Wasser in der Bibel

 

Wo Wasser ist, kann Leben gedeihen, wo es fehlt, sterben alle Lebewesen und Pflanzen. Das ist seit Jahrtausenden die Erfahrung der Menschen im heutigen Nahen Osten. Und das hat auch den Glauben der nomadischen Völker der Wüste und der Kulturen in Ägypten und Mesopotamien stark beeinflusst. Die Israeliten kannten das Leben in der Wüste und – als Unterdrückte – in den Weltreichen, als die Bücher der Bibel verfasst wurden. Einige religiöse Vorstellungen der Völker an Nil, Euphrat und Tigris sind in angepasster Form in die eigene Glaubenswelt übergenommen worden, von anderen haben sich die Israeliten scharf abgegrenzt. Auch können viele Texte der Bibel auf dem Hintergrund der täglichen Sorge um Wasser in der Region zwischen Mittelmeer und Jordan verstanden werden.

 

Wasser war ebenso unersetzlich für die Viehzüchter wie für die Ackerbauern, und gerade diese tagtägliche Erfahrung der Bedeutung des Wassers gaben den Israeliten die Glaubensgewissheit, dass es göttlichen Ursprungs war. In der Bibel lesen wir häufig vom Durst und von der Sorge um das tägliche Wasser und ebenso von den Konflikten um die Kontrolle von Brunnen. In den Kämpfen der Israeliten mit den Nachbarvölkern ging es nicht zuletzt um den Zugang zu den knappen Wasserressourcen der Region. Die Abhängigkeit vom Wasser zeigte sich auch darin, dass viele Israeliten in Zeiten der Dürre nach Ägypten zogen, um sich dort als Arbeiter zu verdingen und dafür Wasser und Lebensmittel zu erhalten.

 

Wasser wurde zugleich als bedrohlich empfunden, denn bei starken Regenfällen füllten sich die ausgetrockneten Flussbetten sehr rasch und rissen alles mit sich fort. Das Meer erschien den Israeliten ebenfalls als gefährlich. Auch in den Epochen, wo sie Zugang zum Mittelmeer hatten, wurden sie nie ein Volk von Seefahrern. Der Fluss des Wassers durch die biblischen Geschichten und Berichte in seinen vielen Facetten soll in diesem Beitrag und in den weiteren Abschnitten zu einzelnen biblischen Themen verfolgt werden.

 

Die Schöpfungsgeschichten der Bibel

 

In der ersten Schöpfungsgeschichte der Bibel in Genesis 1 lesen wir, dass zunächst die ganze Erde von Wasser bedeckt, und der Geist Gottes schwebte auf diesem Wasser. Dann trennte Gott das Wasser und das Feste, und nannte das eine Meer und das andere Erde. In den Versen 20 und 21 wird berichtet: „Und Gott sprach: Es wimmle das Wasser von lebendigem Getier, und Vögel sollen fliegen auf Erden unter der Feste des Himmels. Und Gott schuf große Seeungeheuer und alles Getier, das da lebt und webt, davon das Wasser wimmelt, ein jedes nach seiner Art, und alle gefiederten Vögel, einen jeden nach seiner Art. Und Gott sah, dass es gut war.“ Anschließend segnete Gott die Tiere des Meeres und die Vögel – noch vor den Menschen.

 

Der einige Verse später folgende göttliche Auftrag an die Menschen, die Schöpfung zu bewahren, ist eng verknüpft mit dem Schutz des Wassers und der Tiere, die darin leben. Der Auftrag zu herrschen, ist gebunden an den Schöpfungswillen Gottes, dass alles sehr gut werden soll. Die Mitverantwortung endet nicht im eigenen Land, sondern die ganze menschliche Gemeinschaft hat eine Verantwortung für die ganze Schöpfung. Dies gilt in besonderer Weise für das Wasser, das einen Großteil der Erde bedeckt und dessen Schädigung nicht an Landesgrenzen ihre Wirkung verliert.

