Wasser im Hinduismus

 

Wasser ist das Leben aller Wesen,
durch das alle Kreaturen gedeihen,
aber auch vergehen,
wenn sie von ihm verlassen sind …

 

Dieses Verständnis des Wassers ist im heiligen Hinduepos Mahabharata überliefert, das vor mehr als zwei Jahrtausenden entstand. Wasser ist für Hindus der Urquell des Lebens und wird als einziges Element als „unsterblich“ angesehen. Der Gott Vishnu sagt über sich: „Ich bin der uranfängliche Erzeuger, er, der Wasser ist, das erste Wesen, die Quelle des Lebens.“ In den heiligen Hinduschriften gibt es einen Bericht, der davon erzählt, wie Manu, der erste Mensch, bei einer großen Flut gerettet wurde. Der Gott Brahma in Gestalt eines Fisches bewahrte Manu vor einem größeren Fisch und gab ihm den Auftrag, ein großes Boot zu bauen, in das er Saat und Tiere aufnehmen sollte. Dieses Boot zog der Fisch zu den Bergen des Himalajas, wo es ankerte, bis der Wasserstand wieder fiel. Nur Manu und die Tiere im Boot überlebten die Katastrophe.

 

Nach der Vorstellung gläubiger Hindus ist das Wasser vom Himmel auf die Erde geflossen. Es trägt auch die Seelen zum Ort des ewigen Lebens oder bis zu einer irdischen Wiedergeburt zu einer Existenz als Ahne. Der Wasserkreislauf ist ein Ausdruck des ewigen Kreislaufs der Welt. Das Wasser kommt als Regen auf die Welt und wird von den Pflanzen aufgenommen, die von den Menschen gegessen werden. Durch das Verbrennen verstorbener Menschen kehrt das Wasser zurück in den Himmel, und der Kreislauf kann neu beginnen. Es gibt auch Wasser, das sich tief in der Erde befindet, wo die Wassergeister in einer Welt des Überflusses leben. In wenigen Religionen hat das Wasser eine ähnlich große Bedeutung wie im Hinduismus.

 

Nach hinduistischem Verständnis hängt es vom letzten Leben ab, in welcher Gestalt man gegenwärtig auf der Erde lebt. Das jetzige Leben entscheidet wiederum über das nächste, und das entscheidet sich nicht zuletzt am Umgang mit Wasser. Zu den religiösen Pflichten der Gläubigen gehört es, sich morgens zu waschen, verbunden mit Morgengebeten. Sodhana, Reinigungsrituale, sind im Laufe des Tages erforderlich, wenn man sich verunreinigt hat, wozu für Angehörige der höheren Kasten auch zählt, aus einem Trinkgefäß eines Menschen aus einer niedrigeren Kaste zu trinken. Auch vor dem Betreten eines Tempels ist eine Reinigung des Körpers erforderlich. Durch das Bad an heiligen Stätten oder durch das rituelle Waschen mit heiligem Wasser können Sünden abgespült und die Seele gereinigt werden. Heiliges Wasser heilt auch von Krankheiten und kann Jugend und Schönheit zurückbringen.

 

Gleichzeitig wird im Hinduismus die große Bedeutung des Wassers für Mensch und Natur wahrgenommen und geschätzt. Dies gilt auch für die beruhigende Wirkung des Wassers, die der indische Dichter und Nobelpreisträger Rabindranath Tagore in seinem Buch Tapovan so in Worte ge­fasst hat: „Die besten philosophischen Ideen Indiens entstanden fernab der Menge, dort wo sich der Mensch in der vertrauten Nähe von Bäumen, Flüssen und Seen aufhielt. Der Friede des Waldes förderte die geistige Entwick­lung des Menschen und die Kultur der indischen Gesellschaft stets aufs Neue.“

 

Heiliges Wasser

 

