Astrid Lindgren

 

„Weihnachten ist herrlich. Und eigentlich ist es schade, dass nicht ein wenig öfter Weihnachten ist.“[1] Diese Sätze hat die schwedische Schriftstellerin Astrid Lind­gren dem kleinen Mädchen Lisa aus Bullerbü in den Mund gelegt. Und wenn man die Beschreibung des Bullerbü-Weihnachten liest, kann man das nur zu gut verstehen. Die Weihnachtsvorbereitungen begannen mit dem Backen der Pfefferkuchen, an dem sich Lisa und ihre beiden Brüder eifrig beteiligten. Am nächsten Tag zogen die drei Väter und die sieben Kinder des kleinen Dorfes Bullerbü in den Wald, um Weihnachtsbäume zu schlagen und auf Schlitten nach Hause zu bringen.

 

Heiligabend gingen alle Kinder gemeinsam zuerst zum Großvater von Britta und Inga, um ihm ein kleines Weihnachtsbäumchen zu bringen und ihn zu schmücken. Dann ging es mit einem Korb schöner Sachen, den die Mütter vorbereitet hatten, zu Kristin ins Waldhaus, und die Kinder tanzen zur Freude der alten Frau um den Weih­nachtsbaum. Anschließend wurde der heimische Weihnachtsbaum geschmückt, und das Fest konnte beginnen, das Lisa auf diese Weise beschreibt: „Die Kerzen am Weihnachtsbaum brannten, und auf dem Tisch standen auch brennende Lichter. Ich hatte Gänsehaut. Die habe ich immer, wenn es so schön und spannend ist. Vater las aus der Bibel vor. Und ich sagte einige schöne Verse auf …“[2] Lisas älterer Bruder Lasse schlüpfte in die Rolle des Weihnachtsmanns, der die Geschenke brachte. Später kamen alle Einwohner von Bullerbü zusammen und tanzten um einen Weihnachtsbaum. Und vor dem Einschlafen stellte Lisa alle ihre Geschenke neben ihrem Bett auf, um sie sofort sehen zu können, wenn sie am Weihnachtsmorgen aufwachen würde.

 

So ähnlich werden die Weihnachtsfeste der kleinen Astrid verlaufen sein, damals, als sie auf einem Bauernhof in einem kleinen südschwedischen Dorf aufwuchs. In einem halben Dutzend Büchern hat die Schriftstellerin die Welt der Kinder von Bullerbü dargestellt. Es gibt Bullerbü nicht, es hat dieses Dorf nie gegeben. Bullerbü entstand aus der Erinnerung der Schriftstellerin an eine weitgehend intakte dörfliche Welt, in der sie aufwuchs und aus der sie auf brutale Weise vertrieben wurde. In gewisser Weise be­schreiben die Bullerbü-Bücher die eigene schöne Welt der Kindheit, an die sich Astrid Lindgren umso intensiver erinnerte, je schwieriger ihr eigenes Leben wurde. Wahrscheinlich war die Welt von Bullerbü „heiler“ als die Welt der kleinen Astrid, aber wer will das einer Schriftstellerin verwehren?

 

Es gibt eine zweite Weihnachtsbeschreibung aus Bullerbü. Dort spielen Bücher eine große Rolle, was bei der Leseleidenschaft der Schriftstellerin nicht überraschen kann. Lisa, ihre beiden Brüder und die anderen Kinder des Dorfes hatten über ihre Lehrerin einige Kinderbücher bestellt, die kurz vor Weihnachten eintrafen. „Britta schlug ihr Buch auf. Ihre Mutter hatte ihr gesagt, die Bücher sollten bis zum Weihnachtsabend aufgehoben werden. Aber Britta sagte, sie wollte nur ein kleines bisschen vorlesen. Nachdem sie ein ganz kleines bisschen vorgelesen hatte, fanden wir es alle so spannend, dass wir ihr sagten, sie solle ruhig noch etwas mehr vorlesen.“[3] Man ahnt es, das Vorlesen war erst zu Ende, als das Buch zu Ende war, aber Britta fand, „das schade nichts, denn sie könne es am Weihnachtsabend noch mal lesen“.

