Matthäus 2, 16-18 - Herodes, der brutale Vertreter einer globalen Macht 

 

16Als Herodes nun sah, dass er von den Weisen betrogen war, wurde er sehr zornig und schickte aus und ließ alle Knaben in Bethlehem töten und in der ganzen Gegend, die zweijährig und darunter waren, nach der Zeit, die er von den Weisen genau erkundet hatte. 17Da wurde erfüllt, was gesagt ist durch den Propheten Jeremia, der da spricht (Jer 31,15): 18„In Rama hat man ein Geschrei gehört, viel Weinen und Wehklagen; Rahel beweinte ihre Kinder und wollte sich nicht trösten lassen, denn es war aus mit ihnen.“

 

Als die Weisen aus dem Morgenland den Königshof in Jerusalem aufsuchten, um den neugeborenen König der Juden anzubeten, alarmierte dies König Herodes und er bat die Weisen, ihn zu informieren, wenn sie ihn gefunden hätten. So lesen wir bei Matthäus im 2. Kapitel. Aber Herodes musste feststellen, dass die Weisen nicht zurückkehr­ten. Darauf gab er den Befehl, alle Kinder bis zum Alter von zwei Jahren in Bethlehem und Umgebung zu töten, denn dort sollte der Christus geboren werden, wusste Herodes.

 

In der Kirchengeschichte haben sich Theologen und Gläubige immer wieder gefragt, warum der Stern den Magiern nicht den direkten Weg nach Bethlehem gewiesen hatte, dann wären die Begegnung mit dem Tyrannen und der spätere Kindermord vermieden worden. War dieser Irrtum für den Tod vieler unschuldiger Kinder verantwortlich? Mit Marlis Gielen, katholischer Professorin für Neutestamentliche Bibelwissenschaft an der Universität Salzburg und Mitglied des wissenschaftlichen Beirates des Katholischen Bibelwerks, können wir davon ausgehen, dass „der bethlehemitische Kindermord mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit keinen historischen Haftpunkt“ hat (Marlies Gielen: Geburt und Kindheit Jesu, Stuttgart 2008, S. 53).

 

Die Theologin erläutert: „Eine historische bzw. historisierende Lektüre der Kindheitsgeschichte Jesu in den Evangelien greift zu kurz, ja sie verstellt sogar das Verständnis für ihre theologische Aussageabsicht. Diese aber erschließt sich erst vom Ende her, also im Licht der Osterbotschaft von der Aufer­ste­hung des Gekreuzigten.“

 

Manuel Vogel schreibt in seinem ausführlichen und fundierten „Herodes“-Buch (Leipzig 2002, S. 327), die Frage, ob in Bethlehem sämtliche Knaben bis zum Al­ter von zwei Jahren getötet wurden: „… muss nach Abwägung sämtlicher Argumen­te verneint werden. Der Kindermord von Bethlehem ist vielmehr Teil einer legendarischen Ausgestaltung der Kindheit Jesu, die durch die Herodesgestalt eine histo­risierende Einkleidung erhält.“

 

Im Matthäusevangelium lieferte die Geschichte vom Kindermord die Begründung dafür, dass Josef und Maria mit ihrem Neugeborenen nach Ägypten flüchteten. Das war dem Verfasser wichtig, damit die Prophezeiung erfüllt würde, dass der Sohn Gottes aus Ägypten kommen werde. Auch wollte Matthäus, so wird heute angenommen, mit seinem Bericht vom Kindermord auch an die alttestamentliche Geschichte von der Kindheit Mose anknüpfen.

 

Dieser hatte die vom Pharao angeordnete Ermordung aller kleinen jüdischen Knaben überlebt, wie im Buch Exodus berichtet wird, und dann die Israeliten in die Freiheit geführt. Indem Matthäus über eine ähnliche Gewaltaktion aus der Kindheitszeit von Jesus berichtete, betonte er die herausgehobene Rolle Jesu in der Geschichte der Befreiung des auserwählten Volkes.

 

Massaker in der Bibel und der heutigen Welt

 

Hier nun einige kurze Auslegungen dieser biblischen Geschichte und ihrer heutigen Bedeutung:

 

Rachel Wangen-Hoch, lutherische Pastorin in einer Gemeinde in Was­hington, stellte 2010 in einem Zeitschriftenbeitrag über den Kindermord heraus, dass Jesu Menschwerdung (Inkarnation) in dem gleichen Kontext ungerechtfertigten Leidens geschah, der später zu seinem Tod führte: „Wir werden daran erinnert, dass die Inkarnation Jesu nicht da­rin besteht, dass wir ihn an einem der schönsten und friedlichsten Orte des Lebens finden – so wie wir ihn im Stall von Bethlehem auf unseren Weihnachtskarten immer wieder darstellen –, sondern unter den Leidenden, den Verletzlichen, den Ein­sa­men, den Opfern und den Sterbenden.“ (Rachel Wangen-Hoch: Incarnation and the Holy Innocents, Journal of Lutheran Ethics, Dezember 2010) Dieses Verständ­­nis der Mensch­wer­dung Jesu hat für die lutherische Pastorin Konse­quen­zen und stellt die Gemeinden vor die Aufgaben der Solidarität und Versöhnung, und zwar sowohl für die Mitmen­schen als auch für die Schöpfung.

 

Pastorin Margarita Lais Torun aus der argentinischen Waldenserkirche hat sich in einer Bibelarbeit über den Kindermord mit der Frage beschäftigt, wie Systeme mit ihren Opfern umgehen. Es ist nicht zu übersehen, dass in diese Überlegungen die Erfahrungen während der Militärdiktatur in Argentinien einfließen: „In Herodes Tagen und in unseren Tagen sehen manche die Opfer als Gefahr an, eine öffentliche Bedrohung. Es ist deutlich im biblischen Text, dass dies eine Reaktion derer ist, die sich dem verweigern, was in Jesus sichtbar wird. Aber heute sind die Dinge schwerer durchschaubar. Wir erkennen nicht immer die grausame Strategie der Mächtigen, die ihre Opfer beschuldigen oder aber versuchen, sie aus dem Blickfeld und dem Bewusstsein verschwinden zu lassen.“ (Margarita Lais Tourn: When wailing and loud lamentation is prophecy, Reformed World 1/2003, S. 15)

 

Dorothea Wendebourg, Theologieprofessorin an der Humboldt-Universität in Berlin, hat im Januar 2012 in einer Predigt im Berliner Dom über heutige Kindermorde gesagt: „Sol­che Szenen gibt es, wie wir alle wissen, nicht nur in Literatur und Kunst. Der Bür­ger­krieg in Ruanda wütete unter kleinen Kindern mit besonderer Grausamkeit. KZ-Wächter im Dritten Reich machten sich einen Spaß daraus, Säuglinge an die Wand zu klatschen. Und auch aus der Antike sind solche Massaker überliefert.“ In der Welt, in der wir leben, ist die Theologin überzeugt, gehören Massaker zur Realität, „hier bestimmen Leid, Schmerz, Trauer die Tage unzähliger Menschen“.

