Wasser im Islam

 

Der Islam hat seinen Ursprung in den Wüstenregionen Arabiens, und dort war man sich stets der Leben spendenden Kraft des Wassers sehr bewusst. Wasser verkörpert Leben, Fruchtbarkeit und Vegetation. Trockenheit hingegen steht für Wüste und Tod. Es gehört, so Professor Nadia Mahmoud Mostafa von der Universität Kairo, zu den Pflichten der Gemeinschaft auf nationaler und internationaler Ebene, für die Bewahrung von natürlichen Ressourcen wie Wasser zu sorgen, „aber dies ist nicht alles, sondern wir müssen vor allem Entwicklung und ein besseres Leben für alle fördern“. Der Islam, wie viele andere Religionen der Welt, verpflichtet Gläubige zum Eintreten für die Bewahrung der lebenswichtigen Wasserressourcen. Ahmad El Khalifa hat in einem Beitrag für die Website der deutschen Entwicklungs­organisation „muslime helfen“ die Bedeutung von Vorhaben im Wasserbereich so begründet: „Denn für uns alle ist der Zugang zu sauberem Wasser ein Menschenrecht und der verantwortungsvolle Umgang mit dem Wasser ein Schöpfungs­auftrag.“

 

Wasser – ein Geschenk Allahs

 

Wasser wird von Muslimen als Geschenk Allahs angesehen, so wird an einer ganzen Reihe von Stellen im Koran deutlich. Das Wort ,,Ma“, Wasser, kommt mehr als 60 Mal im Koran vor. In Sure 50 heißt es: „Und wir senden vom Himmel Wasser, das voller Segen ist, und bringen damit Gärten hervor und Getreide für die Ernte.“ In Sure 35 steht: „Siehst du nicht, dass Gott Wasser vom Himmel niedersendet? Dann bringen wir damit Früchte von vielfacher Farbe hervor.“ Am Jüngsten Tag wird der Prophet Mohammed die Angehörigen seiner Umma (Gemeinschaft) an einem Wasserbecken erwarten, aus dem die Gläubigen trinken und ihren Durst löschen können. Und in Sure 47 wird angekündigt: „Allah wird jene, die glauben und gute Werke tun, in Gärten führen, die Ströme durchfließen …“ In den islamischen Paradies­vorstellungen kommt dem kühlenden Wasser eine wichtige Rolle zu. Das arabische Wort, das für Paradies verwendet wird, lässt sich auch mit Garten übersetzen. Und in der Tat ist das islamische Paradies ein herrlicher Garten, durch den zwei große Ströme fließen: Kawthar und ­Salsabil. Zur Erfrischung gibt es viele Springbrunnen.

 

Die islamischen Mystiker vergleichen Allah mit einem grenzenlosen Ozean, den Menschen in seiner Vergänglichkeit aber mit einem zerbrechlichen Boot, das in den Wellen treibt. Allah schenkt den Menschen, allen anderen Lebewesen und den Pflanzen das Wasser. Die Oase in einer lebensfeindlichen Wüste ist ein Sinnbild der Zuwendung Allahs zu den Menschen.

 

Das Trinken aus einer heiligen Quelle in der Nähe von Mekka gehört zu den religiösen Pflichten jedes Pilgers. In der muslimischen Geschichtsschreibung wird diese Quelle in Verbindung gebracht mit Ismael, dem ältesten Sohn Abrahams, der mit seiner Mutter Hagar fortgeschickt wurde und in der Wüste fast verdurstete. Zur Rettung von Mutter und Sohn entsprang plötzlich eine Quelle unter den Füßen Ismaels, die heilige Quelle des Zamzam. Der bedeutende Historiker at-Tabari (838–923) berichtet, dass Ismael das Wunder selbst ausgelöst hat: „Ismael begann zu weinen, wie es alle Kinder tun, wenn sie sich ohne Mutter finden, und als er mit seiner Ferse gegen den Boden schlug, wie es Kinder ebenfalls tun, erschien unter seiner Ferse eine Quelle.“ Hagar fasste die neue Quelle ein, damit sie nicht im Sand verloren gehen konnte. Der Name der Quelle Zamzam soll darauf zurückgehen, dass Hagar bei dieser Arbeit wiederholt „Zummi, Zummi“ gesagt haben soll, was bedeutet, Wasser vor Verschwendung zu bewahren und einzudämmen. Hagar blieb mit ihrem Sohn an dieser Stelle wohnen. Genau an diesem Ort entstand später Mekka. Dem Wasser der Zamzam-Quelle wird eine heilende Wirkung zugesprochen. Viele Pilger nehmen Wasser aus dieser Quelle mit zurück in ihre Heimat, um Familienangehörige und Freunde an dessen Kraft teilhaben zu lassen.

 

Wasser ist im Islam das Ur­bild des Reinen, und die Wasch­ungen vor dem Gebet dienen der äußeren und inneren Reinigung. Ghusl, die Reinigung des ganzen Körpers, wird vor dem Freitagsgebet empfohlen und ist verpflichtend vor dem Berühren des Korans vorgeschrieben. Wudu, die Reinigung des Ge­sichtes, eines Teils des Kopfes, der Hände, der Unterarme und der Füße bis zu den Knöcheln, ist vor den fünf täglichen ­Gebeten vorzunehmen. Jede Moschee bietet deshalb nach Geschlech­tern getrennte Möglichkeiten, sich unter fließendem Wasser zu reinigen. Da Springbrunnen ein Zeichen der Reinheit sind, findet man sie vor vielen Mo­scheen. Sollte kein Wasser vorhanden sein, etwa in der Wüste, ist eine Reinigung mit sauberem Sand möglich.

