Joseph Mohr

 

Es entstand „just in time“, würde man heute sagen, das Lied, das um die Welt gehen sollte. Am 23. Dezember 1818 suchte der Hilfsgeistliche Joseph Mohr den Lehrer Franz Xaver Gruber mit dem Ansinnen auf, er möge ein Gedicht vertonen – und das bis zum nächsten Tag. Denn Joseph Mohr hatte an diesem Heiligabend die Christmette und die Krippenfeier in der Kirche St. Nikolaus in Oberndorf/Österreich zu halten. Und für die Krippenfeier benötigte er ein Weih­nacht­s­lied, das mit Gitarrenbegleitung gesungen werden konnte. Das Gedicht „Stille Nacht, heilige Nacht“ hatte er schon 1816 verfasst. Es wird vermutet, dass die Sehn­sucht nach friedlichen und besseren Zeiten in dem Text auch darauf beruhen, dass Europa immer noch unter den Folgen der Napoleonischen Kriege litt und das Jahr 1816 zudem als Jahr ohne Sommer in die Geschichte einging, weil es mitten im Sommer noch schneite und überall Missernten und Hunger zu beklagen waren.[1]

 

Joseph Mohr fehlten „nur“ noch die Noten zu seinem Text. Franz Xaver Gruber, der auch Organist war, machte sich gleich an die Arbeit, und so erklang an diesem Weihnachtsfest erstmals das Lied, das heute über zwei Milliarden Menschen in aller Welt kennen. Viele Legenden ranken sich um die Entstehung des Liedes. So sollen Mäuse den Balg der Orgel zerfressen haben, sodass sie nicht bespielbar war und dringend eine Alternative gebraucht wurde. Stimmt nicht, sagt die Stille-Nacht-Gesellschaft, die die Geschichte des Liedes erforscht. Die Orgel war damals auch ohne Mäusefraß in einem schlechten Zustand, aber durchaus spielbar. Das Lied sei erstmals in einer Krippenfeier nach der Christmette gesungen worden. Da die Orgel für Gottesdienste vorbehalten war, musste für die Krippenfeier ein anderes Instru­ment gespielt werden, und da bot sich die Gitarre an, um den Gesang von Lieddich­ter und Komponisten zu begleiten. Die Gitarre spielte Christoph Mohr selbst und nicht wie lange Zeit angenommen wurde Franz Xaver Gruber.[2]

 

Wie das Lied damals geklungen hat, wissen wir heute nicht mehr, denn der ursprüngliche Text und die ursprünglichen Noten sind nicht erhalten geblieben. Wolfgang Herbst, Theologe und Professor für Kirchenmusik, hat ein Buch über dieses Lied geschrieben, über welches er bereits auf einer der ersten Seiten schreibt: „Es liegt keine große Dichtung und keine bedeutende Komposition vor, eher ein kleines schlichtes Lied für einen bescheidenen Anlass, das sich im Laufe der Zeit zur Volkstümlichkeit oder gar Trivialität hin entwickelt hat.“[3] Geliebt wurde und wird es trotzdem, und um dem „Geheimnis“ dieses Weihnachtsliedes auf die Spur zu kommen, hilft es, mehr über den Lieddichter zu erfahren und ebenso darüber, wie dieses Lied verbreitet wurde.

 

Der Henker als Pate

 

Joseph Mohr kam so arm auf die Welt wie der Heiland, den er später in seinem Lied besang und dem er Jahrzehnte treu diente. Am 11. Dezember 1792 wurde er als eines von vier unehelichen Kindern von Anna Schoiber in Salzburg geboren. Von seinem Vater, einem Musketier in fürstlichen Diensten, erhielt er nur den Nach­namen, dann desertierte dieser und verschwand. Als Taufpate trat der Henker von Salzburg auf, weil er sich durch die Übernahme dieser Patenschaft eine Verbesserung seiner eige­nen Reputation versprach. Er zahlte neun Gulden für die Zustimmung der Mutter, die dieses Geld dringend benötigte, weil sie eine Strafe dafür zahlen musste, dass sie ein uneheliches Kind zur Welt gebracht hatte. Die Folge dieser Vereinba­rung war, dass der kleine Joseph nun in doppelter Weise stig­matisiert war, als uneheliches Kind und mit dem Henker als Paten.

