Dietrich Bonhoeffer

 

„Da die Räume in unserer Berliner Wohnung groß und hoch sind, ist auch der Christbaum mächtig, er reicht bis zur Decke mit einem großen Stern an der Spitze. Unser Christbaum wird nicht nach ästhetischen Gesichtspunkten geschmückt, sondern er wird ganz im Hinblick auf die Kinder behängt. Zuerst hängen wir die von uns blank geriebenen roten Äpfel auf, weil sie schwer sind und die Zweige niederhalten, dann befestigen wir die Kerzen … Während wir den Baum schmücken, singen wir ein Weihnachtslied nach dem anderen. Dietrich liebt besonders ‚Tochter Zion, freue dich’. Wenn die Kerzen aufgesteckt sind, hängt jeder ein buntem Durcheinander auf, was immer er an Weihnachtsschmuck in den Kästen vorfindet, in de­nen der Christbaumschmuck aufbewahrt wird. Da sind wunderliche Dinge, bunte glän­zende Vögel mit Glasschleifen, Wachsengelchen, Tannenzapfen, vergoldete Nüs­se, kleine silberne Trompeten, allerliebste Glöckchen und Kugeln über Kugeln in allen Farben.“[1] So hat Sabine Leibholz-Bonhoeffer, die Zwillingsschwester von Dietrich Bonhoeffer (geboren am 4. Februar 1906 in Breslau), das Schmücken des Weihnachtsbaums in ihrer Familie in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg beschrie­ben.

 

Karl Bonhoeffer, Professor für Psychiatrie und Neurologie in Berlin, seine Frau Paula und ihre acht Kinder waren wohlhabend und lebten in einer großen Wohnung im Berliner „Professorenviertel“ nahe dem Bahnhof Bellevue.[2] Es konnten auch viele der Geschenkwünsche erfüllt werden, die die Kinder auf Zetteln an das Christ­kind schrieben. Aber für die Bonhoeffers gehörte auch das Teilen mit anderen Menschen zum Weihnachtsfest. Deshalb mussten die Kinder in der Vorweihnachtszeit von ihren reichlich vorhandenen Büchern und Spielsachen einiges abgeben, damit es kranken Kindern in der Berliner Charité zu Weihnachten geschenkt wer­den konnte. Sa­bine Leibholz-Bonhoeffer meinte später, dass dies vor allem eine pä­dagogische Maß­nahme ihrer Eltern war, damit die Not anderer Kinder nicht über­­sehen wurde. Zu den Weihnachtstraditionen gehörte auch, dass Paula Bon­hoeffer jedes Jahr eine Bescherung für arme und in Not lebende Menschen durchführte. Die Kinder der Familie wurden einbezogen, indem sie für die Besucher Krippenspiele aufführten und die Weihnachtsgeschichte aufsagten.

 

War das Weihnachtsfest herbeigekommen, wurde auch die Krippe mit Strohdach und Kometen darüber, Heiliger Familie, Hirten und den drei Königen mit ih­ren Kamelen aufgestellt. An den Heiligen Abend erinnerte sich die Tochter in ihrem Buch „Weihnachten im Hause Bonhoeffer“ so: „Gegen achtzehn Uhr werden wir her­beigerufen, weil unsere Weihnachtsfeier beginnen soll. Dieses ist ein großer, er­regender Augenblick für uns Kinder. Doch bei den Erwachsenen ist jetzt alle Hetze und Unruhe wie weggeblasen. Feierlichkeit, Festfreude und andächtige Stille gehen von ihnen aus und teilen sich uns mit … Die Feier am Heiligen Abend beginnt bei uns immer mit der Weihnachtsgeschichte. Unsere Mutter liest sie mit fester klarer Stimme vor.“[3] Wenn die Mutter dann „Dies ist der Tag, den Gott ge­macht“ anstimmte, war sie selbst von dem Lied so gerührt, dass ihr Tränen kamen, was die Kinder zugleich ergriff und bedrückte. Nachdem viele Weihnachtslieder ver­klun­gen waren, versammelte sich die Familie unter dem hell erleuchteten Weihnachts­baum im Esszimmer, und es wurden die Geschenke unter allen Fami­lienmit­glie­dern ausgetauscht, wobei „ein ziemlicher Trubel“ entstand. Dann war es Zeit für Gänseleberpastete und Putenbraten.

