Entwicklungstheorien und -konzepte im Zeitalter der Globalisierung

 

Praxistest gescheitert. Viele bisher propagierte Entwicklungstheorien und -konzepte sind obsolet geworden, und zwar vor allem durch die globale Wirklichkeit seit Ende des 20. Jahrhunderts und jüngst durch die Folgen der Coronakrise. Im Fokus stehen vielerorts nicht mehr Theorien, sondern pragmatische Programme zur Verbesserung des eigenen Wirtschaftsstandortes.

 

Für die chancenlosen, „abgehängten“ Länder werden finanziell begrenzte Hilfen bereitgestellt, um ein völliges Chaos in diesen „failed states“ zu verhindern oder es wenigstens einzudämmen. In vielen Fällen geht es den reichen Staaten auch darum, eine Migration aus den „Armenhäusern“ der Welt in die reichen Länder zu reduzieren.

 

Wohin Entwicklung gehen soll, scheint für die Eliten ärmerer Länder inzwischen völlig klar zu sein: zu einer Integration in das globale Marktsystem verknüpft mit eigenen ökonomischen Vorteilen. Haben Entwicklungstheorien im Zeitalter der Globalisierung ausgedient und bleibt als einziges Ziel, das eigene Land fit für den globalen Markt zu machen und dabei selbst reich zu werden?

 

Modernisierung – Entwicklung nach westlichem Vorbild

 

Der umstrittenste und zugleich einflussreichste Entwicklungstheorie ist die ,,Modernisierungstheorie", die bereits in den 1950er Jahren entstand. Sie überträgt - etwas vereinfacht formuliert - die Evolutionstheorie auf die sozialen Beziehungen und verfolgt das Ziel, dass sich „zurückgebliebene“ Gesellschaften modernisieren, worunter die Anpassung an das westliche Wirtschafts- und Gesellschaftssystem verstanden wird. Einflussreichster Vordenker dieser Theorie war der US-amerikanische Ökonom Walter Withman Rostow, der den Modernisierungsprozess in fünf Stadien unterteilte, angefangen mit der traditionellen Gesellschaft und gradlinig hinführend auf die Massenkonsum-Gesellschaft. Der Zugang zu Kapital galt als entscheidende Voraussetzung für diesen Entwicklungsweg, wobei lokalen Unterschieden keine große Bedeutung zugemessen wurde. Ende der 1950er Jahren stieg Rostows Einfluss auf die internationale Entwicklungspolitik dadurch, dass er den akademischen Elfenbeinturm verließ und zum Redenschreiber, Nationalen Sicherheitsberater und leitenden Mitarbeiter des Außenministeriums von drei US-Präsidenten aufstieg.

 

Angesichts der Ost-West-Konfrontation stellten die Staaten Westeuropas und Nordamerikas Milliardenbeträge zur Verfügung, um die „unterentwickelten“ Länder auf den richtigen Kurs zu bringen, also zur Übernahme des westlichen marktwirtschaftlichen Systems zu veranlassen. So einflussreich die Modernisierungstheorie auch war, so unübersehbar scheiterte sie allerdings auch. Heute ist weitgehend unbestritten, dass Traditionen nicht einfach als Entwicklungshemmnisse verstanden werden können, sondern dass ihre Einbeziehung und Weiterentwicklung unverzichtbar für eine ökonomische und soziale Entwicklung sind. Auch wurde erkannt, dass die gewaltigen Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern im Süden der Welt der Vorstellung von einem für alle gültigen Entwicklungspfad widersprechen.

 

Weiter ist heute weitgehend unbestritten, dass es gilt, Rückschläge beim Prozess einer umfassenden Entwicklung zu berücksichtigen und ihre Ursachen zu analysieren. Außerdem ist die Vorstellung von einer Modernisierung in vielen Ländern des Südens allein schon dadurch diskreditiert, dass die USA oder die westlichen Staaten insgesamt zum alleinigen Vorbild und Maßstab für die Entwicklung von Gesellschaften gemacht wurden.

 

Mit Marx und Lenin eine sozialistische Entwicklung gestalten

 

Die 50er bis 80er Jahre des 20. Jahrhunderts waren in der internationalen Politik und auch in der Entwicklungspolitik geprägt von der Ost-West-Konfrontation. Nicht nur der Westen, sondern auch die Sowjetunion, ihre Verbündeten und China stellten beträchtliche Mittel bereit, um jene Länder zu unterstützen, die sich für ihr Lager entschieden hatten.

 

Die politischen Herrschaftsschichten in Afrika, Asien und Lateinamerika erkannten rasch, dass sich aus der Ost-West-Konkurrenz politisches und wirtschaftliches Kapital schlagen ließ. Sich einer Seite anzuschließen, wurde mit der Erwartung verbunden, nun auch massiv bei den eigenen Entwicklungsanstrengungen unterstützt zu werden. Ein Regime, dass sich als verlässlicher Bündnispartner empfohlen hatte, konnte nicht nur mit Geldern und Experten rechnen, sondern wurde notfalls auch militärisch unterstützt, wenn ein Sturz durch Rebellen drohte. Es reichte oft, die Gegner als Handlanger der kapitalistischen Welt beziehungsweise der Kommunisten zu brandmarken.

