Käthe Kollwitz

 

Käthe Kollwitz war bereits 53 Jahre alt, als sie eine neue graphische Technik erlernte, den Holzschnitt. Das war 1920, und die Holzschnitte ermöglichten es ihr, die Erfahrungen des Ersten Weltkriegs in klaren Schwarz-Weiß-Kontrasten zum Ausdruck zu bringen.[1] Die Künstlerin hat in den zwanziger Jahren insge­samt 42 Holzschnittarbeiten fertiggestellt, und als besonders eindringlich gelten die Arbeiten zum Thema „Maria und Elisabeth“.[2] Den Anstoß für diese Holzschnitte gab ein Treffen mit ihrer Cousine Gertrud Goesch und der sehr viel jüngeren Schwie­gertochter Ottilie am 28. Juni 1921. Käthe Kollwitz notierte in ihrem Tagebuch: „Gertrud und Ottilie heut wie Elisabeth und Maria. Beide hochschwanger.“[3] Die Künstlerin stieß im Februar 1922 erneut auf dieses Thema, als sie das Kaiser-Fried­rich-Mu­seum (heute Bode-Museum) ein Bild von Konrad Witz aus dem 15. Jahrhundert über Maria und Elisabeth mit dem Titel „Heimsuchung“ sah. Der Theologe Günter Reim hat in einer Meditation über die Entstehung ihres Holzschnittes ge­schrieben: „Sechs Jahre hat das Motiv dieser Begegnung dann in Käthe Kollwitz geruht, gearbeitet, wurde auf dem Hintergrund des Verlustes des eigenen Sohnes im 1. Weltkrieg empfunden, vertieft, wurde in Verbindung gebracht mit dem schwe­­ren Leben von Frauen und Kindern in den zwanziger Jahren, mit Entbehrung, Hunger und Tod. Schließlich, nach diesen sechs Jahren der Vorbereitung, muss sie den Jüngeren ihre Botschaft sagen, ihre Erfahrung weitergeben.“[4]

 

Es sind drei Holzschnitte zum Thema „Maria und Elisabeth von Käthe Kollwitz erhalten, dazu einige Vorzeichnungen. Bei einer Vorzeichnung hat Käthe Kollwitz sich anstelle von Gertrud Goesch als die ältere Frau dargestellt, dieses künstleri­sche Konzept aber dann wieder verworfen. Ursula August von der Evangelischen Frauenarbeit Sachsen hat den nach diesem langen Arbeitsprozess entstandenen dritten Holzschnitt so beschrieben: „Auf dem Bild sehen wir zwei Arbeiterfrauen. Ganz schlicht gekleidet sind sie. Ein schwangeres, junges Mädchen vertraut sich einer älteren Frau an. Die ältere Frau umarmt sie. Schützend, fast vorsichtig tastend, legt sie eine Hand auf ihren Leib. Sie spricht der Jüngeren etwas ins Ohr. Was sich diese beiden Frauen zu sagen haben, bleibt nur zu erahnen.“[5] Günter Reim hebt hervor, wie die Künstlerin die Nähe der beiden Frauen betont, ebenso eine traurige Zärtlichkeit: „Man bekommt den Eindruck, dass all das Schwere im Leben einer Frau weitergegeben werden muss, aber nicht nur als Belastung, die zu schwer ist, sondern als etwas, was ertragen werden kann, vielleicht geändert werden kann, vielleicht durch politisches Handeln geändert werden muss, wie das Leben von Käthe Kollwitz mit ihrem Protest gegen Hunger und Tod zeigt.“[6]

 

Michael Thein hat am 22. Dezember 2002 als Pfarrer an der Auferstehungskirche in Bayreuth eine Predigt über den Holzschnitt von Käthe Kollwitz gehalten und sich mit der Frage beschäftigt, ob die traurige und ernste Darstellung zum Evangeliumstext über die Begegnung der beiden Frauen passt: „Gewiss ist Käthe Kollwitz in ihrer ernsten Darstellung von ihrer damaligen Zeit geprägt. Und doch ist sie damit wohl sehr nahe an Maria und Elisabeth dran. Wir dürfen nicht übersehen, dass die Weihnachtsgeschichten nur äußerlich alle so lieblich klingen. Lieblicher als sie damals in Wirklichkeit waren.“[7]

