Charles Dickens

 

„Was war das doch für ein Blutsauger, dieser Scrooge! Ein schröpfender, habgieriger, raffsüchtiger, geiziger alter Sünder! Er war hart wie Feuerstein, nur dass noch kein Stahl ihm je einen warmen Funken entlockt hatte …“[1] So beschreibt der Schriftsteller Charles Dickens die Hauptperson seiner Erzählung „Eine Weihnachts­geschichte“. Sie ist in fünf Strophen unterteilt, von denen die erste den Titel „Marleys Geist“ trägt. Ebenezer Scrooge lebt, „ohne die geringste menschliche Wärme an sich herankommen zu lassen“, erfahren wir über diesen hartherzigen Londoner Unternehmer. Sein Name ist Programm, denn ein „scrooge“ ist ein Geizhals. Selbst am Heiligen Abend sitzt Scrooge in seinem Kontor, und auch sein Gehilfe Bob Cratchit muss auch an diesem Tag Briefe ins Reine schreiben. Dafür hockt er in einer kleinen düsteren Kammer, „einer Art Gefängniszelle“. Der Versuch des Neffen von Scrooge, der im Kontor hereinschaut, dem Onkel „Fröhliche Weihnachten“ zu wünschen, schlägt vollkommen fehl. Die Antwort von Scrooge: „Bleib mir vom Leibe mit deinem ‚Fröhliche Weihnach­ten’! Was ist Weihnachten anderes als eine Zeit, in der man Rechnungen bezahlen soll, ohne Geld zu haben; eine Zeit, in der man feststellt, dass man zwar um ein Jahr älter, doch nicht um eine Stunde reicher geworden ist!“[2]

 

Unhöflich weist Scrooge seinen Neffen aus dem Büro, aber er kann sich noch immer nicht wieder seinen Büchern zuwenden, denn nun betreten zwei Männer sein Kontor, um ihn um eine Spende für Arme und Mittellose zu bitten, die im Winter besondere Not leiden. Wie fast schon zu erwarten, weigert sich Scrooge, eine Spende zu geben. Auch seinem Schreiber gegenüber verhält sich der Unternehmer abweisend. Er gibt ihm am Weihnachtstag nur unter der Bedingung frei, dass er am folgenden Tag früher seine Arbeit aufnimmt.

 

Nachdem er am Ende des Arbeitstages sein Kontor verschlossen hat, geht der hartherzige Unternehmer in ein tristes Gasthaus und nimmt dort ein einsames Abend­essen ein. Anschließend kehrt er in seine dunkle Wohnung zurück. Dort erscheint ihm ein Geist, sein vor sieben Jahren verstorbener Geschäftspartner und Freund Jacob Marley. Der Geist warnt Scrooge während des Gespräches: „O du verblendeter, unwissender Mensch! Weißt du denn nicht, dass auch die tiefste Reue die Gelegenheiten nicht wettmachen kann, die man im Leben einst verpasste?“[3] Der Geist von Jacob Marley, der nach dem Tod keine Ruhe findet, ist auf die Welt zurückgekehrt, um seinen früheren Geschäftspartner zu warnen: „Vielleicht bleibt dir die Möglichkeit und Hoffnung, meinem Schicksal zu entgehen – diese Möglichkeit will ich dir verschaffen, Ebenezer!“[4] Der Geist des Geschäftspartners kündigt an, dass Scrooge in den kommenden Nächten drei Geister erscheinen werden.

 

Drei Geister erscheinen

 

Als Erstes erscheint der „Geist der vergangenen Weihnacht“ und führt Scrooge zurück in die Welt seiner Kindheit. Der später hartherzige Mann sieht sich als Kind mit seiner geliebten Schwester wieder, und bedauert, dass er am Vortag einem Kind, das ein Weihnachtslied sang, kein Geld gegeben hatte. Geist und Scrooge besuchen weitere Stationen des Lebens des Mannes, der immer geldgieriger geworden ist. Als Nächstes erscheint der „Geist des diesjährigen Weihnachten“ und bringt Scrooge zur armseligen Behausung seines Angestellten Bob Cratchit, der mit Frau und Kindern ein bescheidenes, aber auch fröh­liches Weihnachts­fest feiert. Als der Name Scrooge fällt und auf Vorschlag von Bob Cratchit auch auf sein Wohl getrunken wer­den soll, muss Scrooge als nicht sichtbarer Beob­ach­ter er­leben, wie unbeliebt er in der Fa­milie seines Ange­stellten ist. „Auch die Kin­der tranken auf Scrooge Wohl, doch dies war die erste Pflicht des heutigen Tages, die sie nicht von Herzen gern erfüllten. Scrooge war das Schreckgespenst der Fa­milie, und schon die Erwähnung seines Namens warf einen so dunklen Schatten auf die Gesellschaft, dass er sich volle fünf Minuten lang nicht wieder verzog. Als er sich schließlich doch verflüchtigt hatte, waren sie noch zehnmal vergnügter als zuvor, so erleichtert waren sie, nicht mehr an Scrooge, den Schrecklichen, denken zu müssen.“[5]

