Wasser im Judentum

 

Dass Wasser ein Geschenk Gottes ist, ohne dass es kein Leben geben kann, war für das jüdische Volk schon in biblischen Zeiten eine alltägliche Erfahrung. Beim bekannten Zug durch die Wüste bei der Flucht aus Ägypten rebellierten die Menschen sogar, als sie fürchteten, dass sie verdursten würden. In Israel selbst waren und sind die Niederschläge bis auf einige Regionen im Norden so niedrig, dass es immer wieder zu Wasserknappheit gekommen ist. Umgekehrt führten heftige Niederschläge zu gefährlichen Überschwemmungen. Diese Erfahrungen von Wasserknappheit und Gefahren durch Fluten, aber vor allem das Angewiesensein auf Gottes segensreiches Handeln spiegeln sich in den Texten der Bibel wider. Das hat das religiöse Leben geprägt. Beim Wallfahrtsfest Schemini Atzereth bitten die Gläubigen in einem Gebet um Regen. So wird zum Ausdruck gebracht, dass Wasser im regenarmen Israel ein Sinnbild des Segens Gottes ist.

 

Wasser war aber zugleich auch immer Anlass zu Konflikten und ist es bis heute geblieben. Über den Streit um Brunnen und den Zugang zum Wasser wird in der Bibel berichtet, über die heutigen Konflikte zwischen Israelis und Palästinensern berichten die Tageszeitungen. Auch zwischen Israel und seinen Nachbarn Libanon, Syrien und Jordanien hat es wiederholt Konflikte um Wasser gegeben. Ob Wasser die Menschen weiter trennt oder Versöhnung fördert, hängt auch davon ab, wie Juden, Muslime und Christen ihre heiligen Schriften lesen und verstehen. Im Judentum gibt es eine große Fülle von religiösen Vorschriften und Traditionen, in denen die Achtung vor dem von Gott geschenkten Wasser zum Ausdruck kommt. Dafür sollen zwei Beispiele gegeben werden.

 

Reinheit in der Mikwe

 

Tahara, rituelle Reinheit, hat in der jüdischen Glaubenstradition eine große Bedeutung. Als unrein wurden im alten Israel vor allem Menschen ange­sehen, die mit Toten in Berührung gekommen waren, die körpereigene Subs­tanzen (hauptsächlich männliches Ejakulat und weibliches Menstruationsblut) verloren hatten oder die an Geschlechtskrankheiten litten. Menschen, die diese rituelle Reinheit nicht mehr besaßen, mussten sich vorübergehend von der Gemeinschaft trennen und Reinigungsrituale vornehmen. Zu ­diesen Ritualen gehörte es, in einem Fluss oder einem Tauch­becken, einer Mikwe, unterzutauchen. Das fließende Gewässer wurde als lebendiges Wasser angesehen.

 

Im traditionsbewussten Judentum haben sich vor allem die Reinheitsgebote für die Frauen erhalten. So gehen sie sieben Tage nach der Menstruation in die Mikwe, bevor sie den Geschlechtsverkehr wieder aufnehmen können. In orthodoxen Familien haben die Frauen eine besondere Verantwortung für die rituelle Reinheit.

 

Früher war in jüdischen Gemeinden in Deutschland eine Mikwe, ein Tauchbad, unverzichtbar, und mit der Zahl neuer Gemeinden steigt auch die Zahl der Tauchbäder wieder. Eine Mikwe muss „lebendiges Wasser“ enthalten, also Wasser, das direkt aus Quellen oder dem Grundwasser in das Tauchbecken geleitet wird. Auch gesammeltes Regenwasser kann für diesen Zweck dienen. Die meisten Tauchbäder befinden sich unterhalb von Häusern in tiefen Kellern, um einen direkten Zugang zum Grundwasser oder zu einer Quelle zu haben.