 

So ähnlich wie bei den Bonhoeffers dürfte das Weihnachtsfest bei vielen wohlhabenden Berliner Familien in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg abgelaufen sein, wobei auffällt, dass in den Erinnerungen von Sabine Leibholz-Bonhoeffer kein Gottesdienstbesuch in den Weihnachtstagen vorkommt, sondern das mehrtägige Fest mit einer Wanderung im Grunewald und einem Verwandtenbesuch ausklang. Dabei kam Paula Bonhoeffer aus einer Pfarrerfamilie, und ihr Vater war sogar Hofpre­diger von Kaiser Wilhelm II. gewesen. Der Bonhoeffer-Biograf Eberhard Bethge schrieb zur Religiosität der Familie Bonhoeffer: „So war das christliche Wesen in diesem Hause mehr hinter- und untergründig zu spüren. Bestimmend war die bür­ger­lich-empiristische Atmosphäre. Dahin ten­dier­ten die älteren Brüder mit ihren Freund­schaften und Interessen, und dahin wirkte der kritisch-nüchterne Sinn des Vaters.“[4] Daher war es durchaus überraschend, dass Dietrich Bonhoeffer schon als Kind den Entschluss fasste, Theologe zu werden.

 

Theologische Studien und Krippenspiele

 

Dietrich Bonhoeffer und seine Geschwister wurden in den ersten Schuljahren von der Mutter unterrichtet, denn die Eltern waren überzeugt, dass den Deutschen das Rückgrat in der Schule und beim Militär gebrochen würde.[5] Wie für viele andere Familien bedeutete der Erste Weltkrieg auch für die Bonhoeffers eine Zäsur des Lebens und auch der Weihnachtstraditionen. Im Krieg fehlten bei den weihnachtlichen Feiern nicht nur die ältesten Söhne, die als Soldaten ein­ge­zogen worden waren, sondern die Feste wur­den auch sehr viel beschei­dener, besonders im „Steckrübenwinter“ 1917/18. Nach dem Krieg gehörte der Be­such am Grab des im Krieg getöteten Sohnes Walter zu jedem Weihnachtsfest der Familie.

 

Dietrich Bonhoeffer studierte von 1923 an Theologie, zuerst in Tübingen und dann in Berlin, wobei er sich auch ausführlich mit philosophischen The­men beschäftigte. Wie andere Studenten setzte er sich intensiv mit den theologi­schen Gedanken Karl Barths auseinander und versuchte, dessen Vorstellungen von der göttlichen Offenbarung in Einklang mit den theologischen Er­kennt­nissen auf der Grundlage der historisch-kritischen Methode zu bringen. Den Verfechtern der historisch-kritischen Methode warf Dietrich Bonhoeffer vor „… nach einer vollkommenen Zertrümmerung der Texte verlässt die Kritik den Kampfplatz, Schutt und Splitter hinterlassend, ihre Arbeit scheint erledigt“.[6] Einen Weg zu­rück hinter die Erkenntnisse der modernen Theologie wollte Dietrich Bonhoeffer aber auch nicht gehen.

 

An das Theologiestudium schloss Dietrich Bonhoeffer die Arbeit an einer Dissertation an, die er nach zwei Jahren abschließen konnte. In seiner Arbeit wandte er sich gegen die damals in der wissenschaftlichen evange­li­schen Theologie weit verbreitete negative Einstellung gegenüber der realen Kirche. Dietrich Bonhoeffer setzte dagegen: „Ressentiment und dogmatischer Leichtsinn sollten uns nicht kurzerhand unsere geschichtliche evangelische Kirche nehmen kön­­nen.“[7] Für grundlegend reformbedürftig hielt er diese Kirche gerade aus der Liebe zu ihr aber doch.