 

Joseph wohnte mit seiner Mutter und seinen Geschwistern in einem einzigen feuchten Zimmer. Der Junge wuchs in einem Haushalt mit Mutter, Großmutter, Cousine und Halbschwester auf, erst später kam ein Halbbruder hinzu. Es fehlte also eine männliche Bezugsperson, und vielleicht ist die Sehnsucht nach einer solchen väterlichen Person der Grund dafür, dass in dem berühmten Lied von der stillen Nacht von „väterlicher Liebe“, vom „Bruder“ Jesus und von der „Väter ur­grauer Zeit“ gesprochen wird, während die Mütter und selbst die Jesusmutter Ma­ria uner­wähnt bleiben. Und das „heilige Paar“ im ersten Vers der ursprünglichen Liedfassung kann auch als Wunsch nach einer wenn schon nicht heiligen, so doch vollständigen Familie verstanden werden. Wo Joseph Mohr in seiner Kindheit schon nicht in einer intakten Familie aufgewachsen war, sollte dies im Lied we­nig­­stens für das Jesuskind gelten.[4]

 

An eine Schulbildung für Joseph war nicht zu denken. Aber dann hatte Joseph das Riesenglück, dass er auf der Straße einem Domchorvikar begegnete, der auf den Gesang des Kindes aufmerksam wurde, dessen Talent erkannte und dafür sorgte, dass der Neunjährige eine Schul- und Musikausbildung erhielt. Vier Jahre später spiel­te Joseph Mohr bereits Violine, Gitarre und Orgel. Es grenzte trotzdem an ein Wunder, dass der talentierte Junge aus ärmsten Verhältnissen anschließend die Möglichkeit zu einer gymnasialen Ausbildung erhielt und danach ein Priesterse­mi­nar besuchen konnte. 1815 wurde Joseph Mohr zum Priester geweiht, wofür das un­ehe­liche Kind eine Ausnahmegenehmigung des Papstes benötigte.

 

Als Hilfspriester in Oberndorf erfreute sich Joseph Mohr bald großer Beliebt­heit, nicht zuletzt deshalb, weil er gemeinsam mit dem damaligen Pfarrer ne­ben Latein auch die deutsche Sprache in der Messe einführte und die einfachen Leute nun verstehen konnten, was sie hörten und sangen. Als der reformfreudige Pfarrer abberufen und durch einen Amtsbruder ersetzt wurde, der tradi­tiona­listi­sche Vorstellungen vertrat, kam es zum Konflikt. Der neue Pfarrer wollte kein Deutsch in der Messe dulden. Joseph Mohr verteidigte sich und verwies darauf, dass Jesus nicht in Latein, sondern in Aramäisch gepredigt hatte, aber das ärgerte den neuen Pfarrer nur noch mehr. Er beschuldigte den Hilfspriester gegenüber dem erzbischöflichen Ordinariat, seinen Dienst zu vernachlässigen und weitere Ver­fehlungen begangen zu haben. Aber der Rufmord misslang, denn eine ange­reiste Kommission bescheinigte Joseph Mohr, ein guter Priester und hervorragen­der Prediger zu sein. Daraufhin streute der Ortspfarrer in der Gemeinde die Infor­mation, dass der Hilfsprediger ein uneheliches Kind war, damals eine sehr ehren­rührige Angelegenheit.

 

1819 wechselte Joseph Mohr die Gemeinde, die erste von vielen Berufswech­seln, die folgen sollten. Am längsten war der Pfarrer in der Gemeinde Wagrain tätig, von 1837 bis 1848. Hier setzte er sich mit Erfolg für den Bau einer neuen Schule ein, weil vorher 100 Kinder im einzigen Schulraum unterrichtet wurden. Der Pfar­rer engagierte sich auf vielerlei Weise für die Armen des Ortes, darunter für den Bau eines Armen- und Altenheims. Als Joseph Mohr am 4. Dezember 1848 an einer Lungenentzündung starb, war er so arm, wie er auf die Welt gekommen war. Wolfgang Herbst schreibt in seinem „Stille Nacht“-Buch über Joseph Mohr: „Seine Frei­giebigkeit gegenüber armen Leuten hatte ihn im Laufe der Zeit selbst arm gemacht. Er hinterließ nicht viel mehr als ein paar geflickte Gewänder und zwei abgenutzte Talare.“[5] Zur Bezahlung eines Armen­begräbnisses musste seine Gitarre verkauft werden.[6] Diese Gitarre, auf der das erste Mal „Stille Nacht!“ gespielt wurde, ist erhalten geblieben.

