Karl Rahner

 

„Und der bei sich selbst, auch wenn es Nacht ist, Eingekehrte vernimmt zu dieser nächtlichen Stille in der Tiefe des Herzens Gottes leises Wort der Liebe. Man muss ruhig sein, die Nacht nicht fürchten, schweigen. Sonst hört man nichts. Denn das Letzte wird nur im Schweigen der Nacht gesagt, seitdem durch des Wortes gnadenvolle Ankunft in unserer Nacht des Lebens Weihnacht, heilige Nacht, stille Nacht geworden ist.“[1] Das schrieb Karl Rahner am Ende seines 1975 erschie­nenen Meditationsbuches „Gott ist Mensch geworden“.

 

Karl Rahner gehörte zu den bedeutendsten katholischen Theologen des 20. Jahrhunderts und hat nicht zuletzt durch seine Beiträge zum Zweiten Vatikanischen Konzil viel Beachtung und Anerkennung gefunden. Auch seine Gebete werden von vielen Christinnen und Christen geschätzt, und in einem dieser Gebete hat er die Hoffnung auf das göttliche Licht und das göttliche Wort so for­muliert: „Wachse in mir, strahle in mir immer mehr auf, ewiges Licht, süßes Licht der Seele. Ertöne in mir immer vernehmlicher, Wort des Vaters, Wort der Liebe, Jesus. Du hast gesagt, dass du uns alles geoffenbart hast, was du vom Vater gehört hast. Dein Wort ist wahr. Denn was du vom Vater gehört hast, bist du selbst, Wort des Vaters, das um sich selbst und um den Vater weiß. Und du bist mein, du Wort über allen Menschenworten, du Licht, vor dem alles irdische Licht Nacht wird. Du allein sollst mir leuchten, du allein mir reden.“[2]

 

Kein Rückzug in den Elfenbeinturm

 

Karl Rahner wurde am 5. März 1904 in Freiburg geboren. Er hat über seine Kindheit geschrieben: „Ich wuchs in einer – ich möchte sagen – normalen, mit­­tel­ständischen, christlichen Familie auf. Mein Vater war – heute sagt man Stu­dienrat, damals hießen sie Badener Pro­fes­soren. Er war die längste Zeit seines Le­bens Professor am Lehrerseminar von Freiburg. Meine Mutter stammte aus einer Wirtsfamilie.“[3] Damit sieben der acht Kinder der Familie die Höhere Schule besuchen und studieren konnten, mussten die Eltern sich einschränken und der Vater durch Nachhilfestunden das Einkom­men aufbessern. Aber trotz der materiellen Einschränkungen wuchs der Sohn Karl, wie er später schrieb, in einer „heilen Welt“ auf. In diese Welt brachen der Erste Weltkrieg und die Wirren der Nachkriegszeit ein und erschütterten die bürgerliche Welt der Kindheit von Karl Rahner. Über seinen Berufsweg war er sich in dieser Zeit bald klar, er wollte Theologe wer­­den.

 

Drei Wochen nach dem Abitur trat Karl Rahner 1922 in den Jesuitenorden ein und wurde nach einer zehnjährigen Ordensausbildung und dem Studium der Philosophie und Theologie zum Priester geweiht. 1936 wur­­de er in Innsbruck zum Doktor der Theologie promoviert, habilitierte sich anschließend und stand vor einer akademischen Karriere, als die Nationalsozi­a­listen im März 1938 in Österreich einmarschierten. SS und Gestapo besetzten das Jesuiten-Kolleg in Innsbruck und erteilten Rahner ein „Gauverbot“ für Tirol. Er konnte anschließend nur noch unter Schwierigkeiten in Wien junge Jesuiten unterrichten und war vom Juli 1944 an Gemeindepfarrer in niederbayerischen Dörfern. Nach Kriegsende unterrichtete er zunächst in Pullach und München.