 

Nächste Station der nächtlichen Reise von Scrooge und Geist ist die Wohnung seines Neffen, der gerade erzählt, welche Erfahrungen er bei dem Versuch gemacht hat, seinem Onkel „Fröhliche Weihnachten“ zu wünschen: „Er ist schon ein komischer alter Kauz, so viel ist sicher, und lange nicht so nett, wie er sein könnte. Dennoch straft er sich mit all seinen Kränkungen und Beleidigungen am Ende nur selbst …“[6] Und schließlich prostet sich die Familie „Auf Onkel Scrooge!“ zu.

 

Der dritte Geist, dem Scrooge begegnet, ist der „Geist der zukünftigen Weihnacht“. Dieses Mal führt die Reise an die Börse, wo sich einige Geschäftsleute, die Scrooge gut kennt, über einen kürzlich verstorbenen Geschäftsmann unterhalten. Scrooge, der sonst immer in dieser Gesellschaft gestanden hatte, fehlt bei dieser Begegnung, was sich Scrooge als Beobachter zunächst nicht erklären kann. Weiter geht die Reise in den Keller eines Altwarenhändlers. Ihm werden gerade einige Vor­hänge angeboten, die jemand aus dem Zimmer des Toten geholt hat, während er dort noch aufgebahrt war. „Warum auch nicht“, sagt die Frau, die die Vorhänge verkaufen will. „Jeder ist sich selbst der Nächste. Für ihn jedenfalls hat diese Regel immer gegolten. Wem soll es schon schaden, wenn ein paar dieser Sachen den Besitzer wechseln? Einem Toten bestimmt nicht!“[7] Auch die Bettdecken sind dem Toten genommen worden: „Er wird sich sicher nicht erkälten ohne sie.“[8] Scrooge packt das blanke Entsetzen, weil er merkt, dass auch ihm dieses Schicksal droht. Als Kontrast erlebt er, wie die Familie Cratchit um den verstorbenen Sohn Tim trau­ert. Auf der letzten Station dieser nächtlichen Reise, einem verfallenen Friedhof, muss Scrooge auf dem verwitterten Grabstein erkennen, dass der Geschäftsmann, um den niemand trauert, er selbst ist.

 

Eine Kindheit zwischen Wohlstand und Fabrikarbeit

 

 Charles Dickens brachte „wie kein anderer Autor seiner Zeit seinen Wert zum Höchstpreis auf den Markt“,[9] erfahren wir in der Biografie von Hans-Dieter Gelfert. Und wenn man dort weiterliest, erfährt man, dass dies nicht das Ergebnis von Geldgier im üblichen Sinne war, son­dern auf seine traumatischen Erlebnisse in der Kindheit zurückgeht, die ihn sein ganzes Leben lang verfolgten. Als Charles Dickens am 7. Februar 1812 in der Nähe von Portsmouth das Licht der Welt erblickte, schien ihm eine Kindheit in einem gewissen Wohl­stand vor­bestimmt zu sein. Sein Vater war in der südenglischen Hafenstadt beim Zahlamt der königlichen Marine beschäftigt, und sein Gehalt ermöglichte der Familie einen bescheidenen Wohlstand.

 

Aber dann passierte das, was gefeiert wurde, aber bald zu einem Unglück für die Familie Dickens wurde: Napoleon wurde 1814 besiegt. Bald darauf beschloss die britische Regierung, die Marine zu verkleinern, und damit fielen auch Posten in der Marineverwaltung weg. Die sorglose Zeit für die Familie Dickens und auch den kleinen Charles nahm ein abruptes Ende, als er sechs Jahre alt war, denn nun wurde sein Vater nach London versetzt und sein Gehalt drastisch gekürzt. Es folgten weitere Versetzungen, vor allem aber erwies sich als Problem, dass die Familie ihren Lebensstil aus besseren Zeiten beibehielt. Im August 1819 musste der Vater einen hohen Kredit aufnehmen. Dramatisch wurde die Situation, als der Marineangestellte ein weiteres Mal versetzt wurde und sein Ge­halt erneut drastisch sank. Die Familie musste sich einschränken und Charles die Schule verlassen, um Schulgebühren zu sparen.[10]