 

Die Erfolgsgeschichte eines Liedes

 

Den Erfolg seines Liedes hat Joseph Mohr – im Gegensatz zum Komponisten Franz Xaver Gruber – nicht mehr erlebt. Auch wenn das Lied die Gemeinde in Obern­dorf tief beeindruckte, dauerte es einige Jahrzehnte, bis es überregional bekannt wurde. Vom Salzburger Land wurde es über das Zillertal in Tirol bis nach Leipzig weitergegeben, wo es 1833 das erste Mal auf einem Liedblatt gedruckt wurde. Aber in ein Gesangbuch, das Salzburger Kirchenliederbuch, wurde es erst 1866 aufgenommen. In Norddeutschland machte Johann Hinrich Wichern das Lied bekannt, der es mit den Kindern des Rauhen Hauses sang. Und von Hamburg reiste Wicherns Tochter Caroline als Lehrerin nach England und nahm das Lied von der stillen Nacht mit ins britische Königreich, wo es rasch populär wurde.[7]

 

Das Lied hat sechs Strophen, aber in den heutigen evangelischen Gesangbüchern sind nur noch drei Verse abgedruckt, die Verse 1, 2 und 6. Außerdem wur­den einige sprachliche Veränderungen vorgenommen, von denen die wichtigste ist, dass „Jesus“ durch „Christ“ ersetzt wurde. Hier die Originalfassung des Liedtextes von Joseph Mohr:

 

1. Stille Nacht! Heilige Nacht!
Alles schläft; einsam wacht
Nur das traute heilige Paar.
Holder Knab im lockigten Haar,
Schlafe in himmlischer Ruh!
Schlafe in himmlischer Ruh!

2. Stille Nacht! Heilige Nacht!
Gottes Sohn! O wie lacht
Lieb´ aus deinem göttlichen Mund,
Da schlägt uns die rettende Stund´.
Jesus in deiner Geburt!
Jesus in deiner Geburt!

3. Stille Nacht! Heilige Nacht!
Die der Welt Heil gebracht,
Aus des Himmels goldenen Höhn
Uns der Gnaden Fülle läßt seh´n
Jesum in Menschengestalt,
Jesum in Menschengestalt.

4. Stille Nacht! Heilige Nacht!
Wo sich heut alle Macht
Väterlicher Liebe ergoß
Und als Bruder huldvoll umschloß
Jesus die Völker der Welt,
Jesus die Völker der Welt.

5. Stille Nacht! Heilige Nacht!
Lange schon uns bedacht,
Als der Herr vom Grimme befreit,
In der Väter urgrauer Zeit
Aller Welt Schonung verhieß,
Aller Welt Schonung verhieß.

6. Stille Nacht! Heilige Nacht!
Hirten erst kundgemacht
Durch der Engel Alleluja,
Tönt es laut bei Ferne und Nah:
Jesus der Retter ist da!
Jesus der Retter ist da!

 

 

1. Stille Nacht, heilige Nacht!
Alles schläft, einsam wacht
Nur das traute, hochheilige Paar.
Holder Knabe im lockigen Haar,
Schlaf in himmlischer Ruh,
Schlaf in himmlischer Ruh.

 

2. Stille Nacht, heilige Nacht!
Gottes Sohn, o wie lacht
Lieb aus deinem göttlichen Mund,
Da uns schlägt die rettende Stund,
Christ, in deiner Geburt,
Christ, in deiner Geburt.

 

3. Stille Nacht, Heilige Nacht!
Hirten erst kundgemacht,
Durch der Engel Halleluja.
Tönt es laut von fern und nah:
Christ, der Retter ist da,
Christ, der Retter ist da!