 

Maria, erläuterte Michael Thein in seiner Predigt, musste ihrer Familie und ihrem Verlobten erklären, wo ihr Kind herkam. Sie machte sich auf eine beschwerliche Reise zu ihrer mütterlichen Freun­din Elisabeth. „Und dazu noch das, was die beiden Frauen auf diesem Bild noch nicht wissen, aber vielleicht ahnen: Beide Kinder werden ein kurzes Leben haben. Johannes der Täufer und Jesus. Als unbequeme Mahner im Dienst an den Menschen werden sie beide ihr Leben gewaltsam verlieren.“ Der Bayreuther Pfarrer nahm wahr, dass die Klage über ungerechte Verhältnisse das Bild durchzieht. „Doch nicht Resignation herrscht vor, sondern Gottvertrauen: Maria stimmt ein Loblied an auf den Gott, dem die Armen und die ungerecht Behandelten am Herzen liegen.“

 

Über ihre Gefühle hat sie selten gesprochen – aber viel geschrieben

 

Geboren wurde die Künstlerin am 8. Juli 1867 als Käthe Schmidt in Königsberg. Ihr Vater Carl Schmidt hatte Jura studiert, wurde aber aus dem Staatsdienst entlassen, weil er sich der offiziell verbotenen Freien Gemeinde angeschlossen hatte. Carl Schmidt gründete daraufhin ein Bauunternehmen in Königsberg und hatte damit Erfolg. Die Familie wohnte in einem neu errichteten Haus und war wohlha­bend. Gesellschaftlich blieben die Schmidts aber aufgrund ihrer religiösen Vorstel­lungen isoliert, und dies noch mehr, als Carl Schmidt zum Prediger der Gemeinde berufen wurde.

 

Über ihre Gefühle und über Persönliches hat Käthe Kollwitz kaum gesprochen, erinnerte sich später Hans Kollwitz an seine Mutter. „Über andere Menschen und ihre Schicksale, über Bücher, die sie gelesen hatte, über Probleme konnte sie sprechen, ja auch über ihre Arbeiten konnte sie sprechen, über sich selbst eigentlich nie.“[8] Nur in ihren Tagebüchern hat sie über sich selbst gesprochen, auch über ihre furchtbaren Träume in der Kindheit. Der Sohn Hans vermutete, dass sie sich am Vorbild der Großeltern und Eltern orientierte, die Arbeit wichtiger zu nehmen als sich selbst. Auf dem Grabstein ihres Großvaters Julius Rupp stand: „Der Mensch ist nicht dazu da, glücklich zu sein, sondern dass er seine Pflicht erfülle.“[9]

 

Dieser Julius Rupp unterrichtete als Gymnasiallehrer und Honorarprofessor in Königsberg und ist als Gründer einer der ersten freien evangelischen Gemeinden in Deutschland im Jahre 1846 in die Kirchengeschichte eingegangen. Wegen seiner Auf­fassungen verlor er seine Anstellung als Pfarrer und war in der gutbürgerlichen Gesellschaft von Königsberg ziemlich isoliert. In seiner Gemeinde wurde fast ausschließ­lich im Matthäusevangelium gelesen, wobei die Wundergeschichten aber weg­gelassen wurden. Im Mittelpunkt stand die Morallehre Jesu, wie sie von Friedrich Rupp verstanden wurde.

