Reformierter Weltbund zur Globalisierung

 

Der Reformierte Weltbund (RWB, heute Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen), ein Zusammenschluss von mehr als 200 reformierten, presbyterianischen, kongregationalistischen und unierten Kirchen, hat sich in den letzten Jahren mit klaren Aussagen zu Fragen der wirtschaftlichen Gerechtigkeit profiliert. Dieses Engagement wurzelt sowohl in der reformierten Theologie als auch in den konkreten Erfahrungen von Unrecht und Not der Mitgliedskirchen im Süden der Welt. Bei der letzten Generalversammlung des RWB in Debrecen im August 1997 stand die Frage der wirtschaftlichen Gerechtigkeit im Mittelpunkt der Debatten. Die Versammlung unter dem Motto „Sprengt die Ketten der Ungerechtigkeit“ wurde zu einer Wegmarke des ökumenischen Engagements in ökonomischen Fragen.[1]

 

Schon in seiner Predigt im Eröffnungsgottesdienst stellte Dr. Abival Pires de Silveira die Dramatik der Situation, in der wir heute leben, deutlich heraus: „Wir leben inzwischen in Zeiten einer radikalen Krise. Es ist eine Krise der Zivilisation, eine Sinnkrise, die das Leben in seiner globalen Dimension und in der fundamentalen Bedeutung unserer Kultur betrifft ... Wir haben die Natur ausgeraubt, wir haben Armut und Elend geschaffen und wir haben den Menschen abgewertet. Wir haben zugelassen, dass wir selbst von den Träumen der großen, befreienden Revolutionen weggetragen wurden: der wissenschaftlichen Revolution, der technologischen Revolution, der kapitalistischen Revolution. Alle diese Revolutionen haben von der menschlichen Ungerechtigkeit her gesehen einen hohen Preis. Millionen von Menschen, Werten und fundamentalen Ressourcen sind auf diesem Weg geopfert worden oder verloren gegangen.“[2]

 

Globalisierung hat zu Ausschluss, Ungerechtigkeit und Tod geführt

 

Die Krise wurde in den Berichten und Vorträgen immer wieder mit neuen Facetten dargestellt, so von Milan Opocencky in seinem Bericht als Generalsekretär der Organisation: „Die Globalisierung der Werbung schafft eine Monokultur des Konsumerismus und unstillbare Wünsche. Dieser Prozess wurde treffend als Kolonisierung des Bewusstseins bezeichnet. Biblisch gesprochen kann diese Situation mit der Entfesselung des Götzen Moloch verglichen werden (1. Kön 11,7; Apg. 7,43).“[3]

 

Und er fuhr in seiner Kritik der Globalisierung dann fort: „Ökonomische Globalisierung ist nicht einfach nur ein argloser Prozess, durch den die Strukturen und Vorteile der Wirtschaft der Industrieländer auf die südliche Hemisphäre ausgeweitet werden. Die Folgen dieses Prozesses haben in vielen Teilen der Welt vielmehr zu Ausschluss, Ungerechtigkeit und Tod geführt.“[4]

 

Die zentralamerikanische Befreiungstheologin Elsa Tamez stellte in einem eindrücklichen Vortrag dar, wie sich Armut im alltäglichen Leben auswirkt und wie sich „ein Klima erbarmungsloser Konkurrenz“ in allen Bereichen des Lebens niederschlägt: „Wir alle sind in gewisser Weise gefesselt, manche dadurch, dass sie nicht kaufen können, und andere dadurch, dass sie kaufen, was der Markt ihnen vorschreibt. Je mehr Freiheit der Markt bietet, desto weniger Freiheit bleibt den Menschen. Wenn wir die Ketten der Ungerechtigkeit sprengen wollen, müssen wir erkennen, dass wir in die Sklaverei geführt werden. Wir müssen uns davon distanzieren und dürfen nicht zulassen, in diese Ideologie hineingezogen zu werden.“[5]

 

„Gerechtigkeit für die ganze Schöpfung“

 

Wenn die Auseinandersetzung mit der Globalisierung mehr sein soll als die Beschäftigung mit makroökonomischen Daten, dann sind solche Berichte und die Diskussionen auf ökumenischen Versammlungen wie in Debrecen von großer Bedeutung. Hier werden die Erfahrungen von Christinnen und Christen in aller Welt erzählt und reflektiert. Die Wahrheit über die Globalisierung ist gerade in solchen Berichten von Menschen zu erfahren, die vor Ort und besonders in den Ländern des Südens erleben, wie dieser Prozess sich auswirkt. In Debrecen wurden solche Berichte und Analysen zur Grundlage für wegweisende Beschlüsse.

