Augustinus von Hippo

 

„Wach auf, du Mensch! Für dich ist Gott Mensch geworden! Ja, nochmals möchte ich es sagen: Gott ist Mensch geworden für dich.“[1] Diese Sätze sind einer der erhalten gebliebenen Weihnachtspredigten von Aurelius Augustinus entnommen, der als Augustinus oder als Augustinus von Hippo bekannt geworden ist. Er hat gegen Ende des 4. und Anfang des 5. Jahrhunderts wie niemand vor ihm die Geburt Jesu zum Thema vieler Predigten gemacht. Diese Predigten wurden viel gelesen und be­ein­flussen bis heute die Weihnachts-Theologie.

 

Augustinus verstand es, auch einfachen Menschen schwierige theologische Zusam­menhänge verständlich zu machen, zum Beispiel die Bedeutung des ersten Ver­ses des Johannesevangeliums, dass das Wort Fleisch wurde: „Nur mit dem Herzen sieht man das Wort, während das Fleisch mit leiblichen Augen wahrgenommen wird. Wir konnten das Fleisch sehen, hatten aber keine Möglichkeit, das Wort zu schauen. Da ist das Wort Fleisch geworden, damit wir es sehen könnten. So sollte heil werden unser Herz, mit dem wir das Wort zu sehen vermögen.“[2] An anderer Stelle setzte Augustinus diese Gedanken fort: „Wie sehr hast du uns geliebt, güti­ger Vater! Wäre dein Wort nicht Fleisch geworden und hätte es nicht unter uns ge­wohnt, so hätten wir glauben müssen, dass keine Verbindung ist zwischen Gott und Menschheit.“[3]

 

Augustinus liebte es, in Paradoxien zu predigen, auch zu Weihnachten, und wir lesen in einer seiner Predigten: „Christus ist geboren von einem Vater und von einer Mutter, zugleich aber ohne einen Vater und ohne eine Mutter: von einem Vater geboren als Gott, von einer Mutter als Mensch; ohne eine Mutter als Gott, ohne einen Vater als Mensch.“[4] Dass das Fest der Geburt des Menschen und Gottes am Tag der Wintersonnenwende gefeiert wurde (dies hat sich durch eine Kalenderumstellung um einige Tage verschoben), deutete Augustinus so: „Der sich herabbeugte zu uns und uns aufrichtete, er hat den kürzesten Tag ausgewählt, von dem aus das Licht zunimmt.“[5]

 

Der Weg zum Glauben

 

Über die Lebensgeschichte des „Kirchenvaters“ Augustinus wissen wir viel, vor allem deshalb, weil er uns in seinem Buch „Bekenntnisse“ eine Autobiografie hinterlassen hat. Es ist eines seiner 39 Bücher, für damalige Zeiten eine gewaltige literarische Produktion. Geboren wurde Augustinus am 13. November 354 in der Kleinstadt Thagaste im heutigen Nordosten Algeriens. Die Stadt war in der Zeit der Geburt Augustinus Teil der nordafri­ka­nischen Besitzungen des Römischen Reiches, in dem Konstantin II. die christliche Kirche konsequent zur Reichskirche gemacht hatte. Es war ein Reich, das von Eng­land bis Ägypten, von Spanien bis zum Kaukasus reichte. Konstantins Nachfolger Julian, der zur Jugendzeit von Augustinus regierte, propagierte den Glau­ben an die Götter der Vorfahren. Er war der letzte römische Kaiser, der dies (vergeblich) versuchte. Alle späteren Kaiser bekannten sich zum christlichen Glauben. Theodosius machte das Christentum im Jahre 380 zur Staatsreligion.

 

Augustinus Familie lebte in Thagaste in einem multiethnischen und multireli­gi­ösen Umfeld. Die Familie besaß etwas Land, das sie bebaute. Die Eltern schafften es nur mit Unterstützung eines reichen Freundes, ihrem Sohn eine klassische Bildung zu er­möglichen. Trotz der außergewöhnlichen Chancen blickte Augustinus später ne­ga­tiv auf seine Kindheit zurück und schrieb in einem seiner Spätwerke: „Wer würde nicht lieber tot sein, als noch einmal mit dem Kindsein anzufangen.“[6] An eine kindliche Unschuld glaubte er zu dieser Zeit ohnehin nicht mehr, denn er vertrat die Auffassung, dass seit dem Sündenfall von Adam und Eva jeder Mensch sündig geboren wird.