 

„Istiqua“, das Gebet um Regen, ist seit jeher für Muslime (gerade im Mittleren Osten) von großer Bedeutung. Wasser steht den Gerechten und Rechtgläubigen reichlich zur Verfügung, während Allah den Ungerechten das Wasser entzieht und ihre Gärten vertrocknen lässt. Es gibt also zumindest für die Gläubigen ein verbrieftes Recht auf Wasser, das ihnen nicht durch staatliche Verordnungen oder die private Aneignung genommen werden kann.

 

Gärten als Sinnbilder des Paradieses

 

Wie erwähnt nimmt Wasser in islamischen Paradiesvorstellungen eine wichtige Rolle ein. Der Garten, durch den sauberes, kühles Wasser fließt, ist bereits auf Erden ein Sinnbild dieses Paradieses. Der Schriftsteller Dzevad Karahasan aus Sarajewo hat in seinem Buch über die Gärten in Islam und Christentum „Das Buch der Gärten“ die Gärten als Versprechen bezeichnet, „mit denen die Erde uns versichert, dass das Paradies möglich ist“. Die prächtigen Gärten in trockenen arabischen Ländern sind Zeichen des Glaubens an Allah und seiner Verheißung des Lebens im Paradies. Die Beschreibungen dieses Paradieses im Koran werden zum Vorbild dieser Gartenanlagen, und die Wasserspiele sind Ausdruck der Großzügigkeit, mit der Allah den Lebewesen das kostbare Nass schenkt. Die irdischen Gärten sollen bereits einen Vorgeschmack auf das erhoffte Leben im Jenseits geben. In diesen Gärten kommt dem Wasser eine herausragende Bedeutung zu.

 

In der persischen Tradition wurde Wert auf eine Vierteilung der Gärten gelegt, oft markiert durch Kanäle. Und da es im Paradies Wasser im Überfluss gibt, wurde großer Aufwand betrieben, um die Gärten zuverlässig mit viel Wasser zu versorgen. Diese Gartenparadiese haben eine klare Abgrenzung von der übrigen Welt in Gestalt hoher Mauern. Die islamische Gartenkultur verbreitete sich mit der Religion bis nach Indien. Als Muslime im 8. Jahrhundert große Teile Spaniens eroberten, brachten sie neben ihrer Kultur und Wissenschaft auch ihre Vorstellungen von Gärten mit auf die iberische Halbinsel. Und wie wichtig Wasser in diesen Vorstellungen ist, lässt sich heute noch in den maurischen Gärten von Granada bewundern. Berühmt ist die Alhambra, eine königliche Residenz mit großen Gärten auf einem Bergplateau oberhalb von Granada, die im 13. Jahrhundert entstanden ist. Große Wasserbecken und Brunnen werden eingerahmt von Gärten, Arkaden und Innenhöfen. Der unermesslich erscheinende Wasserreichtum gibt dieser paradiesischen Gartenwelt ein besonderes Gepräge. Der europäische Islam, hier hat er seinen Anfang genommen. Und auch die Entwick­lung der europäischen Gartenkultur seit dem Mittelalter wäre ohne den Einfluss der muslimischen Gärten nicht denkbar.

 

Die Gärten von Isfahan

 

1598 wollte der persische Schah Abbas I. seine Hauptstadt Isfahan nach den Paradies­vorstellungen des Koran gestalten. Die Oase Isfahan inmitten der Salzwüste wurde rasch zu einem bedeutenden politischen, religiösen und kommerziellen Zentrum an den Handelswegen zwischen China, dem Nahen Osten und Europa. Die Verbindung von geistlichem und weltlichem Reichtum wird auf dem Madjan oder Meidan-e Imam („Garten der Ebene“) sichtbar, mit einer Länge von 500 Metern und einer Breite von 150 Metern einer der größten Plätze und zugleich Parks der Welt. Rosemarie Noack hat 1999 in der „Zeit“ geschrieben: „Seinen ganzen Zauber jedoch entfaltet das blaue Wunder Isfahan am Meidan-e Imam-Platz, einem mit Springbrunnen bestückten Park von monumentaler Größe … Hier präsentiert sich ein grandioses Architektur-Ensemble als Schöpfungsakt aus einer Hand.“ Eingerahmt wird der Platz vom Palast, zwei Moscheen und Basar. Der Palast ist verbunden mit einem prächtigen Garten, der wie das Paradies des Koran aus vier Gärten besteht, für die zwei Quellen das Wasser liefern. Teiche, Brunnen, Gräben und wasserspeiende Löwen wurden in eine üppige Gartenlandschaft einbezogen, die wie ein Paradies auf alle gewirkt haben muss, die nach einer langen Wüsten­reise in Isfahan eintrafen.

 

Die Ufer des Zajndeh Rud-Flusses säumen kilometerlang Grünanlagen, deren Bäume den von vielen ersehnten Schatten spenden. Hier befanden sich früher weitere königliche Gärten. Die Prachtstraße Chahar-Bagh-Allee war früher 75 Meter breit. In der Mitte lief ein Kanal, der viele Becken und Springbrunnen speiste. Im 17. Jahrhundert hieß es: „Wer Isfahan nicht ge­sehen hat, hat die Hälfte der Welt nicht gesehen.“

 

© Frank Kürschner-Pelkmann