 

Nachdem das elterliche Projekt der Eröffnung einer Privatschule mit einem finanziellen Fiasko geendet hatte, wurde Charles zur Aufbesserung des Familienhaushalts im Alter von zwölf Jahren zur Arbeit in eine Schuhwichsfabrik geschickt. Er musste Etiketten auf Schuhwichsflaschen kleben, zehn Stunden am Tag, sechs Tage in der Woche. Für einen Jungen, der liebend gern in die Schule gegangen wäre, war die stupide Arbeit eine tiefe Demü­tigung. Später hat der Schriftsteller die Fabrik beschrieben: „Es war ein verwinkeltes, halbverfallenes altes Haus, das über den Fluss hinausragte und in dem es von Ratten wimmelte. Die hölzernen Wandverkleidungen, die verrotteten Fußböden und Treppen, die alten grauen Ratten, die im Keller umherhuschten, ihr Quiet­schen und Scharren, wenn sie die Treppe heraufkamen, der Dreck und Verfall – all das steigt vor meinem inneren Auge auf, als wäre ich wieder dort.“[11] Als Charles Dickens endlich die Fabrik verlassen konnte, durfte er wie­der eine Schule besuchen, aber wie Biograf Hans-Dieter Gelfert schrieb, war sie eher dürftig, und die unfähigen und grausamen Lehrer sind später zu Vorlagen für Leh­rer in den Werken des Schriftstellers geworden.[12]

 

Im Alter von 15 Jahren wurde Charles Dickens 1827 in einer Anwaltspraxis angestellt. Er verdiente wenig und konnte nicht verhindern, dass die Familie wegen Mietschul­den erneut umziehen musste. Der Sohn war sparsam, fleißig und lernbegierig. Nach zwei Jahren konnte er so gut stenografieren, dass er eine Anstellung als Gerichtsreporter fand und ausführlich über Prozesse berichtete. Die wenige freie Zeit nutzte er für Museums- und Theaterbesuche. Bis Charles Dickens seinen 21. Geburts­tag feierte, zog die Familie noch mehrmals um, aber zuletzt wieder in ein ansehnliches Haus, denn die finanzielle Situation hatte sich etwas gebessert.

 

Literarischer Erfolg und finanzielle Sorgen

 

Ein Jahr später konnte Charles Dickens seine erste Geschichte veröffentlichen, die den Titel „Ein Sonntag außerhalb der Stadt“ trug. Nachdem die literarische Welt auf den jungen Schriftsteller aufmerksam geworden war, konnte er seine Geschichten in bedeutenderen Zeitschriften und Zeitungen publizieren. 1836, Charles Dickens war gerade 24 Jahre alt geworden, erschien sein erstes Buch als Sammlung bereits publizierter Geschichten. Es wurde ein Erfolg, und jetzt begann das, was Biograf Hans-Dieter Gelfert in einer Kapitelüberschrift als „Schaffensrausch“ bezeichnet hat.[13] Charles Dickens veröffentlichte in rascher Folge Fort­setzungsromane und Bücher. Von nun an konnte der Schriftsteller harte Verhand­lungen um möglichst hohe Honorare führen. Der Erfolg und der damit verbundene gesellschaftliche Aufstieg ermutigten ihn, sein Junggesellenleben aufzugeben und eine Familie zu gründen. Er heiratete 1836 Catherine Hogarth, und im folgenden Jahr wurde der erste Sohn geboren. Auch wenn wenig Zeit für das Privatleben blieb, wird Charles Dickens als Familienmensch beschrieben.

 

Die folgenden Jahre waren ausgefüllt mit immer neuen Fortsetzungsromanen, Zeitschriftenprojekten und einer rasch wachsenden Zahl von Lesungen, bei denen er später häufig Auszüge aus der „Weihnachtsgeschichte“ vortrug. Seinen literarischen Erfolg münzte der Schriftsteller konsequent in finanziellen Erfolg um, und bald konnte sich die junge Familie eine repräsentative Villa leisten. Charles Dickens genoss den gesellschaftlichen Sta­tus als „Gentleman“, der Traum sei­ner Kinderjahre. Aber der neue Le­bens­­stil war teuer, und außerdem musste der erfolgreiche Sohn mehrfach für die Schulden seines Vaters aufkommen.