 

1928 nahm Dietrich Bonhoeffer das Angebot an, als Vikar nach Barcelona zu gehen. Seine erste Aufgabe in der deutschen Auslandsgemeinde bestand darin, einen regelmäßigen Kin­der­gottes anzubieten. Bald kamen regelmäßig etwa 40 Kinder. Zu seinen Aufgaben gehörte ein weihnachtliches Krippenspiel, das er wo­chen­lang mit den Kindern einstudierte und dessen Aufführung zu einem großen Er­folg wurde. [8]

 

Nach einem Jahr kehrte Dietrich Bonhoeffer nach Berlin zurück und konnte im Juli 1930 sein zweites theologisches Examen erfolgreich ablegen und seine Habilitation abschließen. Er erhielt ein Sti­pen­dium, um ein Jahr lang am angesehenen „Union Theological Seminary“ in New York zu studieren. Der USA-Aufenthalt hat dazu beigetragen, den eigenen ökumenischen Horizont zu erweitern und ökumenische Erfahrungen zu sammeln.

 

Mitte 1931 kam Dietrich Bonhoeffer zurück in ein Berlin, wo sich die politi­schen Auseinandersetzungen weiter zugespitzt hatten. Der junge Theologe sah sich bald mit einer Dreifachbelastung konfrontiert: als Privatdozent bzw. Assistent an der Universität, als Stu­dentenpfarrer und als Hilfsprediger in der Zionsgemeinde in Berlin. Im August 1931 erhielt Dietrich Bonhoeffer die Möglichkeit, als Mitglied der deutschen Dele­gation an einer Tagung des „Weltbundes für internationale Freundschaftsarbeit der Kirchen“ in Cambridge teilzuneh­men. Dieser Weltbund gehörte zu den wichtigen Vorgängerorganisationen des Ökumenischen Rates der Kirchen, und die Tagung bot dem jungen Theologen die Gelegenheit, viele führende Mitglieder der weltweiten öku­me­nischen Bewegung kennenzulernen.

 

Der konsequente Weg in den Widerstand

 

Der 31. Januar 1933, an dem Hitler an die Macht kam, veränderte auch das Leben von Dietrich Bonhoeffer grundlegend. Die erste Predigt des jungen Pfarrers hatte das Thema „Christentum heißt Entscheidung“ getragen. Nun war die Zeit der Entscheidung gekommen, und ohne Zögern schloss er sich nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten den – we­ni­gen – in der Kirche an, die vergeblich den Anfängen der Diktatur wehren wollten. Früher als viele andere erkannte er die Gefahren des von den Nazis pro­pagierten Antisemitismus. Bereits im Juni 1933 erschien sein Aufsatz „Die Kir­che vor der Judenfrage“. Darin prangerte der junge Theologe nicht nur den in den Kirchen weit verbreiteten Antijudaismus an, sondern rief auch zur Unterstützung aller Opfer des neuen Regimes auf, unabhängig davon, ob sie Christen waren: „Die Kirche ist den Opfern jeder Gesellschaftsordnung in unbe­ding­ter Weise verpflichtet, auch wenn sie nicht der christlichen Gemeinde zuge­hören.“[9]

 

Es reiche nicht, die Opfer unter dem Rad zu verbinden, sondern es gelte, dem Rad selbst in die Speichen zu fallen. Dietrich Bonhoeffer gehörte zu den Initiatoren des Pfarrernotbundes und enga­gier­te sich in der entstehenden Bekenn­enden Kirche. Schon früh setzte er sich mit den „Deutschen Christen“ ausein­ander, die das nationalsozialistische Gedankengut in der Kirche propagierten und alle Leitungsämter in der Kirche übernehmen wollten. Dietrich Bonhoeffer tat alles, damit sie in der weltweiten Ökumene nicht als einzige Stimme der evangelischen Christenheit Deutsch­lands auftreten konnten.

 

Inzwischen hatte Bonhoeffer eine Pfarrstelle für eine lutherische und eine reformierte deutsche Auslandsgemeinde in London übernommen. Dort führte er einen Kindergottesdienst ein und übte – wie schon in seiner Vikarszeit in Barce­lona – mit den Kindern ein Krippenspiel ein.[10] Am 17. Dezember 1933 hielt Dietrich Bon­hoef­fer eine Predigt über das Magnifikat (Lukas 1,46-55), in der er sich mit der Thema­tik der Niedrigkeit beschäftigte. Er sagte in dieser Predigt: „Gott schämt sich der Nied­rigkeit des Menschen nicht. Er geht mitten hinein, erwählt einen Menschen zu seinem Werkzeug und tut seine Wunder dort, wo man sie am wenigsten erwar­tet. Gott … liebt das Verlorene, das Unbeachtete, Unansehnliche, das Ausge­stoßene, das Schwache und Zerbrechliche.“[11]