 

Im zweiten Schöpfungsbericht steht zuerst die große Dürre und Trocken­heit. Es gab, so lesen wir in 1. Mose 2, auf der Erde zunächst noch keine Sträucher und auch kein Kraut auf dem Felde. Erst als Nebel auf die Erde kam und Gott einen großen Fluss mit vier Hauptarmen schuf, wurde der Garten in Eden bewässert und die Pflanzen konnten gedeihen.

 

Flut und Dürre

 

Dass Wasser nicht nur Leben schafft, sondern auch bedrohlich sein kann, wurde von den Verfassern der biblischen Bücher als Strafe Gottes verstanden. Das zeigt sich besonders in der Geschichte von der Sintflut und der Arche des Noah (siehe Abschnitt Noah und die große Flut). Die elementare Erfahrung des Verlorenseins in der Flut ist auch an anderen Stellen in der Bibel zu finden, ein Psalmist­ hat sie so ausgedrückt: „Gott hilf mir! Denn das Wasser geht mir bis an die Kehle.“ (Psalm 69,2)

 

Die andere große Erfahrung neben der Flut war für die antiken Völker die Dürre. Angesichts der Erfahrungen von Dürre und Durst wird Gott in der Bibel mehrfach als Retter aus dieser Not dargestellt. Ein Beispiel: Nachdem Hagar, die ägyptische Magd Saras von deren Mann Abraham fortgeschickt worden war, irrte sie mit ihrem kleinen Sohn durch die Wüste. Als sie kein Wasser mehr hatte, legte sie das Kind unter einen Busch und entfernte sich ein Stück, um nicht mit ansehen zu müssen, wie es qualvoll starb. Aber „Gott tat ihr die Augen auf, dass sie einen Wasserbrunnen sah. Da ging sie hin und füllte den Schlauch mit Wasser und gab dem Knaben zu trinken.“ (1. Mose 21,19)

 

Die Flucht aus Ägypten

 

Zu den bekanntesten Erzählungen der Bibel gehört die Flucht der Israeliten aus der Sklaverei in Ägypten. Sie wurde dadurch möglich, dass Moses seine Hand über das Meer streckte und das Wasser zurückwich durch einen starken Ostwind (2. Mose 14,21). Das ägyptische Heer, das die Israeliten verfolgte, wurde von einer plötzlichen Flutwelle erfasst, sodass alle Soldaten ertranken. Dies ist keine Beschreibung eines historischen Ereignisses, sondern gibt wieder, wie wunderbar die Rettung vor den Unterdrückern war und wie Gott sich im entscheidenden Augenblick auf die Seite der Verfolgten stellte. Er stellte seine Schöpfung in den Dienst seines Volkes und vernichtete die Feinde.

 

Später, am Ende der Wanderung durch die Wüste, berichtet die Bibel von einem parallelen Ereignis zur Durchquerung des Roten Meers. Als die Flüchtlinge den Jordan erreichen, ließ Gott die Wasser des Flusses stillstehen und richtet es zu einem Wall auf, sodass die Menschen trockenen Fußes ans andere Ufer gelangten (Josua 3,16). Gott als Beherrscher des Wassers beeindruckte nicht nur die Israeliten selbst, sondern auch die Könige der Kanaaniter: „… da verzagte ihr Herz, und der Mut verließ sie beim Anblick der Israeliten“ (Josua 5,1). Jenseits der Frage der historischen Authentizität des Beschriebenen wird deutlich, welch große Bedeutung es hat, dass Gott das Wasser zum Wohle der Vertriebenen einsetzte.

 

Die Wanderung durch die Wüste

 

Zwischen den beiden Wasserwundern lag die Wanderung durch die Wüste. Hier erlebten die Israeliten ihre Angewiesenheit auf Gott vor allem dadurch, dass er es war, der sie mit Wasser versorgte. Als die Israeliten unter Durst litten, haderten sie mit Mose und murrten: „Warum hast du uns aus Ägypten ziehen lassen, dass du uns, unsere Kinder und unser Vieh vor Durst sterben lässt?“ (2. Mose 17,3) Nicht nur die Fleischtöpfe Ägyptens wurden in der Erinnerung verherrlicht, viel existenzieller war die Erinnerung an das Wasser des Nils und im Gegensatz dazu der nun erfahrene Durst.