 

Nach dem Schulbesuch studierte Augustinus von 370 an Rhetorik in der Großstadt Karthago. Ein erfolgreiches Rhetorikstudium eröffnete damals auch jungen Män­nern aus armen Familien den Zugang zu hohen Positionen im Staatsdienst. In Karthago führte Augustinus nach eigenen Angaben ein ausschweifendes Leben, zeugte mit einer Frau einen Sohn und lebte fünfzehn Jahre lang mit ihr zusammen, ohne sie zu heiraten. Die wichtigste Frau im Leben von Augustinus blieb wahrscheinlich seine Mutter Monica, die auch in seinem Buch „Bekenntnisse“ eine zen­trale Rolle einnimmt, während der Vater lediglich am Rande erwähnt wird. Dazu schreibt Uwe Neumann in seiner Augustinus-Biografie: „Der Leser der Bekenntnisse begegnet dagegen der intensiven Beziehung zwischen Augustinus und seiner Mut­ter auf Schritt und Tritt. Die übergroße Bemühung seiner Mutter um ihn setzte Au­gus­tinus fortwährend unter Druck; seine seelische Disposition, seine spätere Einstellung zu Frauen und Sexualität wurde von einer solchen fordernden Mutterliebe beeinträchtigt.“[7]

 

Obwohl seine Mutter Monica gläubige Christin war, schloss sich Augustinus nach dem Studium biblischer Texte allerdings zunächst nicht der Kirche an. Ein Grund dafür war, dass ihn die Widersprüche zwischen den Stammbäumen Jesu bei Matthäus und Lukas befremdeten.[8] In Karthago vertiefte Augustinus sich stattdessen in philosophische Schriften (vor allem Cicero), die ihn stark beeinflussten. Augustinus fand in seiner Zeit in Karthago in der gnostischen Glaubensgemeinschaft der Manichäer eine religiöse Heimat. Die Manichäer[9] verstanden sich als Christen, wurden aber wegen ihrer Lehren von den anderen Christen als Häretiker angesehen. Augustinus begnügte sich mit dem Status eines „Auditor“, eines Hörers, der Glaubensgemeinschaft mit eingeschränkten Rechten und Verpflichtungen. Spä­ter wandte er sich von diesen Glaubensvorstellungen ab, aber vielleicht hat ihn das stark dualistische Denken dieser Gruppe auch in der Zeit beeinflusst, als er schon Mitglied der Kirche geworden war.

 

Nach dem Abschluss des Studiums unterrichtete Augustinus Rhetorik in seiner Heimatstadt Thagaste und in Karthago. 383 reiste er mit dem Schiff nach Rom, um dort seine Karriere als Rhetorikprofessor fortzusetzen. Vielleicht war dieser Ortswechsel auch ein Fluchtversuch vor seiner übermächtigen Mutter. Heimlich schiffte sich Augustinus mit seiner Lebensgefährtin und ihrem gemeinsamen Sohn ein und reiste ohne Mutter nach Rom. Aber als er bald darauf nach Mailand weiterzog, reiste Monica ihm nach. Die „Flucht“ vor der Mutter war gescheitert. In Mailand lehrte Augustinus von 384 an nicht nur als Professor Rhetorik, sondern erlangte auch eine höhere Position am kaiserlichen Hof.

 

Kurz zuvor war das Christentum offiziell zur Staatsreligion erklärt worden, und es konnte nun der Karriere nur förderlich sein, sich der christlichen Kirche anzuschließen. Ob das eine Rolle bei der Entscheidung von Augustinus im Jahre 387 gespielt hat, Christ zu werden, muss offen bleiben. Vermutlich hat aber seine Mutter Monica ganz erheblich zu seiner Entscheidung beigetragen.[10] Unter ihrem Einfluss verstieß Augustinus seine bisherige Lebenspart­nerin und schickte sie zurück nach Nordafrika; den Sohn behielt er bei sich. Augustinus hat in seinem umfangreichen Werk „Bekenntnisse“ nicht einmal den Namen seiner Geliebten erwähnt.