 

Nicht nur Weihnachten: Der Glaube an das Gute im Menschen

 

Bei einer Reise in die USA machte sich Charles Dickens in bürgerlichen Kreisen unbeliebt, weil er den Rassismus in der Gesellschaft anprangerte. In die Heimat beteiligte er sich an der politischen Kampagne für die Verbesserung der katastrophalen Arbeitsbedingungen in den britischen Kohlebergwerken. Von nun an setzte sich der bekannte Schriftsteller immer wieder für Sozialreformen ein, so auch für die Einschrän­kung der Kinderarbeit, ein Thema, das ihn seit seiner Kindheit be­wegt hatte. Und hier sind wir wieder bei der berühmten „Weih­nachts­ge­schichte“ angelangt, denn er wählte für seine Sozialkritik diese Geschichte, in der märchenhafte Abschnitte und realistische Darstel­lun­gen der Missstände in England kunstvoll miteinander verwoben wurden.

 

Auffällig an der Weihnachtsgeschichte wie auch an vielen seiner Romane und Er­zählungen ist, dass Charles Dickens die innere Umkehr von Menschen in den Mittelpunkt der Handlung stellte. Das unterschied ihn von seinem Zeitgenossen Karl Marx. Beide waren in ähnlicher Weise empört über die sozialen Missstände in England. Karl Marx schloss daraus, dass grundlegende Veränderungen der ökonomischen Ver­­hältnisse erforderlich waren. Und Charles Dickens? Er sah Armut und Unwis­senheit als wichtigste Ursachen der Misere an und sprach sich 1843 in einer Rede dafür aus, den „Wolf des Hungers“ und den „Drachen der Unwissenheit“ zu bekämpfen.[14] Zu dem, was nach Auffassung des Schriftstellers dagegen half, noch einmal Hans-Dieter Gelfert: „Was er als Mittel gegen die Entfremdung forderte, war nicht die Veränderung der Produktionsverhältnisse durch Vergesellschaftung der Produktionsmittel, sondern die Vermenschlichung der sozialen Beziehungen durch Herzensgüte und mitmenschliche Wärme. Das aber konnte seiner Meinung nach nicht aus dem kalten Verstand und aus wissenschaftlichem Kalkül kommen, son­dern nur aus der natürlichen Kreativität der menschlichen Fantasie.“[15]

 

Diese Hoffnung auf das Gute im Menschen, das sich Bahn bricht, bestimmte auch seinen Glauben, den Charles Dickens seinen Kindern dadurch nahegebracht hat, dass er ihnen ein Buch über das Leben Jesu schrieb, in dem die christliche Ethik im Zentrum steht. Damit in Einklang stand seine Hoffnung auf Erlösung. Und so betrachtet kann auch die „Weihnachtsgeschichte“, die diese Ethik vermittelt, als eine zutiefst religiöse Geschichte verstanden werden, auch wenn es vordergründig kaum um ein religiöses Geschehen geht. In der Person von Scrooge wird auch eine Kritik am damals weit verbreiteten religiösen Puritanismus geübt, betont Melanie Kurth in einer Hauptseminararbeit über die „Weihnachtsgeschichte“: „Nach der Ethik der Puri­taner ist Arbeit der von Gott bestimmte Zweck des Lebens, und im wirtschaftlichen Er­folg des Einzelnen zeigt sich die Erwählung durch Gott. In dem Charakter Scrooges mit seiner extremen Sparsamkeit, seiner radikal ablehnenden Haltung Armen gegenüber und seiner unermüdlichen Arbeitswut, die ihn selbst an Weihnachten nicht ruhen lässt, karikiert Dickens den typischen Puritaner, wobei er jedoch die religiöse Dimension der Prädestination außen vor lässt.“[16]

 

In der Wissenschaft wird kontrovers diskutiert, in welchem Umfang sich weitere religiöse Motive in Dickens Weihnachtsgeschichte finden. Aber eine der erbaulichen Weihnachtsgeschichten, wie sie von vielen anderen Schriftstellerinnen und Schriftstellern verfasst wurden, ist das Werk von Charles Dickens schon deshalb nicht, weil mit der Umkehr von Scrooge kein verändertes religiöses Leben verbunden ist. Es kann wohl so viel gesagt werden: Die besondere Stimmung des Weihnachtsfestes lässt auch Scrooge schließlich nicht kalt. Als er sich an frühere Zeiten erinnert, begünstigt das seine Umkehr und die ist für Charles Dickens mit der Hoffnung auf grundlegende gesellschaftliche Verände­run­gen verbunden, denn die gehen nach seinem Verständnis von einer individuellen Umkehr aus.