 

Die Mikwe wird im 15. Kapitel des Buches Levitikus und im 19. Kapitel des Buches Numeri erwähnt. Geboten ist ein rituelles Bad nach jüdischer Tradition, wenn sich ein Mann oder eine Frau in einem Zustand der „Unreinheit“ befinden. Frauen sollen sich nicht nur nach der Menstruation, sondern zum Beispiel auch nach der Geburt eines Kindes in der Mikwe reinigen, und auch für Männer gibt es verschiedene Anlässe für ein rituelles Bad, etwa vor einigen hohen Feiertagen und vor wichtigen Übergängen des Lebens, zum Beispiel vor der Heirat. Für Konvertiten zum Judentum ist das reinigende Bad vorgeschrieben. Im Talmud wird auf die Mikwe und die Notwendigkeit, sich in ihr rituell zu reinigen, ausführlich eingegangen. Für die körperliche Reinigung hat dieses Tauchbad keine Bedeutung, denn vor dem Bad ist eine intensive Reinigung des ganzen Körpers vorgeschrieben.

 

Susanne Ruerup schreibt in einem Beitrag des jüdischen Internet-Angebots www.HaGalil.com über die gegenwärtige Bedeutung der Mikwe: „Bis ins zwanzigste Jahrhundert war die Mikwe ein maßgeblicher Teil des Gemeindelebens – ohne Mikwe keine Gemeinde. Heute benutzen nur wenige, meist streng orthodoxe Menschen, auch hier in Deutschland, die wenigen Mikwen, die noch in Betrieb sind. Diese Minderheit ist oft dem Vorurteil ausgesetzt, rückständig und frauenverachtend zu sein … In Amerika breitet sich zunehmend ein neuer Trend unter jüdischen Reformerinnen und Konservativen und Jüdinnen der Jewish-Renewal-Bewegung aus: die Wiederentdeckung der Mikwe. Mit der zweiten Welle des Feminismus kam auch die Mikwe zurück, die bis dahin den ‚Frommen‘ und den zum Judentum Konvertierten überlassen war. Unter dem Aspekt der Frauengesundheit, der Möglichkeit eines Rückzugsraumes, der spirituellen Erneuerung und der Rückbesinnung auf traditionelle Frauenräume im Judentum wurde die Mikwe neuerlich interessant. Sie wird zunehmend im Kontext der Vielfältigkeit der Lebenserfahrungen von Frauen gesehen und genutzt.“

 

Carolin Hannah Reese hat sich in einem Aufsatz mit dem „Streitfall Mikveh“ beschäftigt, der unter www.talmud.de zugänglich ist und 2003 auch im Materialdienst des Evangelischen Arbeitskreises Kirche und Israel in Hessen und Nassau erschien. Sie schreibt unter anderem: „Zugegeben: Nicht wenige moderne jüdische Frauen lehnen die Mikveh gänzlich ab. War es nicht zumindest auch die Unreinheit der Frau, der Zustand der nidda (Abgesonderten), der dazu führte, dass die Frau aus dem öffentlichen Leben ausgeschlossen wurde, nicht zur Torah gerufen wurde, nicht das Rabbineramt bekleiden konnte? … Doch auch im Reformjudentum, sogar in radikal-liberalen Kreisen hat die Mikveh leidenschaftliche Anhängerinnen. Ein feministischer Zweig amerikanischer Jüdinnen sieht darin ein Frauenritual, das gemeinsam begangen wird. In den USA erinnert mancherorts nur wenig an die traditionelle Zweckmäßigkeit, ja Schäbigkeit der europäischen Ritualbäder. Im Gegenteil, hier entstanden ganze Wellness-Center, in denen der Mikveh-Gang eher ein spielerisches Element auf dem Weg zum Wohlfühl-Erlebnis ist.“

 

Das Laubhüttenfest

 

Das Laubhüttenfest, hebräisch Sukkot, gehört zu den wichtigsten jüdischen Festen. Fromme jüdische Familien verbringen in dieser Festwoche viele Stunden in der Laubhütte. Hier wird gegessen und hier wird vor allem die Thora studiert. Das Fest wird im Herbstmonat Tschri gefeiert und hält die Erinnerung an die Wüstenwanderung nach dem Exodus aus Ägypten wach. Das Dach aus Zweigen und Ästen zeugt von dem Vertrauen auf den Schutz Gottes und ist die Behausung von Menschen auf der Wanderschaft.