 

Monica fand für ihren Sohn eine zukünftige Ehefrau. Da sie noch nicht im heiratsfähigen Alter war, lebte Augustinus in den folgenden zwei Jahren übergangsweise mit einer anderen Frau zusammen. Zur geplanten Heirat kam es aber nicht, weil Augustinus sich inzwischen zur Ehelosigkeit entschlossen hatte und eine klosterähnliche Gemeinschaft auf einem Landgut in Norditalien gründete. Dass er drei Frauen verstieß bzw. trotz versprochener Ehe nicht heiratete, kann als problematisches Verhältnis zu den Frauen in seiner Umgebung gedeutet werden. Das steht in einem kaum zu überse­henden Kontrast zu seiner Verehrung der Jesusmutter Maria. Und dieser Kontrast zwischen der Glorifizierung der Jungfrau Maria und dem gebrochenen Verhältnis zu den Frauen in seiner Umgebung hat mehr als eineinhalb Jahrtausende lang eine fatale Wirkung auf das theologische Denken und die Sexualmoral der Kirche gehabt.

 

Der einflussreiche nordafrikanische Bischof

 

387 entschloss sich Augustinus zur Rückkehr in seine nordafrikanische Heimat. Seine Mutter wollte ihn begleiteten, starb aber kurz vor der Abreise aus Italien. Die Hoff­nung von Augustinus, den Rest seines Lebens in einem von ihm gegründeten Klos­ter in der Nähe von Thagaste zurückgezogen leben zu können, erfüllte sich nicht. 391 verlangte die Gemeinde Hippo vom Bischof, ihn auf der Stelle zum Priester zu wei­hen. Augustinus wurde zum Assistenten des Bischofs und übernahm einige Jahre später selbst dieses Amt. Trotz der sehr arbeitsintensive Aufgabe fand Augustinus noch Zeit, viele Bücher zu verfassen. Außerdem wirkte er an wichtigen Synoden und Konzilen mit.

 

Die Kirche gewann in dieser Zeit im Römi­schen Reich und auch in Nordafrika großen Einfluss, während andere Religionsge­mein­schaften sich ähnlichen Ver­folgungen ausgesetzt sahen, wie noch wenige Jahrzehnte vorher die Gemeinden der Christen: Ihre Tempel wur­den zerstört, ihre Schrif­­ten verbrannt und diejenigen, die ihrem Glauben treu blieben, verfolgt. Die Kaiser wollten das Christentum zur einigenden Staatsreligion ihres Reiches ma­chen, das nur noch mühsam zusammenzuhalten war. Entsprechend intolerant wa­ren sie ge­gen­über allen, die sich der neuen Staatsreligion entgegenstellten, und diese In­to­leranz wurde von vie­len Christen geteilt, nicht zuletzt von Au­gus­tinus.[11] Der Wan­del von der verfolg­ten Kirche zur Staats­kirche musste allerdings erst einmal ver­kraftet, theologisch re­flektiert und in eine neue Gestalt der Kirche über­führt werden.

 

Auf den Umbau der Kirche zu einer streng hierarchischen Institution hat Augustinus großen Einfluss ausgeübt, ebenso auf die theologische Begründung dieses Prozesses. Als Folge der zahlreichen religiösen Konflikte veränderte Augustinus sich selbst und damit auch seine Theologie. Dazu noch einmal Uwe Neumann: „Zunehmend sah Augustinus den Menschen weniger optimistisch und neigte zu der Auffassung, dass Einschränkung, Strenge und Zwang berechtigt seien, da die Vernunft nur allzu bereit sei, dem Falschen nachzugeben.“[12] Um Gläubige vom falschen Weg abzuhalten, hielt Augustinus es für gerechtfertigt, Zwang auszuüben. Er war der erste Kirchenführer, der den Staat dazu bewegte, Zwang gegen Dissidenten am Rande der katholischen Kirche einzusetzen. Man kann dies auch positiver betrachten: Au­gustinus trug entscheidend dazu bei, die Einheit der Kirche zu wahren und der Kirche eine Struktur und Rechtsordnung zu geben, die es ihr ermöglichte, alle Kri­sen und Katastrophen zu überstehen und zur weltweit größten religiösen Gemeinschaft zu werden. Augustinus gelang es, angesichts auseinanderdriftender theologischer Vorstellungen eine verbindliche Theologie zu formulieren, die zu einer wichtigen Grund­lage der katholischen Dogmatik wurde.