 

Die Sektion II der Generalversammlung befasste sich mit dem Thema „Gerechtigkeit für die ganze Schöpfung“. Diskutiert wurden zunächst die Auswirkungen der Globalisierung und dann die biblischen Perspektiven für das kirchliche Engagement. Dabei beschäftigten sich die Delegierten auch mit der reformierten Tradition und konstatierten: „Die calvinistische Arbeitsethik ist entstellt worden. Menschen, die für ihre produktive Arbeit keine faire Entschädigung erhalten, werden an der Erfüllung ihrer menschlichen Berufung gehindert.“[6]

 

Auch mit dem bisherigen kirchlichen Engagement in ökonomischen Fragen und dem Verhältnis zwischen kirchlichem Reden und Handeln befasste sich die Generalversammlung. Als besonders wichtig wird es im Sektionsbericht angesehen, die Tradition des Sabbat neu zu bedenken: „Im Sabbat wird die Schöpfung als Gefährtin Gottes gefeiert. Der Aufruf zur Sabbatheiligung ist nicht nur eine Anleitung, am siebten Tag zu ruhen. Sie weist auf einen Lebensstil hin, der auf der Wiederentdeckung gründet, dass die Menschheit nur ein Teil der ganzen Schöpfung ist. In einem solchen Selbstverständnis wird deutlich, dass dem erbarmungslosen Appetit auf Konsum Grenzen gesetzt werden müssen. Die Gier der Vielen raubt dem Leben des Planeten den Atem.“[7]

 

Es sind nicht nur die anderen, die in dem Sektionsbericht für die Probleme verantwortlich gemacht werden: „Wir müssen uns durch den Aufschrei der Leidenden und durch das Seufzen der Kreatur in Frage stellen lassen. Wir Christen aus den reformierten Kirchen sind uns unserer Mittäterschaft in einem Wirtschaftssystem bewusst, das unfair und unterdrückerisch ist und zum Elend und Tod vieler Menschen führt. Wir haben Teil an den Haltungen und Praktiken, die die Grundlagen der Nachhaltigkeit der Erde aushöhlen. Wir wollen das Geschenk des Lebens bejahen. Wir sind der Überzeugung, dass diese Bejahung des Lebens, die Verpflichtung zum Widerstand und der Kampf für Veränderung heute ein integraler Bestandteil reformierten Glaubens und Bekenntnisses sind.“[8]

 

Die Haltung zur Globalisierung als Bekenntnisfrage

 

Die Frage des Bekenntnisses hatte schon im Vorfeld der Generalversammlung zu Debatten geführt. War es Zeit, angesichts der verheerenden Auswirkungen des gegenwärtigen internationalen Wirtschaftssystems den „status confessionis“ zu erklären, also die Ablehnung dieses Systems und das Engagement zu einer Frage zu erklären, in der es um das Bekenntnis geht? Der Reformierte Weltbund hatte bei seiner Generalversammlung 1982 in Ottawa das Verhältnis zum Apartheidsystem in Südafrika zur Bekenntnisfrage erklärt und die weitere Mitarbeit der reformierten Kirchen im südlichen Afrika davon abhängig gemacht, dass sie das System der Apartheid verurteilten, sich von ihm lösten und es in der Kirche nicht praktizierten, sondern bekämpften. Besonders die Niederländisch-Reformierte Kirche in Südafrika stand damals im Zentrum der Kritik. Bei einer Konsultation in Kitwe/Sambia wurde 1995 die Beschäftigung mit der Frage des „status confessionis“ vertieft und festgestellt, dass es um Fragen gehe, wo die Integrität des Evangeliums auf dem Spiel stehe und eine eindeutige Entscheidung für die Wahrheit des Evangeliums und eine entsprechende kirchliche Praxis gefordert seien.