 

Und wie in der Familie von Michel von Lönneberga, von dem noch die Rede sein wird, gibt es auch in Bullerbü die Tradition, zu Weihnachten die Vögel mit Hafergarben zu verwöhnen. Und weil die Spatzen, Dompfaffen und Kohlmeisen sehr hungrig aussahen, durften Lisa und ihre Spielgefährten den Vögeln schon einige Tage vor Weihnachten die Garben hinstellen, die im Herbst extra für diesen Zweck zurückbehalten worden waren. Und es dauerte nicht lange, „bis alle Vögel darin saßen und es sich gütlich taten“.[4] Und dann sangen die Kinder dem Großvater in Vorfreude auf das Fest einige Weihnachtslieder vor. Und Lisa sagte zum Schluss dieses Buchkapitels: „Wir Kinder von Bullerbü haben es Weihnachten so wunderbar schön. Wir haben es natürlich auch sonst schön, im Sommer und im Winter, im Frühling und im Herbst. Oh, wir haben es schön in Bullerbü!“[5]

 

Das klingt nun wirklich nach heiler Welt. Aber ein zweiter Blick lohnt, und er soll hier vor allem mithilfe von zwei Büchern getan werden. Astrid Lindgren hat das Buch über ihre Kindheit „Das entschwundene Land“ genannt. Es ist ihr einziges Buch, das sie für Erwachsene geschrieben hat, und es lässt erkennen, wie stark die Bücher über Bullerbü eine Anklage gegen eine Gesellschaft sind, in der Kinder keine Gelegenheit bekommen, so frei und unbeschwert aufzuwachsen wie die Kinder des kleinen Dor­fes. Und die Lindgren-Biografie von Maren Gottschalk macht mit dem Titel „Jenseits von Bullerbü“ schon deutlich, dass es auch im Leben der Schriftstellerin mehr zu entdecken gibt als eine idyllisch wirkende Welt des glücklichen Lebens von Kin­dern auf dem Lande.

 

Eine Kindheit, nicht ganz wie in Bullerbü

 

„Wir fühlten uns geborgen bei diesen Eltern, die einander so zugetan waren und stets Zeit für uns hatten, wenn wir sie brauchten, uns im übrigen aber frei und unbeschwert auf dem wunderbaren Spielplatz, den wir in dem Näs unserer Kindheit besaßen, herumtollen ließen. Gewiss wurden wir in Zucht und Gottesfurcht erzogen, so wie es damals Sitte war, aber in unserem Spielen waren wir herrlich frei und nie überwacht.“[6] Diese Erinnerungen an eine fröhliche Kindheit haben As­trid Lindgren zu vielen ihrer Kindergeschichten inspiriert, so vor allem Pippi Langstrumpf.

 

Geboren wurde Astrid am 14. November 1907 in einem der typischen schwedischen Bauernhäuser, rot gestrichen und mit weißen Fensterrahmen. Ihre Eltern, Hanna und Samuel August Ericsson, waren Pächter des Hofes Näs in der Nähe der südschwedischen Kleinstadt Vimmerby. Die Eltern mussten hart arbeiten, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen und die Pacht zu zahlen. Auch für die vier Kinder war das Leben auf dem Bauernhof von klein auf mit Pflichten verbunden. Astrid Lindgren erinnerte sich später, dass sie schon mit sechs Jahren Rüben verziehen und Brennnesseln für die Hühner rupfen musste. Sie hat sich häufig positiv über ihre Eltern geäußert, aber sie hat einer Freundin später in einem Brief geschrieben, ihre Mutter habe sie nur ein einziges Mal spontan umarmt. Das war nach der Rückkehr von einer längeren Reise. Und Maren Gottschalk schreibt in ihrer Biografie: „Hanna Ericsson ist eher tüchtig als warmherzig, so wie es üblich ist in der damaligen Zeit, in der Kinder nicht mit Zärtlichkeiten überhäuft werden.“[7]