 

Herodes, ein König mit dem Ruf eines Kindermörders

 

Drei „Bösewichte“ haben im Neuen Testament hervorgehobene Rollen: Herodes, Judas und Pontius Pilatus. Das sichert ihnen auch zwei Jahrtausende später einen hohen Be­­kanntheitsgrad – wenn auch keinen vorteilhaften. Zwei dieser hi­storischen Persönlichkeiten waren Juden, und vielleicht ist es kein Zufall, dass die dritte Person, der Römer Pontius Pilatus, als einziger seine Hände in Unschuld waschen durfte.

 

Wollten die Evangelisten die Römer mit ihren Evangelien nicht zusätzlich reizen, hatten sie doch als Anhänger eines gekreuzigten Aufrührers ohnehin schon einen denkbar schlechten Leumund? Je­denfalls musste auf den jüdischen König Herodes wenig Rücksicht genommen wer­den, und daher konnte er als Kindermörder in das Matthäusevangelium aufgenommen werden. Sein zusätzliches Pech: Der bekannte jüdische Geschichtsschreiber Fla­vius Josephus, der in römischen Diensten stand, hatte ebenfalls beträchtliche Vorbehalte gegen Herodes. Der Herodes-Biograf Manuel Vogel stellt dar, dass Flavius Jo­sephus in seinem Werk „Jüdische Altertümer“ Herodes „als niederträchtigen Cha­rakter und als Juden zweifelhafter Herkunft“ beschrieben hat, der das jüdische Ge­setz übertrat, wo immer dies möglich war.

 

Da das meiste, was wir aus schriftlichen Quellen über Herodes Leben wissen, entweder in den Werken des Flavius Josephus oder im Neuen Tes­tam­ent steht, waren das keine guten Voraussetzungen für einen Nachruhm. Eine exakte histori­sche Darstellung des Lebens und Wirkens dieses Königs wurde allerdings in keiner dieser beiden Quellen angestrebt. Trotzdem ist bemer­kenswert, dass Flavius Jose­phus zwar eine große Zahl von Missetaten von König Herodes auf­führt, aber kei­nen Kindermord in Bethlehem erwähnt. Wir können dies als wichtiges Indiz dafür wer­ten, dass dieser Kindermord nie stattgefunden hat.

 

Und dennoch ist Herodes als Kindermörder in die Geschichtsbücher eingegangen – aller­dings nicht als Mör­der der Klein­kinder von Bethlehem, sondern von drei eigenen Kindern. Trotz dieser ne­ga­tiven Lebensbilanz wird der antike Herr­scher von vielen heu­tigen Histo­rikern immer noch als „Herodes der Große“ be­zeich­net. Wer war die­ser bru­tale König der Juden, der von 73 bis 4 vor Christus lebte?

 

Aufstieg in den Diensten der Römer

 

Die Familie des Vaters von Herodes hatte ihre Wurzeln in Idumäa und war nach der jüdischen Eroberung dieses Gebiets zum Judentum konvertiert. Herodes Mut­ter war Nabatäerin, stammte also aus dem in der Antike mächtigen Reich der Nabatäer mit Petra (im heutigen Jordanien) als Zentrum.

Diese Abstam­mung prädes­ti­nierte Herodes nicht zum König der Juden. Später ließ sich Herodes deshalb von einem „Hofhistoriker“ eine Biografie gestalten, mit der nachgewiesen werden sollte, dass er von einer führenden Familie der Juden in der babylonischen Dias­pora abstammte. Aber dieser plumpe Versuch fand wenig Glauben. Der Ge­schichts­schreiber Fla­vi­us Josephus warf Herodes wohl zu Recht vor, er habe sich von einem dienstbaren Geschichtsschreiber einen jüdischen Stammbaum erstellen las­sen.

 

Viel wichtiger als dieser mit viel Fantasie erstellte Stammbaum war für den Aufstieg von Herodes, dass es seinem Vater Antipater gelang, das Vertrauen der Römer zu gewinnen und zu ihrem Statthalter in Jerusalem berufen zu werden. Das eröffnete Herodes gute Aussichten, ebenfalls Karriere in den Diensten der römi­schen Herrscher zu machen. Die Berufung des jungen Mannes zum Befehlshaber von Galiläa im Jahre 47 v. Chr. war dafür ein erster wichtiger Schritt.

 

Herodes besaß zweierlei, das ihn unter den Bedingungen des „globalen“ Römischen Reiches ganz nach oben bringen konnte: unbedingtes Machtstreben und die uneinge­schränkte Bereitschaft, sich mit den noch Mächtigeren gut zu stellen. Nach der Vergiftung seines Vaters Antipater durch Rivalen wurde Herodes im Jahre 43 v. Chr. von den Römern als Herrscher in Jerusalem eingesetzt, um ihre Interessen in der Region zwischen Mittelmeer und Jordan zu vertreten.

 

Gerade in den Grenzregionen setzten die römischen Herrscher gern lokale Vasallen ein, die gemeinsam mit dem romtreuen Teil der politischen, wirtschaftlichen und religiösen Elite für stabile Verhältnisse sorgen sollte und dafür finanziell entlohnt und mit gewissen Privilegien belohnt wurden. Ein „globales“ Reich wie das römische ließ sich nur zusammenhalten, wenn es loyale Unterstützer in der lokalen Bevölkerung besaß. Die Herrscher des britischen Empire nannten dies später „indirect rule“. Und auch die heutigen global wirtschaftlich und politisch Mächtigen sind darauf angewiesen, lokale Partner zu finden und dies selbst in kleinen und wirtschaftlich unbedeutenden Ländern.

 

Erstes Anliegen des neuen jüdischen Herrschers Herodes musste es sein, seine zweifelhafte Legitimität zu festigen. Da fügte es sich gut, dass Herodes sich in Marianne verliebte, eine Prinzessin aus dem jüdischen Königsgeschlecht der Hasmonäer und dazu noch Enkelin des amtierenden Hohepriesters.

 

Ein Freund der Römer in schwierigen Zeiten

 

Dass es Herodes gelang, mehr als drei Jahrzehnte an der Macht zu bleiben, spricht für sein großes politisches Geschick. Es galt, mit den jeweils in Rom Herrschenden vertrauensvoll zusammenzuarbeiten und gleichzeitig die wegen ihrer Ausbeutung unzufriedenen Untertanen von einer offenen Rebellion abzuhalten. Schon die erste Aufgabe war schwierig zu meis­­tern, denn in der ersten Phase der Herrschaft von Herodes tobte in Rom ein bruta­ler Machtkampf, in dem es für Klientelkönige darauf ankam, sich jeweils auf die rich­­tige, die siegreiche Seite zu schlagen.

 

Wie rasch eine gefährliche Situation für den unbeliebten Herrscher Herodes ent­stehen konnte, zeigte sich im Jahre 40, als ein Heer der mit den Römern verfein­deten Parther das benachbarte Syrien eroberte und Richtung Jerusalem marschierte. Die Ein­­dringlinge fanden viel Unterstützung in der jüdischen Bevölkerung, die hoffte, die verhassten römischen Besatzer und mit ihnen auch gleich den von ihnen eingesetzten König los zu werden.