 

In Debrecen entschieden sich die Delegierten für einen „processus confessionis“. Im Sektionsbericht wird hierzu festgestellt: „Heute rufen wir die Mitgliedskirchen des Reformierten Weltbundes auf allen Ebenen zu einem verbindlichen Prozess der wachsenden Erkenntnis, der Aufklärung und des Bekennens (processus confessionis) bezüglich wirtschaftlicher Ungerechtigkeit und ökologischer Zerstörung auf.“[9]

 

Auf dieser Grundlage verabschiedete die Generalversammlung eine ganze Reihe von Empfehlungen an den Reformierten Weltbund und seine Mitgliedskirchen, um diesen Prozess zu fördern und dem Ernst der Lage gerecht zu werden. Die wirtschaftlichen Prozesse und ihre Folgen für die Menschen sollen analysiert werden, die Mitglieder sollen in Fragen von „Glauben und Wirtschaft“ aufgeklärt werden und es soll den Opfern von Ungerechtigkeit in ihrem Kampf gegen ungerechte Wirtschaftsmächte und Umweltzerstörung Beistand geleistet werden. Beschlossen wurde außerdem die Suche nach gerechten und nachhaltigen Alternativen zu den gegenwärtigen wirtschaftlichen Strukturen und die Untersuchung der eigenen wirtschaftlichen Aktivitäten der Kirchen im Lichte des kirchlichen Glaubens. Zu den vielen weiteren Empfehlungen gehört die Unterstützung der sogenannten Tobin-Steuer (der Besteuerung von Kapitalbewegungen) sowie von Kampagnen zur Abschaffung frauendiskriminierender Gesetze und Praktiken.

 

Die Beschlüsse von Debrecen waren zweifellos ein Durchbruch auf dem Weg zu einem verbindlichen christlichen Engagement gegen ein ungerechtes Wirtschaftssystem und für eine Form des Wirtschaftens, die an den Bedürfnissen aller Menschen und besonders der Armen sowie an der Bewahrung der Schöpfung orientiert ist. Die Auseinandersetzung mit Wirtschaftsfragen wird damit aus einem von vielen Themen, mit denen Kirchen sich befassen, herausgehoben und zu einer Frage des Bekenntnisses, also einer Frage, bei der es um die Treue zum Evangelium geht.[10]

 

Theologische Grundlagen des Globalisierungsengagements

 

Die theologische Basis des reformierten Engagements für eine gerechte internationale Wirtschaftsordnung hat Lukas Vischer, langjähriger Mitarbeiter ökumenischer Organisationen und emeritierter Professor der Universität Bern 1999, in einem Beitrag der Zeitschrift „Reformed World“ vertieft.[11] In diesem Beitrag stellte er den Kampf der Menschheit um das Überleben der Erde in seiner ganzen Dramatik dar, um dann die Frage danach zu beantworten, wie Antworten auf eine solche Situation der Bedrohung gefunden werden können. „Persönlich bin ich davon überzeugt, dass eine angemessene Antwort nur auf der Grundlage der biblischen Botschaft der Rechtfertigung und der Heiligung durch Christus gegeben werden kann.“[12]

 

Gott strebt danach, dass alle Geschöpfe zu Ihrer Erfüllung gelangen, und die Menschen finden diese Erfüllung in der Gemeinschaft mit Gott. Gott bricht die Ketten der Sünden und hat in der Auferstehung Christi den Tod überwunden: „Gerechtigkeit wird durch die Gemeinschaft mit Jesus Christus zu einer Realität in der Welt, eine Kraft, die in alle Bereiche des Lebens hineinwirkt: das persönliche und das gemeinschaftliche Leben, die Gesellschaft und die Schöpfung.“[13]

 