 

Schon früh lernte Astrid das Schweden derer kennen, die als „Landstreicher“ oder im Armenhaus ums Überleben kämpften. Sie verschloss ihr ganzes weiteres Leben lang ihre Augen und ihr Herz nicht vor den Nöten ihrer Mitmenschen, und auch in vielen Weihnachtsbeschreibungen gehört zum Fest ganz selbstverständlich, die Menschen im Armenhaus zu besuchen und ihnen eine Freude zu machen.

 

Astrids Vater war Kirchenältester der Kirchengemeinde in der Stadt, und deshalb „hatten auch wir Kinder so einigermaßen kirchlich zu sein“.[8] Aber die Tochter verstand nicht, was der Pastor auf der Kanzel in seiner Predigt sagte, und die Sonntagsschule fand sie langweilig. „Dass ich die Sonntagsschule nicht mochte, bedeutet noch nicht, dass ich eine verstockte Ketzerin gewesen wäre, im Gegenteil. Sowohl ich als auch meine Geschwister wollten gerne rechte Gotteskinder sein … Wir glaubten innig an Gott. Allabendlich scharten wir uns im Schlafzimmer um unsere Mutter, sprachen unsere Abendgebete und sangen ‚Breit aus die Flügel beide’, bevor wir in die Federn krochen.“[9]

 

Abschied von der Kindheit

 

Diese Welt ihrer Kindheit in einem südschwedischen Dorf existiert nicht mehr. Und im Alter fragte Astrid Lindgren: „Meine Kindheit verlebte ich in einem Land, das es nicht mehr gibt, aber wohin ist es entschwunden?“[10] Ganz verschwunden ist dieses Land nicht, sondern es lebt in den Büchern weiter, die Astrid Lindgren später schrieb. Aber zunächst einmal führte der Weg der Bauerntochter in die Stadt Vimmerby, wo sie die höhere Schule besuchte. Als ein Aufsatz von ihr in die Lokalzeitung von Vimmerby erschien, wurde ihr prophezeit: „Du wirst mal Vimmerbys Selma La­gerlöf“, aber sie wies die Möglichkeit weit von sich, einmal Schriftstellerin zu wer­den. Der Weg zur Schriftstellerin war tatsächlich noch lang, und erst einmal be­gann das, was die Lindgren-Biografin Maren Gottschalk in einer Kapitelüberschrift „Die Vertreibung aus Bullerbü“ genannt hat: „Die Pubertät wird in Astrids Leben zum schmerzlichen Wendepunkt. Ihre geliebte, sorgsam gehegte Phantasiewelt des Spiels entzieht sich und die Wirklichkeit drängt sich auf.“ [11] Als Kind war sie glück­lich gewesen, erinnerte sich Astrid Lindgren später, nun fand sie es traurig und mühsam, erwachsen zu werden.

 

Mit 16 Jahren schloss Astrid Ericsson die Schule ab und nahm das Angebot an, Volontärin bei der „Vimmerby Tidningen“ zu werden. Zur Redaktion der kleinen Lokalzeitung gehörte lediglich noch der Chefredakteur. Zwischen dem verheirateten Mann und der jungen Volontärin entwickelte sich eine Affäre, und mit 18 Jahren war Astrid Ericsson schwanger. Ein großer Skandal in der kleinen Provinzstadt. Die werdende Mutter entschloss sich, nach Stockholm zu gehen und dort eine Sekretärinnenausbildung zu beginnen. Dort musste sie sich unter ärmlichsten Bedingungen durchschlagen. Ihr Kind brachte sie in einem Krankenhaus in Kopenhagen zur Welt, wo sie nicht wie im da­maligen Schweden fürchten musste, als uneheliche Mutter bestraft zu werden.