 

Herodes blieb nichts übrig, als aus Jerusalem zu fliehen und sich auf die Festung Masada am Toten Meer zurückzuziehen, während die Parther seinen Palast in Jerusalem plünderten. Herodes reiste weiter nach Alexandria und schiffte sich nach Rom ein, um sich dort Beistand gegen die Eroberer zu sichern. Er wurde von den römischen Herrschern Octavian (später Augustus genannt) und Marcus Antonius sehr wohlwollend aufgenommen. Sie setzten auf den loyalen Herodes, um die römische Herrschaft in Judäa wiederherzustellen. Deshalb veranlassten sie den Senat, Hero­des feierlich zum König von Judäa zu erklären.

 

Allerdings, sein Königreich musste Herodes selbst zurückerobern. Im Akko angekommen, begann er deshalb sofort damit, Söldner zu rekrutieren, um zunächst Galiläa unter seine Kon­trolle zu bringen. Anschließend zog er mit einer wachsenden Streitmacht in Richtung Jerusalem. Nach mehrjährigen wech­sel­vollen Kämpfen eroberte Herodes 37 v. Chr. mit römischer Unterstützung Jerusalem. Die Eroberer plünderten die Stadt und ermordeten viele Einwohner. Die tatsächlichen oder potenziellen Gegner des neuen Königs von Judäa wurden hingerichtet. Hero­des konnte nun uneingeschränkt herrschen – natürlich in dem Rahmen, die ihm seine römischen Auftraggeber ließen.

 

Nicht endende Familienkonflikte

 

Jetzt begann allerdings ein neuer „Krieg“, heftige Auseinandersetzungen am Königshof, die bis zum Tode Herodes andauern sollten. Nachdem viele Mitglieder der Hasmonäerfamilie in den Kämpfen der zurückliegenden Jahre gegen Herodes und seine römischen Verbündeten getötet worden waren, holte Herodes den Rest des Clans an seinen Königshof, um die Familienmitglieder besser unter Kon­­trolle zu haben.

 

Neben seiner Frau Marianne lebten nun auch ihre Mutter Alexandra, Aristobul, ein jüngerer Bruder Mariannes, und der greise frühere Hohepries­ter Hyrkan im Palast. Da die Familie verständlicherweise einen Groll gegen Hero­des hegte, war die Stimmung von Anfang an vergiftet. Und sie wurde nicht besser, als Herodes im Laufe seiner Herrschaft noch etwa acht weitere Frauen heiratete. Mariannes Mutter Alexandra wurde zu einer Schlüsselper­son der Intrigen. Herodes verdächtigte Alexandra, selbst nach der Königswürde zu streben. Er stellte sie unter Hausarrest und ließ sie ständig bewachen.

 

Der Hohepriester Aristobul aus der Hosmonäer-Familie gehörte, genoss große Sym­pathien in der Bevölkerung, zu viel Sympathien, fand offenbar der machtbewusste Hero­des. Er ließ Aristobul ertränken und anschließend die Nachricht verbreiten, der Hohepriester sei bei einem tragischen Badeunfall ums Leben gekommen.

 

Nicht nur Alexandra durchschaute, was wirklich passiert war, und Herodes musste sich für seine Tat sogar vor den römischen Herrschern rechtfertigen. Potenzielle Rivalen zu ermorden, gehörte nicht zu den Rechten eines lokalen Vasallen des Weltreiches. Während sich Hero­des in Syrien aufhielt, um zu diesem Fall befragt zu werden, verbreitete sich in Jerusalem das Gerücht, die Römer hätten ihn für eine Bluttat hingerichtet. Dar­aufhin schmiedete Alexandra offenbar Pläne, sich zur Königin ausrufen zu las­sen. Aber Herodes kehrte wohlbehalten nach Jerusalem zurück, erfuhr von den Plä­nen und ließ seine Schwiegermutter einkerkern.

 

So groß wie das Reich Davids

 

Parallel zum Familienzwist wurde auch Herodes politische Position dadurch pre­kär, dass es zu einem Machtkampf zwischen seinem Förderer Marcus Antonius und dessen Rivalen Octavian kam, der gewaltsam ausgetragen wurde. Herodes un­ter­stützte Marcus Antonius, konnte es aber vermeiden, diesem Truppen zur Verfü­gung zu stellen.

 

Das war ein kluger Schachzug, denn Marcus Antonius verlor Anfang September des Jahres 31 v. Chr. die entscheidende Schlacht in Ägypten und nahm sich das Leben. Herodes musste sich nun mit dem Sieger Octavian arrangieren und trat in Büßer­haltung auf der Insel Rhodos vor ihn. Herodes versicherte dem neuen Alleinherrscher, der bald uneingeschränkt als Kaiser Augustus regieren sollte, dass er ihm treu und zuverlässig dienen werde. Octavian bestätigte daraufhin Herodes als König von Judäa.

 

Das war zunächst vielleicht vor allem ein pragmatischer Schritt, denn eine Alternative zu Herodes gab es nicht, und dieser hatte in den zu­rück­liegenden Jahren bewiesen, dass er für Stabilität und hohe Steuerzahlungen an die römische Zentrale sorgen konnte.

 

Der Kaiser fasste aber in den folgenden Jahren großes Vertrauen zu Herodes und übertrug seinem Klientelkönig immer neue Territorien. Auf diese Weise vergrößerte Herodes sein Königreich stetig, sodass es etwa die in der Bibel beschriebene Größe des Reiches der Könige David und Salo­mo erreich­te. Allerdings war Herodes weiterhin König im Auftrag der Römer, und die waren in großen Teilen der jüdischen Bevölkerung verhasst. Umso wichtiger war es für Herodes, sich im eigenen Land als mächtiger Herrscher und großer Kö­nig zu prä­sentieren.

 

Ein prächtiger Tempel, um in Davids Fußstapfen zu treten

 

Mit riesigen Festungsanlagen und Palästen machte Herodes sich einen Namen. Besonders zu erwähnen ist die Festung Herodion etwa 15 Kilometer südlich von Jeru­salem. Sie diente gleichzeitig dem Sicherheitsbedürfnis des Herrschers und repräsentativen Zwecken. Dieser Palast gehörte zu den größten der Antike. Weitere große Bauvorhaben kamen hinzu. Die bereits bestehende Festung Masada ober­halb des Toten Meeres galt als uneinnehmbar, aber Herodes ließ sie dennoch weiter ver­stärken und um einen prächtigen Palast erweitern.

