Lukas 12, 16-21 - Der reiche Kornbauer und der globale Weizenhandel

 

„16Und er sagte ihnen ein Gleichnis und sprach: Es war ein reicher Mensch, dessen Feld hatte gut getragen. 17Und er dachte bei sich selbst und sprach: Was soll ich tun? Ich habe nichts, wohin ich meine Früchte sammle. 18Und sprach: Das will ich tun: Ich will meine Scheunen abbrechen und größere bauen und will darin sammeln all mein Korn und meine Vorräte 19und will sagen zu meiner Seele: Liebe Seele, du hast einen großen Vorrat für viele Jahre; habe nun Ruhe, iss, trink und habe guten Mut! 20Aber Gott sprach zu ihm: Du Narr! Diese Nacht wird man deine Seele von dir fordern; und wem wird dann gehören, was du angehäuft hast? 21So geht es dem, der sich Schätze sammelt und ist nicht reich bei Gott.“ (Lukas 12, 16-21)

 

Warum kündigt Gott diesem erfolgreichen Bauern seinen raschen Tod an, wo der doch nichts anderes vorhat, als seinen Wohlstand zu genießen? Und neue Scheunen für eine besonders gute Ernte zu bauen, zeugt das nicht von Umsicht? Warum wird er als Narr bezeichnet? Um solche Fragen zu beantworten, empfiehlt es sich, in die Sozialgeschichte Galiläas abzutauchen und dabei spannende Einsichten zu gewinnen.

 

Wie in anderen Gleichnissen stellen wir auch hier fest, dass Jesus sich sehr viel besser in ökonomischen Fragen auskannte, als dies in der Theologie üblicherweise wahrgenommen wird. Er hat dieses Wissen in Geschichten gepackt und seinen Zuhörerinnen und Zuhörern eine klare Orientierung dafür gegeben, wie sie im Einklang mit den Geboten Gottes und den Werten des Reiches Gottes wirtschaften sollen. Was er vor zwei Jahrtausenden anschaulich vermittelte, ist auch im heutigen Zeitalter der Globalisierung sehr aktuell geblieben.

 

Jesu Zuhörerinnen und Zuhörer kannten die damaligen wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse aus eigener Anschauung. Sie werden in der Wiedergabe der Gleichnisse nicht ausführlich dargestellt. Der Bibelwissenschaftler Willibald Bösen hat in seinem Buch „Galiläa – Lebensraum und Wirkungsfeld Jesu“ (Freiburg 1985) ausführlich dargelegt, wie Jesu Gleichnisse die damalige soziale Situation in Galiläa wiederspiegeln. Er bilanziert: „Ausführliche Hinweise hier, kürzere Bemerkungen dort – zusammengefügt ergibt sich aus der Vielzahl der Einzelinformationen ein Stück konkreten palästinensischen Alltags, ein Kapitel antiker Sozialgeschichte … In einprägsamen Bildern und Szenen erfahren wir von der himmelschreienden Armut der Armen, der Unfreiheit der Sklaven, der Mühe der Tagelöhner, aber auch von dem süßen Leben der Reichen.“ (S. 201)

 

Nicht zufällig finden wir das Gleichnis vom reichen Kornbauern im Lukasevangelium, nimmt dort das Thema Gerechtigkeit doch eine herausragende Stellung ein. Das Gleichnis gehört zum „Sondergut“ dieses Evangeliums, ist also in den anderen Evangelien des Neuen Testaments nicht zu finden. Das Gleichnis vom Kornbauern steht bei Lukas in einer Reihe von Gleichnissen mit der Botschaft, dass nach Gottes Willen der Reichtum mit den Armen und Bedürftigen geteilt werden muss und dass die Menschen das Zusammenraffen von Reichtum nicht in das Zentrum ihres Lebens rücken dürfen. Zu erwähnen sind besonders die Gleichnisse vom reichen Jüngling (Lukas 18,18-31) und vom armen Lazarus (Lukas 16,19-31).

 

Beachtet werden müssen auch die Verse im Lukasevangelium, die dem Gleichnis vom reichen Kornbauern folgen und in denen es um ein Leben in Fülle geht, das Gott allen verheißt und das der Maßstab für das ökonomische Handeln von Gläubigen sein soll.