 

Am 4. Dezember 1926 wurde ihr Sohn Lars geboren, den sie später liebevoll Lasse nannte. Das Kind lebte zunächst drei Jahre bei einer Pflegefamilie in Dänemark, während seine Mutter in Stockholm die Ausbildung abschloss und sich eine Anstellung suchte. Das Gehalt war derart niedrig, dass es nur dafür reichte, sich ein einfaches Zimmer mit einer anderen Sekretärin zu teilen. Die Biografin Maren Gottschalk schreibt über diese Zeit: „Der Blick zurück auf Näs und die Kindheit verklärt sich durch die schwierigen Verhältnisse in Stockholm, und die Welt von ‚Bullerbü’ erhält in diesen Jahren ihre endgültige Form in Astrids Kopf. Die Bilder der Kindheit fügen sich zusammen und werden für sie ihr ganzes Leben lang detailliert abrufbar sein. Vor allem das wohlige Gefühl vor dem Weihnachtsfest wird in Astrid wieder lebendig.[12]

 

Als die dänische Pflegemutter schwer erkrankte, holte Astrid Ericsson ihren dreijährigen Sohn nach Stockholm. Aber es erwies sich als kaum möglich, Beruf und Kinderbetreuung zu verbinden. In dieser kritischen Situation nahm Astrids Mutter das Enkelkind auf, und die Tochter konnte sich auf ihr berufliches Fortkommen konzentrieren. 1931 schloss sie eine Vernunftehe mit ihrem Chef Sture Lindgren, und in der neuen Wohnung der Familie war nun auch Lasse zu Hause. 1934 wurde die Tochter Karin geboren. Beide Kinder bedauerten, dass sie in der anonymen Großstadt ganz anders aufwuchsen als ihre Mutter auf dem Dorf.[13]

 

Die Mutter war wieder berufstätig, fand daneben aber Zeit, mit „Pippi Langstrumpf“ ihre schrif­tstellerische Karriere zu beginnen. Ein Verlag lehnte das Manuskript über das freche Mädchen allerdings ab, aber ein abgemildertes, nicht ganz so pro­vo­kantes Manuskript wurde dann angenommen und erschien 1945. Der Begeisterung vieler Kinder und mancher Kritiker stand die Befürchtung in Erwachsenenkreise gegenüber, Pippi könnte einen schlechten Einfluss auf die junge Generation ausüben und die Autorität der Erwachsenen untergraben.

 

Die Pippi Langstrumpf-Bücher wurden trotz der Kritik vieler Bedenkenträger zu einer der erfolgreichsten Kinderbuchreihen der Welt und Astrid Lindgren zur erfolgreichen Schriftstellerin. Rasch erschienen weitere Kinderbücher, darunter 1946 „Wir Kinder von Bullerbü“. Aber das Leben blieb schwierig für Astrid Lindgren, denn ihr Mann Sture hatte zunehmend Alkoholprobleme. 1952 starb Sture Lindgren, und danach stürzte sich die Schriftstellerin noch mehr in die Welt ihrer Kinderbuchgeschichten. Immer wieder wurde sie durch die realen Probleme des Alltags aus ihrer Kinderbuchwelt herausgerissen, nun vor allem durch die Alkoholprobleme ihres Sohnes Lasse.

 

War es die Last des Alltags, die Astrid Lindgren dazu veranlassten, sich aus der Welt von Bullerbü zu verabschieden und nun in ihren Büchern stärker die Probleme des kindlichen Alltags zur Sprache zu bringen, so die Einsamkeit des kleinen Bertil in „Nils-Karlsson-Däumling“ und die fehlende Liebe für das Pflegekind in „Mio, mein Mio“? Aber diese Kinder blieben nicht ohne Trost und Hoffnung.[14] Und Astrid Lind­gren selbst? Sie sagte 1958 in der Dankesrede bei der Verleihung der Hans-Christian-Andersen-Medaille: „Ich schreibe für ein einziges kleines Mädchen, das mitunter sechs Jahre oder acht oder auch elf Jahre alt ist. Immer aber ist es dasselbe Mädchen. Es wohnte vor vielen Jahren auf einem Bauernhof in Schweden, das war im Pferdezeitalter, als es noch herrlich war, ein Kind zu sein.“[15]