 

Besonders in Afrika zeigte sich, dass die Ost-West-Konfrontation für die Bevölkerung der sogenannten Entwicklungsländer mehr Nach- als Vorteile brachte. Da waren zunächst die Bürgerkriege wie im Kongo in den 1960er Jahren, wo die Sowjetunion und die westlichen Staaten unterschiedliche politische Kräfte unterstützten und entscheidend dazu beitrugen, dass das Land in einem blutigen Bürgerkrieg versank. Auch in anderen Ländern erhielten brutalste und korrupteste Regime großzügig Unterstützung, solange sie am Bündnis mit der Sowjetunion oder dem Westen festhielten. Diese Regime plünderten ihre Länder aus und missachteten die Rechte der Bevölkerung.

 

Sozialistische Entwicklungstheorien spielten in diesen Konflikten eine eher untergeordnete Rolle und waren den herrschenden Schichten in den Ländern des Südens eher unbekannt und unwichtig. Die komplexen sozialistischen Theorien, die auf den Gedanken von Marx, Engels und Lenin aufbauten, wurden kaum rezipiert. Immerhin war eine Konsequenz aus diesen Theorien für die Autokraten und ihre Führungscliquen ausgesprochen nützlich, nämlich die Verstaatlichung der größeren Unternehmen des Landes. Das bot die Gelegenheit, Familienmitglieder und Freunde zu lukrativen Führungspositionen in der Wirtschaft zu verhelfen.   

 

Die von der Sowjetunion „exportierten“ Entwicklungstheorien sollen hier nicht ausführlicher vorgestellt werden, zumal sie mit dem Ende der Sowjetunion noch mehr an Bedeutung verloren haben. Erwähnt sei aber, dass die meisten Länder des Südens keine Planwirtschaften aufgebaut haben. Die westlichen Länder und ihre Konzerne störten Konzepte wie ein „afrikanischer Sozialismus“ nicht, solange keine Tochtergesellschaften internationaler Unternehmen verstaatlicht und die Geschäftstätigkeit internationaler Bergbauunternehmen nicht signifikant eingeschränkt wurde.

 

Die Verfechter sowohl einer kapitalistischen als auch sozialistischen Entwicklung waren überzeugt, dass es um eine Umgestaltung der Länder nach jeweils eigenen Vorstellungen ging, wobei das westliche Modernisierungsengagement wesentlich erfolgreicher war, und dass schon deshalb, weil sehr viel mehr Finanzmittel bereitgestellt wurden und die reichen Eliten in vielen afrikanischen, asiatischen und lateinamerikanischen Staaten mit dem Kapitalismus sehr viel rascher zu Reichtum kamen als mit sozialistischen „Experimenten“, die nicht selten binnen weniger Jahre aus unterschiedlichsten Gründen scheiterten oder wo gewaltigen Problemen standen. Allein schon die systematische Isolationspolitik des Westens gegen sozialistische Staaten wie Kuba machte diese dauerhaft abhängig von sowjetischer oder chinesischer Unterstützung.

 

Das Ende des Enthusiasmus

 

Das Aufholen, der Anschluss an die moderne Welt, schien in den 1960er Jahren eine Frage von Jahren zu sein. Entsprechend enthusiastisch machten sich die westlichen Entwicklungsexperten und Entwicklungshelfer an die Arbeit, so die Angehörigen des US-amerikanischen „Peace Corps“. Der niederländische Lehrer, Berater von Programmen im Süden der Welt und Missionar Thierry Verhelst schreibt in seinem Buch „Wurzeln zum Leben Süd-Nord: Kulturelle Identität und Entwicklung“ zu den Auswirkungen dieser Anstrengungen:

 

„Die nach der Theorie der Modernisierung organisierte Entwicklung kreist um die Konzepte des Aufholens und der materiellen und der technischen Entwicklung ... Das Resultat dieses immensen finanziellen und menschlichen Aufwandes ist in der Tat enttäuschend. Nur wenigen Ländern und wenigen lokalen Gemeinden ist es gelungen, den Zirkel des Elends mit Hilfe dieser Interventionen zu durchbrechen. Nicht wenige Projekte hatten sogar eine schädliche Wirkung, weil sie entweder eine Bedürftigkeitsmentalität hervorgebracht haben oder weil sie die Konzentration des Reichtums in den Händen einer kleinen Gruppe von Privilegierten noch verstärkt haben. Darüber hinaus haben zahlreiche Projekte die kulturelle Entfremdung vorangetrieben." Die Modernisierungstheorie wurde immer wieder heftig kritisiert und wird heute kaum noch propagiert - praktiziert wird sie aber noch häufig. Die konkurrierende sowjetische Entwicklungstheorie ist nur noch für Historiker von Bedeutung.

 

Dependenztheorie - Ein Weg aus der Abhängigkeit?

