist vermutlich übertrieben, den Refor­mator zum „Erfinder“ des Christkindes zu erklären, aber er hat doch ganz wesentlich dazu beigetragen, dass das Christkind den Niko­laus als Geschenke­brin­ger auf den zweiten Platz verwiesen hat.

 

Viele halten das Christkind und das Jesuskind in der Krippe für identisch, aber damit unterliegen sie einem Irrtum. Die Vorlage für das Christkind waren die Engel in Krippenspielen, deren weiße Gewänder auf ihre Reinheit und Unschuld hinwei­sen sollten. Das engelähnliche Christkind übernahm zunächst in pro­tes­tan­ti­schen und bald auch in katholischen Familien das Überbringen der Geschenke.[18]

 

Erst im 20. Jahrhundert hat sich der Weihnachtsmann von den USA aus auch in Deutschland als Überbringer der Geschenke durchgesetzt.[19] Inzwischen ist das Christkind stärker in katholischen als in protestantischen Familien zu Hause. Aber was ob der Kom­merzialisierung des Schenkens zur Weihnachtszeit oft vergessen wird: Für Mar­tin Luther stand das Fasten vor dem Schenken. Auch Kinder sollten zum Fasten ange­halten werden, um sich auf das Weihnachtsfest vorzubereiten.[20]

 

Martin Luther hat häufig und offenbar auch sehr gern in den Weihnachtstagen gepredigt. Er stand regelmäßig am 24., 25. und 26. Dezember auf der Kanzel und dies nicht selten mehrmals an einem Tag. Viele dieser Predigten wurden gedruckt und weit verbreitet, sodass sie einen großen Einfluss auf den „Weihnachtsglauben“ seiner Zeitgenossen hatten. Auf verschiedenen Seiten dieser Website wird aus Luthers Weihnachtspredigten und -schriften zitiert. Die Bedeutung, die der Reformator dem Glauben an die Christusgeburt beimaß, kann aus diesem Satz aus einer Weihnachtspredigt im Jahre 1519 entnommen werden: „Christus ist geboren: glaube, daß er dir geboren ist, so wirst du wiedergeboren.“[21]

 

Wie heute für „Brot für die Welt“ und „Adveniat“ wurde in Luthers Weihnachtsgottesdiensten für die Versorgung der Armen gesammelt, und es ist überlie­fert, dass Martin Luther in einer Weihnachtspredigt 1520 kräftig für diese Kollekte geworben hat: „Gott liebt, so glauben wir – da wird ein Kuchen draus. Wiederum unser Nächster glaubt und wartet auf unsere Liebe, so sollen wir ihn auch lieben und ihn nicht umsonst unser begehren und auf uns warten lassen. Eins ist wie das andre: Christus hilft uns, und wir helfen unserm Nächsten und haben alle genug.“[22]

 

In seiner Predigt am 6. Januar 1517 beschäftigte sich Martin Luther mit dem Thema „Das rechte Gold, der rechte Weihrauch und die rechte Myrrhe“. Nachdem er die Deutung dieser Gaben seit den Zeiten der frühen Kirche kurz referiert hatte, kam er zu der Frage, was diese drei Gaben in seiner Zeit bedeuten konnten: „Wir brauchen aber nicht Gold, Weihrauch und Myrrhen bringen, sondern das Opfer jenes dreifachen Bekenntnisses, d. h. müssen bekennen, daß Jesus König, Gott und sterblich sei.“[23] Auf diese Verbindung von König, Gott und Sterblichkeit kam es Martin Luther an. Man müsse an all dies glauben, und nicht etwa wie die Juden, die bekennen würden, „dass er tot sei und ein Mensch gewesen, aber nicht König und Gott“.[24] Im nächsten Satz erwähnte Martin Luther dann „andre Ketzer“, was unterstellte, die Juden gehörten in die Kategorie der Ketzer. Im weiteren Verlauf der Pre­digt erläuterte Martin Luther, was für ihn bedeutet, zu bekennen, dass Jesus Chris­tus der König ist: „Christus aber als König bekennen und ihm Gold darbringen, das heißt: seine Weisheit und die Leitung rechter Vernunft und guter Meinung, wie sie’s nennen, ablegen und sich in seiner ganzen Dummheit und Blöße Gott opfern und von ihm sich leiten lassen.“[25]

 

Zwar könne nicht jeder Gold, Weihrauch und Myrrhe bringen, aber Reiche und Arme könnten Glauben bringen, und das bedeute, an Christus als König, Gott und Mensch zu glauben. Nicht durch Vernunft, sondern nur durch Gottes Gnade ist es möglich, die drei Geschenke darzubringen, betonte Martin Luther in seiner Predigt.