 

Reiche Kornbauern in Galiläa

 

Jesus und seinen Zuhörerinnen und Zuhörern waren reiche Bauern in ihrer Umgebung gut bekannt. In Galiläa waren in den Jahrzehnten vor der Geburt des Zimmermannssohns große Landgüter entstanden, auf denen Tagelöhner sich verdingen mussten. Die reichen Bauern waren auch dadurch zu ihrem Land gekommen, dass sie in Not geratenen Kleinbauern Kredite gewährten und sich, wenn diese ihre Schulden nicht zurückzahlen konnten, ihre Felder aneigneten. So konzentrierte sich der Landbesitz in den Händen von immer weniger reichen Bauern. Die reichen Bauern hatten sich so die fruchtbaren Täler Galiläas gesichert, während die Kleinbauern auf kleinen Parzellen an meist kargen Berghängen überleben mussten.

 

Solche krassen sozialen Unterschiede zwischen Arm und Reich lösten nicht nur individuelle Not aus und widersprachen Gottes Geboten, sondern sie zerstörten auch den Zusammenhalt in einer Gesellschaft. Davor hatten bereits Propheten wie Amos immer wieder gewarnt und vorhergesagt, dass ein Volk, das so zerrissen ist, rasch ein Opfer seiner Feinde werden kann. Das Verhalten des Kornbauern in diesem Gleichnis ist also auch asozial, gegen die Gesellschaft gerichtet. 

 

Professor Wolfgang Stegemann hat sich mit den ökonomischen Verhältnissen in Galiläa zu Lebzeiten Jesu beschäftigt. Er ist zum Ergebnis gekommen, dass viel dafür spricht, dass die überwiegende Mehrheit der bäuerlichen Bevölkerung am Rande und unterhalb des Existenzminimums lebte. In der polarisierten Konfliktsituation zwischen vielen Armen und wenigen Reichen versammelten sich arme Menschen um Jesu und hörten und glaubten seine Botschaft vom kommenden Reich Gottes. Wolfgang Stegemann: „Denn mit dieser Vorstellung verband sich immer schon die Hoffnung auf Rettung und Heil, Frieden und Gerechtigkeit, die Hoffnung auf Befreiung von Feinden und die Unterwerfung des Bösen, die Hilfe für alle Schwachen, Unterdrückten und Bedürftigen.“ (vgl. Welt und Umwelt der Bibel, 2/2002, S. 44).

 

In dieser ökonomischen und religiösen Konfliktsituation ist der reiche Kornbauer zu Hause – und er trifft eine klare Entscheidung: Er will seinen eigenen Reichtum mehren und dann in vollen Zügen genießen. Das führt ihn notwendigerweise weg von seinen Mitmenschen und weg von Gott und seinen Verheißungen für diejenigen, die ihm vertrauen und nicht der vermeintlichen Sicherheit ihres Reichtums.

 

Nur wer den sozialgeschichtlichen Kontext, in dem der reiche Kornbauer des Gleichnisses angesiedelt lebt, ignoriert, kann mit ausblenden, dass es hier nicht lediglich um einem aus eigener Kraft erfolgreichen Menschen geht, der seinen Reichtum in vollen Zügen genießen möchte. Er ist Teil eines Wirtschaftssystems, das neben einigen „Gewinnern“ zahllose Verlierer kennt, die Tag für Tag um ihr Überleben fürchten müssen.

 

Produzieren für einen „globalen Markt“

 

Die reichen Bauern zu Jesu Zeiten profitierten von ihrer Integration in den „globalen“ Agrarhandel im Römischen Reich, und Getreide gehörte zu den wichtigsten Gütern, die Galiläa exportierte. Der von dem römischen Herrschern eingesetzte Landesfürst Herodes Antipas, ein Sohn von König Herodes, stand unter dem Druck, nicht nur für politische Ruhe zu sorgen, sondern auch zum ökonomischen Wachstum des nach damaligen Maßstäben globalen Römischen Reiches beizutragen. Dafür gestand ihm Rom einen Anteil an den eingetriebenen Steuern und Zöllen zu. Aber um die tatsächlich einzunehmen, musste Herodes Antipas eine effiziente Verwaltung und eine pros­perierende Wirtschaft aufbauen.