 

Vor allem lateinamerikanische Sozialwissenschaftler stellten in den 1970er Jahren der Modernisierungstheorie eine Dependenztheorie entgegen. Sie analysierten am Beispiel Lateinamerika, wie die Länder des Südens von den wirtschaftlich reichen Ländern und Konzernen in Abhängigkeit gehalten werden und einheimische Eliten zu Brückenköpfen dieser Abhängigkeitsstrukturen geworden sind.

 

Während die Modernisierungstheorie die Ursachen für die Entwicklungsprobleme in den Ländern selbst sucht, betont die Dependenztheorie die Bedeutung externer Faktoren, vor allem der ungerechten weltwirtschaftlichen Verhältnisse. Deshalb plädierten die Verfechter der Dependenztheorie für eine „Abkoppelung" von Ländern und Regionen des Südens von der westlich dominierten Weltwirtschaft. Durch hohe Zölle und die Beschränkung der Aktivitäten ausländischer Unternehmen sollte ein Freiraum geschaffen werden, den einheimische Unternehmen und Gruppen zur Entfaltung ihres Entwicklungspotenzials nutzen könnten. Die Steigerung der heimischen Agrarproduktion sowie der handwerklichen und kleinindustriellen Produktion sollten die Überwindung von Armut ermöglichen. Die Grundlage für die Umsetzung dieser Vorstellungen sollte eine politische und soziale Mobilisierung der Bevölkerung bilden.

 

Diese Dependenztheorie krankte von Anfang an daran, dass kaum zu erwarten war, dass sich die politischen und wirtschaftlichen Machtverhältnisse in einer größeren Zahl von Ländern des Südens so radikal verändern würden, dass eine zumindest partielle Abkoppelung von der globalen Wirtschaft möglich würde. Auch bestanden große Zweifel, ob ein Land auf sich gestellt die erhoffte dynamische wirtschaftliche Entwicklung in Gang bringen könnte.

 

Dass mittlerweile ganze Regionen (vor allem in Afrika) unter den Bedingungen der Globalisierung zwangsweise aus den dynamischen Weltwirtschaftsprozessen ausgeschlossen bleiben und dies verheerende Konsequenzen hat, ließ es still werden um die Dependenztheorie. Immerhin hat sie dazu beigetragen, in der Entwicklungspolitik ein stärkeres Gewicht auf eine eigenständige Entwicklung und die Befriedigung der Grundbedürfnisse der Bevölkerung zu legen.

 

Neoliberalismus – der Glaube an den Markt

 

Mit dem Ende des „Ostblocks“ war auch das Ende der Konkurrenz der westlichen und östlichen Entwicklungstheorien gekommen, und die Dependenztheorie war ohnehin – zumal außerhalb Lateinamerikas – eine Sache einiger linker Theoretiker geblieben. So sank das Interesse an Entwicklungstheorien drastisch. Gefragt waren nun pragmatische Lösungen. Aber ohne ideologische Grundlagen kamen auch die nicht aus. In den 1980er Jahren setze sich zunächst in großen Teilen Europas und Nordamerikas sowie bald auch in vielen anderen Teilen der Welt die neoliberale Welt- und Entwicklungssicht durch oder gewann doch einen beträchtlichen Einfluss. Prominenteste Verfechter dieser Gedanken waren US-Präsident Ronald Reagan und die britische Premierministerin Margaret Thatcher.

 

Etwas plakativ lässt sich die Grundüberzeugung der Verfechter des Neoliberalismus in dem Satz zusammenfassen, dass der Markt und der damit verbundene Wettbewerb alles gut regeln und die wirtschaftliche Entwicklung in reichen wie armen Ländern aufs Beste fördert. Es komme deshalb darauf an, den Einfluss des Staates möglichst stark zurückzudrängen.

 

Ein herausragender Vertreter dieser neoliberalen Wirtschaftstheorien war der US-amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Milton Friedman. Er hat mit großem Erfolg die Überzeugung propagiert, der Staat müsse sich aus der Wirtschaft zurückziehen und es dem Markt überlassen, für eine Allokation der Güter zu sorgen. Die individuelle Freiheit werde durch staatliche Interventionen in die Märkte eingeschränkt. Dies gelte sowohl interhalb der Volkswirtschaften als auch im internationalen Handels-, Dienstleistungs- und Finanzverkehr.

 

Weltbank und Internationaler Währungsfonds wurden stark von diesen ökonomischen Theorien und Konzepten beeinflusst. Sie bemühten sich daraufhin überall auf der Welt um die Zurückdrängung staatlicher Interventionen und des Vertrauens auf die Kräfte des Marktes. Hoch verschuldete Länder waren der Umsetzung der neoliberalen Theorien besonders ausgeliefert. Ihnen wurde von Internationalem Währungsfonds und Weltbank die „Medizin“ von Strukturanpassungsmaßnahmen zur Liberalisierung der Märkte und zur -Reduzierung des staatlichen Bereichs verordnet, wenn sie neue Kredite und Entwicklungsgelder erhalten wollten.