 

1948 konnte Karl Rahner endlich seine Lehrtätigkeit an der theologischen Fakultät in Innsbruck wieder aufnehmen und wurde ein Jahr später zum or­dent­lichen Professor für Dogmatik berufen. Er lehrte nicht nur an der Universität, sondern hielt außerdem zahlreiche Vor­träge und veröffentlichte viele Bücher und Aufsätze. Viel Arbeit bereitete ihm die Tätigkeit als Herausgeber des vierzehnbändigen „Lexikon für Theologie und Kirche“ und wei­­terer Lexika und Handbücher.[4] Ende 1964 wechselte Karl Rah­ner von Innsbruck nach München und lehrte von nun an Religionsphilosophie. Einige Jahre später nahm er einen Ruf an die Universität Münster an und kehrte in seiner Lehrtätigkeit zu Dogmatik und Dogmengeschichte zurück.

 

Karl Rahner lebte nicht abgehoben vom Alltag in einem Elfenbeinturm. Wer sich mit seinen Sorgen an den Theologen wandte, der fand auch Hilfe. Und es klingelten viele Menschen an seiner Tür, mit Glaubensproblemen, aber auch in materieller Not. Manchmal waren wohl auch Schnorrer unter den vielen Besuchern. Anfang 1965 schrieb Karl Rahner: „Ich bin immer in der Zwangslage (eben vor­hin hab ich einem wieder 20 DM gegeben, der vielleicht ein Schwindler ist): ent­weder reinzufallen oder einem wirklich armen Teufel nicht zu helfen. Was soll man da machen. Wenn ich kann, riskier ich lieber den Reinfall.“[5] Da er als Or­densmann selbst über wenig Geld verfügte, musste er immer wieder wohlhabende Freunde dafür ge­winnen, ihm die Finanzmittel zur Verfügung zu stellen, die er an Bedürftige verteilte. Und manchmal wird er wohl tatsächlich ausgenutzt worden sein. Aber das hinderte ihn nicht daran, immer wieder Menschen zu helfen.

 

Als Berater beim Zweiten Vatikanischen Konzil

 

Es war keine Überraschung, dass der hoch angesehene Karl Rahner 1961 zum offiziellen Berater der Vorbereitungskommission des Zweiten Vatikanischen Konzils berufen wurde. Vielen im Vatikan galt er allerdings als ein zu fortschrittlicher Theologe. Die Berufung hinderte das „Heilige Offizium“ (aus der die heutige Kongregation für die Glaubenslehre hervorging) nicht daran, den Theologieprofessor wegen seiner unbequemen Auffassungen im Juni 1962 einer Vorzensur zu unterwerfen. Es bedurfte einer in­ter­nationalen Unterschriftenaktion, um diese Zensurmaßnahme aufzuhe­ben. Selbst Bundeskanzler Kon­rad Adenauer setzte sich gegenüber dem Vatikan für Karl Rahner ein, zwar nicht aus eigenem Antrieb, aber immerhin auf Bitten seines Arz­tes, der den katholischen Theologen sehr schätz­­te. Das „Heilige Offizium“ nahm die Dis­ziplinie­rungs­maßnahme Ende Mai 1963 zurück, sodass Karl Rahner ohne diese Belastung am Konzil teilnehmen konnte. Genau dies hatten seine Gegner im Va­ti­­kan mit der Zensurmaßnahme verhindern wollen.[6]

 

Schon bevor das Konzil am 11. Oktober 1962 von Papst Johannes XXII. eröffnet wurde, übte Rahner durch Gutachten für die Ar­beit der Vorbereitungskom­mis­sio­nen erheblichen Einfluss aus und trug we­sentlich dazu bei, dass das Bischofstreffen den Weg zur Er­neuerung der katholischen Kirche ebnete. Als offizieller Sachverstän­diger und als Berater des Wiener Kardinals Franz König reiste der rehabi­li­tierte Theologe nach Rom und wirkte an dessen wegwei­senden Beschlüssen mit. Beim Konzil und in der breiteren Öffentlichkeit wandte er sich gegen fromme Phra­sen, abgehoben vom Alltag. In einem Beitrag in der „Zeit“ zum Weihnachtsfest 1962 schrieb er: „… ein Christ darf nicht ein Mensch sein, der mit frommen Sprüchen die erbärmliche Wirklichkeit des Menschenlebens zudeckt“.[7]