Allerdings, die Rechtfertigung aus dem Glauben beseitigt nicht die Sünde aus der Welt, und deshalb kommt Lukas Vischer in seinen theologischen Überlegungen zum Ergebnis, dass die Rechtfertigung nicht dazu führt, dass die Geschichte sich in eine bestimmte Richtung bewegt: „Die Zukunft des einzelnen Menschen, aber auch die Zukunft der Menschheit als Ganzer ist auf eine radikale Weise in Gottes Hand.“[14]

 

Daraus zieht Lukas Vischer allerdings nicht die Konsequenz, dass die Menschen das Weltgeschehen Gott überlassen könnten. Im Gegenteil wehrt er sich gegen die Auffassung, dass die Rechtfertigung in keinem direkten Verhältnis zur Gerechtigkeit in der Welt stehe: „Rechtfertigung führt uns unvermeidlich zum Zeugnis der Gerechtigkeit Gottes in Jesus Christus. Wenn wir uns der Gnade Gottes bewusst werden, werden wir uns gleichzeitig Gottes Plan für die Welt bewusst. Wir erkennen wie in einem Spiegel, wer wir sind, und zwar nicht nur als Individuen, sondern auch als Gesellschaft, zu der wir gehören. Wir nehmen wahr, wohin menschliche Anmaßung führt.“[15]

 

Dies führt zu einer Kritik an allen Formen der Anmaßung in der Gesellschaft, insbesondere zur Kritik an Gesellschaften, die den Erfolg des einzelnen Menschen verherrlichen und damit die Aussichten auf gegenseitigen Respekt und wirkliche Gemeinschaft vermindern: „Wenn wir die Botschaft der Rechtfertigung und ihre Konsequenzen für ein christliches Leben ernst nehmen, so stellen wir fest, dass wir uns zwangsläufig im Konflikt mit dem herrschenden Wirtschaftssystem befinden.“[16]

 

Schon diese knappe Zusammenfassung der Argumentation Vischers mag zeigen, dass die grundlegenden Überzeugungen der reformierten Theologie gradlinig zu einer Kritik des vorherrschenden Wirtschaftssystems und seiner Ideologie führen, es sei denn, die Glaubensüberzeugungen werden bewusst so interpretiert, dass sie nichts mit der politischen und wirtschaftlichen Sphäre zu tun haben. Aber dies ist nicht das einzige Hindernis dafür, dass aus solchen theologischen Einsichten ein überzeugendes Handeln der einzelnen Christinnen und Christen sowie ihrer Kirchen wird. Theologische Kategorien wie Rechtfertigung aus Gnade scheinen heute in ihrer Relevanz sehr weit entfernt von den Glaubensvorstellungen der meisten Gemeindemitglieder.

 

Die fehlende Alphabetisierung der Gemeinden in biblischen und theologischen Fragen rächt sich hier. Wahrscheinlich ist die positive Aufnahme von Texten zum Beispiel der lateinamerikanischen Befreiungstheologie in vielen christlichen Kreisen bei uns auch darin begründet, dass sie verständlicher formuliert sind und weniger theologische Vorkenntnisse voraussetzen. Dabei haben theologische Texte in Europa durchaus etwas zur heutigen Lebenssituation und zu den ökonomischen Verhältnissen zu sagen, wie der zitierte und kurz referierte Beitrag von Lukas Vischer zeigt. Im letzten Abschnitt des Beitrages setzt er sich aus einem Verständnis der Konsequenzen der Rechtfertigung kritisch mit einem Verständnis von Wirtschaft auseinander, das durch Kategorien wie Wachstum und Wettbewerb geprägt ist. Zur Frage des Wettbewerbs schreibt Vischer unter anderem: „Das Evangelium legt große Betonung auf Liebe und Solidarität unserem Nächsten gegenüber ... Unser heutiges Wirtschaftssystem basiert erklärtermaßen auf den Prinzipien des Eigeninteresses und des Wettbewerbs ... Ein vernünftiges Eigeninteresse und ein Wettbewerb können in der Tat zur Entwicklung der menschlichen Fähigkeiten beitragen. Alles hängt davon ab, welches Ziel diesem Wettbewerb zugrunde liegt ... Aber was wir heute erleben, geht sehr weit über die normale Interaktion der Kräfte in einer Gemeinschaft hinaus. Die Prinzipien des Eigeninteresses und des Wettbewerbs haben eine ideologische Dimension angenommen ... Die Konsequenzen dieses Systems werden immer sichtbarer. Wettbewerb, systematisch als Prinzip angewandt, fordert einen enorm hohen sozialen und ökologischen Preis. Um wettbewerbsfähig zu bleiben auf dem internationalen Markt muss jedes Land Anpassungsmaßnahmen durchsetzen, für die die schwächeren Mitglieder der Gesellschaft den Preis zu zahlen haben ... Aber es gibt vor allem einen spirituellen Preis, der bezahlt werden muss. Wettbewerb richtet sich darauf, den Sieg zu erringen. Es gibt Gewinner, aber es gibt gleichzeitig unvermeidlich auch Verlierer. In einem Wettbewerbssystem ist Solidarität mit den Opfern nie mehr als ein nachträglicher Gedanke. Das gegenwärtige System favorisiert eine Lebenseinstellung, die sich im klaren Widerspruch zu der Richtung befindet, in die die Rechtfertigung aus Gnade weist.“[17]