 

Noch mehrmals ist in der biblischen Beschreibung der Wüstenwanderung davon die Rede, dass das Volk Durst litt und aufbegehrte. In der Ermahnung zur Dankbarkeit gegenüber dem Schöpfer am Ende der Wüstenwanderung heißt es über Gott: „… und dich geleitet hat durch die große und furchtbare Wüste, wo feurige Schlangen und Skorpione und lauter Dürre und kein Wasser war, und ließ die Wasser aus dem harten Felsen hervorgehen“ (5. Mose 8,15).

 

Das Wasser und die Gerechtigkeit unter den Menschen

 

Im Angesicht von Unrecht kann Gott aber auch den Menschen das Geschenk des Wassers entziehen, wie es Jesaja ankündigte: „Siehe, der Herr, der Herr Zebaoth, wird von Jerusalem und Juda wegnehmen Stütze und Stab; allen Vorrat an Brot und allen Vorrat an Wasser.“ (Jesaja 3,1) Aber Jesaja verheißt auch: „Ihr werdet mit Freuden Wasser schöpfen aus dem Brunnen des Heils.“ (Jesaja 12,3)

 

Wasser ist in biblischen Berichten wie erwähnt auch ein Anlass zum Streit. Marcelo Barros beschreibt, wie in Konflikten mit Wasser umgegangen wurde: „Wenn ein König ein neues Gebiet eroberte, war es üblich, die Bäume zu fällen und die Wasserquellen zuzuschütten, aus denen die Leute tranken. Bedauerlicherweise ist auch das Volk Israel mit seinen Gegnern so verfahren, und schlimmer noch: Es hat geglaubt, damit erfülle es den Befehl Gottes (vgl. 2. Kön 3,19–25). Schon damals litt die Natur genau wie das unterlegene Volk unter den Folgen des Krieges und der Eroberung.“ (S. 164)

 

Wer die Kontrolle über die Quellen und Brunnen eines Gebiets besaß, der konnte sie beherrschen. Entsprechend erbittert wurde um die Brunnen gerungen, besonders dann, wenn das Wasser nicht für alle Herden reichte. Im 26. Kapitel des 1. Buches Mose ist in Vers 20 zu lesen: „Aber die Hirten von Gerar zankten mit den Hirten Isaaks und sprachen: Das Wasser ist unser. Da nannte er den Brunnen ‚Zank‘, weil sie mit ihm da gezankt hatten.“ Auch über andere Brunnen, die von Isaaks Leuten gegraben wurden, kam es zum Streit mit den Philistern. Hintergrund war, dass die Philister Isaak um ­seinen Reichtum beneideten und deshalb alle Brunnen verstopften, die Abraham hatte graben lassen. Die Brunnen, die Isaak graben ließ, beanspruchten sie für sich. Schließlich kam es aber doch zum Frieden, berichtet die Bibel, weil die Philister feststellten: „Wir sehen mit sehenden Augen, dass der Herr mit dir ist.“ (1. Mose 26,28)

 

Zum Nachdenken regt dieser Spruch des Alten Testaments an: „Hungert deinen Feind, so speise ihn mit Brot, dürstet ihn, so tränke ihn mit Wasser.“ (Sprüche 25,21) Dieser Vers ist einmal ein Hinweis darauf, dass Jesu Gebot der Feindesliebe nicht gegen frühere Aussagen der Bibel gemeint war, sondern sich auf die Konflikte seiner Zeit bezog. Zum anderen wird deutlich, dass das Teilen von Wasser ein Zeichen der Gastfreundschaft und Zuwendung ist.

 

Wasser dient dazu, Reinheit in einem tiefen Sinne herzustellen. Diese Reinheit durch Wasser wird im 14. Kapitel des 3. Buches Mose so beschrieben: „Der aber, der sich reinigt, soll seine Kleider waschen und alle seine Haare abscheren und sich mit Wasser abwaschen, so ist er rein.“ Äußere Reinheit und rituelle Reinheit sind dabei aufs Engste miteinander verbunden. Wasser ist Zeichen der Reinheit und der Zuwendung Gottes zu den Menschen: „Wohlan, alle, die ihr durstig seid, kommt her zum Wasser! Und die ihr kein Geld habt, kommt her, kauft und esst. Kommt her und kauft ohne Geld und umsonst Wein und Milch!“ (Jesaja 55,1)