 

Nach dem Konzil folgten weitere arbeitsintensive Jahre des Lehrens und Schrei­bens und dies auch nach der Emeritierung im Jahre 1971. Karl Rahner engagierte sich leidenschaftlich in seiner Kirche und wurde für seine theologischen Erkenntnisse und sein Eintreten für Reformen in der Kirche vielfach geehrt und ausge­zeichnet, darunter mit mehr als einem Dutzend Ehrendoktoraten und dem Großen Bun­desverdienstkreuz. Er blieb ein unbequemer Christ – auch in „Äußerlichkeiten“. Er weigerte sich zeitlebens, den römischen Klerikerkragen zu tragen. Als er 1979 von Papst Johannes Paul II. empfangen wurde, war dieser trotz aller Reformansätze zur alten Kleiderordnung zurückgekehrt. Karl Rahner erschien aber auch dieses Mal ohne Klerikerkragen. Daraufhin verweigerte der Papst das sonst übliche gemein­same Er­innerungsfoto. Er wollte nicht neben dem Krawatte tragenden Rahner abgelichtet werden.[8] Der konnte das verschmerzen. Und blieb zeitlebens kritisch gegenüber leitenden Personen seiner Kirche: „Wie langweilig, greisenhaft, nur auf das Renommee des Apparats bedacht, wie kurzsichtig, wie herrschsüchtig kommen mir manch­mal die ‚Amtsträger’ in der Kirche vor, wie in einem schlechten Sinn konser­vativ und klerikal.“[9] Aber diese Erfahrungen haben Karl Rahner nicht dazu gebracht, seiner Kirche den Rücken zu kehren: „Die Kirche hat unendliche Di­men­sionen, weil sie die glaubende, hoffend pilgernde, Gott und die Menschen lie­bende Gemeinschaft von Menschen ist, die von Gottes Geist erfüllt sind.“[10] Gerade weil er sich so stark mit seiner Kirche identifizierte, kritisierte der fortschrittliche katholische Theo­loge die Missstän­de und Irrwege der Kirche mit deutlichen Wor­ten.

 

Karl Rahner, schrieb Herbert Vorgrimler in seinem Buch „Karl Rahner verstehen“, wollte „mit allen Kräften die Trennung zwischen Lehre und Leben, zwischen dem theologischen System und der religiösen Erfahrung“ beseitigen.[11] Und dennoch schrieb er oft schwierige Texte, und seine Bücher galten als schwer les­bar. Aber Karl Rahner war lernfähig, erfahren wir von Herbert Vorgrimler: „Im Alter wurde seine Sprache einfacher, leichter, lockerer, die Sätze wurden kürzer. Das hatte nicht nur den Grund, dass die vielfältigen Klagen über seine Sprache bis zu ihm gedrungen waren und er bereit war, sich zu korrigieren, wo immer eine Mei­nungsänderung nicht gegen sein Gewis­sen ging. Er hatte auch nicht mehr das Gefühl, sich durch zahllose Nebensätze gegen die Verdächtigungen absichern zu müssen, als seien seine Sätze nicht mit der kirchlichen Tradition vereinbar.“[12]

 

Am 30. März 1984 ist Karl Rahner in Inns­bruck gestorben, nachdem er sich noch eine Woche vorher vom Krankenlager aus für den peruanischen Theologen Gustavo Guiterrez und die Theologie der Befreiung eingesetzt hatte, die zuneh­mend unter Druck konservativer Kräfte in der katholischen Kirche gerieten.[13] Karl Rahners Lebensbilanz: „Ich habe kein Leben geführt, ich habe gearbeitet, geschrieben, doziert, meine Pflicht zu tun, mein Brot zu verdienen gesucht. Ich habe in dieser üblichen Banalität versucht, Gott zu dienen, fertig.“[14]