 

Ein Prediger mit „Langzeitwirkung“

 

Viele von Augustinus Predigten wurden aufgeschrieben und fanden vor allem im Westen des Römischen Reiches große Verbreitung. Bis heute sind noch etwa 400 Predigten erhalten, die eindeutig Augustinus zugeordnet werden können.[13] Die Predigten lassen erkennen, dass sich sein Bibelverständnis als Priester und Bischof gegenüber seiner Jugend grundlegend verändert hatte. Irritierten ihn damals zum Beispiel die Widersprüche in den Stammbäumen Jesu bei Matthäus und Lukas, vertrat er nun die Auffassung, die Bibel sei Wort für Wort Gottes Offenbarung. Jene Texte, deren Sinn nicht gleich zu verstehen ist oder die in Widerspruch zu anderen Texten stehen, sind nach Auffassung von Augustinus allegorisch, also bildhaft zu verstehen. Als Autorität der Bibelauslegung entschied der Bischof von Hippo, welche Texte bildhaft zu verstehen waren.

 

Der Schöpfungsbericht über Adam und Eva gehörte für ihn nicht dazu und wurde zu einer wichtigen Grundlage seiner dogmatischen Aussagen. Die schon vorher bestehende Tendenz in der Kirche, Sexualität gering zu schätzen und eher als Gefahr für das Seelenheil der Menschen anzusehen, wurde noch dadurch verstärkt, dass seit Augustinus jegliche Sexualität mit Sünde in Verbindung gebracht wurde. Besonders die weibliche Sexualität erhielt eine negative Bewertung, und die Jungfrau Maria wurde zu einem Ideal eines nicht durch Sexualität „befleckten“ Lebens. Man wird die theologischen Positionen zur Sexualität von Augustinus schwerlich von seiner eigenen Biografie losgelöst betrachten können. Aber in dem Augenblick, in dem sie zur Grundlage der kirchlichen Lehre und Dogmatik wurden, verloren sie ihre zeitgeschichtliche Einbindung und erhielten einen universalen Status. Der kirchliche Diskurs über Maria und auch über Fragen der Sexualität kann heute nicht geführt werden, ohne sich mit Augustinus und seinen theologischen Auffassungen auseinanderzusetzen.

 

Die Weihnachtspredigten des Bischofs

 

Ochs und Esel haben schon vor Augustinus zumindest vereinzelt die Bilder von der Geburt Jesu bereichert. Aber der Bischof von Hippo hat in einer seiner weit weitverbreiteten Weihnachtspredigten dieses Bild bekannter gemacht und so interpretiert: „Der Ochse bezeichnet die Juden, der Esel die Heiden; beide kamen zur einen Krippe und fanden in ihr das Futter des Wortes.“[14] Ochs und Esel erkannten nach diesem Verständnis, dass die Verheißungen an das jüdische Volk erfüllt sind in Jesus. Viele Juden zu Lebzeiten Jesu und danach, so die Argumentation, erkann­ten dies nicht. Heidenchristen und Judenchristen dagegen bildeten für Augustinus die Kirche, die die Verheißung aufgenommen hat. Die „Auserwählung“ des Volkes Gottes ist auf diese Kirche übergegangen, war Augustinus überzeugt. Gegen die ihrem Glauben treu gebliebenen Ju­den gerichtete theologische Überlegungen entwickelte Augustinus nicht nur zur Geburt Jesu, son­dern auch zu seinem Tod. Erhalten geblieben ist eine Karfreitagspredigt, in der er „die Gottlosigkeit der Juden“ geißelte und Juden und Christen einander gegenüberstellte.

 

Von Augustinus sind etwa ein Dut­zend Weihnachtspredigten überliefert. Die Geburt Jesu erfolgte „aus der Unsterblichkeit des Vaters, aus der Unversehrt­heit der Mutter“.[15] Augustinus lehrte, dass Jesus bereits vor seiner Geburt im Stall in Bethlehem geboren worden war: „Der katho­lische Glaube hält an zwei Geburten des Herrn fest, an einer göttlichen und an einer menschlichen; jene vollzieht sich zeitlos, diese in der Zeit. Beide sind indes wun­derbar: jene ohne Mutter, diese ohne Vater.“[16] Christus, war Augustinus überzeugt, blieb bei seiner Menschwerdung Gott: „Und als er Fleisch annahm in der Zeit, um unser zeitgebundenes Leben mit uns zu teilen, gab er im Fleisch seine Ewigkeit nicht preis, im Gegenteil, er stattete auch das Fleisch mit Unsterblichkeit aus.“[17]

