Wasser im Buddhismus

 

„In unserer Tradition ist Wasser sehr, sehr wichtig. Die ganze Natur besteht aus vier Elementen: Wasser, Feuer, Erde und Luft. Wenn sich diese vier Elemente im Kosmos entsprechend den Gesetzen der Natur in einem Gleichgewicht befinden, dann entsteht daraus unser Wohlbefinden. Wenn sie sich nicht in einem Gleichgewicht befinden, dann ist das das Ende. Wir wachsen damit auf, das Wasser zu respektieren.“ So beschreibt Sulak Sivaraksa, einer der angesehensten buddhistischen Denker Thailands, das Verhältnis von Bud­dhistinnen und Buddhisten zum Wasser. Den Fluss bezeichnet er als „Mutter Wasser“ und setzt sich damit auseinander, dass die Menschen die Flüsse und das übrige Wasser schädigen. Er verweist darauf, dass alle Menschen auf die eine oder andere Weise das Wasser verschmutzen und fügt hinzu: „Weil wir dies wissen, müssen wir das Wasser um Verzeihung bitten. Wenn du das Wasser zu sehr verschmutzt, dann ist das schlecht für dich, schlecht für Mutter Wasser … Wir bitten um Vergebung, um die Reinigung, um die Reinigung der eigenen Person durch das Wasser und die Reinigung des Wassers durch uns. In unserer Religion lassen wir bei Vollmond im Monat November Kerzen auf dem Wasser schwimmen, um die Mutter Wasser um Vergebung dafür zu bitten, dass wir sie verschmutzt haben.“

 

Sulak Sivaraksa gehört zu den führenden Vertretern des „Internationalen Netzwerkes Engagierter Buddhisten“, die innerhalb des Buddhismus die Tradition wach halten, sich für Frieden und Harmonie in der Welt einzusetzen. Bekannt geworden sind diese Buddhisten zum Beispiel während des Vietnamkrieges, als unerschrockene Mönche in Südvietnam gegen Menschenrechtsverletzungen und für den Frieden demonstrierten. In Thailand haben engagierte Buddhisten sich gegen die Abholzung von Wäldern („Waldschutz-Mönche“) und den Bau von Staudämmen zur Wehr gesetzt. Die Achtung vor der Natur und das tiefe Wissen um die gegenseitige Abhängigkeit aller Menschen, Tiere und Pflanzen auf dieser Welt bildet die Grundlage für das ökologische Engagement von Buddhistinnen und Buddhisten. Der vietnamesische Mönch Thich Nhat Hanh hat dies mit einem Beispiel erläutert: „Nehmen wir eine Blume. Eine Blume kann aus sich heraus nicht leben. Sie braucht Elemente wie den Sonnenschein, den Regen, die Erde. Und deshalb ist die Natur einer Blume das Inter-Being, das Gemeinsam-in-der-Welt-Sein.“ Das Vermeiden von Leiden, wie es im Buddhismus angestrebt wird, ist deshalb nur in Harmonie mit und im Engagement für die Natur möglich. Thich Nhat Hanh ist deshalb überzeugt: „Praktizierter Buddhismus ist immer engagierter Buddhismus.“

 

Das Streben nach Liebe und Mitgefühl

 

Der Schutz der Natur ist tief verwurzelt im buddhistischen Streben nach Liebe und Mitgefühl. Zwischen Glaubensüberzeugungen und alltäglichem Verhalten gibt es im Buddhismus – wie in vielen anderen Religionen – allerdings oft eine Kluft. So sind zum Beispiel in buddhistisch geprägten Ländern wie Thailand große Regenwaldgebiete aus Gewinninteresse abgeholzt worden. Die Folgen für die Natur, für die Tierwelt und auch für zukünftige Generationen sind katastrophal. Aber es bleibt dennoch wahr, dass die bud­dhistische Lehre die Menschen dazu auffordert, sich in Liebe anderen Menschen, Tieren und Pflanzen zuzuwenden, und dies schließt zukünftige Generationen mit ein. Danach richten viele Gläubige ihr Leben aus.

 

Dafür, wie schwer engagierte Buddhisten es in ihrer Heimat haben können, ist Thich Nhat Hanh ein Beispiel. Er lebt seit dem Vietnamkrieg im französischen Exil. Beiden Kriegsparteien war der engagierte Mönch suspekt, und er konnte bis heute nicht in seine Heimat zurückkehren. Aber seine Gedanken haben einen großen Einfluss auf Buddhisten in vielen Ländern, und wie stark er in der Tradition dieser Religion verwurzelt ist, zeigt sich zum Beispiel an dieser Aussage: „Achtsamkeit ist etwas, an das wir glauben können. Es ist die Fähigkeit, uns dessen bewusst zu sein, was im gegenwärtigen Moment vor sich geht. Wenn wir ein Glas Wasser trinken und wissen, das wir ein Glas Wasser trinken, ist Achtsamkeit da.“ Die Konzentration auf dieses Glas Wasser bringt die Menschen in Verbindung mit der ganzen Schöpfung.