 

Käthe Kollwitz ging zwar zu den Religionsstunden und Gemeindeversamm­lungen der Freien Gemeinde ihres Großvaters und Vaters, aber der dort gepredigte Glaube blieb ihr fremd. Sie erinnerte sich später gern an die festlichen Weihnachtsfeiern: „In den Vorträgen jedoch und auch in den Religionsstunden war der Großvater mir nur ehrfurchtgebietend.“[10] In einem Brief erinnerte sie sich 1921 so an ihre religiöse Erziehung: „Der ‚liebe Gott’ ist uns Kindern nie nahegebracht. ‚Gott ist Geist’, ‚Ich und der Vater sind eins’, solche Jesusworte ließen uns Gott ahnen.“[11] In ihren Lebenserinnerungen bekannte Käthe Kollwitz: „… ich glaubte an die griechischen Götter. Ich wusste wohl, es gibt einen christlichen ‚lieben Gott’, aber ich liebte ihn nicht, er war mir ganz fremd.“[12]

 

Als sie erfuhr, dass ihr Bruder Benjamin gestorben war, hatte sie sich gerade aus Klötzen einen Tempel gebaut und war da­mit beschäftigt, der Göttin Venus zu opfern. Ihr Erschrecken war groß: „Sofort wuss­te ich: Das ist die Strafe für meine Ungläubigkeit, jetzt rächt sich Gott dafür, dass ich der Venus opferte.“[13] Das kleine Mädchen fühlte sich nun für den Tod des Bruders verantwortlich, und dies war nicht der einzige Anlass für Depressionen: „Nachts quälten mich entsetzliche Träume“,[14] hat sie sich später erinnert. Die Weise, wie sie in ihrer Kindheit Gott kennenlernte, hat ihr ganzes weiteres Leben geprägt. Die Distanz zu dem unnahbaren Gott hat wahrscheinlich dazu beigetragen, dass Käthe Kollwitz in ihrer künstlerischen Arbeit sehr selten biblische Themen aufgriff, auch wenn sie immer wieder existenzielle, religiöse Fragen ansprach, vor allem Leiden und Tod. 1921 bekannte sie in einem Brief: „Bis heute weiß ich nicht, ob die Kraft, die meine Arbeiten hervorgebracht hat, etwas ist, was mit Religion verwandt ist, oder gar sie ist.“[15]

 

Keine Historienmalerin, sondern "Aufreizung zum Klassenhass"

 

Der Vater war hoch erfreut, als er feststellte, dass seine Tochter Käthe künstlerisch talentiert war und förderte sie nach Kräften. Den ersten künstlerischen Unterricht be­kam sie von 1880 an bei einem Kupferstecher, aber der Traum des Vaters war, dass seine Tochter eine berühmte Historienmalerin werden sollte. Deshalb erhielt sie anschließend Unterricht bei einem Maler, und 1886/87 besuchte sie ein Jahr lang eine Zeichen- und Malschule in Berlin. Aber nicht die glänzenden Fassaden der Großstadt zogen die junge Malerin an, sondern die Armut der Hinterhöfe, die sie immer wieder auf ihren Bildern festhielt. Auch nach der Rückkehr nach Königsberg malte sie vor allem Arbeiter und andere Menschen aus dem Volk, statt sich wie vom Vater erhofft als Historienmalerin zu reüssieren. Immerhin malte sie das Gemälde „Vor dem Ball“, für das sich ein Käufer fand. Auch machte sie sich bald in den wohlhabenden Kreisen von Königsberg einen Namen als Porträtmalerin.

 

Es passte dem Vater ganz und gar nicht, dass sich Käthe mit 16 Jahren mit dem Medizinstudenten Karl Kollwitz verlobte. Er war überzeugt, die Tochter müsste sich zwischen künstlerischer Existenz und einem bürgerlichen Leben in der Ehe entscheiden. Um einen räumlichen Abstand zwischen den Jungverliebten zu schaffen, schickte der Vater seine Tochter 1889 zur weiteren künstlerischen Ausbildung nach München. Aber das Paar heiratete trotzdem 1891. Karl Kollwitz vertrat wie seine Frau sozialistische Gedanken und ließ sich als „Armenarzt“ in einem Arbeiterviertel im Norden von Berlin nieder. Die Wohnung in der Weißenburgerstraße (heute Käthe-Kollwitz-Straße) war zugleich Praxis und Atelier. Aber zu ihrer künstlerischen Arbeit kam Käthe Kollwitz zunächst kaum, denn 1892 wurde ihr erster Sohn Hans und vier Jahre später das zweite Kind Peter geboren. Während der Vater fast rund um die Uhr als Arzt arbeitete, musste seine Frau versuchen, wenigstens etwas Zeit für ihre künstlerische Arbeit abzuzweigen. Käthe und Karl Kollwitz lebten in dieser Zeit mehr neben- als miteinander.

