Weihnachtsgedanken – Erinnerungen und Einsichten aus zwei Jahrtausenden

 

Auf diesen Seiten sind Sie eingeladen, sich auf die Spurensuche der Wir­kung der Weihnachtsgeschichte und der Weihnachtsgeschichten zu begeben, also der einzigartigen Zuwendung Gottes zu seiner Welt. Das wunderbare Geschehen bei der Geburt Jesu hat Menschen seit der Gründung der ersten Gemeinden beschäf­tigt. An Beispielen aus mehr als eineinhalb Jahrtausenden wird gezeigt, wie Theologen und Theologinnen, Malerinnen und Maler, Schriftstellerinnen und Schriftsteller dieses Geheimnis und die Bedeutung der Geburt Jesu verstanden und inter­pretiert haben. Diese Weihnachts-Lesereise durch die Jahrhunderte kann uns dabei helfen, zu einem eigenen Weihnachtsglauben zu gelangen. Überliefert sind aus der Frühzeit der Christenheit und dem Mittelalter allerdings leider fast ausschließlich Texte und Kunstwerke von Männern. Je weiter wir uns der Gegenwart nähern, desto mehr Frauen konnten berücksichtigt werden.

 

Spannend ist, wie die Weihnachtsdarstellungen aller Jahrhunderte immer auch die jeweils aktuellen politischen, sozialen und ökonomischen Verhältnisse und Kon­­flikte ihrer Zeit widergespiegelt haben. Die Heilsbotschaft der Weihnachtsgeschichte wurde immer neu in Beziehung zur jeweils eige­nen Situation gesetzt. Das war schon bei dem Kirchenvater Augustinus so, der den Nie­dergang des Römischen Reiches theologisch verarbeitet hat. Dabei hatten die christ­lichen Gemeinden gerade erst erleichtert erlebt, dass die Herrscher dieses Reiches die Verfolgung beendeten und das Christentum zu einer anerkannten und geschätzten Religion machten. Franz von Assisi und Martin Luther haben zu ihrer jeweiligen Zeit damit zu kämp­fen gehabt, diese Kirche zu erneuern und sich in diesem Zusammenhang auch mit dem Verhältnis dieser Kirche zu den Mächtigen auseinandergesetzt. Das hat auch Konsequenzen für ihr Verständnis von Weihnachten gehabt. Wie die Weihnachtsgeschichte mit der eigenen politischen und sozialen Situation in Verbindung gebracht wird, zeigen besonders eindrucksvoll die Gemälde von Pieter Bruegel. An­ge­sichts der brutalen Un­ter­drückung der Niederlande durch die Habsburger Herr­scher und ihre Truppen hat der Maler die Volkszählung, die Anbetung der Könige und den Kindermord als Er­eig­nisse in seiner Hei­mat dargestellt.

 

In den Weihnachtsdarstellungen der Neuzeit wird eine zunehmende Orientierungssuche deutlich, nachdem alte Gewissheiten verloren gegangen waren. Ende des 18. Jahrhunderts war Matt­hias Claudius noch überzeugt, dass die Beschreibungen der Geburt des Jesuskin­des ganz genau das wiedergaben, was in Bethlehem geschehen war, aber schon zu seinen Lebzeiten nahmen besonders unter Gelehrten die Zweifel daran zu. Es begann eine geistliche Suche danach, wie wir zu einem neuen Weihnachtsglauben gelangen können, der Erkenntnisse über die Entstehung der Weihnachtsge­schich­ten im Neuen Testament ernst nimmt und mit einem Erwachsenenglau­ben ver­bindet. Der Schriftsteller The­o­dor Storm aus Husum, berühmt geworden durch seinen „Schimmelreiter“, hat zeitlebens mit dem Glauben ge­rungen, und dass ihm das derart schwer fiel, lag sicher auch an der Enttäuschung über die Kirche seiner Zeit.

 

Das Schwinden des Weihnachtsglaubens und seine Verkümmerung zu Konven­tionen und Ritualen hat Thomas Mann in seinen Romanen „Buddenbrooks“ und „Zauberberg“ meisterhaft und bedrückend dargestellt. Im Laufe des 20. Jahrhun­derts haben dann so unterschiedliche Theologen und Theologinnen wie Karl Barth, Dietrich Bonhoeffer, Karl Rahner, Uta Ranke-Heinemann und Dorothee Sölle um ein neues Verständnis des Glaubens und eben auch der Weihnachtsgeschichte gerungen. In umfangreichen dogmatischen Texten, mit einem provokanten Buch unter dem Titel „Nein und Amen“ oder mit poetischen Texten – immer wieder wurde die Weihnachtsgeschichte zu einem Kristallisationspunkt des theologischen Denkens. Und das mit sehr unterschiedlichen Ergebnissen. Das Bild vom heutigen Verständnis der Weihnachtsgeschichte wird noch vielfältiger, wenn Theologinnen und Theologen aus dem Süden der Welt zu Wort kommen wie Leonardo Boff aus Brasilien und James Massey aus Indien.

 

Und wie haben Schriftstellerinnen und Schriftsteller die neueren theologischen Debatten um das Weihnachtsgeschehen und die heutige Weise, Weihnachten zu feiern, in ihren Werken aufgenommen und verarbeitet? Es lohnt sich, in Texte der Schweizer Schriftsteller Kurt Marti und Peter Bichsel hineinzuhören und sie im Rah­men ihrer Biografien und ihrer Beschäftigung mit Glaubensfragen zu verstehen.

 

Am Ende der Darstellungen des Weihnachtsglaubens und seiner Wandlungen im Laufe der Jahrhunderte steht nicht zufällig die Familie Hoppenstedt, wie sie Loriot genial dargestellt hat. Hier ist nichts mehr übrig von den christlichen Inhalten des Weihnachtsfestes. Gemütlich soll das Fest sein, hoffen die Eltern Hoppenstedt, aber der Weg dahin führt in ein Weihnachtschaos. Am Ende explodiert ein Spielzeug-Atom­kraftwerk, und die El­tern werden von einem Karton- und Weihnachtspapierberg begraben. Aber ein Bankrott birgt auch die Chance zu einem Neuanfang in sich, und deshalb bleibt die Hoffnung auf ein Weihnachten, bei dem die Geburt dessen ge­feiert wird, der dieser Welt einen neuen Anfang zusagte und sie ermutigte, sich auf einen Weg zu machen, der zum Reich Gottes führt.

 

 

© Frank Kürschner-Pelkmann