 

Wie viele Jahrhunderte vorher die Turmbauer von Babel und viele Jahrhunderte später die Erbauer von Bankpalästen wollte Herodes mit seinen Bauten Eindruck machen, die eigene Macht demonstrieren und kundtun, wer im Lande das Sagen hatte. 18 v. Chr. kündigte er an, den Tempel in Jerusalem in prächtigster Weise neu errichten zu lassen. Der Tempel, der nach der Rückkehr aus dem baby­lo­ni­schen Exil gebaut worden war, glich eher einem Zweckbau, dem man den Geld­mangel bei seiner Errichtung ansah. Für den Neubau des Herodes wurde durch aufwendige Arbeiten die Tempelplattform auf fast 150.000 qm vergrößert. Bis zur 18.000 Arbeiter waren gleichzeitig auf der Baustelle tätig.

 

Herodes sah den Tem­pel­bau als Möglichkeit an, seine Reputation in der jüdischen Bevölkerung zu verbessern. Mit dem Tempel wollte Herodes sich in eine Traditionslinie mit Königen wie David und Salomo stellen. In den Augen seiner jüdischen Untertanen blieb Herodes allerdings der Repräsentant des Römischen Reiches und kein legitimer jüdischer König. Die Interessen der globalen Macht zu vertreten und gleichzeitig von der von dieser Macht unterdrückten Bevölkerung geschätzt zu werden, dass gelang nicht einmal dem politisch geschickt agierenden Herodes.

 

Ein „Realpolitiker“ festigt seine Macht

 

Herodes war ein „Realpolitiker“, nur deshalb konnte er sich so lange an der Macht hal­ten. Aus diesem Grunde war der neue Tempel nicht nur ein Prestigebau, sondern wurde auch zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor, denn viele Tausend Juden aus Judäa und Galiläa kamen regelmäßig in das Heiligtum nach Jerusalem, und selbst Juden in der Dias­pora waren bemüht, mindestens einmal im Leben den Tempel zu be­suchen. Sie trugen mit der jährlichen Tempelsteuer zum Erhalt des Tem­pels und damit indirekt auch zum Wohlergehen der Stadt Jerusalem bei. Auch Josef und Maria gehörten zu den Juden, die regelmäßig den Tempel besuchten.

 

Die Hohepriester am Tempel setzte Herodes nach eigenem Gutdünken ein und ab, mischte sich aber nicht in kultische Fragen ein. Dass dadurch die ohnehin geschwächte Autorität des Hohepriesters weiter geschmä­­lert wurde, kann nicht überraschen. Gar zu leicht kam der höchste Priester in den Ruf, willfähriger Gefolgsmann des unbeliebten und von vielen gehass­­ten Kö­nigs zu sein.

 

Herodes war darauf bedacht, die jüdische Bevölkerung seines Königreiches nicht unnötig zu provozieren. Auch setzte er sich bei den römischen Herrschern für die Millionen Juden in der Diaspora ein, die oft der Willkür der lokalen Autoritäten ausgesetzt waren. Über seinen Freund Agrippa, einen Schwiegersohn des Kaisers, konnte er Augustus dafür gewinnen, der jüdischen Bevölkerung im Römi­schen Reich gewisse Sonderrechte zu gewähren, die es ihnen erleichterten, gleichzeitig Un­ter­tanen Roms und ihrem Glauben treu zu sein.

 

Der König hielt viele jüdische Gesetze ein, wenn er sich in Judäa aufhielt, und sorgte dafür, dass das Bilderverbot in Jerusalem weitgehend beachtet wurde. Aber er um­gab sich mit Gelehrten, die in der griechischen Philosophie und selbstverständlich auch Religion verwurzelt waren.

 

In den nichtjüdischen Orten seines Herrschaftsbereiches wie Caesarea Mari­tima ließ Herodes Tempel für den Kaiserkult errichten. Religion war ein Instru­ment der Herrschaft und wurde von Herodes vermutlich danach beurteilt, ob die uneinge­schränkte Macht des Königs und des Kaisers in Rom infrage gestellt oder gestärkt wurde.

 

Ökonomische Entwicklung, aber mit hoher Steuerbelastung für das Volk

 

Die gewaltigen Bauten des Herodes waren nur aufgrund der Zwangsarbeit von vielen Tausend Menschen möglich. Diese Frondienste waren aber nur ein Teil der Belastungen der Bevölkerung in Judäa, Galiläa und angrenzenden Gebieten. Die Liste unterschiedlichster Steuern und Abgaben war beeindruckend lang. Die römischen Herrscher und die von ihnen eingesetzten Klientelkönige bedienten sich bei der Eintreibung dieser Steuern und Abgaben oft lokaler Mittelsmänner.

 

Die Zöllner, von denen im Neuen Testament mehrfach die Rede ist, waren in den meisten Fällen nicht etwa einfache Zollbeamte, die das Gepäck von Reisenden an der Grenze kon­trollierten, sondern wohlhabende Männer, die die Aufgabe gepachtet hatten, die Zölle und Abgaben zu erheben. Sie hafteten mit ihrem privaten Vermögen dafür, dass die geforderten Einnahmen auch tatsächlich an die Herrscher abgeführt wur­den.

 

Entsprechend ri­go­ros gingen sie beim Eintreiben der Zölle, Steuern und Abgaben vor und entsprechend un­beliebt waren sie in der Bevölkerung. Selbst­ver­ständlich wuss­ten die Steuerzahler, dass der größte Teil des Geldes an den von den Römern eingesetzten König floss und dieser wiederum den größten Teil davon nach Rom schickte.

 

Herodes musste erleben, dass es nicht möglich war, gleichzeitig den Erwartungen der Römer auf hohe Zahlungen an die „globale Zentrale“ zu entspre­chen und bei den eigenen Untertanen beliebt zu sein. Das war umso weniger der Fall, als Herodes aus den Zöllen und Abgaben auch seinen Staats- und Sicherheitsapparat bezahlte und die zahlreichen Bauvorhaben finanzierte.

 

Eine erfolgreiche wirtschaftliche Entwicklung – auch zum eigenen Vorteil

 

Dass die vielen Prachtbauten überhaupt finanziert werden konnten, lag vor allem an der erfolgreichen Wirtschaftspolitik von König Herodes. Er hatte erkannt, dass ökonomische Prosperität die Grundlage nicht nur des Römischen Reiches, son­dern auch seiner eigenen Herrschaft bildete. Ein Klientelkönig stand vor der Auf­gabe, die ökonomische Basis des politischen Systems zu festigen. Und das war besonders in der Herrschaftszeit des Augustus der Fall, der die wirtschaftliche Entwicklung des Weltreiches systematisch voranbringen wollte.

 

Eine wichtige Investition für den ökonomischen Aufstieg der Region bildete der Bau von Caesarea Maritima, nach der Fertigstellung einer der modernsten Häfen am Mittelmeer mit Werften und Docks. Herodes nutzte die „globa­lisierte“ Ökonomie und ließ zum Beispiel für den Hafenbau den neuesten, auch im Wasser bindenden Zement verwenden, wie er in Italien entwickelt worden war.

 

Caesarea Maritima wurde sehr rasch zu einem der wichtigsten Häfen des Römi­schen Reiches und zu einem Zentrum des Fernhandels. Die Hafenstadt wurde zum Tor zur römisch-griechischen Welt, und zwar sowohl ökonomisch als auch kulturell.