 

Ein erster künstlerischer Durchbruch gelang Käthe Kollwitz mit Radierungen zum Thema „Zug der Weber“, für die sie durch eine Aufführung von Gerhard Haupt­manns Stück „Die Weber“ inspiriert worden war. Die Kollwitz-Biografin Ros­witha Mair schrieb zur Entstehung dieser Werke: „An die 40 Entwürfe entstanden schließlich zum Thema – von der gärenden Unzufriedenheit der Weber bis zu ihrem bitteren Ende. Sie zeigen die unendliche Trostlosigkeit, die Bedrohung durch den Hunger. Aber auch etwas von der Entschlossenheit ist zu spüren, etwas von der Wut. Die Fäuste waren geballt, der Zorn schwelte. Man musste die Menschen zwingen, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen, sagte sich Käthe.“[16]

 

Die Radierungen wurden in eine viel beachtete Ausstellung aufgenommen, und beinahe hätte Käthe Kollwitz dafür 1898 eine Auszeichnung erhalten, aber das verhinderte Kaiser Wilhelm II. persönlich, der die Bilder vom sozialen Elend nicht ausgezeichnet sehen wollte. Immerhin konnten die Bilder an ein Museum in Dresden verkauft werden, und Käthe Kollwitz machte sich bald auch mit sozialkriti­schen Plakatmotiven einen Namen.

 

1913 wurde ein Plakat zur Wohnungsmisere der armen Familien in Berlin wegen „Aufreizung zum Klassenhass“ vom Polizeiprä­sidenten verboten.[17] Aber während die einen sie als „Rinnsteinkünstlerin“ dif­famierten, schätzten die anderen die Künstlerin, und sie wurde eingeladen, Mitglied der Künstlervereinigung „Sezession“ zu werden, zu der sich viele bekannte Künst­ler zusammengeschlossen hatten, die anderes schaffen wollten als Schlach­tengemälde und heroische Statuen des Kaisers. Auch wurde Käthe Kollwitz gebe­ten, an einer Künstlerinnenschule zu unterrichten. Bald konnte sich die Künstlerin Reisen nach Paris und Italien leisten. 1913 wurde Käthe Kollwitz als erste Frau in den Vorstand der „Sezession“ aufgenommen, und ihre Werke waren inzwischen häu­fig in Ausstellungen zu sehen. Im Rückblick schrieb sie: „Das Jahrzehnt zwi­schen dreißig und vierzig war ein sehr glückliches in jeder Beziehung.“[18]

 

„Nie wieder Krieg!“

 

Der Erste Weltkrieg bedeutete eine Zäsur im Leben von Käthe Kollwitz. Sie teilte nicht die Kriegsbegeisterung vieler ihrer Landsleute, und am 30. September 1914 notierte sie in ihrem Tagebuch, dass es ihr blödsinnig vorkomme, „dass die Jungen in den Krieg gehen. Das Ganze nur so wüst und hirnverbrannt.“[19] Als ihr Sohn Peter Soldat werden wollte, brauchte er dafür die Zustimmung des Vaters. Karl und Käthe Kollwitz waren zunächst dagegen, aber Käthe Kollwitz ließ sich schließlich doch umstimmen und überzeugte den Vater zu unterschreiben. Der Sohn wurde Sol­dat und kam an die Westfront, wo er am 22. Oktober 1914 starb.[20] Das stürzte Käthe Kollwitz in eine tiefe innere Krise und machte sie endgültig zur Pazifistin. "Nie wieder Krieg!" wurde zu einer Grundüberzeugung ihres weiteren Lebens, die sich auch in ihrem künstlerischen Werk widerspiegelt. 1918 schrieb sie in einem Artikel für den sozialdemokratischen „Vorwärts“: „Es ist genug gestorben! Keiner darf mehr fallen!“[21]