 

Begünstigt wurde die wirtschaftliche Entwicklung dadurch, dass Galiläa neben kargen Regionen auch über größere fruchtbare Gebiete verfügte, wo sich eine ertragreiche Landwirtschaft betreiben ließ. Der Anbau von Getreide, vor allem Wei­zen, war schon vor dem Beginn der römischen Herrschaft ein wichtiger Wirtschafts­zweig gewesen, und nach der Eingliederung in das globale Reich wurde der Weizenexport stark ausgeweitet. Der reiche Bauer im Gleichnis war also Teil eines im Entstehen begriffenen internationalen Marktes.

 

Das Geschäft mit der Knappheit

 

Zu den Marktgesetzen gehörte es schon damals, dass ein Produkt um so teurer wurde, je knapper es war. Umgekehrt führte eine gute Ernte zu sinkenden Getreidepreisen. Wirtschaftsgeschichtliche Untersuchungen haben ergeben, dass die Getreidepreise im Römischen Reich bis auf das 16fache stiegen, wenn eine akute Knappheit herrschte. Mehr über die politischen und ökonomischen Verhältnisse in Jesu Heimat finden Sie in dem Beitrag „Galiläa“ auf dieser Website.

 

Die bekannte Neutestamentlerin Marlene Crüsemann weist darauf hin, dass bereits die Sprache dieses Gleichnisses den auf Spekulationsgewinne ausgerichteten Charakter der Pläne des reichen Bauern andeutet: „Sein Ausblick spielt auf die ‚angelegten’ Güter (Vers 19) als Grundlage der persönlichen endgültigen Zufriedenheit an. Der verwendete griechische Begriff keimai stammt aus dem antiken Bankgewerbe und bezeichnet unter anderem das Deponieren von Kapital, also ein Depositum, die gewinnbringende Anlage.“ (Junge Kirche 9/97, S. 507) Die Vorteile der Verknappung für die Anbieter waren in der Antike durchaus bekannt, wie dieser Satz von Cicero belegt: „Das Getreide hat nur bei Missernten einen Preis; ist die Ernte reichlich ausgefallen, so verkauft es sich unvorteilhaft.“

 

Die gute Ernte, die er Gott verdankt, wird also vom reichen Kornbauern genutzt, um sich auf Kosten all derer in Galiläa zu bereichern, die als Folge der Vorratshaltung des Spekulanten trotz einer guten Ernte weiterhin hohe Preise zahlen müssen. Was marktwirtschaftlich durchaus legitim erscheint, nämlich seine Waren dann auf den Markt zu bringen, wenn der Preis besonders hoch ist, geht bei diesem Getreidehandel zulasten der Armen. Die Logik des Marktes hat damals wie heute bei der gezielten Verknappung von Nahrungsmitteln einen hohen Preis, und den zahlten und zahlen die Armen und Hungernden.

 

Der altkatholische Theologe Franz Segbers deutet den Tod des reichen Kornbauern so: „Der Getreidespekulant hat sich seinen Gewinn aus der Notlage seiner Mitmenschen verschafft. Der freie Markt sichert wohl individuelle Bereicherung, ist aber nicht geeignet, jene Aufgabe zu erfüllen, für die die Ökonomie zuständig ist, nämlich alle Menschen mit Gütern zu versorgen. Die Gesetze des Marktes geben sich den Anschein mechanischer Abläufe oder anonymer Gesetzmäßigkeiten. Das Gleichnis vom reichen Kornbauern demaskiert diesen Mythos. Es spricht von handelnden Personen, die wirtschaftliche Entscheidungen treffen und deshalb auch wirtschaftliche Verantwortung tragen.“ (in: Kuno Füssel/Frans Segbers (Hrsg.): „So lernen die Völker des Erdkreises Gerechtigkeit“, Luzern und Salzburg 1995, S. 108)

 

Anders als heutige Spekulanten

 

Auffällig ist, dass der reiche Kornbauer sich von den meisten erfolgreichen Akteuren der heutigen globalen Wirtschaft dadurch unterscheidet, dass er nicht unablässig immer mehr Kapital anhäufen will, sondern bei ausreichender Akkumulation von Vermögen das Leben in vollen Zügen genießen möchte. Das ist kein Zufall. Ein wesentliches Merkmal der „Globalisierung“ im Römischen Reich war der Umgang mit dem angehäuften Kapital durch erfolgreiche Wirtschaftsunternehmer. Die Eigentümer von Schiffen, Handelshäusern, Landgütern etc. waren vor allem daran interessiert, ein angenehmes Leben zu führen und in manchen Fällen auch, ihr Vermögen zu nutzen, um politischen Einfluss zu erlangen, etwa durch großzügige Spenden für den Bau von Arenen oder Theater.