 

König Herodes selbst verband die ökonomische Entwicklung des Landes mit eigenen ökonomischen Interessen. Von seinem Vater hatte er Ländereien in Idumäa geerbt. Durch die Aneignung des Besitzes der besiegten Hasmonäerdynastie stieg Herodes zum größten Landbesitzer in seinem Herrschaftsgebiet auf. Auch das Eigentum anderer besiegter Gegner sicherte der König sich persönlich.

 

Hinzu kam ein beträchtlicher Anteil an den Zoll- und Steuereinnahmen, der in die Schatullen des Königs floss. In den letzten Jahren seiner Herrschaft weitete Herodes sein Wirtschaftsimperium sogar international aus. Kaiser Augustus überließ ihm als Gunstbe­weis die Verwaltung einer Kupfermine auf Zypern. Die Hälfte des Gewinns floss an Herodes. Wahrscheinlich besaß Herodes außerdem die Konzession, in einigen kleinasiatischen Städten Steuern einzutreiben und einen Teil davon für sich zu behalten.

 

Herodes hatte viele Kritiker und Feinde, das war ihm nur zu bewusst. Deshalb baute er einen Sicherheitsapparat auf, der überall im Lande präsent war. Gerade dieser Sicherheitsapparat und das tiefe Misstrauen des Königs gegenüber allen, die ihm ge­fährlich werden konnten, machen es so unwahrscheinlich, dass er die Magier oder Weisen aus dem Morgenland bei deren Suche nach dem König der Juden allein nach Bethlehem reisen ließ, obwohl er, wie Matthäus berichtet, über deren Ankün­digung aufs Äußerste beunruhigt war. Herodes lebte gerade in seinen letzten Le­bensjahren in ständiger Furcht vor Verrat und Anschlägen auf sein Leben.

 

Mordfälle am Königshof

 

Dass Herodes mehrere Frauen und eine große Zahl von Kindern hatte, führte da­zu, dass mit zunehmendem Alter des Königs die Erbfolge-Auseinandersetzungen am Hofe immer heftigere Formen annahmen. Die Intrigen der Frauen und ihrer Söhne schufen eine Atmosphäre des „jeder gegen jeden“, die geeignet war, Herodes Misstrauen noch zu vertiefen, sodass er schließlich überall Verrat witterte. Er ließ seine Frau Marianne 29 v. Chr. hinrichten, nachdem der Verdacht aufgekommen war, sie wollte ihn vergiften. Bald darauf wurde seine Schwiegermutter Alexandra nach einem vermeintlichen oder tatsächlichen Plan, Herodes zu stürzen und sich zur Königin ausrufen zu lassen, hingerichtet.

 

Aber auch danach war der Königshof voller Intrigen und Verschwörungen. Die Situation spitzte sich noch zu, als zwei Söhne aus der Ehe mit der kurz vorher ermordeten Marianne, Alexander und Aristobul, von ihrer Ausbildung aus Rom zurückkehrten. Sie erfuhren umgehend von der Hinrichtung ihrer Mutter und ihrer Großmutter durch Herodes, und von nun an hassten sie ihren Vater.

Der hatte seinerseits die Befürchtung, die Söhne könnten ihn aus seinem Amt verdrängen. Um die beiden Söhne in die Schranken zu weisen, holte Herodes den Sohn seiner verstoßenen ersten Frau, Antipater, zurück an den Königshof. Demonstrativ änderte er sein Testament und setzte den re­ha­bilitierten Sohn Antipater an der Stelle von Alexander als seinen Nachfolger ein.

 

Ein Tiefpunkt war erreicht, als Herodes nach Rom reiste, um vor dem Kaiser gegen seine Söhne Alexander und Aristobul den Vorwurf des Hochverrats zu erheben. Zwar endete die Auseinandersetzung vor dem Kaiser mit einer äußerlichen Versöhnung, aber danach wurde im Palast in Jerusalem nur noch intrigiert und Mordplänen geschmiedet. Herodes reihenweise Gefolgsleute seiner mit ihm verfeindeten Söhne foltern und hinrichten, und erfuhr bei einer der Folterungen, dass seine Söhne Alexander und Aristobul ihn bei einer Jagd töten wollten. Er ließ seine bei­den Söhne einkerkern und erwirkte von Augustus die Zustimmung, sie hinrich­ten zu lassen. In einem Prozess, bei dem die Angeklagten selbst nicht auftreten durften, wurden sie 7 v. Chr. zum Tode verurteilt und hingerichtet.

 

Gegen Ende seiner Regierungszeit verließ Herodes auch noch sein bis dahin untrügliches Gespür dafür, wie er sich das Wohlwollen des Kaisers in Rom bewahren konnte. Gegen den Willen der Römer marschierten Herodes Truppen im Königreich der Nabatäer ein, um dorthin geflohene räuberische Gruppen zu vernichten. In Rom fürchtete man neue militärische Auseinandersetzungen an der Ostgrenze des Reiches, und Augustus schrieb Herodes einen harschen Brief, in dem er ihm die Freundschaft aufkündigte. Zwar gelang es, den römi­schen Kaiser wieder gnädig zu stimmen, aber die lang bestehende Freundschaft zwi­schen Augustus und Herodes hatte einen Knacks bekommen.

 

Die Intrigen im Palast nahmen kein Ende. Nach der Hinrichtung seiner Kon­kur­ren­ten war Antipater nun der einzige Thronfolger. Unangefochten war er aller­dings nicht, denn viele am Hof warfen ihm vor, zum Tod seiner Halbbrü­der beigetragen zu haben. Daher versuchte Antipater, seine Machtbasis durch wei­­tere Intrigen zu festigen, während seine Gegner alles taten, um ihn zu Fall zu bringen. Als Herodes zugetragen wurde, dass Antipater mit einigen Verbündeten ge­plant haben sollte, ihn zu vergiften, ließ er seinen Sohn verhaften und enterbte ihn.

 

Der Tod eines ungeliebten Königs

 

In Jerusalem sprach es sich herum, wie es um die Gesundheit des Königs und die Verhältnisse am Hofe stand, und als sich Anfang des Jahres 4 v. Chr. das Gerücht verbreitete, der König liege im Sterben oder sei bereits tot, stürmten einige strenggläu­bige Juden den Tempelberg. Sie wollen einen goldenen Adler zerstören, den Hero­des über einem der Tempeltore hatte anbringen lassen, was nach Ansicht der Strenggläubigen dem biblischen Verbot von Tierbildern widersprach.

 

Es kam zu Tu­multen und zur Verhaftung der Aufrührer. Herodes war noch nicht tot, sondern hielt eine wütende Ansprache vor den Vornehmsten der Stadt und ordnete eine harte Bestrafung der Festgenommenen an. Einige wurden lebendig verbrannt, andere hingerichtet. Es war ein letztes Aufbäumen des Herrschers vor seinem nahen Ende.

