Karl Barth

 

„Geboren zu werden braucht der Heiland nicht mehr. Er ist ein für alle Mal geboren. Aber einkehren möchte er bei uns. Der Ort, wo der Heiland bei uns einkehrt, hat mit dem Stall von Bethlehem das gemein, dass es da auch gar nicht schön, sondern ziemlich wüst aussieht … Unsere stolzen oder bescheidenen Herbergen und wir als ihre Bewohner – das ist doch nur die Oberfläche unseres Lebens. Es gibt darunter verborgen eine Tiefe, einen Grund, ja einen Abgrund. Und da drunten sind wir Menschen, jeder in seiner Weise, nur eben bettelarm dran, nur eben verlorene Sünder, nur eben seufzende Kreatur, nur eben Sterbende, nur eben Leute, die nicht mehr ein noch aus wissen. Und eben da kehrt Jesus Christus ein, mehr noch: Da ist er bei uns allen schon eingekehrt.“[1] Dies predigte Karl Barth zur Weihnachtszeit, und schon aus diesen wenigen Zeilen können wir vieles von dem entnehmen, was dem Schweizer Theologen wichtig war. Für ihn wurde Jesus Christus nicht erst im Stall geboren, sondern er lebte schon immer in der Einheit des dreieinigen Gottes.

 

In der Weihnachtspredigt ist auch deutlich erkennbar, dass es für Karl Barth einen gewaltigen Abstand zwischen diesem Gott und den Menschen gibt, den verlorenen Sün­dern. Aber Jesus Christus ist bei ihnen eingekehrt. Das war für Karl Barth Grund zu großer Hoffnung, die ihn auch in den Stunden vor seinem Tode am 10. De­zem­ber 1968 nicht verlassen hat. In einem Telefonat sagte er einem Freund: „Gott sitzt im Regimente! Darum fürchte ich mich nicht. Bleiben wir doch zuversichtlich auch in dunkelsten Augenblicken! Lassen wir die Hoffnung nicht sinken, die Hoffnung für alle Menschen, für die ganze Völkerwelt, Gott lässt uns nicht fallen, keinen einzi­gen von uns und uns alle miteinander nicht! – Es wird regiert!“[2] Wohlgelaunt habe Karl Barth diese Sätze gesagt, erinnerte sich später der Freund. Es waren seine letzten Sätze.

 

Ein Leben für die Theologie

 

„Kirchenvater des 20. Jahrhunderts“ haben manche von denen, die ihn hoch schät­zen, den Schweizer Theologen Karl Barth genannt. Und zweifelsohne gehört er zu den bedeutendsten Theologen des letzten Jahrhunderts. Die Theologie war ihm „in die Wiege gelegt“, denn Karl Barth wurde am 10. Mai 1886 als ältester Sohn des Theologieprofessors Fritz Barth in Basel geboren.[3] Es war für die Familie keine Überraschung, als der Sohn 1904 ein Theologiestudium aufnahm, das ihn von Bern über Berlin und Tübingen nach Marburg führte. Zu seinen Professoren gehör­ten vor allem liberale Theologen, die ihn stark beeinflussten. Umso entsetzter war Karl Barth, als er erleben musste, wie seine deutschen Professoren 1914 die Kriegs­­politik des Kaisers und seiner Generäle unterstützten.

 

Diese geradezu trau­ma­tische Er­fah­rung hat Karl Barth später so beschrieben: „Und dann brach der 1. Weltkrieg aus und brachte … das schreckliche Manifest der 93 deutschen In­tel­lektuellen, die sich vor aller Welt mit der Kriegspolitik Kaiser Wilhelms II. und sei­nes Kanzlers Bethmann-Hollweg iden­tifizierten. Unter denen, die es unterschrie­ben hatten, musste ich mit Entsetzen auch die Namen ungefähr aller meiner deutschen Lehrer … entdecken. Eine ganze Welt von theologischer Exegese, Ethik, Dog­matik und Predigt, die ich bis da­hin für grundsätzlich glaubwürdig gehalten hatte, kam damit und mit dem, was man damals von deutschen Theologen zu lesen bekam, bis auf die Grundlagen ins Schwan­ken.“[4]