 

Der wahre Mensch Jesus

 

Karl Rahner war ein zutiefst geistlicher Mensch, der die Bedeutung der Mystik er­kannt hatte. „Der Fromme von morgen wird ein Mystiker sein, einer der etwas er­­­fahren hat, oder er wird nicht mehr sein.“ Es war keine abgehobene, weltab­ge­wandte Mystik, die der katholische Theologe vor Augen hatte. Es ging ihm da­rum, den Alltag der Menschen ernst zu nehmen und aus der Alltäglichkeit heraus zu Gott zu finden. Das alltägliche Leben war für ihn der Ort, wo wir Gott und seine Gnade erfahren können. Nicht die Flucht aus dem Alltag war für Karl Rahner der Weg zu Gott, sondern das Standhalten und die Verwandlung dieses Alltags. Konsequenterwei­se darf es nach seinem Verständnis keine Spaltung zwi­schen dem Glau­ben, den wir bekennen, und dem täglichen Leben geben, ebenso wenig zwischen Theologie und religiöser Erfahrung. „Wie kann ein Christ ange­messen von Gott sprechen, wenn er nicht sogleich vom Menschen spricht? … Man kann Gott nicht kennen, wie er ist, außer man denkt zugleich an ihn als den Gott, der den Menschen schuf. Folg­lich kann man über keine vollständige Theologie verfügen, außer man betrachtet ihre anthropologischen Aspekte.“[15]

 

Karl Rahner betonte, dass Jesus ein wahrer Mensch „ohn Abstrich oder allzu raschen Vorbehalt“ war, „ein Mensch wie wir“.[16] Diese Menschlichkeit Jesu stellte der katholische Reformtheologe auch in seinem Weihnachtsbuch „Gott ist Mensch geworden“ heraus: „Das menschliche Selbstbewusstsein Jesu stand dem Gott, den Jesus seinen Vater nannte, in kreatürlicher Abständigkeit, frei, gehorsam, anbe­tend und sich Gottes Unbegreiflichkeit ergebend gegenüber wie jedes andere mensch­liche Bewusstsein.“[17]

 

Das klingt – wie vieles in der Theologie Karl Rahners – recht kompliziert und abstrakt, hat aber ganz konkrete Folgen für unser Ver­ständnis von Jesus und seiner Verkündigung. Jesus, war Karl Rahner überzeugt, erfuhr sein Gottesverhältnis als einmalig und neu, er erachtete es aber auch „für die anderen Menschen … als exemplarisch“.[18] Sein „Sohnverhältnis“ zum „Va­ter“ (Rah­ner schrieb die Worte an dieser Stelle in Anführungsstrichen) war für alle Men­schen von Bedeutung, weil sich darin „die Zuwendung Gottes zu ihnen neu und unwi­derruflich ereignete“.[19] In der Person Jesus lässt sich nach Überzeugung Karl Rah­ners das Nahekommen des Reiches Gottes erfahren.

 

Der katholische Theologe schrieb: „Auch heute darf und soll in seliger Unbefangenheit verkündigt werden, dass Gott Mensch geworden ist.“[20] Die Trinität von Gott, Jesus und Heiligem Geist müsse als „Selbstmitteilung“ Gottes an die Menschen verstan­den werden, nicht als Trinität Gottes an sich.[21] In dem bereits erwähnten „Zeit“-Artikel hat Rahner sein Gottesverständnis so entfaltet: „Gott ist das Geheimnis und bleibt es. Aber er ist der Abgrund, in dem das Dasein des Menschen angenommen ist, er ist der Nahe und nicht bloß der Ferne, die Vergebung und nicht bloß das Gericht, er erfüllt die unendliche Frage des Denkens, die Maßlosigkeit der Hoffnung und die unendliche Forderung der Liebe mit sich selbst.“[22] Wenn wir uns gehor­sam von diesem Geheimnis umfangen lassen, „dann ist in uns schon Weihnachten, jene Ankunft Gottes, von der das Christentum bekennt, dass sie aus der freien Gnade Gottes in jedem Menschen immer geschieht, der sich ihr nicht in jener Schuld versagt, die Angst vor Gott und Hochmut der Selbstgenügsamkeit in einem ist.“[23]