Vom Krankenlager aus ordnete er die Tötung von Antipater an. Er selbst starb fünf Tage nach der Hinrichtung seines erstgeborenen Sohnes. Es gab wirklich einen Kindermord, angeordnet von Herodes, und die Berichte von der Schreckensherrschaft des Königs müssen auch Jahrzehnte später dem Verfasser des Matthäusevangeliums bekannt gewesen sein.

 

Zum Beispiel: Mobutu – ein Diktator in der Tradition von Herodes

 

König Baudouin wurde am 30. Juni 1960 mit begeisterten „Le Roi!“-Rufen im Kongo empfangen. Nur: Die Jubelnden gehörten alle zur kleinen, aber sehr privilegierten belgischen Minderheit der Kolonie. Sie und viele Belgier zu Hause wollten nicht wahrhaben, was an diesem Tag, dem Tag der Unabhängigkeit des Kongo, wirklich stattfand, das Ende einer durch Verbrechen und Ausbeutung geprägten Kolonialherrschaft.

 

Im Kongo selbst unvergessen war die Zeit, als der belgische König Leopold II. von 1885 an das Land als Privatkolonie ausplünderte. Die Gräuel waren derart skandalös, dass Leopold II. 1908 unter internationalem Druck gezwungen war, die Kolonie an den belgischen Staat zu übertragen. Von nun an plünderte der belgische Bergbaukonzern „Union Miniére“ die riesigen Rohstoffvorkommen des Landes wie Kupfer und Gold aus.

 

König Baudouin hielt eine Ansprache zur Unabhängigkeit in der Residenz des belgischen Generalgouverneurs, die nun zum Parlament des unabhängigen Kongo werden sollte. Wahrscheinlich war es schiere Ignoranz, die den König zu provozierenden Sätzen wie diesen bewegte: „Die Unabhängigkeit des Kongo ist der Abschluss der Arbeit, die König Leopold II. mit Weitsicht und ausdauerndem Mut begann und die Belgien beharrlich fortgeführt hat.“ König Baudouin meinte, die neue Führung ermahnen zu müssen: „Es ist nun an Ihnen, meine Herren, zu beweisen, dass wir recht hatten, als wir unser Vertrauen auf Sie gesetzt haben.“

 

Ministerpräsident Patrice Lumumba, den die Belgier wegen seines Eintretens für die Unabhängigkeit ins Gefängnis geworfen und gefoltert hatten, war so empört und verletzt, dass er ans Mikrofon trat und spontan eine vom Radio ins ganze Land übertragene Rede hielt. Er betonte, dass die Kongolesen nicht vergessen würden, dass sie ihre Unabhängigkeit im Kampf gewonnen hatten: „Wir sind stolz auf diesen Kampf, die Tränen, das Feuer und das Blut, bis in die Tiefen unseres Seins, denn es war ein nobler und gerechter Kampf, und unentbehrlich, um der erniedrigenden Sklaverei, die uns mit Gewalt aufgedrückt wurde, ein Ende zu bereiten.“

 

Besonders belgische Wirtschaftskreise waren beunruhigt von Passagen in der Rede, in denen von sozialer Gerechtigkeit und gerechten Löhnen die Rede war, und auch dieser Satz wird ihnen nicht entgangen sein: „Wir werden die Ländereien unseres Landes im Auge behalten, um sicherzustellen, dass wirklich dessen Kinder davon profitieren.“ Kaum hatte Lumumba seine Rede beendet, stürzte Baudouin wütend aus dem Saal.

 

Das überstürzte Ende der belgischen Kolonialherrschaft

 

Erst Anfang 1960 war den politisch Verantwortlichen in Brüssel klar geworden, dass sich angesichts der Proteste und des Widerstands der Bevölkerung die Kolonialherrschaft im Kongo nicht fortsetzen ließ. Aber die plötzliche Einsicht konnte keine längerfristige Vorbereitung der Kolonie auf die Unabhängigkeit ersetzen. Es gab lediglich 30 Einheimische mit einem Hochschulabschluss, im Staatsdienst hatten nur drei Einheimische etwas höhere Positionen erlangt und in der Armee war kein einziger einheimischer Offizier zu finden.

 

Trotzdem sollte nun alles ganz rasch gehen. Nach Gesprächen mit Vertretern der politischen Bewegungen des Kongo fanden Parlamentswahlen statt, aus denen die Unabhängigkeitsbewegung MNR siegreich hervorging. Joseph Kasavubu erhielt das Amt des Staatspräsidenten, Patrice Lumumba wurde Ministerpräsident.

 

Das erwartete Chaos trat ein

 

Die verunglückte Unabhängigkeitsfeier ließ Schlimmes befürchten, und das trat auch sehr rasch ein. Bereits wenige Tage nach der Unabhängigkeitsfeier kam es zu Auseinandersetzungen in der Armee, weil die belgischen Offiziere sich weigerten, Einheimische zu Offizieren zu ernennen. Vereinzelte Schießereien veranlassten Tausende Belgier, fluchtartig in die Heimat zurückzukehren. Wirtschaft und Staatsapparat waren auf einen solchen Exodus nicht vorbereitet, und entsprechend schwierig wurde es für die neue Regierung, das Land vor dem Chaos zu bewahren.

 

Um eigene Wirtschaftsinteressen zu sichern, entschloss sich Belgien, die Sezession des rohstoffreichen Katanga im Südosten des Kongo voranzutreiben. Bereits am 11. Juli 1960 verkündete Moise Tschombé in Absprache mit der belgischen Regierung die Unabhängigkeit Katangas. Die Rebellen vertraten belgische Wirtschaftsinteressen, und Belgien entsandte Soldaten zu ihrer Unterstützung.

 

Lumumba fürchtete zu Recht einen Zerfall des Kongo. Auch konnte er nicht hinnehmen, dass die größten Reichtümer des Landes weiter unter Kontrolle der „Union Minière“ und einer Separatistenbewegung zu Belgiens Gnaden blieben. Er versuchte zunächst, die US-Regierung für eine Unterstützung im Kampf gegen die Rebellen zu gewinnen, aber die lehnte ab. Auch europäische Unterstützung blieb aus, denn der Kongo galt als „Einflusszone“ Belgiens.

 

Als Lumumba daraufhin die Sowjetunion um Hilfe bat, löste das im Westen Empörung aus. Der kongolesische Ministerpräsident wurde als Kommunist gebrandmarkt, und ein CIA-Agent brachte Gift für seine Ermordung in den Kongo. Um einen sowjetischen Brückenkopf in Afrika zu verhindern, stimmten die westlichen Staaten einer UN-Mission für den Kongo zu. Im August 1960 entsandten die Vereinten Nationen erste Soldaten. Sie wurden im Kongo stationiert, aber die Vereinten Nationen taten zunächst nichts, um die Sezession Katangas zu beenden. Erst 1963 wurde dieses Ziel erreicht.