 

Diese Erfahrung entfremdete den jungen Theologen, der zu dieser Zeit als Pfar­rer im Schweizer Ort Safenwil arbeitete, für sein ganzes weiteres Leben von der liberalen Theologie. Aber er wurde kein politisch reaktionärer Pfarrer. Angesichts der sozialen Probleme in seiner Bauern- und Arbeitergemeinde engagierte sich Karl Barth für den Aufbau einer örtlichen Gewerkschaft und beteiligte sich an Verhandlungen über höhere Löhne. Karl Barth hatte Verbindungen zu den reli­giösen Sozialisten und trat 1915 in die Sozialdemokratische Partei der Schweiz ein. Er predigte damals in Safenwil, wie er einem Freund schrieb, vor „sozi­alis­ti­schen Weihnachtsbäumen“.[5] Von der Kanzel herab verkündete er mehrfach, Ge­werk­schaften seien wichtig, „damit nicht nur das Kapital eine Macht sei, sondern dass auch die Arbeiterschaft selber als eine Macht auf den Plan kommen und etwas för­dern könne“.[6] Manche Gemeindemitglieder redeten ihn mit „Genosse Pfarrer“ an, und das war als großes Vertrauen in sein Engagement für die Arbeiterfamilien des Ortes zu verstehen. Andere nannten ihn den „roten Pfarrer“, das waren die, die darüber erzürnt waren, dass dieser Geistliche sich für die Anliegen der Fabrikar­beiter einsetzte.[7] Karl Barth scheute Konflikte mit den örtlichen Fabrikanten nicht und war an erfolgreichen Verhandlungen über eine bessere Bezahlung betei­ligt. Als er den Ort verließ, gab es starke Gewerkschaften, und die Sozialdemokra­ten hatten die Mehrheit im Gemeinderat errungen.

 

Gott als der ganz Andere

 

Als Pfarrer beunruhigte Karl Barth die Frage, was er den Menschen Hilfreiches sagen konnte. Das wurde neben der Erschütterung über das Verhalten vieler Theologen im Ersten Weltkrieg für ihn zum Anstoß, sich intensiv mit der Bibel und vor allem Paulus Römerbrief zu beschäftigen. Als er die erste und zweite Fassung seiner Auslegung des Römerbriefes 1919 und 1922 veröffentlichte, wurde sein Werk zum viel beachteten Ausgangspunkt für die „dialektische Theologie“, auch wenn zunächst nur 300 Exemplare verkauft wurden. Der bekannte Theologe Eberhard Jüngel hat über diese Dialektik Karl Barths geschrieben: „Dialektisch’ nannte man die neue Theologie, weil sie mit elementaren Unterscheidungen und Entgegensetzun­gen ar­bei­tete und – unter dem Einfluss Platons, Kierkegaards und Dostojewskis – je­­der Syn­these von Zeit und Ewigkeit leidenschaftlich widersprach. Mit expres­sio­nis­tischer, auf Paradoxien geradezu versessener Sprachkraft wurde der ‚unendlich qua­li­tative Unterschied’ zwischen Himmel und Erde, Gott und Mensch, Trans­zen­denz und Immanenz eingeschärft.“[8]

 

Das Wort des Endes und des Anfangs

 

Den Ausgangspunkt seiner theologischen Überlegungen hat Barth in der zweiten Auflage des Römerbriefes formuliert: „Das Thema der Kirche ist eben wirklich das Wort Gottes, das Wort des Endes und des Anfangs, des Schöpfers und Erlösers, des Gerichts und der Gerechtigkeit …“[9] Aber dieses Wort wird von Men­schenlippen ausgesprochen und von Menschenohren gehört. Diese Lippen und Ohren müssen, schrieb Karl Barth, „immer wieder unendlich versagen gegenüber dem nicht versagenden Gotteswort“.[10] Gott bleibe für die Menschen „der ganz Andere“ oder noch pointierter: „Gott ist Gott“. Der „unendlich qualitative Unterschied“ zwi­schen Gott und Mensch, den der reformierte Theologe im Römerbrief diagnostizierte, konnte vor einer In­stru­mentalisierung Gottes für die Zwecke der Menschen bewahren, barg aber auch die Gefahr in sich, „doch ein bisschen arg unmenschlich“ zu sein, wie Karl Barth später selbstkritisch einräum­te.[11]