 

Die Weihnachtsgeschichte: ein literarischer, aber kein finanzieller Er­folg

 

Das Buch „Eine Weihnachtsgeschichte“ wurde auf Anhieb ein Verkaufserfolg, aber das löste eine Welle von Raubdrucken aus, gegen die sich der Schriftsteller un­ter Anrufung der Gerichte zur Wehr setzte. Dennoch feierte der Dichter nach dem grandiosen Erfolg des Weih­nachtsbuches ein fröhliches und unbeschwertes Weihnachtsfest. Der Radiojour­nalist Hanjo Kes­­ting hat es beschrieben: „Das Weihnachtsfest zelebrierte er in jedem Jahr als das schönste aller Feste. Aber zu Weihnachten des Jahres 1843 war Dickens in besonders ausgelassener Stimmung.“[17]

 

Charles Dickens hat in den folgenden Jahren eine ganze Reihe weiterer Weihnachtsgeschichten geschrieben, aber keine war so erfolgreich wie „A Christmas Ca­rol“. Es ist vermutlich die erfolgreichste Weihnachtsgeschichte eines Schrift­stellers, und im englischsprachigen Raum gilt Charles Dickens als der Mann, „der Weihnachten rettete“.[18] Sein Weihnachtsbuch ist in zahlreiche Sprachen übersetzt und mehr als 50 Mal verfilmt worden. Selbst die Muppets und Barbie sind schon zu Hauptdarstellern der Geschichte geworden.[19] In der englischen Originalversion der Micky Maus-Geschichten heißt der geldgierige Onkel nicht wie bei uns Dagobert Duck, sondern Scrooge Duck, eine deutliche Anspielung auf die geizige Hauptperson der berühmten Weihnachtsgeschichte.

 

Ein turbulentes Leben zwischen Ruhm und finanziellen Sorgen

 

Charles Dickens setzte seine Prominenz dafür ein, Vorhaben zugunsten der armen Bevölkerung Englands zu fördern, zum Beispiel für Schulen, die bitterarmen Kindern und Erwachsenen zumindest eine rudimentäre Bildung vermit­tel­ten. Er selbst hatte erlebt, wie es jemandem geht, dem eine gute Schulbildung vor­enthalten wird. 1847 engagierte sich Charles Dickens zum Beispiel für das „Urania College“, in dem straf­fällig gewordene Mädchen und ehemalige Prostituierte eine Bildung erhielten.[20]

 

Charles Dickens arbeitete so hart, wie es heute allenfalls die schlimmsten „Workaholics“ tun. So gab er zeitweise eine Tageszeitung und mehrerer Zeitschriften heraus und veröffentlichte weiterhin Romane und Geschichten. Dazu kam eine große Zahl von langen Lesereisen durch Großbritannien und die USA. All dies wurde mit zunehmendem Alter immer beschwerlicher, und sein Gesundheitszustand verschlechterte sich rapide. Dennoch arbeitete Charles Dickens noch am Tage vor seinem Tod an einem Roman. Er starb am 9. Juni 1870 im Alter von 68 Jahren an den Fol­gen eines Schlaganfalls.

 

Welches Leben hat Charles Dickens geführt? Hans-Dieter Gelfert ist in seiner umfangreichen Biografie zu dem Ergebnis gekommen: „Schaut man aber hinter die Kulisse des Lebens, findet man keinen Menschen im Gleichgewicht, sondern einen Gehetzten. Dickens war ein Leben lang auf der Flucht vor der traumatischen Erinnerung an den Moment seiner tiefsten Erniedrigung, als er als Kind in der Schuh­wichsfabrik arbeiten musste und keine Aussicht auf höhere Bildung mehr zu haben schien.“[21]

 

„Das Ende vom Lied“

 

Kehren wir noch einmal zu Scrooge zurück, den wir auf dem Friedhof verlassen hatten. Als er seinen verwitterten Grabstein als Symbol seines gescheiterten Lebens sieht, will er dieses Schicksal abwenden und sagt dem Geist: „Von nun an will ich Weihnachten aus tiefstem Herzen ehren und auch das ganze Jahr hindurch im Geist des Christfestes handeln. In mir sollen die Geister der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft fortwirken. Die Lehren, die sie mir erteilt haben, werde ich nie mehr vergessen!“[22]

