Kirchliches Engagement in Korea angesichts der Globalisierung

 

Südkorea galt lange Zeit als Musterbeispiel für die aufstrebenden und wirtschaftlich erfolgreichen Nationen Asiens, die binnen kurzer Zeit den Anschluss auf dem Weltmarkt fanden und zum Beispiel die europäischen Werften das Fürchten lehrten.[1] Übersehen wurde dabei, dass dieser Aufstieg mit der Unterdrückung der Menschenrechte und einer rücksichtslosen Ausbeutung der einfachen Arbeiterinnen und Arbeiter verbunden war. Viele Christinnen und Christen engagierten sich in den 70er und 80er Jahren für Menschenrechte, Demokratie und die Anliegen der Armen. Das brachte ihnen in der Gesellschaft viel Anerkennung ein und veränderte auch viele der Kirchen selbst. Die „Minjung“, die einfachen Leute, wurden zu Subjekten kirchlichen Handelns und wurden auch in das Zentrum des theologischen Denkens gestellt. Diese Minjung-Theologie wurde zu einer der wichtigsten kontextuellen Theologien in der ökumenischen Bewegung.[2]

 

„Min“ bedeutete in den feudalen Strukturen Chinas und Koreas „Untertan“, und die Silbe „jung“ steht für eine Gruppe. Minjung ist also eine Gruppe von Beherrschten und Unterdrückten. Unter den Bedingungen der „Entwicklungsdiktatur“ Südkoreas bestand Minjung aus den schlecht verdienenden und ausgebeuteten Arbeiterinnen und Arbeitern, den Slumbewohnern, den Witwen, den verarmten alten Menschen und anderen „Randgruppen“, die nun in das Zentrum der Theologie und des kirchlichen Handelns gestellt wurden. Das Kreuz bildet einen zentralen Orientierungspunkt der Minjung-Theologie. Das Leiden Jesu wird in Beziehung zum Leiden der Menschen gesehen, und so wie Jesus auferstand, hoffen Christinnen und Christen auf die Befreiung.[3]

 

Die Leiden der Diktatur waren also Leiden, die die Hoffnung auf das Reich Gottes und seinen Anfang mitten in dieser Welt nicht zerstören konnten. Dies gab den Minjung-Gruppen Kraft, sich auch angesichts brutaler Unterdrückung für Demokratie und Gerechtigkeit einzusetzen. Die ganz allmähliche Demokratisierung Südkoreas seit Ende der 80er Jahre und das Entstehen einer wachsenden Mittelschicht haben nicht nur die Gesellschaft, sondern auch die Kirchen verändert. Die Minjung-Gruppen, lange von vielen bewundert als Speerspitze christlichen Engagements in der Gesellschaft, die erheblich zur Demokratisierung und zum hohen Ansehen der Kirchen beigetragen hatten, gerieten nun eher an den Rand der Kirchen, wobei hinzugefügt werden muss, dass die konservativeren Kirchen den Gedanken der Minjung-Theologie und -bewegung von vornherein skeptisch gegenübergestanden hatten. Nun lautete das Motto: Minjung fährt jetzt Auto.

 

Und damit sollte gesagt werden, die Zeit des Engagements für die Armen und Entrechteten sei passé, weil der allgemeine Wohlstand ausgebrochen sei und bald auch die noch Armen erreichen werde. Und in der Tat hat sich die wirtschaftliche Lage vieler Arbeiterinnen in den 80er und in der ersten Hälfte der 90er Jahre ganz wesentlich verbessert, sodass viele vom Slum in moderne Apartments umziehen konnten. Übersehen wurde aber, dass es immer noch Slumbewohner gab und dass die Armut vor allem auf dem Lande noch groß war und sich die Situation der Kleinbauern durch die Öffnung der koreanischen Märkte für ausländische Importe sogar noch verschlechterte.[4]

 

Auch die vielen Tausend Arbeitsmigrantinnen und -migranten kamen in den Blick derer, die ihr soziales Engagement und ihre Theologie an den Armen der Gesellschaft orientierten. Sie machten auch darauf aufmerksam, dass eine neue Armut entstand, nämlich die vereinzelten älteren Leute, die sich in ihre kleinen, billigen Wohnungen zurückzogen und ihre Armut versteckten.[5]

 