 

Ein Mord mit ausländischen Drahtziehern

 

Derweil beschlossen – so ist heute nachgewiesen – die Regierungen Belgiens und der USA, Lumumba auszuschalten. Am 5. September 1960 erklärte Kasavubu auf Betreiben der belgischen Regierung den Ministerpräsidenten für abgesetzt. Im Gegenzug verkündete Lumumba die Entlassung Kasavubus. Drei Tages später gewann Lumumba eine Vertrauensabstimmung im Parlament. Aber Kasavubu erkannte die Abstimmung nicht an und löste das Parlament auf. Joseph Mobutu, der von Lumumba ernannte Generalstabschef der Armee, nutzte die Situation für einen Armeeputsch am 14. September 1960, wie wir heute wissen mit Unterstützung der USA.

 

Kasavubu blieb offiziell Staatsoberhaupt, verlor aber schrittweise jeglichen Einfluss. Lumumba wurde unter Hausarrest gestellt, konnte aber Ende November 1960 aus der Hauptstadt Leopoldville fliehen. Er wurde allerdings von Soldaten Mobutus festgenommen und in die Hauptstadt gebracht. Am 13. Januar 1961 überstellte das Militärregime Lumumba an die Rebellenregierung in Katanga, wohl wissend, dass dies einem Todesurteil gleichkam. Und tatsächlich wurde Lumumba in Katanga ins Gefängnis geworfen, gefoltert und vier Tage später unter Mitwirkung einiger belgischer Offiziere erschossen.

 

Mobutu – ein Diktator als Vertreter westlicher Interessen

 

Am Ende der Machtkämpfe im Kongo Anfang der 1960er Jahre stand Mobutu allein an der Spitze des Kongo. Anders als Herodes kontrollierte er einen unabhängigen Staat, konnte also theoretisch uneingeschränkt regieren – aber eben nur theoretisch. Faktisch war er von den westlichen Regierungen und in gewissem Umfang auch von den im Kongo tätigen Konzernen abhängig. Sie versorgten ihn vor allem mit Krediten, Entwicklungsgeldern und Abgaben für den Export der vielen wertvollen Rohstoffe des Landes.

 

Von diesem Geld konnte Mobutu trotz leerer Staatskassen seine Armee und seinen Sicherheitsapparat bezahlen und all die einflussreichen Politiker und Militärs alimentieren, die ihn bedingungslos unterstützten. Außerdem zweigte er von den Zahlungen aus dem Ausland so viel Geld für sich selbst ab, dass er bald über mehrere Milliarden Dollar Vermögen verfügte.

 

Wie konnte Joseph-Desiré Mobutu zum reichsten Despoten Afrikas aufsteigen? Das war ihm 1930 nicht in die Wiege gelegt, denn sein Vater war Koch in einem kleinen abgelegenen Dorf, in das keine Straße führte. Auch gehörte er keiner der großen Ethnien des Kongo an, die er zu seiner Hausmacht hätte ausbauen können. Aber wie Herodes besaß Mobutu eine große Durchsetzungskraft und Skrupellosigkeit.

 

Er konnte Lumumbas Vertrauen gewinnen und stieg von dessen Sekretär zum Stabschef der Armee auf. Die US-Amerikaner wurden auf Mobutu aufmerksam und verbündeten sich mit ihm gegen Lumumba. Die chaotischen Verhältnisse nach der Unabhängigkeit gaben dem Armeechef eine Machtposition, die er nutze, um alle Konkurrenten auszuschalten, auch den von der belgischen Regierung unterstützten Tschombé und 1965 den Präsidenten Kasavubu.

 

Brutal und prunksüchtig

 

Immer wieder ließ Mobutu tatsächliche oder potenzielle Gegner ermorden. Von den westlichen Mächten und vor allem den USA wurde er dennoch als Retter vor dem Kommunismus gepriesen. Wie Herodes hatte Mobutu mehrfach mit Aufständen und Putschversuchen zu kämpfen. Beide hatten dabei zwar Erfolg, witterten aber bald überall Gegner und bauten umfassende Sicherheitsapparate auf.

 

Beide inszenierten einen aufwendigen und professionellen Personenkult. So schwebte Mobutu jeden Abend zu Beginn der Nachrichten auf den Bildschirmen aus dem Himmel auf die Erde herab. Auch versuchte er, sich durch eine Afrikanisierung seines Landes einen Namen zu machen. So benannte er den Kongo in Zaire um und ordnete die Annahme afrikanischer statt christlicher Vornamen an. Er selbst nannte sich nun „Mobutu Sese Sese Kuku Nghendu wa Zabanda“, was übersetzt werden kann mit „Der Krieger, der von Eroberung zu Eroberung schreitet, ohne Angst zu haben“.

 

Wie Herodes musste auch Mobutu feststellen, dass solche Initiativen nicht zu einer breiten Unterstützung im Volk führten, und so verließen sich beide immer stärker auf die Abschreckungskraft ihrer Brutalität und ihres Terrors.

Wie Herodes war auch Mobutu bestrebt, sich durch Bauten einen Namen zu machen und Anerkennung zu finden. Allerdings waren Bauten für Mobutu nur von sekundärer Bedeutung gegenüber dem Ziel, möglichst viel Geld auf seine Konten in der Schweiz und anderswo zu transferieren und am Genfer See und in anderen bevorzugten Wohnlagen teure Immobilien zu erwerben.

 

In Erinnerung geblieben ist vor allem das Bauprogramm in seinem Geburtsort Gbadolite. Neben drei eigenen prachtvollen Palästen wurden auch verkleinerte Ministerien gebaut, sodass das Land im Krisenfall auch von hier aus regiert werden konnte. Die Landebahn des Flughafens war geeignet, von der Concorde genutzt zu werden, und Mobutu und seine Familie charterten tatsächlich gelegentlich ein Überschallflugzeug.

Beide Herrscher bemühten sich, die Religionsgemeinschaften unter ihre Kontrolle zu bringen und zur Legitimierung der eigenen Herrschaft zu nutzen. Und beide reagierten mit harter Hand auf Kritik aus religiösen Kreisen. Als der katholische Erzbischof Malula am 12. Januar 1972 Mobutu in einer Predigt deutlich kritisierte, musste der Kirchenführer zwangsweise ins Exil nach Rom gehen. Auf weitere kirchliche Kritik reagierte Mobutu mit einem Bündel von Maßnahmen, von der Auflösung christlicher Jugendorganisationen bis zum Verbot von Feiern anlässlich des Weihnachtsfestes. Willfährige Kirchenführer erhielten hingegen staatliche Unterstützung und Privilegien.   

 

Ein wichtiger Verbündeter der USA

 

Aus US-Sicht war Mobutu ein wichtiger Verbündeter, weil der Kongo zu den größten und rohstoffreichsten Ländern des Kontinents gehört. Dabei galt es, die amerikanischen Interessen gegen diejenigen Belgiens und Frankreichs durchzusetzen. Da war es aus US-Sicht günstig, dass Mobutu Anfang der 1970er Jahre eine Nationalisierung belgischer Unternehmen wie der Union Minière in Katanga verkündete. Damit wurde Belgien als wirtschaftlicher Konkurrent weitgehend ausgeschaltet, während amerikanische Konzerne noch stärker vom Export der kongolesischen Rohstoffe profitierten.