 

Käthe Kollwitz beschloss, ein Denkmal für ihren verstorbenen Sohn Peter zu gestalten. Der Tod ihres Sohnes und die Arbeit an diesem Denkmal bedeuteten für die Künstlerin auch, sich neu mit Fragen des Glaubens und des Betens zu beschäftigen. Käthe Kollwitz schrieb am 7. Februar 1915 ihrem Sohn Hans: „Ich lese jetzt die Bibel, aber doch in anderem Sinne wie die alten Mutterchen. Ich lese sie von Anfang an und zum allerersten Mal in meinem Leben und bin ganz gepackt von der Größe ... Ganz ernst und groß ist das alles geschrieben. Schätze von Schönheit sind darin. Das wundervolle Buch Ruth.“[22]

 

Immer wieder litt Käthe Kollwitz unter Zeiten der Depression, in denen sie auch künstlerisch nicht vorankam. Am 31. März 1916 schrieb sie in ihr Tagebuch: „Mich überkommt fürchterliche Depression. Erst allmählich wird mir klar, wie sehr ich schon zu den Alten gehöre und meine Zukunft hinter mir habe.“[23] Da war Käthe Kollwitz 48 Jahre alt. Der Sohn Hans beobachtete: „Es war ein Auf und Ab bei ihr zwischen langen Perioden der Depression und Arbeitsunfähigkeit und den viel kür­zeren Zeiten des Gefühls, mit der Arbeit vorwärts zu kommen und die Aufgabe zu meistern.“[24] Über eine dieser kreativen Phasen schrieb die Künstlerin 1917: „Arbeite ohne Mühe, und ohne Ermüdung. Es ist, als ob Nebel sich verzogen haben.“[25]

 

Neue Kraft gab der Künstlerin das Zusammensein mit ihrem Sohn Hans, seiner Frau Ottilie und deren kleinem Sohn Peter. Die schwangere Ottilie hatte Käthe Kollwitz wie erwähnt zu dem Holzschnitt über die Begegnung von Elisabeth und Maria inspiriert. Käthe Kollwitz besuchte die Familie gern. Die Kollwitz-Biografin Roswitha Mair hat diese Treffen so beschrieben: „Käthe war zufrieden, wenn Hans aus dem Matthäus-Evangelium vorlas, während Ottilie daneben nähte und der kleine Peter im Kinderstühlchen saß und spielte. Wenn im Haus alles in Ordnung und die Küche sauber war.“[26] An die Weihnachtsfeste bei ihrem Sohn Hans und seiner Familie erinnerte sich Käthe Kollwitz 1944 in einem Weihnachtsbrief an ihren Sohn und seine Frau – zu einer Zeit, als es nicht einmal mehr ein Christbäumchen gab und der Enkel Peter bereits gestorben war: „Die Erinnerungen an Euer Weihnachtsfest gehören zum Schönsten, was ich – mit Vater – erlebt habe. Wenn Ottilie sich an das Klavier setzte und die Händchen von Eu­rem Kleinen vor ihr auf den Tasten lagen. Und Du lieber Junge sangst: Gottes Sohn – Gottes Sohn. Und Ihr noch vollzählig wart – welch ein Glück war das. Da nahm das Fest kein Ende.“[27]

 

In der Weimarer Republik wurde Käthe Kollwitz als politische Künstlerin bekannt, unter anderem durch Plakate für die Hilfe für hungernde Menschen in Russland. Ihre Berühmtheit wuchs, ihre Einnahmen kaum, denn für ihre Werke waren auf dem Kunstmarkt keine hohen Preise zu erzielen. Im Juli 1932 reisten Käthe und Karl Kollwitz nach Belgien, wo das Denkmal „Das trauernde Ehepaar“ für ihren 1914 verstorbenen Sohn aufgestellt wurde.[28] Auffällig ist, dass bei diesem Mahnmal der verstorbene Sohn nicht dargestellt wird, sondern ausschließlich die trauernden Eltern. Die Eltern des toten Peter kamen einander am Grab des Sohnes wieder näher, so nahe wie lange nicht mehr – und wie lange nicht wieder.