 

Das hat auch gesellschaftliche und politische Auswirkungen: „Der Thron Gottes in der Welt ist nicht auf den menschlichen Thro­nen, sondern in den menschlichen Abgründen und Tiefen, in der Krippe ... Wir wollen in wenigen Tagen Weihnachten feiern und nun einmal wirklich als Fest des Christus in unserer Welt. Da müssen wir vorher noch etwas bereinigen, was in unserem Le­ben eine große Rolle spielt. Nämlich wir müssen uns klar werden, wie wir angesichts der Krippe künftighin über hoch und niedrig im menschlichen Le­ben denken wol­len.“[12] Und gegen Ende der Predigt hat Dietrich Bonhoeffer der Londoner Gemeinde gesagt: „Ob dieses Weihnachten uns dazu helfen wird, noch einmal an die­sem Punkt radikal umzudenken und zu wissen, dass unser Weg, sofern er ein Weg zu Gott sein soll, uns nicht auf die Höhen, sondern ganz wirklich in die Tiefen, zu den Geringen führt?“[13]

 

Dietrich Bonhoeffer zuzuhören bedeutet, Abschied von einer Theologie zu neh­men, die Weihnachten nur als zweitrangiges kirchliches Fest anerkannt, weit zurückstehend gegenüber Ostern. Für ihn war Weihnachten ein Fest der Entscheidung, ein Fest der Umkehr, in dessen sichtbarem Zentrum die Krippe steht. Der Ernst der Nachfolge stellte sich für Dietrich Bonhoeffer nicht erst angesichts des Kreuzes, sondern bereits angesichts von Magnifikat und Kind in der Krippe. Damit verknüpft ist, dass er das Weihnachtsfest mit seinen ganzen Tradi­tionen wie dem Beisammensein und dem Krippenspiel gern gefeiert hat, aber nicht als weltentrücktes idyllisches Fest, sondern als Anlass, die Botschaft dessen ernst zu nehmen, der in einem Stall zur Welt kam und sich mit aller Konsequenz an die Seite der Niedrigen gestellt hat. Man könnte also sagen, dass es für diesen Theolo­gen nicht nur keine „billige Gnade“ gab, sondern auch kein „billiges Weihnachten“.

 

Von London aus reiste Dietrich Bonhoeffer mehrmals nach Deutschland, um die Kräfte in der Kirche zu unterstützen, die sich gegen die Machtübernahme der „Deutschen Christen“ zur Wehr setz­ten. Vor allem aber nutzte Diet­rich Bonhoeffer seine Tätigkeit in London, um ökumenische Kontakte zu vertiefen und die englische Kirche und andere Kirchen in Europa über das tatsächliche Gesche­hen in Deutsch­land aufzuklären.

 

Wegen seiner Tätigkeit in London nahm Dietrich Bonhoeffer nicht an der Bekenntnissynode in Barmen im Mai 1934 teil, auf der Vertreter der deutschen Lan­deskirchen einstimmig die von Karl Barth entworfene „Barmer Erklärung“ verab­schie­deten. Dietrich Bonhoeffer unterstützte die Erklärung, auch wenn er bedau­erte, dass darin kein deutliches Wort zur Verfolgung der Juden zu finden war. Er stellte sich in den Dienst der entstehenden Bekennenden Kirche und kehrte deshalb schon nach eineinhalb Jah­ren aus London nach Deutschland zurück, um die Lei­­tung des Predigerseminars der Bekennenden Kirche in Finkenwalde in Pom­mern zu übernehmen.

 

Die Theologie der „Zugluft des modernen Denkens“ aussetzen

 

Dietrich Bonhoeffer hat inmitten der kirchenpolitischen Auseinandersetzungen der 1930er Jahre seine theologischen Gedanken weiterentwickelt, zu deren Grundlagen es gehörte, dass jede Theologie einen Bezug zum Alltag der Menschen und moder­nen geistigen Tendenzen haben muss. Dazu schrieb Ferdinand Schlin­gen­sie­pen in seiner Bonhoeffer-Biografie: „Bonhoeffer wollte die Theologie der ‚Zugluft des modernen Den­kens’ aussetzen. Er bestand darauf, dass die kirchliche Botschaft immer kon­kret die Wirklichkeit der Welt treffen muss. Zeitlose Wahrhei­ten hielt er für nutzlos, denn ‚was immer wahr ist, ist gerade heute nicht wahr’.“[14] Er hat dies vorgelebt, indem er das Engagement in Kirche und Gesellschaft mit dem theologischen Nachdenken verband.