 

Als Scrooge nach der Begegnung mit den drei Geistern erwacht, ist er ein anderer Mensch. Er kauft einen riesigen Truthahn und lässt ihn anonym zur Familie Cratchit bringen. Dann wandert er durch die Stadt, wünscht den Menschen ein fröhliches Weihnachten und geht schließlich zum Haus seines Neffen, wo er herzlich aufgenommen wird. Charles Dickens beschreibt dieses Weihnachtsfest so: „Welch wunderbares Fest, welch wunderbare Speise, welch wunderbare Eintracht, welch wunderbares Glück.“[23]

 

Das Glück setzt sich am nächsten Tag fort, denn Scrooge wünscht seinem Angestellten Bob Cratchit fröhliche Weihnachten, nennt ihn seinen Freund, erhöht seinen Lohn und kündigt an, seine Familie zu unterstützen. Dazu gehört, dass er den behinderten Sohn Tim davor bewahrt, in jungen Jahren zu sterben. Charles Dickens schreibt über den veränderten Scrooge: „Er wurde ein so guter Freund, ein so guter Brotherr, ein so guter Mensch, wie ihn die gute alte Stadt London oder auch jede andere gute alte Stadt, jedes Städtchen oder Viertel auf der guten alten Welt nur je gesehen hatte … Seit dieser Zeit sagten die Leute über Scrooge, dass er wirklich, und wohl besser als jeder andere Mensch, wisse, wie man richtig Weihnachten feiere.“[24]

 

Ein kitschiges, übertriebenes Ende? Jedenfalls eines, das Millionen Menschen angerührt hat, und ein Ende, das den Geist der Weihnachtsfeiern des Schriftstellers widerspiegelte. Eine seiner Töchter erinnerte sich so an die fröhlichen Weih­nachtsfeste ihre Kind­heit: „Für meinen Vater war das eine Zeit, die ihm lieber war als jede andere des Jahres, es war eine herrliche, durch und durch hei­tere Zeit für ihn, und er war jedes Mal in Hochform: ein glänzender Gastgeber, glücklich und ausgelassen wie ein Junge, und immer mittendrin in allem, was vor sich ging. Und dann das Tanzen! Nichts konnte ihn stoppen! Er liebte Weihnachten sowohl um seiner tiefen Bedeutung, als auch um seiner Freuden willen.“[25]

 

© Frank Kürschner-Pelkmann

 

 

 



[1] Charles Dickens: Eine Weihnachtsgeschichte, München 2002, S. 9

[2] Ebenda, S. 14

[3] Ebenda, S. 28

[4] Ebenda, S. 29

[5] Ebenda, S. 56

[6] Ebenda

[7] Ebenda, S. 65

[8] Ebenda, S. 66

[9] Hans-Dieter Gelfert: Charles Dickens – der Unnachahmliche, Eine Biografie, München 2011, S. 11

[10] Vgl. zu diesen und anderen Kindheitserfahrungen: ebenda, S. 31ff.

[11] Zitiert nach: ebenda, S. 38

[12] Vgl. ebenda, S. 42

[13] Vgl. ebenda, S. 57ff.

[14] Vgl. Melanie Kurth: Charles Dickens: Eine Weihnachtsgeschichte, Philosophische Fakultät der Universität Düsseldorf, Hauptseminar Mythische Elemente in der Kinder- und Jugendliteratur, 2005/2006, auf: www.mythos-magazin.de, S. 10

[15] Hans-Dieter Gelfert: Charles Dickens, a. a. O., S. 202

[16] Melanie Kurth: Charles Dickens, a. a. O., 17

[17] Hanjo Kesting: Der Mann, der Weihnachten erfand, Charles Dickens und das Fest der Feste, NDR Kultur, 18.12.2011, Manuskript S. 2

[18] Vgl. ebenda, S. 7

[19] Vgl. Magdalena Hamm: Woran litt Tiny Tim aus Dickens’ Weihnachtsgeschichte, Zeit-Online, 16.12.2009

[20] Vgl. Melanie Kurth, Charles Dickens, a. a. O., S. 14f.

[21] Hans-Dieter Gelfert: Charles Dickens, a. a. O., S. 319

[22] Charles Dickens: Die Weihnachtsgeschichte, a. a. O., 71f.

[23] Ebenda, S. 79

[24] Ebenda, S. 80

[25] Zitiert nach: Hanjo Kesting: Der Mann, der Weihnachten erfand, a. a. O., S. 2