 

Wirtschaftliche Gerechtigkeit und Spirtualität

 

Diese theologischen Einsichten und die Beschlüsse von Debreceen stellen die reformierten Kirchen vor die Aufgabe, sich verstärkt in Fragen der Ökonomie und besonders der Globalisierung zu engagieren. Dass dies ein schwieriger Weg ist, wurde zum Beispiel bei der Tagung des Exekutivkomitees des Reformierten Weltbundes in Holland/Michigan offen angesprochen. Der Präsident der Organisation, der taiwanesische Theologe Choan-Seng Song, brachte Ungeduld gegenüber den Mitgliedskirchen in Fragen der wirtschaftlichen Gerechtigkeit zum Ausdruck. In einer Ansprache stellte er heraus, dass der Reformierte Weltbund mit seinen Beschlüssen zur wirtschaftlichen Gerechtigkeit viele Nichtregierungsorganisationen und christliche Einrichtungen inspiriert habe, aber dass es Schwierigkeiten gebe, die eigenen Mitgliedskirchen auf Probleme der Globalisierung aufmerksam werden zu lassen. „Während unsere Bemühungen langsam und mühsam vorankommen, schreitet die Globalisierung der Weltwirtschaft rascher denn je voran.“[18]

 

Dr. Song betonte, dass ein Weg, um das Interesse an der Arbeit an Fragen wirtschaftlicher Gerechtigkeit zu wecken, darin besteht, die Verbindung dieser Frage mit Fragen der Spiritualität zu erneuern. Außerdem gelte es, das Verständnis der reformierten christlichen Identität zu festigen. Die Kirchen und ihre Mitglieder sollten darin unterstützt werden, „sich als Kirchen und Christen in der heutigen Welt zu verstehen“.[19]

 

Im Blick auf die nächste Generalversammlung warnte Dr. Song davor, sich auf Plattitüden zurückzuziehen und keine konkreten Handlungsvorschläge zu machen. Solche selbstkritischen Überlegungen haben eine lange Tradition in der Geschichte des Reformierten Weltbundes und gehören zweifellos zu seinen Stärken. Dass aus solchen Analysen Handlungen folgen müssen, betonte der Generalsekretär der Organisation, D. Setri Nyomi, beim gleichen Treffen: „Wir können im 21. Jahrhundert keine Zeit verlieren, während die Menschen sterben. Wir sind aufgefordert, einen Unterschied zu machen ... Dies ist die Zeit zum Handeln.“[20]

 

Es gelte deshalb, die „Kräfte des Todes“ zu identifizieren und dann als Kirchen dazu beizutragen, sie zu überwinden. Die gegenwärtige Wirtschaftsordnung ziele auf Wachstum auf Kosten der sozialen und natürlichen Umwelt ab: „Unsere Kinder und Enkel werden uns nicht vergeben, wenn wir dasitzen und nichts tun im Blick auf die Ungerechtigkeiten, die sich so zügellos ausdehnen, wo immer wir hinblicken.“[21]

 

Die nächste Generalversammlung des Reformierten Weltbundes im Jahre 2004 in Accra/Ghana wird unter dem Thema „Damit alle Leben in Fülle haben“ stehen, und die Fragen der wirtschaftlichen Gerechtigkeit werden einen thematischen Schwerpunkt bilden.