 

Der Kampf gegen das Böse – nicht nur zur Weihnachtszeit

 

Die Welt, die Martin Luther tagtäglich erlebte, hatte wenig gemein mit dem, was bei der Geburt Jesu verheißen worden war. Es gab keinen Frieden auf Erden, sondern immer neue Kriege und Not. Der Reformator sah in all dem den Teufel am Werk. Und darin bezog er auch die zunehmende Raffgier von Teilen der Bevöl­ke­rung und die Hartherzigkeit gegenüber den Armen ein. Der Reformator predigte und schrieb in einer Zeit, in der sich in Deutschland der Merkantilismus und das moderne Finanzwesen erst in ihrer Anfangsphase befanden, aber schon damals zeigte sich, wie die Gesetze des Marktes die krassen Unterschiede zwischen Arm und Reich verschärften.

 

Friedrich Schorlemmer, der zu den wichtigsten Sprechern der kirchlichen Friedensbewegung in der DDR gehörte, hat betont, dass Martin Luther sehr konkrete Vorstellungen zu wirtschaftlichen und so­zi­alen Fragen hatte: „Diese beurteilte er sämtlich unter dem Aspekt der Nächstenliebe; Habsucht ist für ihn eine Sünde, die Ungerechtigkeit und Ausbeutung der Menschen durch die Menschen mit der Fassade von guten Werken tarnt. Besonders perfide Ausdrucksformen der Habsucht sind Kreditwesen, willkürliche Preisfestlegungen, Monopolbildungen und ausbeuterische Lohnpolitik.“[26]

 

Martin Luther ermutigte ausdrücklich zur Kritik an den Mächtigen. In einer Auslegung der Beschreibung des Verhörs von Jesus durch Pilatus in der Passionsge­schichte schrieb er: „Denn ein Christ soll der Wahrheit Zeugnis geben und um der Wahr­heit willen sterben. Wenn wir nun um der Wahrheit und des Rechts willen sterben sollen, müssen wir die Wahrheit und das Recht frei öffentlich beken­nen … Denn Fürsten und Mächtige können es zwar ertragen, dass man die ganze Welt kri­ti­siert, wenn nur sie unkritisiert bleiben. Aber doch muß man sie auch kritisieren, und wer im Predigtamt ist, ist ihnen schuldig zu sagen, wo sie Unrecht tun und verkehrt handeln, auch wenn sie vorgeben, es führe zu Aufruhr, wenn man Mächtige kri­tisiert.“[27] Wer sich heute über „politische“ Predigten aufregt, zumal Weihnachtspredigten, der kann sich nicht auf Martin Luther berufen. Für ihn war die christliche Botschaft eine Botschaft, die mutig mitten in den Kon­flikten der Welt verkündet werden muss, und dazu gehören auch die Konse­quen­zen, die aus diesem Glauben gezogen werden müssen.

 

© Frank Kürschner-Pelkmann

 

 

 



[1] Evangelisches Gesangbuch. Ausgabe für die Nordelbische Evangelisch-Lutherische Kirche, Kiel 1994, Lied 24

[2] Vgl. Thomas Bickelhaupt: Ein Kinderlied macht Karriere, Evangelischer Pressedienst, 24.11.2011

[3] Zitiert nach: ebenda

[4] Vgl. Walter Schmithals: Weihnachten, Seine Bedeutung für das ganze Jahr, Göttingen 2006, S. 108f.

[5] Evangelisches Gesangbuch, a.a.O.

[6] Ebenda, S. 101

[7] Ebenda

[8] Ebenda

[9] Walter Schmithals: Weihnachten, a.a.O., S. 111

[10] Zitiert nach: Martin Brecht: Martin Luther, in: Klaus Scholder/Dieter Kleinmann (Hrsg.): Protestantische Profile, Königstein 1983, S. 22

[11] Zitiert nach: Ulrich Bubenheimer: Thomas Münzer, in: Klaus Scholder/Dieter Kleinmann (Hrsg.): Protestantische Profile, Königstein/Taunus 1983, S. 34

[12] Zitiert nach; Martin Brecht: Martin Luther, a.a.O., S. 31

[13] Margot Käßmann: Trotz allem ein Vorbild, Zeitzeichen, 4/2012, S. 10

[14] Hans-Martin Barth: Die Theologie Martin Luthers im globalen Kontext, Materialdienst des Konfessionskundlichen Instituts, 1/2008, S. 3ff.

[15] Ebenda

[16] Vgl. Margot Käßmann: Trotz allem ein Vorbild, in: Zeitzeichen, 4/2012, S. 11

[17] Vgl. Elke Strauchenbruch: Luthers Weihnach­ten, a.a.O., S. 33

[18] Vgl. Martin Luther soll das Christkind erfunden haben, auf: www.luther2017.de

[19] Vgl. ebenda, S. 32

[20] Vgl. ebenda, S. 66

[21] Luthers Evangelienauslegung, a.a.O., S. 13

[22] Zitiert nach. Vgl. Elke Strauchenbruch: Luthers Weihnachten, a.a.O., S. 62

[23] Luthers Evangelien-Auslegung, a.a.O., S. 23

[24] Ebenda

[25] Ebenda

[26] Friedrich Schorlemmer: „Die ganze Welt ist in Habsucht ersoffen“, Martin Luther und das Kapital, Publik-Forum, 23/2003, S. 50

[27] Zitiert nach: Ulrich Duchrow: Weltwirtschaft heute, München 1986, S. 24