 

Die Folgen der neoliberalen „Medizin“ besonders in armen Ländern des Südens waren aus der Sicht vieler Kritiker katastrophal. So litten, um nur einen wichtigen Punkt zu nennen, die Armen unter der Einschränkung oder weitgehenden Beseitigung staatlicher Sozialprogramme, während sie auf dem vielgepriesenen Markt ohne eigene Kaufkraft chancenlos blieben.

 

Die Diskrepanz zwischen neoliberaler Theorie und deren katastrophalen Auswirkungen war schließlich auch für führende Ökonomen des Internationalen Währungsfonds nicht mehr zu ignorieren. Sie veröffentlichten 2016 einen Bericht, der schonungslos darlegte, dass die Politik der Öffnung der Märkte und der Zurückdrängung des Staates zu schwachem Wirtschaftswachstum und zu steigender sozialer Ungleichheit geführt hatte.

 

Die Währungsfonds-Ökonomen stehen mit ihrer Kritik nicht allein. Die durch die Umsetzung neoliberaler Theorien in praktische Politik sind unübersehbar. Die Liberalisierung der internationalen Handelsbeziehungen hat ein Wachstum dieses Handels begünstigt, aber auch die Konkurrenz der einzelnen Wirtschaftsstandorte um Investitionen und Aufträge gefördert. Bekannt ist das in der Textilindustrie, wo nicht nur Billigketten dort produzieren lassen, wo die Kosten am niedrigsten sind. Die lokalen Unternehmen können solche niedrigen Preise nur anbieten, wenn sie die Löhne auf ein minimales Niveau reduzieren, den Arbeitsschutz völlig vernachlässigen und Umweltschutzbelange ignorieren. Auch in Ländern wie Deutschland drohen Unternehmen damit, die Produktion in andere Länder zu verlagern, wenn Sozialstandards erhöht oder Umweltgesetze durchgesetzt werden sollen. 

 

In Industriestaaten wie Großbritannien zeigten sich bald die negativen Folgen einer Liberalisierungs- und Privatisierungspolitik. Die Privatisierung der englischen Wasserversorgungsbetriebe ist ein Beispiel dafür. Dank großzügiger Steuer“geschenke“ war diese Privatisierung zunächst sehr erfolgreich – jedenfalls für die neuen Eigentümer. Um die Gewinne noch zu steigern, reduzierten sie die Wartungsaufwendungen für das Leitungsnetz und die übrige Trinkwasser- und Abwasserinfrastruktur. Das rächte sich nach einigen Jahren bitter, denn die Wasserverluste durch Leckagen im Leitungsnetz und die Umweltschäden durch ein desolates Abwassersystem nahmen dramatisch zu und erreichten ein Niveau, dass sonst nur aus wirtschaftlich verarmten Ländern im Süden der Welt bekannt ist. In den neoliberalen Theorien kommt eine solche Nebenwirkung von Privatisierungen nicht vor, aber das war kein Trost für Wasserkunden und Natur.

 

Deutlich geworden sind aber auch die negativen Folgen der „Entfesselung“ der Finanzmärkte. Sie hat erkennbar dazu geführt, dass größere und große Unternehmen sich noch einfacher ihren Steuerverpflichtungen entziehen können und Gewinne in „Steueroasen“ transferieren, wo sie, wenn überhaupt, nur minimal besteuert werden. Aber wo es Oasen gibt, da gibt es auch Wüsten – und die bestehen darin, dass den meisten Staaten viele Milliarden Einnahmen entgehen, mit dem Resultat, dass staatliche Leistungen eingeschränkt werden und Staatsschulden dramatisch steigen. Dies gilt besonders für wirtschaftlich schwache Staaten im Süden der Welt, inzwischen aber auch für Länder im Süden Europas.

 

Neoliberale Entwicklungstheorien gibt es für solche Situationen nicht, sondern lediglich das „Rezept“, der Staat müsse eben sparen und seine Ausgaben reduzieren. Die Corona-Pandemie hat aber gezeigt, wie wichtig ein starker und handlungsfähiger Staat in Krisenzeiten ist. Geradezu peinlich ist, wie führende Konzernmanager und Vertreter von Wirtschaftsverbänden, die noch kurz vorher den „schlanken“ Staat und eine niedrige Staatsquote gefordert hatten, nun lautstark Milliarden staatlicher Unterstützungsleistungen für die eigene Branche forderten. 

 

Nach dem Bankrott der neoliberalen Wirtschafts- und Entwicklungskonzepte muss dringend nach einem neuen Entwicklungsweg gesucht werden – und zwar für die ganze Welt, nicht nur für die sogenannten Entwicklungsländer. In diesem Zusammenhang sind die Erfahrungen aufstrebender asiatischer Länder von großer Bedeutung.