 

In den deutschen Mitgliedskirchen des Reformierten Weltbundes ist die Herausforderung, sich mit Fragen der wirtschaftlichen Gerechtigkeit auseinander zu setzen, aufgegriffen worden. Schon vor der Generalversammlung in Debrecen, im Oktober 1996 hat der deutsche Reformierte Bund einen Brief mit dem Thema „Auf dem Weg zu einem „Anti-Mammon-Programm“ veröffentlicht, in dem unter anderem zu lesen ist: „Der Aufruf zu einem Anti-Mammon-Programm schließt mit dem Gebrauch des Wortes ‚Mammon’ bewusst an die biblische Sicht der Begrifflichkeit an. In der Bergpredigt (vgl. Mt 6,19ff.) weist Jesus auf die Gefahr hin, dass der Besitz vergöttert und so zu einer realen Alternative zu Gott wird. Menschen hängen ihr Herz an ihre Habe, an Geld, sie sind schließlich nur noch vom Haben-Wollen geleitet. Und sie vergessen darüber Gott ebenso wie die anderen Menschen um sich herum.“[22]

 

Um diesen Tendenzen entgegenzutreten, sollen im Rahmen des „Anti-Mammon-Programms“ die einzelnen Christinnen und Christen sich dazu verpflichten, sich selbst zu prüfen, ob und wie sie sich an der Vergottung des Habens beteiligen. Sie werden ermutigt, sich an lokalen Initiativen zum Thema Gerechtigkeit, Glauben und Geld zu beteiligen und damit zur Stärkung dieser Vorhaben beizutragen. Außerdem ist es notwendig, wirtschaftliche Vorgänge gründlich zu analysieren, um sich einer Pervertierung des Wirtschaftslebens entgegenzustellen.

 

Dieser Text ist der 2002 erschienenen Studie „Gott und die Götter der Globalisierung - Die Bibel als Orientierung für eine andere Globalisierung“ entnommen, die das Evangelische Missionswerk in Deutschland herausgegeben wurde.

 

 

 

© Evangelisches Missionswerk in Deutschland, Hamburg

 

 

 

Verfasser: Frank Kürschner-Pelkmann

 

 



[1] Einen Überblick über die Versammlung gibt der Beitrag „Sprengt die Ketten der Ungerechtigkeit – ein Rückblick auf die Generalversammlung des Reformierten Weltbundes“ von Renate Kortheuer-Schüring, in: Jahrbuch Mission 1998, Hamburg 1998, S. 192ff.

[2] Sprengt die Ketten der Ungerechtigkeit, Die 23. Generalversammlung des Reformierten Weltbundes, Debrecen 1997, herausgegeben vom Reformierten Weltbund, Genf 1997, S. 57

[3] Ebenda, S. 81

[4] Ebenda

[5] Ebenda, S. 97

[6] Ebenda, S. 215

[7] Ebenda, S. 216

[8] Ebenda. S. 220

[9] Ebenda, S. 221

[10] Vgl. ebenda, S. 221f.

[11] Vgl. Lukas Vischer: Justification and sanctification by Grace in a time of survival, in: Reformed World, 3/1999, S. 109ff.

[12] Ebenda, S. 110f.

[13] Ebenda, S. 113

[14] Ebenda, S. 115

[15] Ebenda, S. 117

[16] Ebenda, S. 118

[17] Ebenda, S. 119f.

[18] Zitiert nach: Ecumenical News International Bulletin, 15.8.2001, S. 13

[19] Ebenda

[20] Ebenda, S. 14

[21] Ebenda

[22] Reformierte KirchenZeitung 9/1996, S. 423