Nicht zuletzt wirkte sich die veränderte gesellschaftliche Grundeinstellung auf die Minjung-Gemeinden aus. So berichtete Pfarrer NOH Chang Shik 1998: „Täglich scheint sich die Gesellschaft weiter zu verändern. Sie wird konservativer und individualistischer. Diese sozialen Tendenzen betreffen auch Minjung-Kirchen, die heute anders sind als jene der Vergangenheit. Die Kirchen sind nicht in der Lage, auf diese Tendenzen angemessen zu reagieren.“[6]

 

Hier werden exemplarisch Probleme von sozial engagierten kirchlichen Gruppen und Gemeinden sichtbar, die erleben müssen, wie ein gewisser Wohlstand und die Ausbreitung eines Konsumdenkens auch die Kirchen verändern. Nicht nur in Korea stehen die Kirchen vor der schwierigen Frage, wie sie theologisch und in ihrem Zeugnis in der Gesellschaft auf eine Situation wachsenden Wohlstandes für viele eingehen sollen. Es hilft jedenfalls nicht, so die Erfahrung in Korea und vielen anderen Ländern, sich darauf zu beschränken, darauf zu verweisen, dass es weiterhin Arme gibt. Das Engagement für die Armen bleibt wichtig, ist das Zentrum des diakonischen und sozialen Engagements der Kirchen und ihrer Mitglieder, aber die Kirche und ihre Theologie müssen sich auch darauf einstellen, dass es nun mehr „Gewinner“ des Wirtschaftsbooms gibt und noch mehr Menschen, die hoffen, bald zu diesen „Gewinnern“ zu gehören. Noch einmal Pfarrer NOH Chang Shik: „Das Wort Minjung löst beim Hörer oft unangenehme Gefühle aus. Diese Reaktion hängt mit unserer Wohlstandsgesellschaft zusammen. Wir sollten eine solche Mentalität zwar nicht akzeptieren, aber wir müssen sie berücksichtigen.“[7]

 

Auch die Minjung-Theologie kam in die Kritik, zum Teil mit einem sehr ähnlichen Akzent wie die Kritik an der lateinamerikanischen Befreiungstheologie.[8] Aber auch in dieser Zeit gab es in Korea Kritik am Prozess der Globalisierung, so von der bekannten Theologin Chung Hyun Kyung[9], die bei der ÖRK-Vollversammlung in Canberra im Februar 1991 weltweit Aufmerksamkeit erregte, als sie in einer Präsentation christliche und traditionell-koreanische religiöse Traditionen miteinander verband. In einem Interview sagte sie 1995: „Für mich ist derzeit die vordringliche theologische Frage die Globalisierung. Was bedeutet es, Theologie zu betreiben in einem Kontext der Globalisierung? Die ganze Welt ist ein einziger großer Markt geworden und der Weltmarkt fordert Opfer. Die Feinde und Dämonen kommen heutzutage nicht mehr mit Waffen oder militärischer Gewalt, sondern vielmehr mit einem Produkt als Verführung, als Ablenkung. Etwa: Wenn du das hier kaufst, wirst du schön und glücklich sein. Und Menschen im Süden oder auch die armen Menschen im Norden leiden sehr darunter, und zwar leise und unsichtbar ... Als Theologinnen und Theologen müssen wir uns fragen: Was bedeutet Menschlichkeit in dieser Zeit? Was heißt ‚Fülle des Lebens’ in dieser Situation? ... Wenn feministische Theologie nicht von den armen Frauen ausgeht, verliert sie ihre Integrität.“[10]

 

Dies blieb auch in Korea zunächst eine Minderheitsmeinung. Dann kam die asiatische Wirtschaftskrise von 1997/98. Fast über Nacht verloren Hunderttausende ihre Arbeitsplätze und die Realeinkommen derer, die noch Arbeit hatten, sanken drastisch. Auf der Synode zum Thema Globalisierung der Nordelbischen Kirche im September 2000 beschrieb Sang-Im Kim von der Presbyterianischen Kirche in Korea die Reaktionen auf die Krise in ihrem Lande: „Auch selbstkritische Stimmen wurden laut, die das blinde Vertrauen in den wirtschaftlichen Fortschritt und die gedankenlose Konsumhaltung der Menschen beklagen ... Als negative Begleiterscheinungen der Globalisierung werden vor allem die Feminisierung und Infantilisierung der Armut, die Umweltzerstörung, der Abbau der sozialen Versorgungsnetze, die Schwächung der Gewerkschaften und die Schwächung der staatlichen Einflussnahme auf die Wirtschaft, auf den internationalen Handel, auf Aktiengeschäfte und auf Steuerflucht und Steuerhinterziehung in internationaler Form genannt.“[11]