 

Die Stadt auf dem Berge – und das Wasser im Tal

 

Der Übergang von einer nomadischen oder halbnomadischen Lebensweise zu einem städtischen Leben stellte die Israeliten vor ganz neue Aufgaben. Die Städte, die sie eroberten oder neu erbauten, lagen aus militärischen Gründen überwiegend auf Hügeln oder Bergen, und dort gab es in aller Regel kein Wasser. Angesichts geringer Niederschläge war es deshalb zwingend erforderlich, für den Fall einer Belagerung tiefe Brunnen zu graben, Schächte zu tiefer gelegenen Quellen anzulegen und das Wasser in Teichen und Zisternen zu speichern. Wasser bedeutete nicht nur in der Wüste, sondern auch in den neuen Siedlungen auf den Bergen leben. Wasser wurde erneut als Geschenk Gottes wahrgenommen. Deshalb wurde die religiöse Bedeutung des Wassers nach der Sesshaftwerdung noch stärker wahr­genommen und betont. Das Waschen der Hände und Füße erhielt noch ­stärker neben der Bedeutung für die körperliche Sauberkeit auch eine Bedeutung im Sinne der Reinheit als Zeichen der Heiligkeit. Die Brunnen waren nicht nur Ort des Streites, sondern auch Ort der sozialen Kommunikation. Immer wieder wird in der Bibel berichtet, wie Menschen einander an einem Brunnen trafen und ins Gespräch kamen.

 

Nach der Eroberung Jerusalems durch die Babylonier und die Verschleppung der Oberschicht nach Babylon tat sich den Israeliten dort eine neue Welt auf. Nicht nur die Bauten der Herrscher an Euphrat und Tigris müssen sie beeindruckt haben, sondern auch die komplexen Bewässerungs- und Wasserversorgungssysteme. Bekanntlich entstanden große Teile des älteren Teils der Bibel in diesem Exil, und dabei erwiesen sich die Verfasser als kluge Migranten, indem sie viel von dem Wissen und einiges von den religiösen Vorstellungen der mächtigen Herrscher übernahmen, aber sich auch von ihnen absetzten, indem sie den Glauben an den einen Gott in das Zentrum ihrer Botschaft stellten und die Israeliten um diesen Gott sammelten. Die Geschichte der Sintflut ist ein gutes Beispiel für diesen klugen Umgang mit Eigenem und Fremdem.

 

Ein zentrales Moment der Botschaft im Exil war die Zusage der Rück­kehr nach Jerusalem, die im Buch Jesaja mit diesen göttlichen Worten bekräftigt werden: „Denn ich will Wasser gießen auf das Durstige und Ströme auf die Dürre. Ich will meinen Geist auf deine Kinder gießen und meinen Segen auf deine Nachkommen, dass sie wachsen sollen wie Gras zwischen Wassern, wie die Weiden an den Wasserbächen.“ (Jesaja 44,3-4) Immer wieder aber auch wird die Zusage Gottes mit einem gerechten Verhalten der Israeliten verknüpft, und auch hier wird das Bild des Wassers he­ran­gezogen, so bei Amos: „Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.“ (Amos 5,24)

 

Nach der Rückkehr in die Heimat blieben die Israeliten von benachbarten Großmächten abhängig, aber es war doch möglich, als Volk zu überleben und wieder einen gewissen Wohlstand zu erlangen. Das Bevölkerungswachstum in Palästina und vor allem das Wachstum der Städte erforderten im 1. Jahrhundert v. Chr. umfangreiche Baumaßnahmen zur Sicherung der Wasserversorgung. Dies galt besonders für Jerusalem, das sich nach der Eroberung durch die Römer zu einer der wirtschaftlichen Metropolen im Osten des Weltreiches entwickelte. In einer Verbindung von jahrhundertealten einheimischen Traditionen des Wasserbaus und römischen Kenntnissen wurde ein System von Quellen, Teichen, Kanälen, Tunneln und Fernwasser­leitungen genutzt, um die Großstadt zu versorgen. Es gab allerdings weiterhin „Wasser-Reiche“ (das waren die Römer und die einheimische Oberschicht), die über fast unbegrenzte Mengen des kostbaren Nasses verfügten, und die „Wasser-Armen“, die vor allem auf dem Lande lebten. Die Gerechtigkeitsfrage war also auch ganz entscheidend eine Frage des Zu­gangs zum Wasser. In diese Situation hinein wurde Jesus geboren.