 

Für ein anderes Schweden

 

Im realen Schweden fühlte sich die Schriftstellerin immer weniger Zuhause. Daran trug die sozialdemokratische Regierungspartei eine große Mitverantwortung, war sie überzeugt. Nachdem sie jahrelang als gut verdienende Autorin klaglos hohe Steuern gezahlt hatte, war Astrid Lindgren empört, als sie Mitte der 70er Jahre auf ihr Einkommen 102 Prozent Steuern zahlen sollte. Auch nachdem sie ihren Ärger öffentlich Luft gemacht und sogar ein Märchen zu dem Thema verfasst hatte, gestand der Finanzminister nicht ein, bei der letzten Änderung der Steuergesetze einen Fehler gemacht zu haben, sondern äußerte sich mit höhnischen Worten über die Schriftstellerin. Astrid Lindgren empfahl nun in einem Zeitungsartikel einen Regierungswech­sel: „… das würde den Sozialdemokraten die Chance geben, sich ein wenig zu besinnen und sich vielleicht von ihrer Machtvergiftung zu rei­nigen, bevor sie wiederkehren“.[16] Die Wahlen gingen tatsächlich für die Sozialdemokraten verloren.

 

Die tierliebe Astrid Lindgren engagierte sich Mitte der 1980er Jahre mit über 70 Jahren für den Tierschutz. Nachdem sie in einer Tageszeitung Partei für ein neues Tierschutzgesetz ergriffen hatte, stellte sich heraus, dass die Politiker gelernt hatten, dass es nur Nachteile bringt, auf Konfrontationskurs mit der berühmten und streitbaren Schriftstellerin zu gehen. Der zuständige Staatsminister empfing die Tierschützerin, und zu ihrem 80. Geburtstag am 14. November 1987 wurde ein neues Tierschutzgesetz verabschiedet.

 

Astrid Lindgren hat in ihren Geschichten ganzen Generationen von Kindern eine Welt gezeigt, in der es friedlich zugeht oder sich doch friedliche Verhältnisse durchsetzen. Eine andere, friedliche Welt ist möglich, davon war die Schriftstellerin überzeugt. Manche Erwachsene mögen über die naiv und weltfremd scheinende Bullerbü-Welt abschätzig lächeln. Aber wo „alternativlos“ zu einem Mode­wort geworden ist, kann eine friedlichere Welt bei Kindern die Hoffnung wecken, dass das Vorfindliche nicht das einzig Mögliche ist. Astrid Lindgrens Geschichten sind Geschichten voller Hoffnung, nicht nur, aber auch zur Weihnachtszeit.

 

Weit mehr als 120 Millionen Bücher der Schriftstellerin sind weltweit verkauft worden, davon etwa 30 Millionen in Deutschland. In mehr als 80 Sprachen können Kinder die Mut machenden Geschichten lesen. Für ihre zutiefst mitmenschlichen Bücher ist die schwedische Autorin 1994 mit dem Alternativen Nobelpreis geehrt worden, wegen ihres Eintretens für die Rechte von Kindern und dem Re­spekt für ihre Individualität. Den Literaturnobelpreis hat sie nicht erhalten und wollte ihn auch nicht – wegen der damit verbundenen öffentlichen Aufregung.[17] In Deutschland kennen laut einer neueren Umfrage 99,6 % aller Menschen Pippi Langstrumpf, die berühmteste „Tochter“ von Astrid Lindgren.[18] Am 28. Januar 2002 starb Astrid Lindgren, betrauert von einer ganzen Nation und von kleinen und großen Kindern in aller Welt.