 

In friedlosen Zeiten gehörte Frieden zu den zentralen Dimensionen in Dietrich Bonhoeffers Theologie, und dies wird auch in einer Predigtmeditation zum Weihnachtsfest deutlich: „Nur wo man Jesus nicht herrschen lässt, wo menschlicher Egoismus, Trotz, Hass und Begehrlichkeit sich ungebrochen ausleben dürfen, dort kann kein Friede sein. Wenn heute unsere christlichen Völker zerrissen sind in Krieg und Hass, ja wenn selbst die christlichen Kirchen nicht zueinanderfinden, dann ist das nicht die Schuld Jesu Christi, sondern Schuld der Menschen, die Jesus Chris­tus nicht herrschen lassen wollen. Dadurch fällt aber die Verheißung nicht hin, dass ‚des Friedens kein Ende’ sein wird, wo das göttliche Kind über uns herrscht.“[15]

 

Die Verfolgung der jüdischen Mitmenschen war für Dietrich Bonhoeffer früher und entschiedener als für andere Mitglieder der Bekennenden Kirche ein Verbrechen, zu dem die Kirche klar und entschieden Stellung beziehen musste. Be­rühmt geworden ist sein Satz: „Wir dürfen nicht gregorianisch singen, wenn um uns herum die Ausrottung der Juden vorbereitet wird.“[16]

 

Auch heute noch diskutiert werden Dietrich Bonhoeffers Auffassungen von der Erneuerung der Kirche. Die Kirche müsse ihren Platz in einer „mündigen Welt“ finden, also aufs Neue versuchen, Glaube und Vernunft in Einklang zu bringen. Die Kirche, war Dietrich Bonhoeffer überzeugt, darf sich nicht nur mit sich selbst beschäftigen und um ihrer selbst bestehen, sondern muss zu einer „Kirche für an­dere“ werden.

 

Eine Inspiration für die Befreiungstheologie

 

Dietrich Bonhoeffers theologische Überlegungen dazu, wie die Kirche in Zeiten des Unrechts und der Unterdrückung nicht schweigen darf, sondern entschieden Partei ergreifen muss, hat in den letzten Jahrzehnten engagierte Christinnen und Chris­ten in vielen Ländern der Welt in ihrer Haltung gestärkt und ihnen Orien­tierung ge­geben. Dies gilt besonders für Lateinamerika, wo Dietrich Bonhoeffer vielleicht der bekannteste deutsche Theologe des 20. Jahrhunderts ist.[17] Gustavo Gui­tér­rez, der „Vater“ der lateiname­ri­kanischen Befreiungstheologie, hat sich intensiv mit diesem Theologen beschäftigt und u. a. geschrieben: „Die Feststellung, Gott leide am Kreuz, bringt ihn dazu, das ungerechte Leiden derer, die immer unten sind, abzulehnen und im Sinn der Bibel das Recht auf Leben in all seinen Dimensionen zu fordern. Einmal mehr eröffnet ihm tiefer Sinn für Gott eine Sensibilität für die Armen.“[18]

 

In Südafrika haben das Leben und die Theologie Dietrich Bonhoeffers vielen The­­o­logen und Gemeindemitgliedern Kraft und Wegweisung gegeben, die sich ge­gen die Apartheid engagiert haben. Dies zeigte sich eindrucksvoll bei einem Interna­tio­na­len Bonhoeffer-Kongress Anfang 1996 in Kapstadt. Frank Chi­kane, in der letzten Phase des Apartheidregimes als Generalsekretär des Südafri­kanischen Kirchenrates massiven Verfolgungen und Morddrohungen ausgesetzt, bekannte während dieses Kongresses, welche Bedeutung für ihn die Texte in „Wi­der­stand und Ergebung“ gehabt haben: „Hätte ich im Gefängnis nicht diese Briefe in die Hand bekommen – ich hätte wohl die Haft nicht überlebt.“[19]