 

Die These, dass der Mensch nichts über Gott wissen kann und dieser für die Men­schen unnahbar ist, stieß bei vielen Theologen auf Widerspruch und bot Anlass, neu über das Gottesverständnis nachzudenken und zu diskutieren. Das Gott-Mensch-Verhältnis blieb zeitlebens ein Thema des Schweizer Theologen, wobei er zunächst die Göttlichkeit Gottes und seine große Distanz zu den Menschen betonte, während er in späteren Jahren auch über die Menschlichkeit Gottes reflektierte. Aber stets wandte er sich gegen eine Instrumentalisierung Gottes für menschliche Ziele. Das führte 1919 zum Bruch mit der religiös-sozialen Bewegung. Bei einer Ta­gung dieser Bewegung hielt Karl Barth ein Referat, in dem er verkündete: „Ja, Christus zum soundsovielten Male zu säkularisieren, heute z. B. der Sozialdemokra­tie, dem Pazifismus, dem Wandervogel zu liebe, wie ehemals den Vaterländern, dem Schweizertum, dem Deutschtum, dem Liberalismus der Gebildeten, das möchte uns allenfalls gelingen. Aber nicht wahr, da graust uns doch davor, wir möchten doch eben Christus nicht ein neues Mal verraten.“[12]

 

Der Professor ohne Promotion

 

Das Buch über den Römerbrief fand, neben mancher Kritik, so viel Aner­ken­nung, dass Karl Barth 1921 zum Honorarprofessor für reformierte Theologie an die Universität Göttingen berufen wurde, ohne dass er eine Habilitation oder auch nur Pro­motion vorzuweisen hatte. Der neu berufene Professor erhielt bald eine ganze Reihe Ehrendoktor-Aus­zeichnungen und wurde 1925 zum ordentlichen Pro­fessor für Dogmatik und neutestamentliche Exegese in Münster berufen. 1930 folgte eine Be­rufung an die Universität Bonn. Für eine Promotion oder Habilitation nahm Karl Barth sich nie die Zeit.

 

Die umfangreiche wissenschaftliche Arbeit Karl Barths wurde dadurch sehr geför­dert, dass er Charlotte von Kirschbaum als Mitarbeiterin gewinnen konnte, die für die Vorbereitung zahlreicher Texte zur Veröffentlichung sorgte. Aber gleich­zei­tig wurde sein Familienleben dadurch belastet, dass der seit 1913 verheiratete Familienvater die Mitarbeiterin in seinen Haushalt aufnahm und eine Drei­ecksbe­ziehung entstand, die für alle Beteiligten nicht einfach war. Charlotte von Kirsch­baum sprach 1933 in einem Brief von einer „Notgemeinschaft“.[13] Diese sollte noch mehr als drei Jahrzehnte andauern. Ohne die unermüdliche Arbeit von Charlotte von Kirsch­baum wäre es Karl Barth nicht möglich gewesen, neben allen ande­ren Aufgaben eine vielbändige „Kirchliche Dogmatik“ zu veröffentlichen.

 

Die nie vollendete „Kirchliche Dogmatik“ umfasste nach fast drei Jahrzehn­ten dreizehn Bände mit 9.250 Seiten. Es gelang Karl Barth, Dogmatik und Ethik zusammenzudenken. Auch stellte er seiner „Dogmatik“ wie in seinen anderen theologischen Schriften die Bedeutung der Kirche heraus: „Zum Glauben erweckt und zur Gemeinde hinzugefügt zu werden, ist eins und dasselbe … Es gibt kein legitimes Privatchris­ten­tum.“[14] Das hinderte den reformierten Theologen nicht daran, die real existierende Kirche mit kräftigen Worten zu kritisieren, aber sie blieb für ihn in all ihrer Unvollkom­menheit die Zeugin Gottes in der Welt. Auch wenn Karl Barth seine theologischen Erkenntnisse häufig in recht schwer verständliche Sätze goss, war er doch überzeugt, dass es darum geht, dass alle Gläu­bigen „zu verstehen suchen, was sie glauben.“[15]