 

Weihnachtsgeschichten von Astrid Lindgren

 

In der Geschichte „Weihnachten im Stall“ hat Astrid Lindgren das Weihnachtsgeschehen in Bethlehem für Kinder neu erzählt und in ihre schwedische Heimat ver­legt. „An einem Abend vor langer Zeit, da kamen ein Mann und eine Frau in der Dunkelheit ihres Weges daher. Sie waren weit gewandert, und darum waren sie müde und wollten schlafen, wussten aber nicht, wo. Überall auf den Höfen waren die Lichter erloschen. Die Menschen schliefen dort schon, und keiner kümmerte sich um die Wanderer, die noch unterwegs waren.“[19] In dem Stall, in dem das Paar Unterschlupf fand, befanden sich Tiere, darunter ein Pferd, eine Kuh und Schafe. Die Frau wärmte ihre kalten Finger unter der Mähne des Pferdes und trank von der Milch der Kuh. Und als das Paar sich niederlegte, scharten sich die Schafe um sie, um sie zu wärmen.

 

In der Nacht wurde das Kind geboren. „Und zur selben Stunde flammten am Himmel alle Sterne auf. Ein Stern aber war größer und heller als die übrigen. Genau über dem Stall stand er und leuchtete mit klarem Schein.“[20] Einige Hirten, die mitten im Winter noch einige Schafe heimholen wollten, sahen den Stern und machten sich auf zum Stall. Dort fanden sie das Paar mit seinem neugeborenen Kind. „Das Kind schlief in der Krippe, ringsum standen stumm die Tiere und die Hirten. Alles war still. Und über dem alten Stall leuchtete der Weihnachtsstern. Denn als dies geschah, war es Weihnachten. Ein Weihnachten vor langer Zeit. Das erste Weihnachten.“[21]

 

Der katholische Hamburger Erzbischof Werner Thissen hat in einem Vortrag über Astrid Lindgren zu dieser Weihnachtsgeschichte gesagt: „Und in der Geschichte ‚Weihnachten im Stall’ schildert Astrid Lindgren die Geburt Christi mit einfachen Worten als einzigartiges, aber stilles Geschehen in einer bäuerlich vertrauten Umgebung, schmucklos und unspektakulär.“[22]

 

Auffällig an dieser recht idyllischen Darstellung ist, dass im Gegensatz zu vielen anderen Neuerzählungen der Weihnachtsgeschichte die Bewohner des Ortes, die das Paar nicht aufnehmen, nicht als hartherzig dargestellt werden. Sie schlafen und bekommen gar nicht mit, dass zwei Wanderer mitten in der Nacht ankommen. Bemerkenswert auch, welche große Rolle in dieser Darstellung die Tiere überneh­men. Bekanntlich bleiben selbst Ochs und Esel bei Lukas unerwähnt und sind erst später in die Weihnachtstraditionen aufgenommen worden. Die große Tierliebe der Schrift­stellerin sorgt dafür, dass Pferd, Kuh und Schafe zum Wohlergehen der heiligen Familie beitragen.

 

Astrid Lindgrens Tierliebe kommt auch in einer Weihnachtsbeschreibung im Le­ben des fünfjährigen Bauernkindes Michel aus Lönneberga zum Ausdruck: „… Mi­chels Vater ging in die Scheune und kramte einige Hafergarben hervor, die er für die Spatzen aufbewahrt hatte. ‚Es ist natürlich eine wahnsinnige Verschwendung’, sagte er, ‚aber wenn Weihnachten ist, sollen es die Spatzen auch einmal gut haben.’“[23] Hatte die Schriftstellerin das Vorbild von Franz von Assisi im Blick, der da­für eintrat, zu Weihnachten Körner auf den Straßen zu verteilen, um die Lerchen zu füttern? Wir wissen es nicht, aber wie Franz von Assisi hat auch Astrid Lindgren in ihrer Geschichte neben den Tieren auch die Mitmenschen in Not nicht vergessen. Denn gleich nach der Beschreibung der Fütterung der Spatzen werden die schrecklichen Verhältnisse im Armenhaus des Dorfes dargestellt und dann erzählt, wie Michel und seine Schwester Ida einen Korb mit lauter Köstlichkeiten zum Armenhaus bringen. „Nur jemand, der selbst lange hat hungern müssen, kann sich vorstellen, wie froh sie im Armenhaus waren, als Michel und Ida zu ihnen kamen.“[24]