 

Der asiatische Weg zu Wirtschaftswachstum und Wohlstand

 

Nicht mit Theorien, sondern mit spektakulären praktischen Erfolgen haben seit Ende des 20. Jahrhundert viele Staaten in Ost- und Südostasien in der Entwicklungsdebatte große Beachtung und Anerkennung gefunden. Binnen kurzer Zeit konnten sie moderne Industrieregionen und Dienstleistungssektoren aufbauen, die mit den westlichen Unternehmen in Konkurrenz getreten sind und diese bereits auf vielen Gebieten das Fürchten gelehrt haben. Statt den neoliberalen Entwicklungstheorien und Handlungskonzepten zu folgen, haben diese Länder die Förderung von international konkurrenzfähigen Unternehmen mit umfangreichen staatlichen Interventionen in der Binnenwirtschaft und in den Außenwirtschaftsbeziehungen verbunden.

 

In vielen Ländern wurde zunächst gezielt in privatwirtschaftlich-staatliche Partnerschaften in lohnintensive Industriezweige investiert, um so angesichts der eigenen, noch niedrigen Löhne erfolgreich mit Japan, Europa und Nordamerika zu konkurrieren. Die koreanische Werftindustrie ist ein Beispiel dafür. Rasch gelang es, auch im High-Tech-Bereich Fuß zu fassen, zum Teil in Kooperation mit westlichen Konzernen. Parallel wurde viel Geld in Bildung und in Infrastruktur investiert. Harte Arbeit, systematische Planung und eine gute Koordination der nationalen Anstrengungen führten zu hohem Wirtschaftswachstum und rasch steigendem durchschnittlichen Prokopfeinkommen. Der asiatische Beitrag zur Debatte über Entwicklungstheorien bestand vor allem darin, bisherige Theorien überzeugend zu widerlegen.

 

Asiatische Staaten haben aber auch gezeigt, dass eine rasche wirtschaftliche Expansion ohne eine Demokratisierung der Gesellschaft möglich ist. Die Annahme westlicher Entwicklungstheorien und -konzepte, dass mehr Wohlstand und mehr Demokratie aufs Engste miteinander verbunden sind, hat sich also nicht bestätigt. Das spektakulärste Beispiel dafür ist China. Die These, dass autoritäre politische Systeme sogar im westlichen Sinne demokratischen Systemen überlegen sind, reduziert komplexe Zusammenhänge allerdings zu stark. Es zeigt sich gerade in China, dass das Streben großer Teile der Bevölkerung nach Demokratie, Partizipation und Menschenrechten bisher lediglich mit massiver Repression zu unterdrücken war, Ausgang offen. Das benachbarte Taiwan beweist, dass wirtschaftliche Prosperität durchaus mit demokratischen politischen Strukturen in Einklang zu bringen ist.

 

Auf den ersten Blick könnte der ökonomische Vorsprung Chinas vor der „größten Demokratie der Welt“ Indien als Beleg für die Überlegenheit autoritärer Regime gelten. Es bliebe aber unberücksichtigt, dass die ökonomische und soziale Entwicklung Indiens durch Faktoren wie das Kastensystem und eine besonders krasse Diskriminierung von Frauen behindert wird. Auch zeigt sich, dass autoritär regierte Staaten wie China dazu neigen, soziale und ökonomische Konflikte und Probleme erst verzögert anzugehen, wenn der Unmut der Bevölkerung oder die ökologischen Folgen von Missständen ein Handeln unumgänglich machen. Bis dahin hat das Erreichen wirtschaftlicher Planziele absolute Priorität. Auch solche Erfahrungen können in der Bevölkerung eine Erosion des Vertrauens in den Staat führen.

 

Nachdenklich muss stimmen, dass dort, wo hohe Wachstumsraten der Volkswirtschaften erzielt werden, die sozialen und ökologischen „Nebenwirkungen“ beunruhigend bis beängstigend sind. Dies gilt für Ost- und Südostasien ebenso wie für die westlichen Staaten und auch für die wenigen Wachstumssektoren und -regionen in afrikanischen Staaten.  Die Fortführung von allein am Markt orientierten Wirtschaftskonzepten und ihre Übertragung auf den Rest der Welt führen in die globale Katastrophe, davon sind viele Natur- und Sozialwissenschaftler überzeugt.

 

Entwicklung auf der Grundlage von Glauben und Tradition

 

Manche Entwicklungsvorstellungen und -konzepten haben religiöse Grundlagen. In den Kirchen wurde die Vollversammlung des Ökumenischen Rates 1968 in Uppsala zum wichtigsten Ausgangspunkt für einen entwicklungspolitischen Neuanfang. Der Aufbruch der Jugend und anderer gesellschaftlicher Gruppen, die 1968 in vielen Teilen der Welt soziale und politische Veränderungen auslöste, erreichte auch die Kirchen und die Vollversammlung der protestantischen, anglikanischen und orthodoxen Kirchen. In Uppsala entstand kein neuer Theorieansatz, sondern die Perspektive wurde grundlegend verändert: Die Christen „sollten die Rechte der Armen und Unterdrückten durchsetzen und wirtschaftliche Gerechtigkeit unter den Völkern und innerhalb jedes Staates aufrichten helfen“.