 

Weihnachten in der Theologie Karl Barths in der Vorkriegszeit

 

Wie haben sich die theologischen und vor allem dogmatischen Überlegungen in den Predigten Karl Barths über das Weihnachtsgeschehen niedergeschlagen? Das kön­nen wir in seiner Predigtsammlung „Weihnacht“ studieren, die Predigten aus den Jahren 1926 bis 1933 enthält. Gleich in der ersten Predigt von 1926 ord­nete Barth das Weihnachtsereignis christologisch ein: „Ohne das Kreuz von Golga­tha ist auch an der Krippe zu Bethlehem das Evangelium nicht zu hören.“[16]

 

Im theologischen Verständnis Karl Barths ist Gott in Jesus tatsächlich Mensch geworden, und deshalb verkündete er 1927 in einer Predigt: „Gott selbst fängt an zu sein – ‚in unserm armen Fleisch und Blut’ und darum als Kindlein, darum in Form von Empfängnis … darum eben ‚geboren aus Maria der Jungfrau’ … Gott ist und bleibt Subjekt in diesem Geschehen, dem Menschen aber kommt zu, sich gesagt sein zu lassen, was Gott ihm zu sagen hat, geschehen zu lassen, was geschehen muss damit, dass ihm Gott etwas gesagt hat.“[17] Karl Barth sah in der Empfängnis durch den heiligen Geist und die Geburt aus der Jungfrau Maria „die Souveränität Gottes im Ereignis der Liebe“[18]. Diese Souveränität kennzeichne das Ereignis als Wunder der Weihnacht.[19]

 

Es kann nicht überraschen, dass Karl Barth auf diesem Hintergrund eine zu starke Verherrlichung Marias wie im Katholizismus ablehnte, bei der „in der kirchlichen Frömmigkeit die Gestalt Marias die Gestalt Christi in den Schatten stellen könnte“.[20] Maria, die an der Spitze derer stehe, die die Verheißung empfangen hatten und auf den Herrn warteten, „charakterisiert sich unverkennbar als Mensch, als Mensch, der Gott gegenübersteht, als Mensch, der Gnade nötig hat und Gnade empfängt“.[21]

 

In einer Bibelarbeit im Jahr 1930 hat Karl Barth sein Verständnis von Jesus Christus und seiner Geburt noch pointierter formuliert: „Es gibt in der Bibel überhaupt keine selbstständigen Gestalten, die etwas zu bedeuten haben neben Christus.“[22] Eine solche Christuszentrierung degradierte alle anderen Personen, die in der Bibel vorkommen, quasi zu Statisten der Jesusgeschichte, die nur durch ihren Bezug zu ihm wichtig sind. Man könne nicht klar genug machen, formulierte Barth 1934, „dass wirklich die ganze Bibel von A bis Z … schlechterdings an diesem Namen Jesus hängt“.[23]

 

Das Alte Testament „redet ja von Anfang bis zu Ende von einem Bund zwischen Gott und Mensch. Aber dieser Gott ist in allem seinem Tun der heilige, harte, zornige Gott, und der Mensch ist in allem seinem Tun der eigenwillige und in seiner Eigenwilligkeit ohnmächtige Mensch. Zu dem Ereignis des Friedens zwischen beiden kommt das Alte Testament nicht. Dieses Ereignis, das den Bund zwischen Gott und seinem Volke verheißt, wird im Alten Testament noch nicht wahr … Das Alte Testament ist nur Zeichen seiner Wahrheit. Es ist nur ‚Weissagung’ auf Christus: ‚Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen, und das habt zum Zeichen!’“[24]

 

In einer Weihnachtspredigt 1930 setzte Karl Barth sich mit der Auffassung auseinander, das Reich Gottes habe schon begonnen: „Es bedeutet rückwärts gerichtete Schwärmerei, wenn man behauptet, dass mit der Erscheinung Christi das Reich Gottes angebrochen sei und nun wohl gar in der Kirche oder in der Christenheit seinen sichtbar gegenwärtigen Bestand habe. Die Weltgeschichte war nach wie vor Christi eine dunkle Geschichte, in der es letztlich keinen einzigen Fleck gab, auf dem der Mensch nun etwa wirklich eine Heimat gefunden hätte.“[25]