 

Mord in den letzten Kriegstagen

 

Für Dietrich Bonhoeffer hatte sein Engagement gegen das Unrecht und für die Opfer des Unrechts bittere Konsequenzen. Zunächst einmal musste er erleben, dass viele seiner Mitchristinnen und Mitchristen dem Naziregime zwar ablehnend gegenüberstanden, aber nicht bereit waren, den Weg des Widerstandes zu gehen. Selbst viele Pfarrer der Bekennenden Kirche enttäuschten Dietrich Bon­hoeffer, weil sie sich nicht entschlossen und entschieden an die Seite ihrer jüdi­schen Mitbürgerinnen und Mitbürger stellten.

 

Die Pfarrerausbildung war nun nicht mehr in Finkenwalde möglich, sondern musste heimlich an anderen Orten stattfinden. Einen Kom­promiss mit den „Deutschen Christen“, gar eine Akzeptanz ihrer Unterwan­de­rung der Kirche, lehnte Dietrich Bonhoeffer entschieden ab: „Wenn ich in den falschen Zug einsteige und dann im Gang in die Gegenrichtung laufe, komme ich dennoch am falschen Ort an.“[20]

 

Nach Kriegsausbruch wurde Dietrich Bonhoeffer zu einem Mitwisser einer Verschwörergruppe, zu der sein Schwager Hans von Dohnanyi gehörte, und bald auch zu ihrem Berater. Um noch wirksamer für den Widerstand arbeiten und vor allem Auslandskontakte aufbauen zu können, wurde Dietrich Bonhoeffer im Oktober 1940 zur Tarnung als V-Mann für die militärische Abwehr rekrutiert, deren Chef Admiral Wilhelm Canaris zu den Verschwörern gehörte. Als neuer Mitarbeiter des Geheimdienstes reiste Dietrich Bonhoeffer unter Vorwänden zu verdeckten Missionen ins Ausland und konnte Gespräche mit führenden Persönlichkeiten der weltweiten Kirche führen.

 

Im Januar 1943 verlobte sich Dietrich Bonhoeffer mit Maria von Wedemeyer, aber die gemeinsame Zeit war kurz, denn der frisch Verlobte blieb der Widerstandsbewegung gegen Hitler verbunden, die keinen anderen Weg mehr sah, als den Tyrannen zu töten. Ein Attentatsversuch auf Adolf Hitler am 13. März 1943 scheiterte, weil eine Bombe, die in sein Flugzeug geschmuggelt worden war, nicht zündete. Am 21. März 1943 wurde ein neuer Atten­tats­versuch in München unternom­men, der aber ebenfalls scheiterte, weil Hitler früher als erwartet eine Ausstellung verließ. Die Gestapo kam den potenziellen Attentätern auf die Spur. Am 5. April 1943 wurde auch Dietrich Bonhoeffer festgenommen und in das Gefängnis Tegel eingeliefert.

 

Dietrich Bonhoeffer schrieb am 17. Dezember 1943 einen Brief an seine Eltern über die Vorweihnachtszeit im Gefängnis: „Von Christlichen her ge­sehen, kann ein Weihnachten in der Gefängniszelle ja kein besonderes Problem sein. Wahr­schein­lich wird in diesem Haus hier von Vielen ein sinnvolleres und echteres Weih­nach­ten gefeiert werden als dort, wo man nur noch den Namen dieses Festes hat. Dass Elend, Leid, Armut, Einsamkeit, Hilflosigkeit und Schuld vor den Augen Gottes etwas ganz anderes bedeuten als im Urteil der Menschen, dass Gott sich gerade dort­hin wendet, wo die Menschen sich abzuwenden pflegen, dass Chris­tus im Stall geboren wurde, weil er sonst keinen Raum in der Herberge fand – das begreift ein Gefangener besser als ein anderer, und das ist für ihn wirklich eine frohe Botschaft, und indem er das glaubt, weiß er sich in die alle räumlichen und zeitlichen Grenzen sprengenden Gemeinschaft der Christenheit hineingestellt, und die Gefängnismo­nate verlieren ihre Bedeutung.“[21] Und er fügte diese persönlichen Zei­len hinzu: „Ich werde am Heiligen Abend sehr an Euch alle denken, und ich möch­te gern, dass Ihr glaubt, dass ich ein paar wirklich schöne Stunden haben werde und mich die Trübsal bestimmt nicht übermannt …“[22] Und er erinnerte sich in dieser Zeit an frühere Weihnachten und schrieb seinen Eltern: „Aber Ihr habt uns durch Jahrzehnte hindurch so unvergleichlich schöne Weihnachten berei­tet, dass die Erinne­rung daran stark genug ist, um auch ein dunkles Weihnachten zu überstrahlen.“[23]