 

Auch strategisch hatte der Kongo eine große Bedeutung für die USA, grenzt das Land doch an viele politisch wichtige afrikanische Staaten wie das ölreiche Angola. Deshalb wollten die US-Regierungen auf jeden Fall verhindern, dass die Sowjetunion hier an Einfluss gewann. Das war gewissermaßen die „Lebensversicherung“ Mobutus, so wie Herodes von Rom gestützt wurde, weil er dafür sorgte, die Ostgrenze des Reiches zu schützen.

 

Aber Herodes wurde selten so viel Lob zuteil wie Mobutu durch den US-Präsidenten Ronald Reagan, der ihn als Freiheitskämpfer pries, einen Mann von wachem Verstand und gutem Willen. Bei jedem Präsidentenwechsel in Washington musste sich Mobutu (ähnlich wie Herodes bei Machtverschiebungen in Rom) mit den neuen Mächtigen arrangieren, was auch meist gelangt (Ausnahme: Jimmy Carter). 

 

Mobutu – ein Kindermörder?

 

Einen Kindermord, wie er Herodes im Lukasevangelium angelastet wurde, hat Mobutu nicht zu verantworten. Überliefert ist aber, dass er beim „Marsch der Hoffnung“, einer vor allem von den Kirchen initiierten Demonstration am 16. Februar 1992, auf Männer, Frauen und Kinder schießen ließ.

 

Viel verheerender wirkte sich aber aus, dass sich der Diktator und sein innerer Führungskreis in gewaltigem Umfang am Export der Rohstoffe wie Kupfer bereicherten. Während Mobutu zum Milliardär wurde, fehlte Geld für überlebenswichtige soziale Leistungen wie Schwangerschaftsbetreuung, Geburtshilfe und Gesundheitsversorgung und Ernährung von Kleinkindern. Im juristischen Sinne war dies kein Mord, aber viele Tausend Kinder und ihre Mütter hätten überleben können, wenn die Staatseinnahmen anders verwendet worden wären.    

 

Wirtschaftlicher und politischer Niedergang in Zeiten der Globalisierung

 

Zwar war Mobutu anders als Herodes auf ökonomischem Gebiet eine krasse Fehlbesetzung, aber dafür ermöglichte er es westlichen Konzernen, in großem Stil von den kongolesischen Rohstoffreichtümern zu profitieren. Deshalb wurden von westlichen Konzernen und Regierungen die Augen verschlossen vor schlimmsten Menschenrechtsverletzungen und grassierende Korruption.

 

Dabei war ein Vorteil Mobutus, dass er anders als Herodes nicht mit nur einem Machtzentrum auskommen musste, sondern dass es vor allem US-amerikanische, belgische und französische Wirtschafts- und Militärverbündete gab, die unterschiedliche Interessen hatten und allenfalls in der Gegnerschaft zu sowjetischen Einflussversuchen einig waren.

 

Schwieriger wurde die Situation Mobutus trotzdem ab Ende der 1980er Jahre, als die Ost-West-Konfrontation in Afrika beendet war und es nicht mehr ausreichte, gegen die Sowjetunion zu sein, um westliches Wohlwollen zu genießen.

 

Auch gewannen die ökonomischen Erwartungen an Regierungen im Rahmen der Globalisierung an Bedeutung, und auf diesem Gebiet war Mobutu ein Versager. Dass die Verkehrsinfrastruktur allenfalls rudimentär und die Energieversorgung völlig unzureichend waren, behinderte viele lukrative Auslandsinvestitionen, vielleicht mit Ausnahme des Bergbaus im Südosten des Landes. Mobutu war als skrupelloser Despot, der sein Land persönlich ausplünderte und keine „wirtschaftsfreundliche“ Entwicklung förderte, aus der Zeit gefallen.

 

Der Sturz eines Tyrannen  

 

Der Versuch Mobutus, den veränderten globalen Verhältnissen Rechnung zu tragen und eine sehr partielle Demokratisierung mit der Festigung der eigenen Herrschaft zu verbinden, blieb 1990 in den Anfängen stecken. Dafür rächte sich immer mehr, dass er zur Machterhaltung die Politiker und Militärs in seinem Umfeld systematisch gegeneinander ausspielte, was notwendigerweise zu einer Atmosphäre gegenseitigen Misstrauens im Umfeld des Diktators führte, verbunden mit einer zunehmenden Vereinsamung des Präsidenten. Voller Misstrauen baute er ein halbes Dutzend Geheimdienste auf, die unabhängig voneinander operierten. Parallelen zur letzten Phase der Herrschaft Herodes sind nicht zu übersehen.

 

Der Völkermord in Ruanda 1994 veranlasste die USA und Frankreich, sich erneut stärker hinter Mobutu zu stellen, denn in dieser Krisenzeit schien die Stabilität der Region akut gefährdet, und der Diktator sorgte für eine gewisse Stabilität, auch wenn diese auf Terror und Menschenrechtsverletzungen beruhte.

 

Mobutu hat diese vorübergehende Unterstützung nicht mehr geholfen. Die Minderheit der Tutsi im Osten des Kongo, deren Verwandte im benachbarten Ruanda nach dem Völkermord die politische Herrschaft übernommen hatten, organisierte eine bewaffnete Widerstandsbewegung gegen Mobutu, der sich andere politische Bewegungen anschlossen. Der neue US-Präsident Bill Clinton war nicht bereit, dem brutalen Despoten zu helfen und auch bisherige europäische Unterstützer wie die französische Regierung gingen auf Distanz zu Mobutu, dessen Herrschaft erkennbar einem raschen Ende entgegenging.

 

Am 17. Mai 1997 konnten die Aufständischen in Kinshasa einmarschieren. Der unheilbar an Krebs erkrankte Diktator hatte sich vorher in einen Palast in seinen Heimatort Gbadolite zurückgezogen und floh vom dortigen Flugplatz aus in seinem Privatjet in Richtung Europa. Aber niemand von denen, die viele Jahre lang so lukrative Geschäfte mit dem Despoten gemacht hatten, wollten ihn aufnehmen.

 

Schließlich erklärte sich Marokko bereit, den Exildiktator Asyl zu gewähren. Hier starb er vereinsamt am 7. September 1997. Wie Herodes musste er erleben, dass ein sterbenskranker Despot ohne Aussicht auf eine weitere Machtausübung keine Freunde mehr hat. Wie Herodes hatte auch Mobutu sein Land drei Jahrzehnte regiert – zum Schaden seiner Landsleute und zum (wenn auch eingeschränkten) Nutzen globaler politischer und ökonomischer Verbündeter.

 

Nur ein kleiner Teil des geschätzten Vermögens Mobutus von vier bis fünf Milliarden Dollar tauchte bisher auf Schweizer Konten auf, der überwiegende Teil gilt als verschollen. Und jene Finanzinstitute, die etwas wissen, schweigen hartnäckig. Solche Geheimnisse sind im Zeitalter der Globalisierung Gold wert, manchmal im Wert von mehr als vier Milliarden Dollar.

 

 

© Frank Kürschner-Pelkmann