 

Das Johannesevangelium und die Briefe des Paulus waren Karl Barth besonders bedeutsam als Grundlage für ein auf Christus ausgerichtetes Verständnis des Heilsgeschehens. Daher kann es nicht überraschen, dass Karl Barth den ersten Vers des Johannesevangeliums („Am Anfang war das Wort …“) 1926 zum Ausgangspunkt für einen Zeitungsartikel in der Vorweihnachtszeit machte: „Ein Wort, das dort gedacht und gesprochen ist, wo Gott selbst ist, im ewigen ‚Anfang’ aller Dinge, ein Wort, das vorbehaltlos Gottes eigene Art, Natur und Wesen hat, das ohne alle Gleichnisrede sein Wort ist. Als solches das Wort, durch das alles geworden ist – und das das ‚Leben’ die Erlösung, in sich trägt, deren ‚Licht’, die Offenbarung den Menschen leuchtet auch in ihrer Finsternis.“[26] Im Blick auf Jesus Christus erläu­terte er: „Das fleischgewordene Wort ist ‚wahrer Gott und wahrer Mensch’, nicht das eine oder das andere und nicht ein höheres Drittes.“[27] Und an anderer Stelle im gleichen Artikel lesen wir: „Er ist als ‚Sohn’ des ‚Vaters’ schlechterdings derselbe eine Gott.“[28] Das mag nun nach einer vom Alltag abgehobenen theologischen Dogmatik klingen, aber Karl Barth zog aus diesen Überzeugungen von der umfassenden Herrschaft Gottes über diese Welt konkrete Konsequenzen für sein En­ga­ge­ment in Kirche und Gesellschaft. Und dieses Engagement war 1933 gefragt an­ge­sichts des umfassenden Machtanspruchs der Nationalsozialisten.

 

Karl Barth im Kirchenkampf

 

Von 1933 an wurde Karl Barth zu einem der wichtigsten theologischen Denker der Bekennenden Kirche, die sich einer Gleichschaltung der Kirche unter der Herrschaft der Nationalsozialisten entgegenstellte.[29] In seiner 1933 erschienenen Schrift „Theologische Existenz heute“ wandte der reformierte Theologieprofessor sich entschieden gegen ein Schwei­­gen der Kirche: „Jeder Tag eilt zur Ewigkeit – wahr und unentbehrlich. Da­rum kann die Kirche, kann die Theologie auch im totalen Staat keinen Winterschlaf antreten, kein Moratorium und keine Gleichschaltung sich gefallen lassen.“[30] Karl Barth formulierte den Entwurf für die berühmte „Barmer Theologische Erklärung“, die bei der ersten Bekenntnissynode am 31. Mai 1934 einstimmig von 139 Vertre­tern evan­gelischer Landeskirchen angenom­men wurde. Vor allem die erste These dieser Erklärung wurde zur Grundlage für den Widerstand in den Kir­chen gegen eine Gleichschal­tung. Ein Kernsatz lautete: „Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben.“ Dieser Satz ist zugleich so etwas wie eine Quintessenz des theologischen Denkens von Karl Barth.

 

Den Nationalsozialisten blieb die führende Rolle Karl Barths in der sich formenden Bekennenden Kirche nicht verborgen. Nachdem er sich geweigert hatte, einen Treueid auf Hitler zu unterschreiben, ohne den Zusatz hinzufügen zu dürfen „… so­weit ich es als evangelischer Christ verantworten kann“, wurde ihm die Lehrtätigkeit an der Universität Bonn untersagt. 1935 verlor er seinen Lehr­stuhl in Bonn und kehrte als Professor für Systematische Theologie an der Universität Basel in seine Schweizer Heimat zurück. Aber auch von dort aus mischte er sich in die Ausein­ander­setzungen zwischen Kirche und Staat in Deutschland ein. In der Schweiz selbst engagierte er sich für die Aufnahme von flüchtenden Juden aus Deutschland. In einer Predigt während des Zweiten Weltkriegs bekundete er „Das Heil kommt von den Juden!“ und äußerte weiter, „dass man im Glauben an Christus, der selbst ein Jude war … die Missachtung und Misshandlung der Juden, die heute an der Tagesordnung ist, einfach nicht mitmachen darf“.[31]