 

Vergebliche Warnung vor dem Nationalsozialismus

 

Zu dieser Zeit drohte bereits die Machtübernahme durch die Nationalsozi­alisten, und Karl und Käthe Kollwitz engagierten sich gegen diese Gefahr. Auch als schon alles zu spät zu sein schien, gaben die Künstlerin und der Armenarzt nicht auf. Zusammen mit Heinrich Mann, Albert Einstein, Erich Kästner und anderen setzten sie ihre Unterschriften unter einen Aufruf, der vom 14. Februar 1933 an an Litfaßsäulen vor der drohenden „Vernichtung aller persönlichen und politischen Freiheit in Deutschland“ warnte. Der Aufruf endete mit dem Satz: „Setzt die Verantwortlichen unter Druck!“[29]

 

Nach dem Machtantritt der Nazis wurden Käthe Kollwitz und andere mutige Künstlerinnen und Künstler, Schriftstellerinnen und Schriftsteller zu Verfemten. Heinrich Mann und Käthe Kollwitz waren gezwungen, die Preußische Akademie der Künste zu verlassen. Ihre Werke wurden aus den Museen und Kunstausstellungen entfernt, und sie konnte kaum noch Werke verkaufen. Da Karl Kollwitz zur gleichen Zeit wegen seines politischen Engagements die Kassenzulassung verlor und es in dem Arbeiterviertel nur wenige Privatpatienten gab, wurde die finanzielle Situation der Familie prekär. Käthe und Karl Kollwitz reisten im März 1933 nach Marienbad in die Tschechoslowakei, um für immer Deutschland zu verlassen, kehrten aber doch zwei Wochen später nach Berlin zurück. Danach gab es Bemühungen, in die USA auszuwandern, aber diese Pläne zerschlugen sich.

 

Käthe Kollwitz blieb eine aufrechte Frau und ließ sich auch durch massive Gestapo-Präsenz nicht davon abhalten, an den Trauerfeiern für Max Liebermann und Ernst Barlach teilzunehmen. Viele andere Freundinnen und Freunde waren inzwischen ausgewandert. Dann erkrankte 1939 auch noch ihr Mann Karl an einer Lungenentzündung. Er starb nach langer Krankheit am 19. Juli 1940. In einem Brief schrieb die Witwe: „Nun hat mein Karl Ruhe, Gott sei dank.“[30] Kein Zweifel, das war nicht nur eine Floskel der Erleichterung, sondern ein ernst gemeinter Dank an einen Gott, den sie in ihrer Kindheit auf so schwierige Weise kennengelernt hatte und der nun dem Leiden ihres Mannes ein Ende gesetzt hatte. Nach dem Tod ihres Mannes wuchs die Einsamkeit der Künstlerin weiter: „Ich lebe so am Rande des Lebens.“[31]

 

Als am 22. September 1942 ihr geliebter Enkelsohn Peter an der Ostfront starb, verlor Käthe Kollwitz ein weiteres Stück Lebensmut. Zu einer letzten Zeichnung, auf der sie im Totenhemd im Grab steht, bemerkte sie: „Da steh ich und grabe mir mein eigenes Grab.“[32] Der Krieg erreichte bald auch Berlin mit verheerenden Luft­angriffen. Die Familie sorgte dafür, dass Käthe Kollwitz in einem Ort in der Nähe des Harzes unterkam, der sicherer erschien. Später zog sie nach Moritzburg bei Dresden um. Ihre Berliner Wohnung in der Weißenburgerstraße wurde bei einem Bombenangriff zerstört, wobei auch viele ihrer Werke vernichtet wurden. Am 22. April 1945 ist Käthe Kollwitz gestorben, wenige Tage vor Ende des Zweiten Weltkriegs. Einige Monate vor ihrem Tode hatte sie sich an ein Gedicht von Matthias Claudius erinnert, das mit den Wor­ten schließt: „dann legt er sich zu seinen Vätern nieder und kömmt nimmer wie­der“. In einem Brief schrieb sie diese Gedanken auf: „Es ist eines der schönsten Gedichte, die ich kenne, in seiner tiefen, frommen Feierlichkeit.“[33] In einem ihrer letzten Briefe schrieb sie ihrer Schwester Lise: „Ach Lise, totsein, muss gut sein, aber vor dem Sterben hab ich große Angst; wenn mir am allerbängsten wird um das Herze sein.“[34]