 

Der christliche Theologe Ulrich Dehn hat 2004 in einem Beitrag in der Zeitschrift „Entwicklungspolitik“ aufgezeigt, wie sich aus diesem buddhistischen Verständnis Möglichkeiten des Dialogs eröffnen: „Für Bud­dhis­ten ist schon immer die gegenseitige Verwobenheit von allem Seienden eine in den Grund­lagen angelegte Einsicht: Durch die unendliche Zahl meiner ­früheren Leben bin ich immer schon in Beziehung zu allen Wesen getreten und leide mit allen anderen mit. Jeder Schaden, der anderen (auch in Flora und Fauna) zugefügt wird, wird zu meinem eigenen Schmerz und Schaden. Diese Erkenntnis einer universalen Verbundenheit verschließt sich das Christentum im Dialog nicht länger.“

 

Spiritualität und Engagement für die Schöpfung

 

Thich Nhat Hanh hat deutlich gemacht, dass ein solches Engagement in der Gesellschaft und für die Natur unlösbar verbunden ist mit einem Frieden, der von innen kommt: „Friedensarbeit heißt zuallererst, Friede zu sein … Frieden kann gestiftet werden, nämlich durch die Fähigkeit zum Lächeln, zum Atmen und zum Friede sein.“ Sulak Sivaraksa hat diesen Gedanken so formuliert: „Ohne die spirituelle Dimension werden sozial engagierte Menschen aber bald ausgelaugt sein. Wir brauchen Freude, Friede und Aus­ruhen in uns selbst, in unseren Familien, innerhalb unserer Nachbarschaft. Wenn wir ethische Normen und soziale Gerechtigkeit miteinander verbinden wollen, dann brauchen wir auch Zeit für die geistliche Entwicklung, Zeit für die Meditation, Zeit um Kopf und Herz in Einklang zu bringen, und schließlich auch für einige Wochen im Jahr die Zeit für Erneuerung und Rückzug, manchmal bei Lehrern, die uns helfen und hinterfragen.“ Mehr über diese Bewegung innerhalb des Buddhismus ist zu erfahren aus der (leider inzwischen vergriffenen) Publikation „Wege zu einer gerechten Gesellschaft – Beiträge engagierter Buddhisten zu einer internationalen Debatte“, die 1996 vom Evangelischen Missionswerk in Deutschland (EMW) in Hamburg herausgegeben wurde.

 

Es gibt im Buddhismus viele Tendenzen und Richtungen, und allen ge­meinsam sind die Achtung vor dem Wasser und die vielen Bilder, die diese Achtung zum Ausdruck bringen. Dafür ein Beispiel:

 

Wer immer tugendhaft ist,

gesammelten Geistes, energisch,

mit entschlossener Seele,

der überschreitet den schwer zu überquerenden Fluss.

 

(Samyutta Nikaya 15)

 

Wasser gilt als ein Sinnbild für den Strom der buddhistischen Lehre. Wie in einem Fluss fließt die Seele der Erlösung entgegen. Auch bei der Beerdigungszeremonie hat das Wasser deshalb eine große symbolische Bedeutung. Vor den Mönchen, die neben dem Toten sitzen, wird ein Krug mit so viel Wasser gefüllt, dass es überfließt und das Wasser in eine Schale tropft. Der Übergang von einem Gefäß in ein anderes symbolisiert den Übergang von einer Welt in eine andere. Das, was dazwischen stattfindet, ist wie das fließende Wasser nicht greifbar. Dem Toten werden Gaben mit auf diesen Weg gegeben, vor allem Wasser, aber zum Beispiel auch Reis und Blumen. Dazu rezitieren die Mönche: „So wie der Regen die Flüsse füllt, die dann überfließen in den Ozean, so möge das, was hier gegeben wird, den Verstorbenen erreichen.“

 

Wasserfeste

 

Das rechte Verhältnis zur Natur und seinen Elementen ist ein wichtiger Schritt auf diesem Weg zur Erlösung. Das Wasser wird zum Sinnbild für eine bessere Welt. Das spiegelt sich auch in buddhistischen Festen wider. Petra Gaidetzka hat dies 2002 in einem „Wasser“-Heft der Zeitschrift „Junge ­Kirche“ so beschrieben:

 

„Viele Feste in den Religionen haben mit Wasser zu tun. So spielt Wasser beim Neujahrsfest in den buddhistisch geprägten Ländern die Hauptrolle. In Laos heißt es Pi Mai, in Thailand Songkran; es findet Mitte April statt, wenn die Regenzeit unmittelbar bevorsteht. ‚Songkran‘ bedeutet Übergang: von der alten Existenz in die neue. Zur Vorbereitung werden die Buddha-Statuen in den Tempeln gewaschen und die Privathäuser vom Schmutz des alten Jahres gereinigt. Die Buddha-Statuen werden mit geweihtem Wasser begossen. Man fängt einige Tropfen des Wassers in einer Schale auf und trägt sie nach Hause, um damit Personen zu segnen, die man besonders ehren möchte – zum Beispiel die älteren Familienmitglieder. Aus dieser Tradition hat sich das ‚Wasserwerfen‘ entwickelt, das bei jungen Leuten sehr beliebt ist. Verwandte und Freunde, Bekannte und Unbekannte werden eimerweise mit Wasser begossen. Niemand darf trocken bleiben, denn Wasser bedeutet Glück und Segen.“

 

© Frank Kürschner-Pelkmann