 

Ausgangspunkt dafür war nicht die akademische Beschäftigung mit entwicklungstheoretischen Fragen, sondern in der Abschlusserklärung wird festgestellt: „Wir hörten den Schrei derer, die sich nach Frieden sehnen. Die Hungernden und die Ausgebeuteten rufen nach Gerechtigkeit. Die Verachteten und Benachteiligten verlangen ihre Menschenwürde.“ Im Hören auf die Armen gilt es, zu eigenem konsequenten Engagement zu kommen: „Im Vertrauen auf Gottes erneuernde Kraft rufen wir euch auf: Beteiligt euch an dieser Vorwegnahme des Reiches Gottes, und lasst heute schon etwas von der Neuschöpfung sichtbar werden, die Christus an seinem Tag vollenden wird.“

 

Im Gegensatz zu Modernisierungstheorien und -konzepten wurde Entwicklung nicht auf den Süden der Welt beschränkt, sondern es sollte in jedem einzelnen Land und ebenso weltweit das Konzept einer „verantwortlichen Gesellschaft“ umgesetzt werden. Dabei kam dem Ziel der Gerechtigkeit ein hoher Stellenwert zu und dies wiederum in den einzelnen Ländern als auch zwischen ihnen. Willem Visser’t Hooft, der als erster Generalsekretär des ÖRK auch im Ruhestand in Uppsala weiterhin hohes Ansehen genoss und eine Brücke zwischen den Anfangsjahren der Organisation und dem Aufbruch von 1968 bildete, sprach in Uppsala vom „Problem der internationalen sozialen Gerechtigkeit“ und hob hervor, dass die Hilfe für Entwicklungsländer nicht länger als Unterstützung zu verstehen sei, sondern als Erfüllung der Forderung nach Gerechtigkeit.

 

Das Konzept der „Entwicklungshilfe“ wurde von den Mitgliedskirchen des ÖRK aufgegeben und das Engagement für soziale Gerechtigkeit ins Zentrum gestellt. In diesem Zusammenhang wurde in den Beschlüssen der Vollversammlung auch eine „Theologie der Revolution“ thematisiert. Allerdings, stellte Dieter Lenz, der als Jugendvertreter an der Vollversammlung teilnahm, fest: „Die ‚Revolution‘ verschwand im Aktenordner.“ Eine geschickte angelsächsische Verfahrenstechnik habe dafür gesorgt, dass die Rebellion ins System integriert wurde.

 

Zwar wurde in Uppsala gemeinsam formuliert, dass die Kirche auf dem Weg zu einer verantwortlichen Gesellschaft und sozialer Gerechtigkeit nicht nur eine prophetische Rolle habe, sondern auch ihre eigenen Strukturen und ihr praktisches Handeln überprüfen müsse, aber dies wurde nach Uppsala nur zögerlich begonnen. Dennoch gingen von Uppsala wichtige Impulse für eine Neubestimmung des kirchlichen Entwicklungsengagements aus.

 

In Afrika, Asien und Lateinamerika bestärkten die Ergebnisse von Uppsala all jene in den protestantischen und anglikanischen Kirchen, die Entwicklung nicht nur als die Umsetzung von möglichst vielen Projekten verstanden, sondern umfassende Veränderungen von Gesellschaft und Kirchen in Richtung auf verantwortungsbewusstes Handeln und soziale Gerechtigkeit forderten.

 

Ökumenische Einsichten bestärkten auch christliche Politiker, die sich für tiefgreifende soziale Veränderungen einsetzten. Dafür ein Beispiel: In den 1970er Jahren war vor allem das ,,Ujamaa"-Konzept des tansanischen Präsidenten Julius Nyerere über Afrika hinaus hoch angesehen. Es hatte zum Ziel, afrikanische Traditionen des gemeinschaftlichen Lebens und Arbeitens mit religiösen Werten und den Erfordernissen modernen Wirtschaftens zu vereinen. 1968 formulierte er in einer wegweisenden Rede: „Entwicklung meint in Wirklichkeit die Entwicklung der Menschen. Straßen, Gebäude, Steigerung landwirtschaftlicher Erzeugnisse und andere Dinge dieser Art sind nicht Entwicklung, sie sind nur Instrumente zur Entwicklung ... Entwicklung bringt nur dann Freiheit, wenn es sich um die Entwicklung von Menschen handelt. Menschen aber können nicht entwickelt werden - sie können sich nur entwickeln.“

 

Die landwirtschaftliche Produktion in Tansania wurde auf relativ breiter Basis auf die genossenschaftlich organisierten Ujamaa-Dörfer umgestellt. Dass diese Initiativen nach anfänglichen Erfolgen weitgehend gescheitert sind, hatte viele Gründe: die ungünstigen Weltmarktpreise für die tansanischen Agrarexportprodukte, der hinhaltende Widerstand der Bürokratie gegen eine egalitäre Politik, das autoritäre Auftreten vieler Lokal- und Provinzpolitiker, die zunehmende Korruption … Der „sambische Humanismus“, wie er von Präsident Kenneth Kaunda verfochten wurde, scheiterte aus ähnlichen Gründen.