 

Der typische Eigentümer von großen Wirtschaftsunternehmen kümmerte sich meist nicht selbst um die Mehrung seines Vermögens, sondern setzte Verwalter ein, die dafür zu sorgen hatten, dass immer genug Geld für das luxuriöse Leben der Eigentümerfamilie zur Verfügung stand. Mehr Informationen hierzu finden Sie in meinem Beitrag „Die römische Globalisierung“. 

 

Wie ein Kornbauer in der Welt des „Habens“ verharrt

 

Der reiche Kornbauer in Galiläa gehört vermutlich nicht zur politischen und ökonomischen Führungsschicht seines Landes und muss selbst für ein späteres sorgloses Leben planen und handeln. Aber durch die Fixierung auf die Mehrung seines Reichtums wird er „nicht reich bei Gott“. Sein ganzes Denken und Handeln ist auf diesen Reichtum fixiert, aber ein Leben in materiellem Reichtum ist nicht identisch mit einem Leben in Fülle im biblischen Verständnis. Das Leben des „Habens“ und nicht des „Seins“ (wie Erich Fromm es ausgedrückt hat) wird schon im Alten Testament kritisiert. Im Psalm 39 lesen wir im 7. Vers: „Sie gehen daher wie ein Schatten und machen sich viel vergebliche Unruhe; sie sammeln und wissen nicht, wer es kriegen wird.“

 

Ein Leben auf das Reich Gottes hin beginnt mitten in dieser Welt, hat klare Konsequenzen für das ökonomische Verhalten und eröffnet die Freiheit, wirklich zu leben, statt nur Reichtümer anzuhäufen. Im Gleichnis erinnert Gott den reichen Kornbauern daran, dass sein Leben ein Geschenk des Schöpfers ist, genau wie das Getreide, mit dem er spekuliert, und fordert das Leben zurück. Es gilt, die Begrenztheit des menschlichen Lebens zu akzeptieren und in die eigenen Lebensplanungen einzubeziehen. In Psalm 90, Vers 12 lesen wir: „Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf das wir klug werden.“

 

Ökonomie soll dem Leben dienen, nicht der Anhäufung von Reichtum, diese Botschaft älterer biblischer Texte nimmt Jesus auf und wendet sie auf eine alltägliche Situation in Galiläa an. Es ist nicht die Rede davon, dass der Bauer besonders habgierig ist, er begeht auch kein Verbrechen im engeren Sinne, er nutzt „nur“ die Möglichkeiten des Marktes, um sich zu bereichern. Aber die Gesetze des Marktes sind nicht wertfrei, und wer sich ihrer bedient auf Kosten anderer, ist für die Folgen verantwortlich. Das ist, so muss wohl nicht erst betont werden, eine beunruhigende Botschaft für all die, die heute vom globalen Marktgeschehen profitieren und sei dies „nur“ durch Geldanlagen in Fonds, die mit Nahrungsmitteln spekulieren.

 

Der Kornbauer des Gleichnisses denkt nur an sich selbst. Er will seinen Reichtum genießen, nicht einmal seine Kernfamilie und seine Verwandtschaft sind im Blick. Und die Armen sollen schon gar nicht am Reichtum teilhaben. Gott, der den Kornbauern mit einer reichen Ernte bedenkt, erwartet aber Nächstenliebe und das Teilen von Reichtum. Die Güter dieser Welt sind nach göttlichem Willen, wie er besonders im Lukasevangelium wahrgenommen wird, dazu da, allen ein Leben in Fülle ohne Elend und Hunger zu ermöglichen.    

 

Die heutige Akkumulation von Kapital und die Ökonomie Gottes

 

In der Ökonomie Gottes gelten andere Maßstäbe als bei einer auf Kapitalanhäufung orientierten Marktwirtschaft, lautet also eine zentrale Botschaft dieses Gleichnisses. Wenn wir uns klar machen, dass ein reicher Kornbauer in Galiläa nach heutigen Maßstäben ein „armer Schlucker“ war und dass sein Anliegen, für ein gutes Leben vorzusorgen, noch sehr viel besser verständlich ist als die heutige Akkumulation von Milliardenbeträgen, die in gar keinem Verhältnis zu dem stehen, was für ein gutes Leben notwendig ist, dann wird deutlich, wie viel größer heute die Brisanz des Gleichnisses ist als in biblischen Zeiten.

