Apokalypse

 

Die Offenbarung des Johannes gilt als schwieriges Buch der Bibel, um das in Gottesdienst und Bibelkreisen meist ein weiter Bogen gemacht wird. Dass dieses Buch von den utopisch orientierten und revolutionären Gruppen der Kirchengeschichte interpretiert und für sich reklamiert wurde, hat es den etablierten Theologen nur noch suspekter gemacht. Die Offenbarung des Johannes erweist sich aber als ein ganz zentraler Text, wenn es um die Frage der Auseinandersetzung mit globalen Mächten geht, weil die Konflikte mit dem Römischen Weltreich den historischen Hintergrund für den biblischen Text bilden. Das Buch mit „sieben Siegeln“ kann so zu einem zentralen Text auf dem Weg zu einer anderen Globalisierung werden.

 

Es besteht weitgehend Einigkeit darüber, dass die Verfolgung der Jesus-Anhänger durch das Römische Reich den Hintergrund für die Offenbarung des Johannes bildet.[1] Die Jesus-Anhänger, von denen viele zum jüdischen Volk gehörten, mussten in der Diaspora Ende des 1. Jahrhunderts in Kleinasien mit der Zerstörung Jerusalems im Jahre 70, mit den Konflikten der Jesus-Anhänger mit den Synagogengemeinden und mit der gewaltsamen Verfolgung durch die Römer fertig werden. Der Autor des Buches, über den wir wenig wissen, schrieb sein Buch auf der Insel Patmos (vgl. Offenbarung 1,9), und er wandte sich an kleine Gruppen von Jesus-Anhängern, die über den Mittelmeerraum verstreut lebten.

 

Das globale Imperium schien unbesiegbar zu sein. Unter Kaiser Domitian erlebte der Kaiserkult einen Höhepunkt, und die Jesus-Anhänger standen vor der Frage, ob sie ihn wie einen Gott verehren oder die Verfolgung durch die Römer hinnehmen sollten. Gegen die anscheinende Allmacht der Weltherrscher stellte Johannes – ganz in der Tradition der biblischen Autoren im babylonischen Exil – den Gott, der diese Welt regiert: „Ich bin das A und das O, spricht Gott der Herr, der da ist, der da war und der da kommt, der Allmächtige.“ (Offenbarung 1,8)

 

Das immer wieder diskutierte Bild vom allmächtigen Gott gewinnt seine Bedeutung darin, dass diese Macht sich im Gegenüber zu den globalen Mächten der Welt und ihren Ansprüchen manifestiert. Das Gegenüber zur Macht Gottes ist nicht eine unter dieser Macht gebückte Menschheit, es sind die globalen Mächte von Babylon über Rom bis in die heutige Zeit, deren Machtwahn und rücksichtslose Machtausübung der gegenübersteht, der war, ist und sein wird. Wenn wir heute also zum allmächtigen Gott beten, können wir dies in der Tradition des Johannes in dem Bewusstsein tun, dass dieser Gott die Mächte unserer Welt letztlich in ihre Grenzen weist.

 

Die Welt der Schrecken, die sich immer mehr steigern, bestimmt große Teile des Buches der Offenbarung. Und diese Schrecken haben eine beunruhigende Aktualität, wie Petra-Edith Pietz, Mitglied des Vorstandes der Evangelischen Frauenhilfe in Deutschland, in einer Bibelarbeit herausgearbeitet hat: „Wenn wir heute von Globalisierung der Wirtschaft reden – und ihre Folgen zu spüren bekommen –, entdecke ich Verbindungen zu dem, was Johannes vor 2000 Jahren beschrieben hat. Wenn die Vermehrung des Geldes, die Maximierung von Gewinnen zum Gott gemacht wird, und alles und jede/r diesem Gott dienen soll, dann gerät unsere Welt immer weiter aus den Fugen. Die Krise der letzten Monate und Jahre sind Ergebnis des maßlosen Wirtschaftens über Jahrzehnte hinweg: Menschen, Tiere, Pflanzen, Wälder, Flüsse und Meere, Erde und Luft wurden und werden als Mittel zum Zweck (der Gewinnmaximierung) benutzt. Und das rächt sich.“[2]

 

Johannes bleibt dabei nicht stehen, sondern entwirft die Vision eines neuen Himmels und einer neuen Erde. Zu Recht stellt Luzia Sutter Rehmann in einer Auslegung fest: „Apokalyptik will die Augen öffnen für Unrecht und Systemzwänge, die vom Leben in Fülle abhalten. Die Rede vom Gericht Gottes hält die Möglichkeit von Gerechtigkeit offen ... Die apokalyptische Vision eines Gottes, der das Weinen hört und kommt, um die Tränen abzuwischen (Offb 21.4-5), transzendiert unsere menschlichen Möglichkeiten oder verdeutlicht vielmehr, wie Gerechtigkeit und Liebe zusammengehören.“[3]

 

Es ist diese Vision, die vielen Mitglieder lateinamerikanischer Basisgemeinden Hoffnung und Kraft gibt. Die Hoffnung auf das Neue Jerusalem hat auch Martin Luther King in einer Predigt über Offenbarung 21,16 aufgenommen: „Wir wollen Gott dafür danken, dass Johannes vor vielen Jahrhunderten seinen Blick zum Himmel aufhob und dort das neue Jerusalem sah. Gebe Gott, dass auch wir diese Vision haben und mit unermüdlicher Leidenschaft dieser Stadt des vollkommenen Lebens zustreben ... Nur wenn wir diese Stadt erreichen, können wir unser wahres Wesen verwirklichen. Nur wenn wir diese Vollkommenheit verwirklichen, können wir wahre Kinder Gottes sein.“[4]