 

Es ist in diesem Rahmen nicht möglich, auf alle Initiativen einzugehen, die ökumenische Impulse für eine Entwicklung, die auf Gerechtigkeit beruhte, aufgegriffen haben. Auch die Debatten und das konkrete Engagement der katholischen Weltkirche verdienen Beachtung und Anerkennung. In diesem Beitrag soll lediglich noch dargestellt werden, wie die Evangelische Kirche in Deutschland die Beschlüsse von Uppsala für eine Standortbestimmung in Entwicklungsfragen nutzte.

 

Gerechtigkeit und Frieden in der Welt

 

1973 veröffentlichte die Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) eine wegweisende Denkschrift, die eine klare Orientierung für eine umfassende Entwicklung eröffnet. Sie trägt den Titel „Der Entwicklungsdienst der Kirche – ein Beitrag für Frieden und Gerechtigkeit in der Welt“ und ist auch nach einem halben Jahrhundert noch lesens- und bedenkenswert. Es wurde in der Denkschrift keine neue Entwicklungstheorie entwickelt, sondern konsequent erarbeitet, wie ein Entwicklungsengagement so gestaltet werden muss, dass es den Zielen Gerechtigkeit, Orientierung an den Armen und Frieden gerecht wird.

 

Der Maßstab für das christliche Engagement wird gleich im ersten Satz der Denkschrift formuliert: „Die Christenheit ist beauftragt, das Kommen der Gottesherrschaft zu verkündigen, zu helfen und zu heilen.“ Auf das Reich Gottes hin zu leben, ohne die Illusion zu haben, die Menschen könnten dieses Reich schaffen, gibt Orientierung für das Leben des Einzelnen und für das Zusammenleben in einer Gesellschaft und auf globaler Ebene. Daraus erwächst eine gesellschaftliche Mitverantwortung der Kirchen.

 

In die Denkschrift wird unter Aufnahme ökumenischen Einsichten festgestellt: „Es genügt auch nicht, Schäden und Mängel, die sich aus ungerechten Verhältnissen ergeben, nachträglich aus Gründen christlicher Barmherzigkeit zu lindern. Vielmehr gehören Barmherzigkeit und Gerechtigkeit, Dienst am Einzelnen und an der Gesellschaft, die Beseitigung der Ursachen sozialer Ungerechtigkeit sowie die Fürsorge für deren Opfer gleichermaßen unter die Botschaft des kommenden Gottesreiches.“

 

Ohne die Modernisierungstheorie explizit zu nennen, wird sie als unzureichend zurückgewiesen: „Lange hat die Ansicht geherrscht, dass wirtschaftliches Wachstum gleichbedeutend mit Entwicklung sei …“ Statt dessen wird ein umfassender Entwicklungsbegriff vertreten und es wird die Frage der Machtverhältnisse gestellt: „Aus Gründen christlicher Weltverantwortung kann sich die Kirche der Forderung nach strukturellen Veränderungen und nach politischer und wirtschaftlicher Beteiligung der Machtlosen nicht entziehen … Ungerechte Strukturen haben oft ungerechte Verteilung von Macht zur Grundlage. Eine dementsprechende Verlagerung der Herrschaftsverhältnisse kann daher die Voraussetzung für größere Gerechtigkeit sein.“ An anderer Stelle heißt es in der Denkschrift: „Sie (die Christen) setzen sich für eine Änderung der Besitzverhältnisse ein, wo diese eine volle Beteiligung aller Bevölkerungsgruppen an der Entwicklung verhindern.“

 

Solche Erkenntnisse geben eine klare Orientierung für die Frage, an welchen Entwicklungstheorien und -konzepten sich Christinnen, Christen und ihre Kirchen orientieren können und sollen. Das Gleiche gilt für die Praxis kirchlichen Entwicklungsengagements. Es gab keine Denkschrift der EKD, die diese wegweisende kirchliche Positionsbestimmung fortschrieb, und ökumenisch engagierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im kirchlichen Entwicklungsbereich waren froh darüber, mussten sie doch fürchten, dass eine neue Denkschrift sehr viel „ausgewogener“ ausfallen würde. Das Debakel der EKD-Synode zum Thema Globalisierung im Jahre 2001 (siehe meinen Beitrag „EKD-Synode zum Thema Globalisierung“). 

 

Das Ende aller Theorien?

 

Die großen Entwicklungstheorien der 1960er und 1970er Jahre bestanden den Praxistest nicht. Und der Zusammenbruch des „realen Sozialismus“ in der Sowjetunion und Osteuropa diskreditierte sozialistische Entwicklungstheorien und -konzepte. In den Debatten über die Überwindung von Armut und Ungerechtigkeit in der Welt trat nun das Ziel, die Projekt- und Programmarbeit wirksamer zu gestalten, noch stärker ins Zentrum. Parallel dazu entstanden Kampagnen, die Forderungskataloge zu einzelnen Themenfeldern durchsetzen wollten. Die Kampagne zum Schuldenerlass für die wirtschaftlich arme Länder ist ein Beispiel dafür.  