 

Franz Segbers schreibt in einem Beitrag über den reichen Kornbauern: „Das Gleichnis des reichen Kornbauern illustriert ... dass die hohe Produktionsleistung (die durch die Effektivität des Marktes entsteht) ihre Kehrseite hat. Sie spaltet die menschliche Gemeinschaft in Gewinner und Verlierer. Die Bereicherung des Einzelnen bedeutet noch lange nicht, dass die Gesellschaft als ganze mehr Wohlstand hat. Diese Marktökonomie reicht zwar aus, Schätze anzusammeln. Jedoch sozial blind, erfüllt sie nur einen Ausschnitt dessen, wofür Ökonomie zuständig ist.“ (Franz Segbers: „Ich will große Scheunen bauen“, in: Füssel/Segbers: „... so lernen die Völker des Erdkreises Gerechtigkeit“, Luzern und Salzburg 1995, S. 110)

 

Die katholische Soziallehre hat aus diesem und ähnlichen Bibeltexten die Überzeugung gewonnen, dass das Ziel des Wirtschaftens nicht die Anhäufung von immer mehr Kapital auf Kosten der Mitmenschen sein kann. Diese Soziallehre prägte beispielsweise das „Ahlener Programm“ der CDU vom Februar 1947, das die Konsequenzen aus den Erfahrungen der nationalsozialistischen Herrschaft zog. Am Anfang des Programms stehen diese Sätze: „Das kapitalistische Wirtschaftssystem ist den staatlichen und sozialen Lebensinteressen des deutschen Volkes nicht gerecht geworden. Nach dem furchtbaren politischen, wirtschaftlichen und sozialen Zusammenbruch als Folge einer verbrecherischen Machtpolitik kann nur eine Neuordnung von Grund aus erfolgen.

 

Inhalt und Ziel dieser sozialen und wirtschaftlichen Neuordnung kann nicht das kapitalistische Gewinn- und Machtstreben, sondern nur das Wohlergehen unseres Volkes sein. Durch eine gemeinwirtschaftliche Ordnung soll das deutsche Volk eine Wirtschafts- und Sozialverfassung erhalten, die dem Recht und der Würde des Menschen entspricht, dem geistigen und materiellen Aufbau unseres Volkes dient und den inneren und äußeren Frieden sichert.“

 

Gegen ein Primat der Kapitalakkumulation in der Ökonomie wendet sich auch der evangelikale US-amerikanische Theologe Ronald Sider in seinem Buch „Der Weg durchs Nadelöhr“ (Wuppertal 1978, S. 120): „Der reiche Kornbauer ist der Inbegriff eines habgierigen Menschen. Er hat den starken Drang, mehr und mehr Reichtum und Güter zu erwerben, obwohl er sie nicht braucht. Und sein phantastischer Erfolg im Anhäufen von Besitz und Reichtum führt zu der blasphemischen Schlussfolgerung, dass materieller Besitz alle seine Bedürfnisse stillen könne. Aus göttlicher Perspektive ist diese Haltung jedoch eine einzige Torheit. Man kann das Gleichnis vom reichen Kornbauer als Amerikaner oder Europäer nicht lesen, ohne an die eigene Gesellschaft zu denken ... Habsucht, also Streben nach mehr materiellem Besitz, ist das Hauptlaster unserer westlichen Zivilisation.“

 

Die weltweite Perspektive des Gleichnisses hat Martin Luther King in einer Predigt angesprochen, lange bevor von Globalisierung die Rede war und zu einer Zeit, als die Kluft zwischen Arm und Reich in der Welt bei Weitem noch nicht so groß war wie heute: „Die Bedeutung des Gleichnisses für die gegenwärtige Weltkrise ist leicht zu erkennen. Die Produktionsmaschinerie unserer Nation bringt so großen Überfluss hervor, dass wir neue Scheunen bauen müssen, um den Reichtum zu bergen. Täglich müssen wir eine Million Dollar ausgeben, um nur den Überschuss zu lagern. Jahr für Jahr fragen wir uns: ‚Was soll ich tun? Ich habe nichts, da ich meine Früchte hin sammle!’