 

Aber die Geschichte nimmt nun – anders als viele andere Geschichten über die Hilfe für Arme zur Weihnachtszeit – keinen rührseligen Fortgang. Eine der Bewohnerinnen eignet sich die Köstlichkeiten unter einem Vorwand an und will sie nicht mit den anderen Bewohnerinnen und Bewohnern des Armenhauses teilen. Erst durch das kluge und beherzte Eingreifen der beiden Kinder nimmt die Geschichte doch noch ein gutes Ende – jedenfalls für die Armenhausbewohner. Denn die Kinder laden sie in Abwesenheit ihrer Eltern kurzerhand nach Hause ein und tischen ihnen all die Köstlichkeiten auf, die eigentlich für den Verwandtenbesuch am dritten Weihnachtstag vorgesehen sind. Auf einer ganzen Buchseite werden all die Speisen aufgelistet, die auf den Küchentisch stehen und mit großem Genuss gegessen werden. Doch noch ein schönes, weihnachtliches Ende der Geschichte? Nicht ganz. Denn als am dritten Weihnachtstag der Besuch kommt, gibt es keinen Festschmaus, sondern lediglich einen Schweinebraten. Michel verbringt den Tag in der Verbannung im Tischlerschuppen. Und die Mutter schreibt in ihr Tagebuch: „Sicher ist er eigentlich fromm, der Junge, aber manchmal, glaube ich, ist er zu verrückt.“[25]

 

Wie Pelle beinahe Weihnachten in "Herzhausen" gefeiert hat

 

Insgesamt gibt es mehr als ein Dutzend Weihnachtsgeschichten oder Weihnachtsabschnitte in den Büchern von Astrid Lindgren. Für eine Schriftstellerin, die der Staatskirche ihres Landes und so manchen ihrer Pastoren kritisch gegenüberstand,[26] ist dies eine bemerkenswert hohe Zahl von Geschichten zum be­kann­testen christlichen Fest. Hier soll eine berühmte Geschichte kurz vorgestellt wer­den, ohne die ein deutsches Radioweihnach­ten kaum denkbar ist: „Pelle zieht aus“.

 

„Pelle ist böse. Er ist in einem solchen Grad böse, dass er beschlossen hat, von zu Hause wegzuziehen.“[27] Fälschlicherweise ist Pelle von seinen Eltern vorgeworfen worden, er habe einen Füller des Vaters verlegt, und nun überlegt Pelle, wohin er auswandern soll. Nachdem er zunächst erwogen hat, zur See zu fahren oder nach Afrika zu reisen, entscheidet er sich zum Schluss für ein näher liegendes Ziel: „Herzhausen“. Das ist ein kleines rotes Häuschen mit Herz im Hof, und dort will Pelle auch in zwei Tagen Weihnachten feiern. Mit „Max und Moriz“, einem Ball und einer Mundharmonika zieht Pelle in das Häuschen – und seine Eltern werden ein trauriges Weihnachten ohne ihn verbringen, ist Pelle überzeugt. Er bittet seine Mutter, seine Weihnachtspost vom Postboten nach „Herzhausen“ bringen zu lassen, Weihnachtsgeschenke von seinen Eltern will er nicht haben. Aber die Geschichte wendet sich zum Guten, als Pelle sich noch am gleichen Tag entschließt, die Bitten seiner Mutter zu erhören und in die Wohnung der Familie zurückzukehren. Die Gedanken an das Weihnachtsfest tragen zu diesem Sinneswandel bei, und zum Schluss können die Leserinnen und Leser sicher sein, dass in Pelles Familie ein schönes Weihnachtsfest gefeiert werden wird.