 

Augustinus stellte in seinen Weihnachtspredigten einen ganz direkten Zusam­menhang zwischen dem Heilsgeschehen und der Jungfrauengeburt her. „Stau­nen wir über die Geburt aus der Jungfrau! Wunderbar ist solche Macht, noch wun­der­barer aber ist die Barmherzigkeit dessen, der da so geboren werden konnte, so ge­boren werden wollte.“[18] Für Augustinus war Maria vor, wäh­rend und nach der Geburt Jesu eine Jungfrau. „Sie ist Mutter und Jungfrau zugleich; sie ist Mutter und dabei unversehrt, sie ist Jungfrau und hat einen Sohn, sie kennt keinen Mann, ist immer verschlossen, aber nicht unfruchtbar.“[19] Und zur Bekräftigung predigte er: „Maria ist Jungfrau vor der Empfängnis und Jungfrau nach der Geburt.“[20] Diese Vorstellungen von der Jungfrau Maria sind nicht zu trennen von den Überzeugungen des Bischofs von Hippo von der Sündhaftigkeit des Menschen, von der Christus ihn rettet: „Er kam im Fleische, um die Laster des Fleisches zu besei­ti­gen.“[21]

 

Die Geburt Jesu war für den Bischof von Hippo die Gute Nachricht, das Evan­gelium: „Heute ist uns der Erlöser geboren. Gott wurde Mensch, damit der Mensch Gott werde. Damit der Sklave zum Herrn werde, nahm der Herr Knechtsgestalt an.“[22] Noch sei es nicht so weit, dass wir das Heil in seiner ganzen Fülle erfahren und erleben könnten. Aber von Weihnachten her können wir in Erwartung dieses Heils leben, predigte Augus­tinus. „Noch sind wir nicht bereit für das Gastmahl bei unserem Vater. Bis dahin lasst uns die Krippe unseres Herrn Jesus Christus erkennen.“[23]

 

Augustinus vertröstete die Menschen nicht auf das Kommende, sondern verkündete ihnen, dass sie durch Jesus Christus zu Kindern Gottes geworden sind. „Welch größeres Geschenk als dieses hätte Gott vor unseren Augen aufleuchten lassen können: dass er seinen eingeborenen Sohn zum Menschensohn hat werden lassen, damit jedes Menschen Kind ein Kind Gottes werden kann?“[24] Der Mensch als Kind Gottes, diese Überzeugung hat Menschen immer wieder dazu veranlasst, sich gegen Unrecht und Entwürdigung zur Wehr zu setzen, zum Beispiel die Skla­ven und später die schwarze Bürgerrechtsbewegung des 20. Jahrhun­derts in Nordamerika. Augustinus forderte die Gläu­bi­gen auf: „Seht, vor uns liegt das Christuskind: Lasst uns wachsen zusammen mit ihm!“[25] Wer konnte sich solch einer verheißungsvollen Botschaft verschließen oder sie gar verschmähen? Der tiefe Glaube des Bischofs von Hippo an die Verheißungen des Evan­geliums hat ihn vermutlich zu einem vehementen Gegner all derer gemacht, die dieses Evangelium nicht freudig annahmen.

 

Die Eroberung Roms als Anfrage an die Christenheit

 

Am Ende des Lebens von Augustinus zeichnete sich auch ein Ende des bisheri­gen römischen Weltreiches ab. Es hatte sich derart stark ausgedehnt, dass die Grenzen immer länger und kaum noch zu verteidigen waren. Kaiser Theodosius I. versuchte dieses Problem dadurch zu lösen, dass er das Reich 395 unter seinen beiden Söhnen aufteilte, sodass das Oströmische und das Weströmische Reich entstanden. Das Weströmische Reich erwies sich angesichts des Ansturms germanischer Völker als sehr labil. Ein geradezu traumatischer Tiefpunkt für alle Untertanen dieses Reiches war die Eroberung und Plünderung der Stadt Rom durch ein gotisches Heer im Jahre 410. Zwar war Rom zu dieser Zeit nicht mehr Sitz des Kaisers, aber die Stadt war weiterhin das Symbol für das schein­­bar allmächtige Römische Reich.