 

Das Wasser im Neuen Testament

 

Im Neuen Testament kommt Wasser ebenfalls in vielen Zusammenhängen vor, und seine Bedeutung für das Heil wird bereits in der Darstellung des Wirkens Johannes des Täufers sichtbar, der auch Jesus getauft hat (Markus 1,9–11). Berühmt ist auch der Bericht, wie Jesu Jünger sich bei einem Sturm auf dem See Genezareth fürchteten, er selbst aber in aller Ruhe schlief und dann den Sturm besänftigte, nachdem seine Jünger in gerufen hatten (Markus 4,37–41, Lukas 8,22–25). Johannes hat überliefert, wie Jesus bei einer Hochzeit in Kana Wasser in Wein verwandelt hat (Johannes 2, 1–11). Nach dem Evangelium des Johannes war dies das erste Wunder, und man kann es vielleicht auch so deuten, dass Jesus zeigte, dass Wasser so wertvoll ist, dass aus ihm Wein entstehen kann.

 

Ein zentraler Text bei Johannes ist auch die Begegnung von Jesus mit einer Samariterin am Jakobsbrunnen, wo er sie bittet, Wasser für ihn zu schöpfen, das in ein Gespräch über das Wasser und das Heil mündet, mit dem Ergebnis, dass Jesus einige Tage bei den Menschen in Samarien blieb und viele ihm glaubten, berichtet Johannes (Johannes 4,1–42). Anlässlich des Umweltsonntags der Kirchen in Hongkong am 1. Juni 2003 zum Thema „Waters of Life – enough for all!“ schrieb Pfarrer Per Larsson, der am Lutherischen Theologischen Seminars Hongkongs unterrichtet: „Für Christinnen und Christen hat Wasser ganz gewiss sowohl eine reale Wichtigkeit als auch eine tiefe spirituelle Bedeutung. Jesus kümmerte sich um beide! Bei der Begegnung mit einer samaritischen Frau am Brunnen spricht Jesus über beide Dimensionen des Wassers … Das Gespräch, wie es im Evangelium überliefert ist, bewegt sich vom gewöhnlichen Wasser zu dem Durst nach Tiefe in uns, einen Platz, wo wir unser Leben verankern, Sinn und wahre Bedeutung finden können … Das einfache Geschenk des Wassers auf der Erde wird zu einem heiligen Geschenk Gottes im Himmel – es reinigt, heilt und verändert unsere Körper und unsere Seelen. Wie kommt es, dass Christinnen und Christen heute so viel Schwierigkeiten haben, die Verbindung zwischen den physikalischen und den spirituellen Aspekten des Wassers zu erkennen? Wie können wir all die Texte in der Bibel über das Wasser lesen und die Verbindung zu dem alarmierenden Zustand des Wassers in der Welt, in der wir leben, nicht erkennen?“

 

Auch bei der Heilung von Menschen durch Jesus hatte Wasser eine ganz reale Rolle, wie der Bericht über die Heilung des Blinden zeigt, der von Jesus zum Teich Siloah geschickt wurde, wo er seine Augen waschen sollte – und danach wieder sehen konnte (Johannes 9,1-7). Ganz real war auch das Wasser, mit dem Jesus seinen Jüngern die Füße wusch, und doch zugleich von einer viel tieferen Bedeutung (Johannes 13,5). Dem Geheimnis des Wassers in den Büchern des Neuen Testaments wird man nur auf die Spur kommen, wenn man die tiefe Verbindung zwischen dem irdischen Wasser und dem Wasser des Lebens erkennt. Wasser ist heilig, es ist auf der Erde bereits ein Zeichen des Heils, das von Gott kommt.