 

Wie hat Dietrich Bonhoeffer den Weihnachtsabend im Gefängnis erlebt? Er hat dies am 25. Dezember 1943 in einem Brief an seine Eltern berichtet: „Weihnach­ten ist vorüber. Es hat mir ein paar stille, friedliche Stunden und vieles Vergangene war ganz gegenwärtig. Die Dankbarkeit darüber, dass Ihr und alle Geschwister in den schweren Luftangriffen bewahrt worden seid, und die Zuversicht, Euch in nicht zu ferner Zeit in Freiheit wiederzusehen, war größer als alles Bedrückende. Ich habe mir Eure und M.s Kerzen angezündet und die Weihnachtsge­schichte und einige schöne Weihnachtslieder gelesen und vor mich hingesummt und habe dabei an Euch alle gedacht und gehofft, dass Ihr nach aller Unruhe der ver­gangenen Wo­chen doch auch eine friedliche Stunde finden möchtet …“[24]

 

Am 8. Oktober 1944 wurde Dietrich Bonhoeffer aus dem Gefängnis Tegel in das „Reichssicherheitshauptamt“ ver­legt, in die berüchtigte Zentrale der Folter und des Todes. Von dort konnte er am 19. Dezember einen Brief an seine Verlobte Maria von Wedemeyer schreiben, der mit diesen Sätzen beginnt: „Meine liebe Maria! Ich bin so froh, dass ich Dir zu Weihnachten schreiben kann, und durch Dich auch die Eltern und Geschwister grüßen und Euch danken kann. Es werden sehr stille Tage in unseren Häusern sein. Aber ich habe immer wieder die Erfahrung gemacht, je stiller es um mich herum geworden ist, des­to deutlicher habe ich die Verbindung zu Euch gespürt.“ Dies war der letzte Brief, den er seiner Verlobten schreiben konnte.[25]

 

Am 7. Februar 1945 wurden Diet­rich Bonhoeffer und elf weitere politische Gefangene in einem Gefängniswagen von Berlin nach Buchenwald transportiert und in Zellen im Keller einer SS-Kaserne unterge­bracht. Zu dieser Zeit rückten bereits ame­ri­kanische Truppen in Richtung Buchenwald vor, und Anfang April war in den Ver­ließen bereits Geschützdonner zu hören. Aber am 3. April wurden die politi­schen Gefangenen mitten in der Nacht von Buchenwald fortgebracht. Es folgte eine Irrfahrt durch Süddeutschland, die in Flossenbürg endete. Dort fand auf Hitlers Befehl ein Prozess gegen Admiral Canaris und andere Männer des Widerstandes wie Dietrich Bonhoeffer geführt. Es wurde ein kurzer Prozess, dessen Ergebnis bereits vorher feststand. Am 9. April 1945 wurden Dietrich Bonhoeffer und weitere Widerstandskämpfer erhängt und verbrannt. Auch der Bruder Klaus Bonhoeffer, der Schwa­ger Rüdiger Schleicher und der Schwager Hans von Dohnanyi wurden noch in den letzten Kriegstagen ermordet. Dietrich Bonhoeffers letzte Worte sind überliefert: „Dies ist das Ende, für mich der Beginn des Lebens.“[26]

 

Als die Überlebenden der Familie Bonhoeffer das Weihnachtsfest 1945 feierten, hatten zehn Kinder der Familie keine Väter mehr. Geblieben war ihnen die Hoff­nung aus dem Glauben, die Dietrich Bonhoeffer in diese tief bewegenden Worte ge­fasst und am 19. Dezember 1944 mit seinem letzten Weihnachtsbrief an seine Verlobte geschickt hat:

 

Von guten Mächten treu und still umgeben

behütet und getröstet wunderbar, -

so will ich diese Tage mit euch leben

und mit euch gehen in ein neues Jahr.