 

Die Stille-Nacht-Gesellschaft setzt sich dafür ein, dass wieder alle sechs Verse in die Gesangbücher aufgenommen und gesungen werden. Der Präsident der Gesellschaft, Michael Neureiter, hat betont: „… auch diese Strophen haben es in sich – das Heil für die Welt, die Völker der Welt, die Schonung aller Welt!“[8] Gerade wenn man alle sechs Verse singt, ist man vor Weihnachtskitsch bewahrt, hat Hans-Jürgen Abromeit, der Bischof der damaligen Pommerschen Evangelischen Kirche (heute ein Teil der Nordkirche), 2007 in einer Weih­­­nachts­predigt betont: „So still und verhalten die ursprünglich für Gitarrenbegleitung geschriebene Melodie auch ist, das Lied ‚Stille Nacht, heilige Nacht’ verkitscht nicht die Weihnachtsbotschaft, sondern umreißt mit wenigen Strichen die Welt, in die hinein ‚der Retter geboren ist’. Es ist eine Welt, gekennzeichnet von Konflikten und Unfrieden – in der Familie, zwischen Arm und Reich, zwischen den Völkern. Genau diese so unerlöste Welt will der in der Krippe geborene Heiland erlösen.“[9]

 

Zu den drei Versen des Liedes, die in den Kirchengesangbüchern nicht zu finden sind, sagte der Landesbischof in seiner Predigt: „Sie betonen die Herablassung Gottes, der ‚aus des Himmels goldenen Höhen’ ‚in Menschengestalt’ zu uns gekommen ist. Gottes väterliche Liebe umschließt arm und reich und die ver­schiedenen Völker dieser Erde. Der Mensch gewordene Jesus ist Bote der ‚väterlichen Liebe’. Als Bruder unter Geschwistern schließt er die verschiedenen Völker der Welt, die unter Spannungen, Konflikten und Kriegen leiden, ‚huldvoll’ zusam­men.“[10] Hier sei angefügt, dass Joseph Mohr das Lied 1816 in einer Zeit geschrie­ben hat, in der das Salzburger Land nach Jahren der kriegerischen Auseinandersetzungen während der napoleonischen Kriege und der anschließenden Konflikte von Österreich und Bayern um die Kontrolle über die Grenzregionen um Salzburg endlich Frieden gefunden hatte. Die Hoffnung auf göttliche Liebe und Frieden hatte also einen ganz realen politischen Hintergrund.

 

Diejenigen, die das Lied kategorisch ablehnen, stören sich unter anderem an der Formulierung vom „holden Knaben mit lockigem Haar“. Diese Formulierung hatte bei Joseph Mohr einen einfachen Hintergrund: In den Kirchen, in denen er im Salzburger Land predigte, wurde das Jesuskind damals auf Gemälden mit lockigem Haar dargestellt. Der Lieddichter übernahm hier also ein in seiner Umgebung weit verbreitetes Bild von Jesus. Diese Beschreibung im Lied war, schreibt Wolfgang Herbst in seinem „Stille Nacht“-Buch, „nichts anderes als eine Liebeserklärung der frommen Gemeinde an die von ihren Kirchen und Altarbildern her bekannte Gestalt Jesu“.[11] Die ganze Problematik dieser Wortwahl wurde erst deutlich, als das Lied in ganz anderen Zeiten und in ganz anderen Teilen der Welt gesungen wurde.

 

Auffällig am ersten Vers des Liedes ist die idyllische Darstellung der Geburtsszene als „himmlische Ruh“. Dazu noch einmal Wolfgang Herbst: „Hier gibt es keine Flucht, keine vergebliche Quartiersuche, keine Obdachlosigkeit und keinen ärmlichen Stall. Die Nacht ist still und heilig, und kein Schmerz der Geburt stört die Ruhe.“[12] Zu dieser Idylle, wie sie in der Zeit geschätzt wurde, in der das Lied populär wurde, im Biedermeier, passt die Formulierung „hochheiliges Paar“. Jo­seph Mohr hatte in seiner Fassung des Liedes lediglich vom „heiligen Paar“ gespro­chen. Aber das reichte nun nicht mehr, und Wolfgang Herbst schreibt: „Das traute Ehepaar mit dem hübsch aussehenden Kind wird zum Zentrum der Verehrung. Das entspricht den aufkommenden Weihnachtsbräuchen, der romantischen Vorstel­lung vom häuslichen Weihnachtsfrieden und dem hohen Rang, den die Fami­lien­weihnacht seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts im Wertesystem der geho­benen Gesellschaftsschichten eingenommen hatte.“[13]