 

Die Verheißung, auf die die Menschen hoffen dürfen, ist in der Offenbarung des Johannes mit vielen Bildern vom Wasser verbunden. So heißt es im 7. Kapitel: „Denn das Lamm mitten auf dem Thron wird sie weiden und leiten zu den Quellen des lebendigen Wassers, und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen.“ Und im 22. Kapitel lesen wir: „Und wer dürstet, der komme; und wer da will, der nehme das Wasser des Lebens umsonst.“

 

„Wir sind aufgerufen, mit dem Wasser zusammen zu leben“        

 

Nach einer ausführlichen Beschäftigung mit dem Wasser in der Bibel und anderen religiösen Traditionen kommt Marcelo Barros in seinem Buch „Gottes Geist kommt im Wasser“ zu diesen Einsichten: „Ich meine, dass alle Religionen und spirituellen Traditionen glauben, dass das Wasser Sakrament der göttlichen Gegenwart ist. Wir sind aufgerufen, mit dem Wasser zusammen zu leben – nicht nur mit einem praktischen und nützlichen Werkzeug, sondern mit einem Zeichen der Liebe, das es zu ertragen, zu respektieren, ja sogar zu verehren gilt … Es geht dabei um eine persönliche, innere Um­kehr, kraft derer wir die göttliche Gegenwart in der Schönheit des Wassers verteidigen und die Wasserquellen und die flussnahe Natur schützen. Doch diese innere Bekehrung bleibt möglicherweise wirkungslos, wenn sie nicht unmittelbar begleitet ist von dem Bemühen, eine soziale und gesellschaftlich-strukturelle Bekehrung einzuleiten … In dieser ganzen Arbeit für eine neue Gesellschaft in Communio mit der Erde und dem Wasser können wir Zeugnis ablegen, dass wir an das Wort von Psalm 36,10 glauben: ‚Bei dir ist die Quelle des Lebens, in deinem Licht schauen wir das Licht.‘“ (S. 188ff.)

 

Eine asiatische Regionalkonsultation des Referats Frauen in Kirche und Gesellschaft des Lutherischen Weltbundes befasste sich im April 2006 mit dem Thema „Wasser in Bewegung bringen“. Die 33 Delegierten aus allen Teilen Asiens verabschiedeten am Ende ihres Treffens in Phnomenh/Kambodscha eine Erklärung, in der auch theologische Perspektiven vermittelt werden: „Die Offenbarung des Johannes, die wörtlich und metaphorisch ausgelegt werden sollte, lädt uns ein, Gottes ‚Fluss des Lebens’ als Bild der Hoffnung und Heilung für unsere eigenen Flüsse und für die Welt zu erforschen. Wasser hat in der Offenbarung eine Doppelrolle – es ist Ort der Heilung und Erneuerung, aber auch der Gewalt und des Unrechts. Die Wasser selbst rufen nach Gerechtigkeit (Offb. 16,6). In unsere Zeit hinein, in der Menschen der Zugang zu Wasser verwehrt wird und den Gewässern der Erde Verschmutzung, Privatisierung und andere Gefahren drohen, verheißt das ‚umsonst’ gegebene Wasser (Offb. 21,6; 22,17) allen Heilung und Segen. Der Vorwurf der Gewalt und Ausbeutung, den die Offenbarung an das Römische Reich richtet, kann auch heute für unseren jeweiligen Kontext relevant sein.

 

Das Johannesevangelium hilft uns, den Zusammenhang herzustellen zwischen den ‚Strömen lebendigen Wassers’, die von unserem Leib fließen (Joh. 7,38), und der ‚Quelle des Wassers’, die im Leben der Samariterin entspringt, als sie Jesus begegnet (Joh. 4,14).In unserer von Umweltgefährdung geprägten Zeit kann uns Asien mit seiner großen Wertschätzung und Sensibilität für die Natur sowie seinem tiefen Vertrauen in sie dabei helfen, uns von einem anthropozentrischen Ansatz zu einem ganzheitlichen, ökozentrischen Verständnismodell der Schöpfung zu verlagern und gar unsere theologischen Perspektiven mithilfe der Auseinandersetzung mit uralter Wissenschaft wie etwa feng shui neu zu formulieren.“

© Frank Kürschner-Pelkmann