 

Es ist auffällig, dass ältere Texte aus den koreanischen Kirchen zur politischen und sozialen Situation große Unterschiede zur sozialen Realität in der Bundesrepublik Deutschland erkennen ließen, in den Zeiten der Diktatur waren das Dritte Reich und Theologen des Widerstandes wie Dietrich Bonhoeffer wichtige Bezugsgrößen für die koreanische Minjung-Theologie, nicht das Nachkriegsdeutschland. Aber angesichts des Wirtschaftsaufschwungs, seiner Krisenerscheinungen und der Probleme sozialer „Randgruppen“ und der ganzen Gesellschaft mit den Folgen eines wachsenden globalen ökonomischen Wettkampfes erinnert die Beschreibung von Sang-Im Kim stark an Analysen der heutigen Situation der Bundesrepublik, auch wenn es noch Unterschiede in der Höhe des durchschnittlichen Prokopfeinkommens und des Abbaus des Sozialsystems gibt. Deshalb ist es so gewinnbringend zu sehen, wie Kirchen in anderen Teilen der Welt sich dieser Situation stellen und wie nach neuen theologischen Antworten gesucht wird. Die Krise in Korea führte zu einer erneuten Stärkung der theologischen Tradition, die die Aufgabe der Kirche an der Seite der Armen sieht.[12]

 

Ein besonders interessanter Beitrag ist in diesem Zusammenhang die Erklärung der Presbyterianischen Kirche von Korea vom Oktober 1998 zum Thema „Die Überwindung der gegenwärtigen Wirtschaftskrise“. Der Beitrag beginnt mit einer knappen Darstellung der Wirtschaftskrise und ihrer sozialen Auswirkungen. Bemerkenswert ist, dass die Verantwortung für die Krise nicht primär beim Internationalen Währungsfonds, ausländischen Spekulanten oder anderen äußeren Mächten gesucht wird, sondern im Land selbst. Die Krise wird nicht nur ökonomisch erklärt: „Der Hauptgrund für unsere gegenwärtige Krise ist die moralische Verderbtheit, Korruption, Betrug, Eitelkeit und Ungerechtigkeit, die in allen Bereichen unserer Gesellschaft herrscht ... Hier kommt der Verantwortung der Kirche und der Christinnen und Christen eine große Bedeutung zu. Weil die Gründe der finanziellen und wirtschaftlichen Krise in der moralischen und spirituellen Verderbtheit unserer Gesellschaft liegen, muss die Kirche, die das Salz und das Licht der Welt ist, nach vorn treten und die Verantwortung für die Reinigung unserer Nation übernehmen.“[13]

 

Es wird konstatiert, dass die Kirche in der Vergangenheit indifferent gegenüber wirtschaftlichen Problemen gewesen sei und Glauben und Wirtschaft als zwei Bereiche angesehen habe, die irrelevant füreinander gewesen seien. Im Lichte der Krise wird das biblische Verständnis der Ökonomie in der kirchlichen Erklärung neu reflektiert. Es wird erkannt, dass das Alte und das Neue Testament lehren, dass Wirtschaftsfragen ein wichtiges Thema sind und dazu herausfordern, alle Aspekte des Wirtschaftslebens vom Standpunkt des Glaubens her zu betrachten und zu verstehen. Aus dieser Perspektive wird die Bedeutung der Haushalterschaft für Gottes Schöpfung betont.