 

Das „Stille Nacht“-Lied wur­de zu dem sentimentalen Lieblingsweihnachtslied einer privatisierten Religiosität. Die Versöhnung der Völker war für diese Weihnachtsstimmung nicht mehr nötig, und das ist ein Grund dafür, dass das Lied auf drei Strophen reduziert wurde. Zur Popularität des Weihnachtsliedes trug auch eine veränderte, gefühlvollere Melodie bei. Dass dieses Lied eines katholischen Pfarrers und katholischen Organisten in der Biedermeierzeit gerade von dem evangelischen Herrscherpaar Friedrich Wilhelm III. und Luise von Preußen pro­pa­giert wurde, erklärt sich daraus, dass das preußische Königshaus erkannt hatte, dass sich mit einer sentimentalen, priva­ti­sierten Religiosität der Untertanen gut regieren ließ. Der König wurde zum Fami­lien­vater des Staates stilisiert, umgeben von einer königlichen Familie, die so dargestellt wurde, dass sie den Idealvorstellungen einer Biedermeierfamilie ent­sprach.[14] Das anscheinend unpolitische Lied nach der Til­gung von drei Strophen erweist sich als hochpolitisch. Aber aus dem Jesus der Völker der Welt, der das kommende Heil verheißt, wurde ein holder Knabe gemacht, der den gesellschaftlichen Status quo stabilisieren sollte.

 

Dieser sentimental dargestellte Jesus im Zentrum einer weihnachtlichen Idylle war vielen Theologen des 19. und 20. Jahrhunderts wohl vor allem aus einem ande­ren Grunde suspekt. Sie fürchteten, dass die sich immer weiter ausbreitende Weihnachtskultur den Tod und die Auferstehung Jesu in den Hintergrund drängen könnte, die ihnen theologisch betrachtet viel wichtiger waren. Das in den Kir­chen­ge­meinden so populäre „Stille Nacht“-Lied wurde gewissermaßen zum Feindbild für all jene Theologen, die Ostern und das Kreuz in den Mittelpunkt des Glaubens stellen wollten und nicht Weihnachten und Krippe. Wenn die Krippe dargestellt werden sollte, dann doch möglichst mit einem Kreuzsymbol, um der Idylle die Erinnerung an das bittere Leiden zur Seite zu stellen. Diese Ausein­an­der­setzung spitzte sich zu bei der Debatte um die Aufnahme des „Stille Nacht“-Liedes in die kirchlichen Gesangbücher, während es problemlos in Volksliedersammlungen verbreitet wur­de.

 

Die Vorbehalte blieben erhalten, obwohl in den neueren Fassungen des Liedes „Jesus“ durch „Christus“ ersetzt wurde, also der auferstandene Heiland stärker in den Blick kam. 1950 wurde das Lied aus dem Evangelischen Gesangbuch verbannt, und viele Pastoren und Kirchenmusiker weigerten sich, das Lied in Weihnachtsgottesdienste aufzunehmen. Aber es blieb dennoch das beliebteste Weihnachtslied vieler Gläubigen. Sie konnten sich schließlich durchsetzen. 1993 ist das Lied wieder in das Evangelische Gesangbuch aufgenommen worden und zwar in der textlichen und melodischen Fassung von Johann Hinrich Wichern, dem Grün­der des Rauhen Hauses und Vater der Inneren Mission.[15]

 

In aller Welt gesungen

 

Dass spezifisch katholische Elemente der Weihnachtstradition wie die Marienver­ehrung in dem Lied fehlen, hat es ermöglicht, dass das Lied auch von evangelischen Christinnen und Christen gern und mit tiefer Rührung gesungen wird. Heute erklingt das Lied in über 300 Sprachen und Dialekten. Die internationale Be­kannt­heit des Liedes hat schon seit Jahrzehnten zu vielfältigen Bemühungen geführt, die „Stille Nacht!“ kulturell und touristisch zum Thema zu machen. 1934 wurde der Film „Das ewige Lied“ gedreht, der die Entstehung des Liedes mit einer Liebesge­schichte verknüpfte und heute in die Kategorie „sentimentaler Heimatfilm“ einge­ord­net wird. 1997 kam der zweite Film zu diesem Thema mit dem Titel „Das ewige Lied“ in die Kinos. Er wurde von der Zeitschrift „Cinema“ als spannender „Alpenwestern“ klassifiziert.