 

„Inmitten der Unordnung der Welt“

 

In der Nachkriegszeit hätte Karl Barth die Möglichkeit gehabt, an die Universität Bonn zurückzukehren, aber er entschied sich dafür, in Basel zu bleiben. Das hinderte ihn nicht daran, sich intensiv an den politischen und kirchlichen Debatten in Deutschland zu beteiligen. Er forderte die Kirche auf, sich stärker in politische Diskussionen einzumischen. Bei der Gründungsversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen 1948 begründete Karl Barth in einem Vortrag die Notwendigkeit des gesellschaftlichen Engagements der Kirche so: „Inmitten dieser Unordnung Got­­­tes Reich als das der Gerechtigkeit und des Friedens anzuzeigen, das ist der pro­phe­tische Auftrag der Kirche: der Auftrag ihres politischen Wächteramtes und ih­res sozialen Samariterdienstes.“[32] Aber dabei gelte es zu bedenken: „Wir werden es nicht sein, die diese böse Welt in eine gute verwandeln. Gott hat seine Herrschaft nicht an uns abgetreten … Dass wir inmitten der politischen und sozialen Unord­nung der Welt seine Zeugen, Jesu Jünger und Knechte seien, ist alles, was von uns ver­langt ist.“[33]

 

Karl Barth beließ es nicht bei Appellen, son­dern engagierte sich gegen die Wie­der­bewaffnung in West­­deutschland, ge­gen Atom­­­waffen und gegen einen militanten Antikommunismus. Auch kritisierte er, dass eine Partei für ihre sehr weltliche Politik das Wort „christlich“ in ihrem Na­men führte. Mit seinem politischen En­­ga­ge­ment und seinen pointierten theologi­schen Beiträgen schaffte es Karl Barth am 23. De­zember 1959 auf die Titelseite des „Spiegel“ („Gottes fröhlicher Partisan“) und zu einer ausführlichen Titelge­schichte. Darin wird festgestellt, dass Karl Barth sich „in der westlichen Welt den Ruf eines Störenfrieds abend­ländischer Selbst­zu­frie­denheit verschafft hat“.[34]

 

In seinem letzten Interview im November 1968 betonte Karl Barth: „Das letzte Wort, das ich als Theologe und auch als Politiker zu sagen habe, ist nicht ein Begriff die ‚Gnade’, sondern ist ein Name: Jesus Christus. Er ist die Gnade, und er ist das Letzte, jenseits von Welt und Kirche und auch von Theologie.“[35] Bei der Trauerfeier für Karl Barth am 14. Dezember 1968 entsandte der Schweizer Bundesrat keine Vertreter in das Münster von Basel.[36] Auf einen gnädigen Gott konnte Karl Barth hoffen, auf eine um ihn trauernde Obrigkeit offenbar nicht.

 

Auf Bitten einer Lehrerin hatte sich Karl Barth im Dezember 1960 noch einmal zum Weihnachtsthema geäußert und einen Weihnachtsbrief an eine Schulklasse in Japan gesandt: „Ich habe auf dem Weg über Amerika erfahren, dass es euch freuen würde, einen Weihnachtsgruß von mir zu bekommen. Hier bin ich, aber bitte nicht als der Mann mit dem bekannten Namen, der die vielen auch in eurem Land gelesenen Bücher geschrieben hat. Vor dem Kind, das vor bald zweitausend Jahren in Bethlehem geboren wurde, weil Gott uns alle liebte und bis auf diesen Tag liebt, gibt es keine großen, sondern in Europa und in Asien nur kleine Menschen. Vor ihm darf es aber dankbare und fröhliche Menschen geben. Ein solcher möchte ich immer noch mehr werden.“[37] Gegen Ende des Briefes beschrieb Karl Barth Jesus Christus als „Gottes Sohn, ein Mensch und unser aller Bruder“. Und er fuhr fort: „Wo ein Mensch ihn zu sich reden lässt, da fängt in aller Stille, aber in großer Kraft eine neue Welt an.“[38]