 

Eine Antwort darauf habe ich in den Gesichtern von Millionen armutsgeschlagener Menschen in Afrika, Asien und Südamerika gesehen. Eine Antwort liegt in der erschütternden Armut im Mississippidelta und in der Not der Arbeitslosen in vielen Industrieländern der Welt. Was können wir tun? Die Antwort ist einfach: Wir können die Armen speisen, die Nackten kleiden, die Kranken heilen ... Wir können die riesigen Quellen unseres Reichtums dazu verwenden, die Armut aus der Welt zu vertreiben.“ (Martin Luther King: Kraft zum Lieben, Konstanz 1980. S. 90f.)

 

Zum Beispiel: Weizenspekulation

 

Finanzspekulationen mit Nahrungsmitteln sind ein „schändlicher Handel mit dem Hunger der Welt“. Das äußerte der Freiburger Erzbischof Stephan Burger anlässlich des Erntedankfestes 2016. Der für das katholische Hilfswerk Misereor zuständige Bischof fügte hinzu: „Für uns Christen ist die Ernte ein Geschenk Gottes. Gerade im Wachstum von Menschen, Pflanzen und Tieren wird die Schöpferkraft Gottes erfahrbar.“

 

Der Börsenhandel mit Lebensmittel ist in den letzten Jahren verstärkt in die Kritik geraten, und dies zu Recht. Der reiche Kornbauer spekulierte noch mit realem Getreide, das auf seinen Feldern gewachsen war. Seit dem 19. Jahrhundert werden Weizen und Hafer in rasch wachsendem Umfang von Börsenhändlern gekauft und wieder verkauft, die keinen realen Bezug zu der Spekulationsware haben und das Getreide, mit dem sie hohe Gewinne machen, nie sehen.

 

Mit dem Beginn des neuen Jahrhunderts gewann die Nahrungsmittelspekulation eine neue Dimension. Diese Lebensmittel, Mittel zum Leben, werden sehr viel mehr als früher mit „Futures“ gehandelt. So geht zum Beispiel ein Spekulant die Verpflichtung ein, Weizen in drei Monaten zum heutigen Tagespreis zu kaufen. Er hat die Hoffnung, dass der Börsenpreis in der Zwischenzeit deutlich steigt und er die Differenz zwischen vereinbartem und aktuellem Preis als Gewinn verbuchen kann.

 

Hedgefonds und andere Finanzakteure haben Terminkontrakte mit Nahrungsmitteln als lukrative Spekulationsmöglichkeit entdeckt. Das verteuert das Getreide beträchtlich, ohne dass irgendein Nutzen für die Ackerbauern und Verbraucher entsteht. Allein zwischen dem Jahr 2000 und dem Jahr 2013 hat sich das Handelsvolumen mit Nahrungsmittel-„Futures“ auf 340 Milliarden Dollar verzehnfacht.

 

Die Spekulation mit Nahrungsmitteln verursacht nicht losgelöst von realen wirtschaftlichen Ereignissen starke Preisschwankungen an den globalen Märkten, aber sie verstärken die Preisausschläge deutlich. Eine zu erwartende schlechte Weizenernte zum Beispiel im Mittleren Westen der USA veranlasst Spekulanten, auf steigende Preise zu setzen und damit den Preisanstieg drastisch zu erhöhen.

 

Das trug zum Beispiel 2011 dazu bei, dass sich der Weizenpreis auf dem Weltmarkt innerhalb eines Jahres verdoppelte. Zu beachten ist dabei, dass nur etwa sieben Prozent der Weltagrarproduktion auf dem Weltmarkt gehandelt werden, sodass sich Spekulationsgeschäfte auf diesen globalen Märkten besonders rasch und stark auswirken. Die Preisschwankungen haben dann aber ganz direkte Auswirkungen auf alle nationalen Märkte.

 

Etwa 95 Prozent des Handels mit „Futures“ erfolgt inzwischen in Millisekundenschnelle über globale Computernetze, häufig ohne die Einschaltung von Börsen, was diesen Handel und die starken Preisschwankungen noch undurchschaubarer macht. Bereits 2011 belief sich der spekulative Handel mit Weizen auf das 73fache der real vorhandenen Weizenernte auf der Welt.