 

In Salzburg entstand ein kleines Museum im Geburtshaus Mohrs. Das Salzburger Land schmückt sich mit dem Beinamen „Stille Nacht Land“, und in insgesamt sechs Orten wird an das Leben und Wirken von Textdichter und Komponist des Liedes erinnert. In Oberndorf wurde auf dem Grund der St. Nikolaus-Kirche die Stille-Nacht-Kapelle errichtet, in der nur 30 Personen Platz finden, viel zu wenig am Hei­lig­abend.[16] In der Nähe halten ein Denkmal, ein Museum, ein Café und ein Weihnachtsmarkt die Erinnerung an das wichtigste Ereignis in der Geschichte des 6.000­-Einwohner-Ortes wach. In Wagrain kann die Grabstätte Mohrs besucht werden, und eine Dauerausstellung erinnert an ihn. Für Touristen werden „Themenpackages“ rund um das Lied angeboten, inklusive Übernachtungen, Skipass und Eintritt in ein Allwetterbad. Unter den Touristen, die sich auf die Spuren des Liedes begeben, sind auffallend viele Japaner.

 

Die Stille-Nacht-Gesellschaft hat sich bemüht, dass das Lied „Stille Nacht!“ als immaterielles UNESCO-Kulturerbe anerkannt wird. Michael Neureiter begründete diesen Antrag so: „Das Lied regt zur Besinnung an, prägt die Festkultur, fördert den Frieden – und fordert Verantwortung für die Welt.“ Im März 2011 wurde das Lied tatsächlich in die Liste des immateriellen Kulturerbes der UNESCO in Österreich aufge­nommen.[17] Der Präsident der Stille-Nacht-Gesellschaft stellte aus diesem An­lass fest: „Wir sehen das Anliegen des Lieds als inter­kon­fessionelle Botschaft und über die christlichen Kirchen hinaus als interreligiöse Botschaft.“[18]

 

© Frank Kürschner-Pelkmann

 

 

 



[1] Vgl. hierzu: Marco Lauer: Stille Nacht, heilige Nacht – Sechs Strophen für die Ewigkeit, Badische Zeitung, 24.12.2009

[2] Vgl. Tilman Spreckelsen: Keiner schläft, alles singt, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.12.2010

[3] Wolfgang Herbst: Stille Nacht! Heilige Nacht!, Die Erfolgsgeschichte eines Weihnachtsliedes, Zürich und Mainz 2002, S. 9

[4] Vgl. ebenda, S. 36

[5] Ebenda, S. 31

[6] Vgl. Marco Lauer: Stille Nacht, heilige Nacht – Sechs Strophen für die Ewigkeit, a.a.O.

[7] Vgl. Josef Toplak: Die Erinnerungsmelodie, Wie „Stille Nacht“ um die Welt ging, in: Weihnachten, Publik-Forum Extra, 6/2009, S. 27f.

[8] Appell der Stille-Nacht-Gesellschaft zum Weihnachtsfest, www.stillenacht.at

[9] Hans-Jürgen Abromeit: Wie geht es der heiligen Familie?, Predigt am 24.12.2007 im Dom von Greifswald, zu finden auf der Website www.dom-greifswald.de

[10] Ebenda

[11] Wolfgang Herbst: Stille Nacht!, a.a.O., S. 41

[12] Ebenda, S 35

[13] Ebenda, S. 37

[14] Vgl. ebenda

[15] Vgl. ebenda, S. 102

[16] Vgl. Stille Nacht, Die Welt, 20.12.2008

[17] Vgl. Thomas Morell: „Stille Nacht“ fehlen drei Strophen, epd-Bericht, 8.12.2011, auf www.evangelisch.de und Blätter der Stille-Nacht-Gesellschaft, Dezember 2011, S. 6f.

[18] Blätter der Stille-Nacht-Gesellschaft, Dezember 2011, S. 6