 

© Frank Kürschner-Pelkmann

 

 

 



[1] Karl Barth, Augenblicke, Texte zur Besinnung ausgewählt von E. Busch, Zürich 2001, S. 30

[2] Zitiert nach: Karl Kupisch: Karl Barth, Reinbek 1971, S. 135

[3] Zur Biografie von Karl Barth siehe vor allem die Darstellungen von Karl Kupitsch „Karl Barth“ (Reinbek 1971), von Eberhard Busch „Karl Barth – Einblicke in seine Theologie“ (Göttingen 2008), von Friedrich Wilhelm Bautz im Biographisch-Bibliographischen Kirchenlexikon, 1990, Spalte 384ff. und von Eberhard Jüngel: Karl Barth, in: Klaus Scholder/Dieter Kleinmann (Hrsg.): Protestantische Profile, Königstein/Ts 1983, S. 337ff.

[4] Zitiert nach: Albrecht Grötzinger: Predigen im Pluralismus, Letters of the Karl-Barth-Archives, Nr. 5, 10. Dezember 2003, S. 6

[5] Vgl. Der Spiegel, 23.12.1959, S. 72

[6] Zitiert nach: Peter Schmid: Eröffnungsrede, Tagung zu Karl Barths Theologie im 21. Jahrhundert, Letter from the Karl Barth-Archives, Nr. 4, 10.12.2002, S. 3

[7] Vgl. Eberhard Busch: Karl Barth – Einblicke in seine Theologie, Göttingen 2008, S. 14

[8] Eberhard Jüngel: Karl Barth, a.a.O., S.3244

[9] Zitiert nach: Albrecht Grötzinger: Predigen im Pluralismus, a.a.O., S. 6

[10] Ebenda

[11] Ebenda, S. 8

[12] Zitiert nach: Karl Kupisch: Karl Barth, a.a.O., S. 45

[13] Vgl. Regine Munz: Theologie als Passion, Zum Gedenken an Charlotte von Kirchbaum, Letters from the Karl Barth-Archives, Nr. 10, 25.6.2009, S. 4

[14] Zitiert nach: Eberhard Busch: Karl Barth, a.a.O., S. 107

[15] Zitiert nach ebenda, S. 49

[16] Karl Barth, Weihnacht, 2. Auflage, Göttingen o.J., S. 10

[17] Ebenda, S. 16f.

[18] Ebenda, S. 17

[19] Vgl. ebenda

[20] Karl Barth: Die Verheißung, München 1960, S. 28

[21] Ebenda

[22] Ebenda, S. 9

[23] Ebenda, S. 37

[24] Karl Barth, Weihnachten, a.a.O., S. 59

[25] Ebenda, S. 37

[26] Ebenda, S. 6

[27] Ebenda, S. 9

[28] Ebenda, S. 12

[29] Vgl. zu dieser Thematik: Karl Kupisch: Karl Barth, a.a.O., S. 68ff.

[30] Zitiert nach: ebenda, S. 81

[31] Zitiert nach: Eberhard Busch: Karl Barth, a.a.O., S. 24f.

[32] Zitiert nach: Friedrich Wilhelm Bautz: Karl Barth, in: Biographisch-Bibliographischen Kirchenlexikon, 1990, Spalte 384ff.

[33] Zitiert nach: Eberhard Busch, Karl Barth, a.a.O., S. 37

[34] Kunde vom unbekannten Gott, Der Spiegel, 23.12.1959, S. 69

[35] Karl Darth: Letzte Zeugnisse, EZV-Verlag, Zürich 1970, S. 30f.

[36] Vgl. Giorgio Girardet: Prophetischer Theologe und Dichter, taz, 9.12.2008

[37] Karl Barth: Weihnachtsgruß 1960, Letter from the Karl Barth-Archives, Nr. 12, 21.12.2010

[38] Ebenda