 

Das Fest ist ein Anlass für die Bitte um Regen und zum Dank für die eingebrachte Ernte. Im Buch Secharja wird im 14. Kapitel zu diesem Fest gesagt: „Und alle, die übrig geblieben sind von allen Heiden, die gegen Jerusalem zogen, werden jährlich heraufkommen, um anzubeten den König, den Herrn Zebaoth, und um das Laubhüttenfest zu halten. Aber über das Geschlecht auf Erden, das nicht heraufziehen wird nach Jerusalem, um anzubeten den König, den Herrn Zebaoth, über das wird’s nicht regnen.“ Die Teilnahme am Fest bildet also die Grundlage dafür, dass es regnen wird.

 

Als der Tempel in Jerusalem noch stand, beging man im Rahmen des Laubhüttenfestes die Feier des Wassergießens. Dr. Michael Rosenkranz beschreibt dieses Fest so: „Von der Schiloach-Quelle wurde Wasser zum Tempel hochgetragen und als Wassergussopfer auf dem Altar ausgegossen. Der Anblick dieses Wassergießens löste bei den von der sommerlichen Trockenheit ermatteten Menschen unbeschreibliche Freude aus. Sie jubelten, sangen und tanzten.“ Das Laubhüttenfest wird manchmal auch als das „Wasserschöpffest“ bezeichnet.

 

Am letzten Tag des Festes wird das Regengebet gesprochen, das unter anderem die folgenden Zeilen enthält:

 

Gedenke des im Schilfmeer aus
dem Wasser Gezogenen (Moses),

 

den man bat, Wasser zu schöpfen
und der die Herde tränkte,

 

und als Deine Auserwählten (Israel)
nach Wasser dursteten,

 

schlug er auf den Felsen,
da kam Wasser heraus,

 

um seines Verdienstes willen
beschere Wasserfülle …

 

Denn Du bist der Ewige, unser Gott,
der den Wind wehen lässt
und den Regen niederbringt.

 

Das Laubhüttenfest wurde und wird auch von jüdischen Familien in Deutsch­land gefeiert, nur fehlt hier die Trockenheit Israels, und wer in der Laubhütte sitzt, hofft öfter eher auf ein Ende des prasselnden Regens. Miriam Gillis-Carlebach, die Tochter des berühmten Hamburger Oberrabbiners Joseph Carlebach, hat sich in ihren Lebenserinnerungen „Jedes Kind ist mein einziges“ an die Laubhüttenfeste in ihrer Kindheit in den 1920er und 1930er Jahren erinnert. Diese Hütten bestanden aus Tannenzweigen, und bei Regen gab es ein Schutzdach:

 

„Das zusätzliche zweiteilige Dach war mit Teerpappe bedacht und konnte mittels Stricken auf- und zugezogen werden. Wenn es nun regnete oder gar stürmte, sollte das zusätzliche Dach vorsichtig herabgelassen werden, was aber wegen seines schweren Gewichts nicht immer gelang. Die Seile machten sich dann ‚selbstständig‘, die geteerte Pappe polterte auf das Laubdach herunter, und die erschütterten Tannenzweige verloren einen Teil ihrer Nadeln, die in unseren Suppentellern landeten. Die Hauptsache war, dass der Segensspruch über den Wein bei offenem Dach, also vor dem Regenguss gesprochen wurde, denn dann konnte man mit der feierlichen Mahlzeit beginnen … Es war ein abenteuerliches und heimisches Gefühl zugleich – den prasselnden Regen auf dem Teerpappendach zu hören und die Suppe zwischen den Tannennadeln so schnell und so heiß wie möglich auszulöffeln. Manchmal klebten die Tannennadeln an den Kräppchen fest; diese Sukkor-Suppeneinlage bestand aus kleinen, mit Hackfleisch gefüllten Teigtaschen, die in der Suppe mit den Tannennadeln um die Wette schwammen.“

 

© Frank Kürschner-Pelkmann