 

„Jesus ist mit seinem Leben und seiner Verkündigung das endgültige und unüberholbare Wort Gottes an die Welt.“[24] Dieses Wort wurde Weihnachten geboren. Es war ein Wort, das der Mensch in freier Entscheidung annehmen oder ab­lehnen konnte und kann. Diese „freie Antwort des Menschen“ bildet eine unauf­gebbare Einheit mit dem Wort Gottes, war Karl Rahner überzeugt. Das Wort und die Antwort des Menschen gehören also zusammen.[25] Den von den Engeln verkün­­deten „Frieden auf Erden“ nahm Karl Rahner ernst und setzte sich Anfang der 1980er Jahre für eine Abrüstung ein, wobei der Westen mit einseitigen Abrüs­tungsschritten beginnen sollte. Mit klaren Worten verurteilte er eine „irrsinnig werdende Aufrüstung“.[26]

 

Eine weitere zentrale theologische Aussage Karl Rahners lautete: „Der Zugang zu Weihnachten ist vom Kreuz und vom Ostern Jesu her zu finden.“[27] Geburt, Tod und Auferstehung Jesu gehörten für Karl Rahner unlösbar zusammen. Das hat er in dem Buch „Die Gabe der Weihnacht“ so ausgedrückt: „Es ist selbstverständlich, dass wir als Christen nur vom Kreuz und der Auferstehung Jesu her einen wirkli­chen Zugang zur Tatsache und zum Sinn des Weihnachtsfestes finden können. Wir feiern die Geburt dessen, den wir in seinem Tod und seiner Auferstehung als unse­ren Erlöser und Herrn, als die unwiderrufliche Heilszusage Gottes gefunden ha­ben.“[28] Der Tod ist menschlich betrachtet Untergang, aber „von Gott her Aufgang Got­­tes … in dem, was wir Auferstehung nennen.“[29]

 

Zur wahren Bedeutung von Weihnachten als Menschwerdung Gottes durch sein ewiges Wort schrieb der katholische Theologe: „Es hat uns erlöst, da es unser Los teilte. Es hat unsern Anfang zu seinem gemacht, unsern Schicksalsweg betreten und ihn so offen gemacht in die unendlichen Weiten Gottes.“[30] Karl Rahner hat an anderer Stelle formuliert: „In diesem Kind aber bringt es Gott fertig, seine Unendlichkeit in ein so kleines Dasein hineinzuzwängen.“[31]

 

Das unveröffentlichte Buch über Maria

 

Wie andere katholische Theologen geriet Karl Rahner in Konflikt mit der Leitung seiner Kirche, als er sich kritisch mit der vorherrschenden „Maria­logie“ beschäftigte und dazu 1951 ein Buch publizieren wollte. Die römische Lei­tung sei­nes Ordens verweigerte die Zustimmung zur Veröffentlichung des Werkes, in dem Rah­ner sich vor allem mit der Frage beschäftigte, ob Maria mit Leib und Seele in den Himmel aufgefahren ist. Er stellte dar, dass diese Lehre auf einer recht dürf­ti­gen Quellenlage beruht, nämlich einer Legende aus dem 5. Jahrhundert. Zwar stellte Karl Rahner das Dogma nicht grundsätzlich infrage, vertrat aber die Auffassung, alle Menschen würden zum Zeitpunkt ihres Todes in ihrer Vollendungsgestalt von Gott aufgenommen. Die „Auferstehung im Tod“, wie Karl Rahner es formulierte, hat heute einen festen Platz in der katholischen Theologie, auch wenn das Buch über Maria nie erscheinen durfte.[32]

 