 

Der Weg zu dieser Vollkommenheit, der Weg zu dieser Befreiung führt – und das wusste Martin Luther King – über die Auseinandersetzung mit den globalen Mächten. Die Entscheidungsschlacht zwischen Gut und Böse (Offenbarung 16) wird immer neu geschlagen, und immer neu stehen wir vor der Frage, wie wir in diesem Kampf Partei ergreifen. Die feministische Theologin Elisabeth Schüssler Fiorenza kommt in einer ausführlichen Beschäftigung mit dem Buch der Offenbarung zum Ergebnis: „Die zentrale theologische Frage der Johannesoffenbarung ist: Wem gehört die Welt? Wer ist der Herrscher der Welt? Das zentrale theologische Symbol ist der Thron, der entweder göttliche und befreiende oder dämonische und todbringende Macht repräsentiert.“[5]

 

Die Macht des Tieres aus dem Meer, historisch war dies der Kaiser in Rom, schien unbegrenzt zu sein: „Und ihm wurde die Macht gegeben, zu kämpfen mit den Heiligen und sie zu überwinden; und ihm wurde Macht gegeben über alle Stämme und Völker und Sprachen und Nationen. Und alle, die auf Erden wohnten, beteten es an ...“ (Offenbarung 13,7-9)

 

Aber diese globalen Mächte haben nicht das letzte Wort. Am Ende der Apokalypse steht nicht die totale Unterwerfung unter die globalen Mächte, auch nicht das letzte Inferno der Weltzerstörung, sondern die Gerechtigkeit Gottes und das neue Leben, das er verheißt. Es gibt eine Alternative zum Status quo, die Geschichte ist nicht zu Ende, sondern es besteht Anlass zur Hoffnung auf Befreiung. Opfer der heutigen Globalisierung, Verlierer des grenzenlosen Kampfes um Macht und Geld, lesen die folgenden Verse der Offenbarung als konkrete Zusage für sich und für diese Welt: „Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein ...“ (Offenbarung 21,3-4)

 

Im Zentrum der Offenbarung steht deshalb nicht die Zerstörung, die häufig mit dem Stichwort Apokalypse verbunden wird, sondern die Botschaft vom Leben in Fülle, auf die alle hoffen können, die sich auf Gottes Weg begeben und gemeinsam mit ihm gegen die Mächte des Bösen kämpfen. Der Pax Romana wird der Frieden Gottes entgegengestellt. In diesem Kampf zwischen imperialer und göttlicher Macht steht der Sieger schon fest, lautet die Botschaft der Hoffnung des Johannes, und deshalb lohnt sich der Kampf für eine Welt, die nicht imperialen Gesetzen folgt, sondern sich am kommenden Reich Gottes orientiert.

 

Gefordert ist aber die persönliche Entscheidung für das neue Jerusalem und gegen das übermächtig erscheinende Rom. Es gab in der konkreten historischen Situation nur die Wahl zwischen der Beteiligung am heidnischen Kaiserkult oder dessen Ablehnung, mit allen Konsequenzen, die dies nach sich zog. Die oft schroffe Gegenüberstellung von Gut und Böse, Tod und Leben, Rettung und Vernichtung in der Offenbarung des Johannes ist auf diesem Hintergrund zu sehen: In einer Situation der Katastrophen und der Verfolgung muss jede und jeder eine Entscheidung treffen, und Johannes beschwört seine Leserinnen und Leser, die Entscheidung für das Leben zu fällen.[6]

 

Das Buch der Offenbarung will Mut machen, ist ein Hoffnungsbuch, denn der endgültige Sieg steht fest, verkündet Johannes inmitten einer Welt der Verfolgung und Anfechtung. Immer wieder ist die Vision des Johannes in unseren Zeiten zu Schreckensvisionen und Schreckensfilmen missbraucht worden. Aber nicht der Untergang, sondern das neue Leben bildet den End- und Zielpunkt dieses Buches der Bibel.

 

 

Dieser Text ist der 2002 erschienenen Studie „Gott und die Götter der Globalisierung - Die Bibel als Orientierung für eine andere Globalisierung“ entnommen, die das Evangelische Missionswerk in Deutschland herausgegeben wurde.

 

 

 

© Evangelisches Missionswerk in Deutschland, Hamburg

 

 

 

Verfasser: Frank Kürschner-Pelkmann

 

 

 



[1] Vgl. hierzu u. a.: Franz Joseph Schierse: Einführung in das Neue Testament, Düsseldorf 2001, S. 134ff.

[2] Petra-Edith Pietz: Seht, ich mache alles neu, Bibelarbeit zu Offb 21, 1-9, in: Arbeitshilfe zum Weitergeben, 3/2001, S. 14

[3] Luzia Sutter Rehmann: Das Buch mit den sieben Siegeln, in: Junge Kirche 12/99, S. 578f.

[4] Martin Luther King jr.: Kraft zum Leben, Betrachtungen und Reden des Friedensnobelpreisträgers, Konstanz 1984, S. 126

[5] Elisabeth Schüssler Fiorenza, Das Buch der Offenbarung, Stuttgart 1994, S. 144

[6] Vgl. Schüssler Fiorenza: Das Buch der Offenbarung, a. a. O., S. 155ff.