 

Noch will das alte unsre Herzen quälen,

noch drückt uns böser Tage schwere Last,

ach, Herr, gib unsern aufgescheuchten Seelen

das Heil, für das Du uns geschaffen hast.

 

Und reichst Du uns den schweren Kelch, den bittern,

des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand,

so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern

aus Deiner guten und geliebten Hand.

 

Doch willst Du uns noch einmal Freude schenken

an dieser Welt und ihrer Sonne Glanz,

dann wolln wir des Vergangenen gedenken,

und dann gehört Dir unser Leben ganz.

 

Lass warm und hell die Kerzen heute flammen,

die Du in unsre Dunkelheit gebracht,

führ, wenn es sein kann, wieder uns zusammen!

Wir wissen es, Dein Licht scheint in der Nacht.

 

Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet,

so lass uns hören jenen vollen Klang

der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet,

all Deiner Kinder hohen Lobgesang.

 

Von guten Mächten wunderbar geborgen,

erwarten wir getrost, was kommen mag.

Gott ist bei uns am Abend und am Morgen,

und ganz gewiss an jedem neuen Tag.[27]

 

 

© Frank Kürschner-Pelkmann

 

 

 



[1] Sabine Leibholz-Bonhoeffer: Weihnachten im Hause Bonhoeffer, Gütersloh 2005, S. 28f.

[2] Vgl. Eberhard Bethge: Dietrich Bonhoeffer, Eine Biographie, München 1967, S. 46

[3] Sabine Leibholz-Bonhoeffer: Weihnachten im Hause Bonhoeffer, a.a.O., S. 32f.

[4] Vgl. Eberhard Bethge: Dietrich Bonhoeffer, a.a.O., S. 60

[5] Vgl. Ferdinand Schlingensiepen: Dietrich Bonhoeffer, Frankfurt am Main 2010, S. 20

[6] Zitiert nach: ebenda, S. 48

[7] Zitiert nach: ebenda, S. 54

[8] Vgl. ebenda, S. 62

[9] Zitiert nach: ebenda, S. 143f.

[10] Vgl. u. a. Martin Hüneke: Dietrich Bonhoeffer in London, 25.4.2005, auf www.ekd.de

[11] Zitiert nach: http://www.kirchengemeinde-walkenried.de/fileadmin/Dokumente/Predigten/Lukas_1__46-54_-Bonhoeffer-_4_Advent_2007.pdf

[12] Ebenda

[13] Ebenda

[14] Ferdinand Schlingensiepen: Dietrich Bonhoeffer, a.a.O. S. 15

[15] Zitiert nach: Sabine Leibholz-Bonhoeffer: Weihnachten im Hause Bonhoeffer, a.a.O., S. 55

[16] Zitiert nach: Hans Jürgen Schultz: Ein Leben als Fragment, Das Sonntagsblatt, 7.4.1995

[17] Vgl. Sabine Plonz: Dietrich Bonhoeffers Ethik und die Befreiungstheologie, Junge Kirche, 6/1998, S. 358

[18] Zitiert nach: ebenda, S. 361

[19] Zitiert nach: Klaus Wilkens: Widerstand ist Christenpflicht, der überblick, 1/96, S. 97

[20] Zitiert nach: Detlev Mücke: Heiliger Dietrich, Das Sonntagsblatt, 16.6.1995

[21] Dietrich Bonhoeffer. Widerstand und Ergebung, München 1983, S. 58f.

[22] Ebenda, S. 59

[23] Ebenda, S. 58

[24] Ebenda, S. 59

[25] Vgl. hierzu u. a. die Predigt „Von guten Mächten treu und still umgeben“ von Pfarrer Dirk Chr. Siedler am 26.12.2005 auf www.predigtpreis.de

[26] Zitiert nach: Bettina Röder: „Allein in der Tat ist Freiheit“, Publik-Forum, 5/2005, Dossier Dietrich Bonhoeffer, S. 1

[27] Dietrich Bonhoeffer. Widerstand und Ergebung, a.a.O., S. 204