Karl Rahner wandte sich gegen die Auffassung, bei der Jungfräulichkeit Marias habe es sich um eine biologische oder anatomische Ge­ge­benheit gehandelt. Es geht für den Reformtheologen vielmehr darum, sich ganz dem Willen Gottes „zur Verfügung“ zu stellen. In diesem Sinne könnten auch Verheiratete jungfräulich sein. Dass diese Auffassungen zur Jungfrauengeburt in Rom nicht auf Wohl­wollen stießen, lässt sich bereits ahnen. Wegen seiner theologischen Positionen drohte Karl Rahner ein Verfahren durch den Vatikan, was Kardinal Döpfner, der mit ihm befreundet war, bei einer Papstaudienz abwen­den konnte. Immerhin herrschte in Rom eine solche Verstimmung, dass die Jesuitenuniversität Gregoriana in Rom eine Einladung an den Theologen wieder zurückzog.[33] Dass Karl Rahner die Jungfrauengeburt Marias als „legendär“ betrachtete, beeindruckte unter anderem die Theologin Uta Ranke-Heinemann, die allerdings ob solcher unbotmäßigen Auffassungen ihren Lehrstuhl verlor.

 

Schließen möchte ich diesen Abschnitt mit einem meditativen Weihnachtstext Karl Rahners:

 

Es leuchtet der Stern.

Viel kannst du nicht mitnehmen auf den Weg.

Und viel geht dir unterwegs verloren.

Lass es fahren.

Gold der Liebe,

Weihrauch der Sehnsucht,

Myrrhe der Schmerzen

hast du ja bei dir.

Er wird sie annehmen.

 

 

© Frank Kürschner-Pelkmann

 

 

 



[1] Karl Rahner: Gott ist Mensch geworden, Meditationen, Freiburg 1975, S. 96

[2] Karl Rahner: Gebete des Lebens, Freiburg 1993, S. 30

[3] Zitiert nach: Herbert Vorgrimler: Karl Rahner verstehen, Eine Einführung in sein Leben und Denken, Freiburg 1985, S. 65

[4] Vgl. ebenda, S. 98ff.

[5] Zitiert nach: ebenda, S. 43

[6] Vgl. ebenda, S. 115ff.

[7] Karl Rahner: Gnade in den Abgründen, Die Zeit, 21.12.1962

[8] Vgl. Herbert Vorgrimler: Karl Rahner verstehen, a.a.O., S. 53f.

[9] Zitiert nach: Herbert Vorgrimler: Karl Rahner verstehen, a.a.O., S. 21

[10] Zitiert nach: ebenda, S. 50

[11] Ebenda, S. 34

[12] Ebenda, S. 37

[13] Vgl. ebenda, S. 166

[14] Zitiert nach: Andreas R. Batlogg: Wer war Karl Rahner, www.kath.de Diesem Aufsatz sind auch viele biografische Informationen über Karl Rahner entnommen.

[15] Zitiert nach: Karl Vorgrimler: Karl Rahner verstehen, a.a.O., S. 34

[16] Karl Rahner: Gott ist Mensch geworden, a.a.O., S. 21

[17] Ebenda, S. 31

[18] Ebenda, S. 42

[19] Ebenda, S. 43

[20] Ebenda, S. 67

[21] Vgl. ebenda, S. 70f.

[22] Karl Rahner: Gnade in den Abgründen, a.a.O.

[23] Ebenda

[24] Karl Rahner: Gott ist Mensch geworden, a.a.O., S. 45

[25] Vgl. ebenda, S. 50ff.

[26] Vgl. Herbert Vorgrimler: Karl Rahner verstehen, a.a.O., S. 144

[27] Karl Rahner: Gott ist Mensch geworden, a.a.O., S. 16

[28] Karl Rahner. Die Gabe der Weihnacht, Freiburg 1980. S. 15

[29] Karl Rahner: Gott ist Mensch geworden, a.a.O., S. 57

[30] Ebenda, S. 91

[31] Karl Rahner. Die Gabe der Weihnacht, a.a.O., S. 56

[32] Vgl. Herbert Vorgrimler: Karl Rahner verstehen, a.a.O., S. 111ff.

[33] Vgl. ebenda, S. 114f.