 

Auch viele Mitglieder der jungen Kirche glaubten, dass das Endgericht käme, wenn Rom untergehen sollte.[26] Die Eroberung Roms war daher auch für sie mit einer großen Verunsicherung verbunden, zumal der Bischof von Rom eine herausgehobene Position in der Kirche besaß. Die Verun­sicherung war besonders groß, weil nichtchristliche Römer den Vorwurf er­hoben, die Katastrophe der Eroberung wäre durch die Erklärung des Christentums zur Staatsreligion ausgelöst worden. Augustinus tat das, was er in solch kritischen Situ­a­tionen schon mehrfach getan hatte, er setzte sich hin und schrieb ein umfangreiches Buch, genauer gesagt war es eine Buchreihe mit 22 Bänden. Er gab dem Werk den Titel „Die Stadt Gottes“, und er schrieb es, um vor allem zwei Dinge nachzuweisen: Die Christen waren nicht für den Niedergang des Römischen Rei­ches verantwortlich, und dieser Niedergang bedeutete nicht, dass der göttliche Heils­plan infrage gestellt war. Augustinus löste das Christentum theologisch vom da­hinsiechenden Römischen Reich und stellte heraus, dass die christliche Heilsbot­schaft nicht an eine bestimmte politische Macht gebunden war.

 

Am 28. August 430 starb der im ganzen Römischen Reich bekannte Bischof der nordafrikanischen Stadt Hippo, die zu diesem Zeitpunkt bereits seit Wochen von Wan­dalen belagert wurde. Die Eroberung Hippos durch die germanischen Kämpfer erlebte Augustinus nicht mehr, aber befürchtet haben wird er sie. Die Plün­derung der Stadt bildete ein weiteres Kapitel in dem unaufhaltsamen Niedergang des Weströmischen Reiches. Nicht einmal ein halbes Jahrhundert später musste der letzte römische Kaiser abdanken. Eine Epo­che ging zu Ende, und dass das Christentum nicht mit dem Römischen Reich unterging oder in eine tiefe Identitätskrise geriet, war ganz wesentlich dem Bischof von Hippo zu verdanken. Dass aus einer lose zusammengehaltenen Bewegung die mächtige Institution Kirche wurde, daran wirkten viele mit, und zu den wichtigsten gehörte Augustinus.

 

© Frank Kürschner-Pelkmann

 

 

 



[1] Aurelius Augustinus: Das Geheimnis der Weihnacht, München 1997, S 91

[2] Ebenda, S. 44f.

[3] Ebenda, S. 75

[4] Ebenda, S. 31

[5] Ebenda, S. 40

[6] Zitiert nach: Andrew Knowles/Pachomios Penkett: Augustinus und seine Welt, Freiburg 2007, S. 36

[7] Uwe Neumann: Augustinus, Reinbek 1998, S. 11

[8] Vgl. Andrew Knowles/Pachomios Penkett: Augustinus und seine Welt, a.a.O., S 50

[9] Vgl. u. a. ebenda, S. 55

[10] Vgl. zu den Hintergründen der Hinwendung von Augustinus zum Christentum: Uwe Neumann: Augustinus, a.a.O., S. 19ff.

[11] Vgl. Uwe Neumann: Augustinus, a.a.O., S. 124f.

[12] Ebenda, S. 44

[13] Vgl. ebenda, S. 60

[14] Zitiert nach: Werner Löser SJ Das Wunder der Weihnacht, S. 2, zu finden auf www.sankt-georgen.de

[15] Zitiert nach: Texte zu Weihnachten, Zentrum für Augustinusforschung, zu finden auf: www.augustinus.de (Sermo 194.1)

[16] Ebenda (Sermo 190.2)

[17] Ebenda (Sermo 192.1)

[18] Aurelius Augustinus: Vom Geheimnis der Weihnacht, a.a.O., S. 35

[19] Ebenda, S. 81

[20] Texte zu Weihnachten, Zentrum für Augustinusforschung, a.a.O., Sermo 191.2

[21] Ebenda, Sermo 191,1

[22] Aurelius Augustinus: Vom Geheimnis der Weihnacht, a.a.O., S. 38

[23] Ebenda, S. 51

[24] Ebenda, S. 54

[25] Ebenda, S. 84

[26] Vgl. Uwe Neumann: Augustinus, a.a.O., S. 103