 

Ebenso wird die Bedeutung der Arbeit für die Identität des einzelnen Menschen hervorgehoben. Es wird belegt, dass die biblische Botschaft darauf zielt, dass niemand ausgebeutet werden soll. Ebenso wird herausgearbeitet, dass Arbeitslosigkeit dem Willen Gottes widerspricht. Schließlich wird herausgestellt, dass das Ergebnis wirtschaftlicher Aktivitäten aus der Perspektive der Armen bewertet werden muss. Dies wird anhand von Aussagen des Alten und des Neuen Testaments belegt. Aus dieser Perspektive wird auch das Wirtschaftssystem bewertet: „Die Bibel lehrt uns auch, dass das Wirtschaftssystem gerecht sein muss, damit es niemanden gibt, der keine Vorteile davon hat oder der ganz draußen bleibt. Dass es Arme gibt, ist ein direktes Ergebnis der Tatsache, dass andere mehr nehmen, als ihnen zusteht. Das Gesetz und die Propheten fordern die Menschen in Israel eindringlich auf, alle Regelungen und Systeme zu beseitigen, die den Armen ihre Möglichkeiten nehmen und dazu führen, dass sie ständig leiden. Ebenso geht es darum, eine moralische Gesellschaft zu schaffen, in der alle Nutzen haben.“[14]

 

Diese Argumentation ähnelt der Minjung-Theologie, auch wenn dieser Bezug im Text selbst fehlt. In einem weiteren Abschnitt wird herausgearbeitet, dass die Bibel Wohlstand nicht verurteilt, aber die Gefahr besteht, dass aus Reichtum ein Mammon wird und die Verantwortung gegenüber den Armen ignoriert wird. Die asiatische Wirtschaftskrise hat in der Presbyterianischen Kirche den Blick dafür geschärft, wie in der Bibel eine Wirtschaftsethik vertreten wird, die zum Ziel hat, dass alle Menschen ein Leben in Fülle haben und nicht nur die „Gewinner“ eines Wirtschaftssystems. Daher wird im letzten Teil der Erklärung herausgearbeitet, warum das gegenwärtige nationale und internationale Wirtschaftssystem verändert werden muss und dass die Wirtschaftskrise Koreas eine Chance ist, einen neuen Weg einzuschlagen.

 

 

Dieser Text ist der 2002 erschienenen Studie „Gott und die Götter der Globalisierung - Die Bibel als Orientierung für eine andere Globalisierung“ entnommen, die das Evangelische Missionswerk in Deutschland herausgegeben wurde.

 

 

 

© Evangelisches Missionswerk in Deutschland, Hamburg

 

 

 

Verfasser: Frank Kürschner-Pelkmann

 

 

 

 

 



[1] Vielfältige Einblicke in die politische, soziale und kirchliche Entwicklung Koreas bietet das Länderheft „Korea & Japan – der schwierige Weg der Versöhnung“, das 2002 vom Evangelischen Missionswerk in Deutschland in der Reihe Weltmission heute (Nr. 42) veröffentlicht wurde.

 

[2] Als grundlegendes Werk zur Minjung-Theologie ist auf Deutsch erschienen: Byung-Mu Ahn: Draußen vor der Tür, Kirche und Minjung in Korea, Göttingen1986

[3] Vgl. ebenda, S. 18ff.

[4] Vgl. EMS-Informationsbrief Korea, Korea, 5/95, insbesondere den Beitrag „Koreanische Landwirtschaft unter dem Einfluss des Welthandels“, S. 1ff.

[5] Vgl. hierzu verschiedene Beiträge im EMS-Informationsbrief Korea, 3/98, insbesondere den Beitrag von Malte Rhinow (Seite 4ff.)

[6] Ebenda, S. 12

[7] Ebenda, S. 13

[8] Vgl. hierzu den Beitrag „Global theology for the common good: Lessons from two centuries of Korean Christianity“, in: International Review of Mission, Oktober 1996, S. 523ff.

[9] Von ihr ist auf Deutsch u. a. das Buch „Schamanin im Bauch – Christin im Kopf, Frauen Asiens im Aufbruch“ (Stuttgart 1992) erschienen.

[10] Interview mit Chung Hyun Kyung, in: Junge Kirche, 9/95, S. 494

[11] Sang-Kim Kom: Nordelbien in den Augen der anderen – Ein Blick aus Korea auf die Nordelbische Kirche, in: Ökumene – die andere Globalisierung, Dokumentation zur Themensynode der Nordelbischen Evangelisch-Lutherischen Kirche, Hamburg 2001, S. 55

[12] Vgl. Kim Yong-Bock: Ein alternativer Lebensweg, geprägt von der Solidarität mit den Minjung-Bewegungen, in: Colloquium 2000, Beiheft der Jungen Kirche, 9/2001, S. 63ff.

[13] Presbyterian Church of Korea: Surmounting the current economic crisis, in: Reformed World, September 1999, S. 81

[14] Ebenda, S. 85