 

Warum die Geschichte vom Auszug des kleinen Pelle ein gutes Ende nimmt, hat Astrid Lindgren in der Beschreibung ihrer eigenen Kindheit verraten. Als sie ungefähr fünf Jahre alt war, fühlte sie sich von ihrer Familie schlecht behandelt und zog davon – auf das Plumpsklo. Aber in ihrem Falle kam niemand, um sie wieder ins Haus zu holen. „… und es war sehr bitter für mich, dass keiner, aber auch keiner in der ganzen Welt mich vermisst hatte“. Es blieb ihr nichts übrig, als von allein wieder ins Haus zu gehen, wo niemand kundtat, sie vermisst zu haben. „Und darum reagiert Pelles Mutter so einsichtig, als Pelle versucht, Reißaus zu nehmen. Damit wollte ich nur endlich mein fünfjähriges Ich trösten, das bestimmt noch irgendwo in all den Jahresringen der Seele versteckt ist.“[28] Und wieder ahnen wir, dass die Kindheitswelt von Astrid Lindgren vielleicht nicht so heil war, wie man nach dem Lesen der Geschichten zunächst vermuten könnte.

 

Es gab ein Leben von Astrid Lindgren jenseits von Bullerbü – und doch voller Hoffnung, dass eine andere, bessere Welt möglich ist. Man kann es eine Weihnachtshoffnung nennen.

 

© Frank Kürschner-Pelkmann

 

 

 



   [1] Astrid Lindgren: Pelle zieht aus und andere Weihnachtsgeschichten, Hamburg 1985, S. 142

[2] Ebenda, S. 140

[3] Ebenda, S. 68

[4] Ebenda, S.70

[5] Ebenda, S. 71

[6] Astrid Lindgren: Das entschwundene Land, München 2004, S. 44

[7] Maren Gottschalk: Jenseits von Bullerbü, Die Lebensgeschichte von Astrid Lindgren, Weinheim 2006, S. 35

[8] Ebenda, S. 64

[9] Ebenda, S. 66

[10] Ebenda, S. 81

[11] Maren Gottschalk: Jenseits von Bullerbü, a.a.O., S. 33

[12] Ebenda, S. 53

[13] Vgl. hierzu u. a. ebenda, S. 65ff.

[14] Vgl. ebenda, S. 127ff.

[15] Zitiert nach: ebenda, S. 143

[16] Zitiert nach dem Beitrag „Astrid und die Sozialdemokratie“ auf der Website www.astrid-lindgren.de

[17] Vgl. zu diesem Abschnitt: Astrid Lindgren: Pippis Mutter ist tot, Stern.de, 28.1.2002; Meike Mai: Zum zehnten Todestag von Astrid Lindgren, sueddeutsche.de 28.1.2012

[18] Vgl. Uwe Ritzer: Piraten in Taka-Tuka-Land, Süddeutsche Zeitung, 22.12.2011

[19] Astrid Lindgren: Pelle zieht aus und andere Weihnachtsgeschichten, a.a.O., S. 143

[20] Ebenda, S. 144

[21] Ebenda, S. 148

[22] Werner Thissen: Astrid Lindgrens Zeit und Ewigkeit – Religiöse Elemente bei Astrid Lindgren, 7.9.2007, auf der Website www.erzbistum-hamburg.de

[23] Astrid Lindgren: Pelle zieht aus und andere Weihnachtsgeschichten, a.a.O., S. 156

[24] Ebenda, S. 158

[25] Ebenda, S. 184

[26] Astrid Lindgren im Religions­unterricht, ekd.de, 12.11.2007

[27] Ebenda, S. 7

[28] Astrid Lindgren: Das verschwundene Land, a.a.O., S. 123