Es gibt überall in Indien zahlreiche Flussabschnitte, Seen und Teiche, die als heilig angesehen werden. Ira Stubbe-Diarra schreibt hierüber in dem Sammelband „Wasser in Asien“: „Zahlreiche Badeplätze, heilige Seen und Teiche stehen in dem Ruf, ein Bad in ihnen führe direkt zur Erlösung. Diese Badeplätze sollen mit Nektar-Wasser gefüllt sein, das den Gläubigen langes Leben, Gesundheit und die Erlösung der Seele bringen soll. Mit jedem dieser Badeplätze ist ein Mythos verbunden, der die Heiligkeit und die Nektarhaltigkeit des Wassers erklärt. Diese Pilger­orte werden Tirtha und Kshetra genannt. Tirtha ist der Name für einen heiligen Ort am Ufer eines Flusses, am Meeresstrand oder am Rande eines Sees und gilt als eine Stätte der Kraft. Die Bedeutung des Wortes Kshetra ist ‚Furt, Passage‘, was die religiöse Symbolik des Wassers als Träger der Seele von einem in den anderen Zustand andeutet. Das Fließen des Wassers gilt als Fluss des Lebens, der in innerer Bewältigung durchschritten werden kann.“

 

Besonders viele dieser heiligen Orte finden sich entlang des Ganges, und das Wasser dieses heiligen Flusses, bewahrt in kleinen Gefäßen, ist auch bei Hochzeiten und anderen feierlichen Anlässen unentbehrlich. Schon der Anblick des Flusses soll genügen, um von Sünden befreit zu werden. Die Asche der Toten wird in den Ganges gestreut und die Reise der Seele soll zur Erlösung führen.

 

Religiöse Feste

 

Pilgerreisen sind eine wichtige Form des religiösen Lebens. Sie sind oft Tausende Kilometer lang, dauern Wochen und können sehr beschwerlich sein. Sie führen zu großen Tempeln, heiligen Flüssen und religiösen Festen. Es gibt in Indien zahlreiche Feste, bei denen die Götter verehrt werden. Ein besonders großes und prächtiges Fest wird alle zwölf Jahre im nordindischen Allahabad gefeiert. Der göttliche Heiler Dhanvantari, der Hüter des Paradieses, soll an dieser Stelle vier Tropfen des Trankes der Unsterblichkeit verschüttet haben. Hier, am Zusammenfluss von drei heiligen Flüssen, versammeln sich Millionen Menschen zu einer großen Prozession und begeben sich dann feierlich zur rituellen Reinigung ins Wasser.

 

Ein weiteres Beispiel ist das Durga Puja-Fest. Es erinnert an eine Begebenheit in der hinduistischen Mythologie. Vor langer Zeit herrschte der Dämon Mahischasura über die Erde, und die Götter Brahma, Shiva und Vishnu wurden zu Hilfe gerufen. Sie sandten gemeinsam kosmische Strahlen aus, die sich zur Göttin Durga verdichteten. Diese Göttin besiegte den Dämon und wurde zur Verkörperung des Guten. Jedes Jahr wird ein zehntägiges Fest zu ihren Ehren gefeiert. Neben Prozessionen und Gebeten haben rituelle Bäder bei diesem Fest eine große Bedeutung.

 

Es gibt im Hinduismus also viele religiöse Überzeugungen, Feste und Zeremonien, die die Bedeutung des Wassers betonen und an die bei der Verteidigung des Rechts auf Wasser angeknüpft werden kann. Vandana Shiva, bekannte Umweltschützerin und Trägerin des alternativen Nobelpreises, hat die Bedeutung des Wassers für Hindus in ihrem Buch „Der Kampf um das blaue Gold“ in diese Worte gefasst: „Heilige Wasser führen uns in eine Welt jenseits des Marktes, eine Welt voller Mythen und Legenden, voller Glauben und Hingabe, voller Kultur und religiöser Feierlichkeiten. Dies sind die Welten, die uns fähig machen, Wasser zu bewahren und zu teilen und Knappheit in Überfluss zu verwandeln.“

 

Kastensystem und Zugang zu Wasser

 

Allerdings, es gibt auch die andere Seite des Hinduismus. Das Kastensystem, das laut indischer Verfassung abgeschafft ist, wird im Alltag immer noch praktiziert und hindert vor allem Dalits (so genannte „Unberührbare“) und Adivasi (die so genannte „Stammesbevölkerung“) daran, uneingeschränkt Zugang zu Trinkwasserquellen zu erhalten. Viele Wasserquellen haben die Angehörigen der höheren Kasten für sich reserviert. Die Vorstellung von Reinheit und Unreinheit hat also unmittelbare Konsequenzen für den Zugang zum Wasser. Die Soziologin Lyla Mehta hat vor einigen Jahren am Beispiel des Dorfes Merka in der Region Kutch untersucht, wie sich das Kastensystem konkret auf Dalits auswirkt (der Beitrag ist auf Deutsch in der Ausgabe 173 der Zeitschrift „Solidarische Welt“ erschienen). Hier einige Auszüge aus ihrer Analyse:

 

„Sehr wenig Land ist in den Händen der Hirten. Und die meisten ‚Unberührbaren‘ sind immer noch landlos. Diese verzerrte Landverteilung wurde durch Landreformen nicht korrigiert und wird wahrscheinlich noch zunehmen. Die Frage, wer das Land kontrolliert und Zugang dazu hat, ist zentral für die Wasserfrage. Offensichtlich sind es die Landbesitzer, die am ehesten profitieren, wenn die Kanalbewässerung Kutch erreicht … Merka hat flache Brunnen, die zur Bewässerung genutzt werden. Sie sind in Privatbesitz und unter privater Verwaltung. Wer es sich leisten kann, gräbt oder vertieft ständig Brunnen … Seit der Staat Wasser durch Tankwagen liefert, wurden einige der ältesten Beschränkungen für die niedrigen Kasten aufgelöst. Bis vor Kurzem holten Kastenlose Wasser aus einem eigenen Brunnen und bevorzugen bis heute diese Quelle, um Konflikte und Streit zu vermeiden. Im Prinzip haben alle Gruppen die gleichen Rechte auf staatlich geliefertes Wasser. Aber in der Wirklichkeit sind es die Mächtigen, die den besten Zugang genießen.“

 

Die Benachteiligung der Dalit- und Adivasibevölkerung beim Zugang zum Wasser ist weiterhin stark verbreitet. Die indische Gesellschaft wird dadurch geprägt, dass hochmoderne Wirtschaftszweige wie die Softwareentwicklung für zahlreiche internationale Konzerne einhergeht mit dem Festhalten an Traditionen, die von den Opfern als krasse Formen der Diskriminierung erlebt werden. Es ist sogar so, dass aus dem raschen Modernisierungs- und Globalisierungsprozess in Indien neue Nachteile für die Dalit- und Adivasibevölkerung entstehen, etwa dadurch, dass in ihren Wohngebieten neue Staudämme errichtet werden.

 

Es gibt mit langsam wachsendem Wohlstand in Indien auch mehr Möglichkeiten, die öko­nomischen und sozialen Benachteiligungen der Ausgegrenzten zu vermindern – vorausgesetzt, die Bereitschaft hierzu ist vorhanden. Bis dahin ist es allerdings so, dass Jahrtausende alte Ausgrenzungen erhalten bleiben. Der indische Theologe James Massey hat darauf verwiesen, dass die Gegner der Dalits es nicht dabei belassen haben, die Gruppe als Ganze zu diskriminieren, sondern nach dem Prinzip „teile und herrsche“ zahlreiche Untergruppen eingeführt haben: „Die Dalits werden nach Berufsgruppen unterteilt, wobei einige höher und andere niedriger stehen, je nach dem Grad ihrer Reinheit oder Unreinheit. So sind diejenigen, die Straßen und Toiletten reinigen, als am niedrigsten stehend angesehen.“ Angesichts solcher krassen Formen der Unterdrückung – und einer beeindruckenden Bewegung zur Befreiung von Dalits und Adivasi von dieser religiösen und sozialen Ausgrenzung – ist es bedauerlich, dass Vandana Shiva in ihrem in vieler Hinsicht wegweisenden Buch „Der Kampf um das blaue Gold“ im Abschnitt über heilige Gewässer und den Hinduismus kein Wort über die Diskriminierung der Dalit- und Adivasibevölkerung in Indien schreibt, obwohl in dem Land allein etwa 200 Millionen Dalits leben.

 

Brigitte Voykowitsch hat in der Zeitschrift der „Kindernothilfe“ 2004 die Situation von Dalit-Kindern so dargestellt: „Nur ein Drittel aller Dalit-Kinder­ lebt in Haushalten mit Elektrizität, und lediglich zehn Prozent wohnen in Haushalten mit Sanitäranlagen. In den meisten der rund 600.000 indischen Dörfer leben die Unberührbaren weiter in einer eigenen Siedlung am Rand, und die wird oft benachteiligt, wenn der Staat die Versorgung mit Strom, Sanitäranlagen oder sauberem Trinkwasser in Angriff nimmt … Mehr als die Hälfte aller Dalit-Kinder kommt aus Familien, die unterhalb der Armutsgrenze leben. Hunger gehört für sie zum Alltag.“

 

© Frank Kürschner-Pelkmann