 

Thilo Bode, der Geschäftsführer der Nichtregierungsorganisation „Foodwatch“ forderte 2013: „Die exzessive Nahrungsmittelspekulation hat keinerlei volkswirtschaftlichen Nutzen. Sie muss eingedämmt werden.“ Auch die Welternährungsorganisation FAO fordert ein Ende der preistreibenden Spekulation. Angesichts der öffentlichen Kritik kündigten vor einigen Jahren eine ganze Reihe von deutschen Banken und Investmentgesellschaften an, auf Spekulationsgeschäften mit Nahrungsmitteln zu verzichten. Die Deutsche Bank und die Allianz-Versicherungsgruppe waren nicht darunter.

 

Zu erwähnen ist noch, dass sich zusätzlich preistreibend auswirkt, dass internationale Unternehmen, darunter auch chinesische Staatskonzerne, in großem Stil rund um den Globus Ackerland erwerben oder langfristig pachten. Das hat auch Auswirkungen in Deutschland, wo sich der Preis für Ackerland von 2005 bis 2020 verdoppelt hat. Auch hier wirkt sich die Suche nach gewinnbringenden Kapitalanlagen ganz direkt auf landwirtschaftliche Familienbetriebe und längerfristig auf die Verbraucherinnen und Verbraucher aus.   

 

Die Armen im Süden der Welt zahlen einen hohen Preis

 

Stark sinkende Weltmarktpreise für Weizen und andere Grundnahrungsmittel führen in armen Ländern dazu, dass die Kleinbauern noch weniger für ihre Ernte erhalten. Umgekehrt haben steigende Preise lebensbedrohliche Auswirkungen auf viele Millionen Arme, übrigens auch auf eine größere Zahl von Bauernfamilien, die darauf angewiesen sind, in den Monaten vor der nächsten Ernte Nahrungsmittel zu kaufen, weil die eigenen Vorräte aufgebraucht sind. All dies geschieht in einer Situation, wo der globale Klimawandel die existenziellen Risiken für Kleinbauern in armen Ländern drastisch erhöhen.

 

Für alle Armen im Süden der Welt gilt, dass sie bis zu 80 Prozent ihres kärglichen Einkommens für Nahrungsmittel ausgeben (in Deutschland nur etwa 10 Prozent). Preissteigerungen treffen sie also besonders hart. Das hat auch soziale und politische Auswirkungen, bis hin zu Aufständen der verarmten Bevölkerung. Das Menschenrecht auf Nahrung wird für Spekulationsgewinne geopfert.  

 

Viele afrikanische Länder sind auf Nahrungsmittelimporte angewiesen, und dies besonders bei Dürrekatastrophen. Sie bekommen bei steigenden Weltmarktpreisen immer weniger Getreide für ihre knappen Devisenbestände. Auch Hilfsorganisationen und UN-Programme wie das Welternährungsprogramm sind auf Getreidekäufe angewiesen. Chronische Unterfinanzierung vieler dieser Programme plus steigende Preise für Grundnahrungsmittel auf dem Weltmarkt sind eine gefährliche, eine tödliche Mischung.

 

Jen Zigeler, der frühere UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, stellte nach einer Analyse der Hungersituation in Teilen Afrikas in einem „Deutschlandfunk“-Interview am 10.  Oktober 2011 fest. „Also, die Finanzspekulation, die Großbanken, die Hedgefonds, die sind jetzt direkt verantwortlich für den Tod von Tausenden von Menschen in Ostafrika.“ 

 

Steigende Getreidepreise haben nicht nur in armen Ländern des Südens Auswirkungen, sondern auch bei uns. 2013 erklärte Armin Werner, der Hauptgeschäftsführer des Zentralverbundes: „In den letzten vier bis fünf Jahren hat sich der Mehlpreis mehr als verdoppelt, das müssen wir in der Kalkulation weitergeben.“ Für die meisten Menschen bei uns hat das keine gravierenden Konsequenzen, aber es gibt uns einen kleinen Einblick in globale Geschäfte mit Weizen. Die Nachfolger des reichen Kornbauern haben die Spekulationsgeschäfte in unermesslichem Umfang vervielfacht – wie mögen sie das Gleichnis Jesu lesen?   

 

© Frank Kürschner-Pelkmann