 

Eine Pietà erinnert an eine Mutter und ihren ermordeten Sohn

 

1937/1938 entstand eine kleine Plastik von einer Frau, die den Leichnam ihres Sohnes zwischen den angewinkelten Beinen hält. Mit an den Mund geführter Hand bringt sie den Schmerz über den Verlust ihres Sohnes zum Ausdruck. Im nationalsozialistisch beherrschten Deutschland durfte das Werk nicht ausgestellt werden.[35] Die Künstlerin schrieb in ihrem Tagebuch über dieses Kunstwerk: „Es ist nun so etwas wie eine Pietà geworden … Es ist nicht mehr Schmerz, sondern Nachsinnen.“[36] Ein Jahr später schrieb sie: „Mit einem großen Wort könnte man sie Pietà nennen, sonst einfach eine alte Frau mit einem toten Sohn im Schoß.“[37] Die Künstlerin hat ihre Pietà nicht allein, vielleicht nicht primär religiös verstanden. Die Bronzeskulptur ist auch und vielleicht vor allem ein persönliches Erinnerungs­werk an ihren toten Sohn. Und doch gibt es auch eine Verbindung zu dem Holzschnitt „Elisabeth und Maria“ Aus der hoffenden und doch auch Schlimmes ahnenden Maria, die Elisabeth begegnet, ist eine trauernde Mutter geworden. Sie trauert darüber, schrieb Käthe Kollwitz im Dezember 1939 in ihrem Tagebuch: „… das der Sohn nicht angenommen wurde von den Menschen. Sie ist eine alte einsame und dunkel nachsinnende Frau.“[38]

 

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde nach der kaum 40 Zentimeter hohen „Pietà“ eine Vergrößerung die Plastik von 1,52 Meter Höhe gefertigt, die in der Neuen Wache in Berlin in der Zentralen Gedenkstätte der Bundesrepublik für die „Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft“ steht. Durch eine runde Deckenöffnung fällt Licht auf die Mutter und ihren ermordeten Sohn.

 

Der schwebende Engel

 

Die Erinnerung an Käthe Kollwitz wird durch ihre Werke wachgehalten, aber auch durch einen Engel, den schwebenden Engel von Ernst Barlach. Der Bildhauer, Grafiker und Dramatiker lebte und arbeitete in Güstrow in Mecklenburg. Für die 700-Jahr-Feier des Doms schuf er 1926/27 ein Mahnmal für die Opfer des Ersten Weltkriegs. Während andernorts heroische Denkmäler errichtet wurden, sollte Bar­­lachs Engel "Die Schwebende" bewusst einen Kontrast zu diesen Kriegsdenkmälern sein. Der Künst­ler brachte Leid und Trauer zum Ausdruck, nicht Heldenverehrung und Verklärung eines mörderischen Krieges. Der überlebensgroße schwebende Engel trägt unverkennbar die Gesichtszüge von Käthe Kollwitz. Als der Künstler darauf ange­sprochen wurde, war er selbst überrascht: „Die Züge von Käthe Kollwitz sind mir da so hereingekommen. Hätte ich mir das vorgenommen, so wäre es mir nicht gelungen.“

 

Der Engel im Güstrower Dom wurde von denen abgelehnt, die auf heroische Weise an die Opfer des Ersten Weltkriegs erinnern wollten. Das zeigte sich verstärkt nach 1933. Nicht nur wurde die Kunst von Ernst Barlach als „entartet“ diffamiert und aus den Museen und Kunstsammlungen entfernt, auch in der Güstrower Domkirchengemeinde gab es Unterschriftensammlungen und Eingaben, den Engel aus dem Gotteshaus zu entfernen. Im Juli 1937 war es soweit: Der Engel wurde aus dem Dom entfernt. Später schmolz man ihn für Kriegszwecke ein.