 

Das Scheitern vieler Entwicklungstheorien und -konzepte mehrte auf weltweiter Ebene die Zweifel daran, dass das Konzept von ,,Entwicklung" weiter tragfähig ist. Dazu noch einmal Thierry Verhelst. Er schreibt im Abschnitt ,,Entwicklung - ein zu vermeidender Ausdruck" seines erwähnten Buches: „Der Begriff ‚Entwicklung‘ ist in hohem Maße besetzt. Er entstand aus einer sicherlich positiven und dynamischen Vorstellung, die sich allerdings auf die Paradigmen nur einer einzigen Kultur gründete ... In der Praxis ist der Ausdruck ‚Entwicklung‘ ein Euphemismus für Verwestlichung. Darüber hinaus mangelt es ihm an Präzision, so sehr, dass er heute verbunden wird mit allen möglichen Bezeichnungen: ‚menschlich‘, ‚ganzheitlich‘, ‚autozentrisch‘, ‚alternativ‘, ‚endogen‘, ‚fortschreitend‘ etc. ... Schließlich bedeutet es wenig, ob man anstelle eines Ausdrucks einen anderen nimmt. Das Interesse einer solchen Suche liegt darin, den Entwicklungsbegriff radikal zu relativieren, um anzuzeigen, dass er nicht der universelle Bezugspunkt dessen ist, was wünschenswert ist. Da es mehrere Kulturen gibt, muss es auch mehrere Weisen geben, Leben, Glück und Unglück zu begegnen, und das heißt auch mehrere Arten, den Fortschritt aufzufassen."

 

Auf der Suche nach Alternativen

 

Bisher hat sich das Konzept der Integration möglichst aller Länder der Welt in einen globalen Markt weitgehend durchgesetzt. Es erscheint vielen als alternativlos und damit unausweichlich. Die Gefahr, aus diesem System herauszufallen, absorbiert viele Energien und veranlasst viele Regierungen, alles zu tun, um ihr Land an den Prozess der Globalisierung ,,anzukoppeln". In dieser Situation wird die Suche nach Alternativen zum „weiter so“ und „immer mehr“ zu einer Überlebensfrage.

 

Dazu kann die Befreiungstheologie, die in Lateinamerika ihren Ausgang nahm, kann einen wichtigen Beitrag dazu leisten, eine Alternative zur vorherrschenden Globalisierung zu entwickeln und dabei die Option für die Armen zum Ausgangspunkt zu machen. Ian Linden, der Direktor des angesehenen Catholic Institute for International Relations, schrieb in seinem Buch „Liberation Theology" 1999 zur weiter bestehenden Bedeutung dieser Theologie: 

 

 

„Die Einsichten der Befreiungstheologie, die ihren Beitrag zur Entwicklungsdebatte geprägt haben - die Unvermeidbarkeit des Konfliktes mit den Eliten, die Priorität der Erfahrungen an der Basis und die Analyse der lokalen Strukturen der Beherrschung - sind auch heute relevant. Die BefreiungstheoIogie stellt auch weiterhin das vorherrschende Entwicklungsmodell in Frage, in dem die Armen ein nebensächlicher Schadensfall des fortgeschrittenen Kapitalismus sind. Gleichzeitig spricht diese Theologie weiterhin Christinnen und Christen an, deren spirituelle Reise mit der Option für die Armen beginnt, die sich für Gerechtigkeit und Entwicklung einsetzen wollen und die vielleicht ernsthaft daran zweifeln, dass der Vatikan eben diese Option ernst genommen hat, was immer auch an schönen Worten in päpstlichen Enzykliken zu finden ist.“

 

Wenn man am Begriff der Entwicklung festhalten will, um den komplexen Prozess der Überwindung von Elend, Not und Ungerechtigkeit und den Weg zu einem erfüllten Leben zu beschreiben, dann erfordert Entwicklung neue Konzepte und eine neue Praxis. Weder genügt es, die Zahl der Entwicklungsprojekte zu erhöhen und auf deren gesamtgesellschaftlichen Effekt zu hoffen, noch ist es zielführend, westliche oder asiatische Wachstumsmodelle, die auf die Kräfte des Marktes (plus staatlicher Steuerungsmaßnahmen zur Erhöhung der Wirtschaftskraft) vertrauen, auf die ganze Welt zu übertragen. Nötig ist vielmehr ein Neuansatz, der individuelle Verhaltensänderungen und soziale Strukturveränderungen, wirtschaftliche Maßnahmen zur Erhöhung der Produktivität und soziale Integration der bisher Ausgeschlossenen, die Bewahrung der Schöpfung und ein Leben ohne materielle Not für alle Menschen miteinander in Einklang bringt. Und dies gilt für jede einzelne Gesellschaft auf der Welt und ihre Beziehungen zueinander. In verschiedenen anderen Beiträgen zur Globalisierungsthematik werde ich solche Alternativen vorstellen, so in den Beiträgen zum Thema „Visionen und kleine Schritte“.

 

© Frank Kürschner-Pelkmann