 

Glücklicherweise war es Freunden des Künst­­lers gelungen, vorher heimlich einen Zweitguss anfertigen zu lassen. Ein Bronzeguss des Engels schwebt seit 1952 in der Antoniterkirche in Köln. Die Dom­ge­meinde in Güstrow erhielt ein Jahr später als Geschenk einen neuen Guss des Kunstwerks, das nun wieder an seinem ursprünglichen Ort zu sehen ist. Dass dieser Engel keine Flügel hat, ist mir zunächst gar nicht aufgefallen, als ich ihn in Güstrower Dom sah. Es gibt offenbar Engel, die so leicht schweben, dass sie keine Flügel benötigen.

 

© Frank Kürschner-Pelkmann

 

 

 



[1] Vgl. „Maria und Elisabeth“, Ein ungewöhnliches Bildmotiv im Kontext seiner Entstehung, Informationstext des Käthe Kollwitz Museums Köln, Manuskript, S. 1

[2] Ebenda

[3] Zitiert nach: ebenda, S. 2

[4] Günter Reim: Meditation zu Käthe Kollwitz: Begegnung (Maria und Elisabeth), Website www.erlangen-evangelisch.de

[5] Ursula August: Eine Adventsandacht zu dem Bild von Käthe Kollwitz „Maria und Elisabeth“, www.frauenarbeit-sachsen.de

[6] Günter Reim: Meditation zu Käthe Kollwitz, a.a.O.

[7] Michael Thein: „Hört auf zu jammern!“, Predigt am 22.12.2002, auf www.predigtn.de/877.htm

[8] Käthe Kollwitz: Aus meinem Leben, Freiburg 2006, S. 8

[9] Zitiert nach: ebenda

[10] Ebenda, S. 36

[11] Ebenda, S. 180

[12] Ebenda S. 23

[13] Ebenda, S. 24

[14] Ebenda, S. 25

[15] Ebenda, S. 181

[16] Roswitha Mair: Käthe Kollwitz – Leidenschaft des Lebens, Freiburg 2000, S. 37

[17] Vgl. ebenda, S. 83

[18] Käthe Kollwitz: Aus meinem Leben, a.a.O., S. 53

[19] Ebenda, S. 70

[20] Vgl. Roswitha Mair: Käthe Kollwitz, a.a.O., S. 88ff.

[21] Käthe Kollwitz: Aus meinem Leben, a.a.O., S. 98

[22] Ebenda, S. 160f.

[23] Ebenda, S. 76

[24] Ebenda, S. 13

[25] Ebenda, S. 91

[26] Roswitha Mair: Käthe Kollwitz, a.a.O., S. 120

[27] Käthe Kollwitz: Aus meinem Leben, a.a.O., S. 217

[28] Vgl. u. a. Roswitha Mair: Käthe Kollwitz, a.a.O., S. 156ff.

[29] Zitiert nach: ebenda, S, 163

[30] Zitiert nach: ebenda, S. 189

[31] Käthe Kollwitz: Aus meinem Leben, a.a.O., S. 195

[32] Zitiert nach: Roswitha Mair, Käthe Kollwitz, a.a.O., S. 198

[33] Käthe Kollwitz: Aus meinem Leben, a.a.O., S. 210

[34] Ebenda, S. 218

[35] Vgl. ebenda, S. 179

[36] Zitiert nach: Jürgen Emmert: Prüfung: Eine Gegenüberstellung, www.museum-am-dom.de

[37] Ebenda

[38] Zitiert nach: Käthe Kollwitz Museum Köln, Informationsblatt zur Pietá