Lukas 1, 46-56 - Marias Lobgesang als Ermutigung in Globalisierungskonflikten 

 

46 Und Maria sprach: Meine Seele erhebt den Herrn, 47und mein Geist freuet sich Gottes, meines Heilandes; 48 denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen. Siehe, von nun an werden mich selig preisen alle Kindeskinder. 49 Denn er hat große Dinge an mir getan, der da mächtig ist und dessen Name heilig ist. 50 Und seine Barmherzigkeit währet für und für bei denen, die ihn fürchten. 51 Er übt Gewalt mit seinem Arm und zerstreut, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn. 52 Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. 53 Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen. 54 Er gedenkt der Barmherzigkeit und hilft seinem Diener Israel auf, 55 wie er geredet hat zu unsern Vätern, Abraham und seinen Nachkommen in Ewigkeit. 56 Und Maria blieb bei ihr etwa drei Monate; danach kehrte sie wieder heim.

 

Der Lobge­sang der Maria ist bereits von vielen Generationen von Christinnen und Christen als Ermu­ti­gung und Wegweisung erfahren worden. Auch der gegenüber der Marienverehrung zurückhaltende Refor­ma­tor Martin Luther hat dieses Lied geschätzt und sich intensiv mit ihm beschäf­tigt.

 

Aber so groß die Wirkung dieses neutestamentlichen Textes auch ist, so wissen wir doch nicht, ob Maria bei einer Begegnung mit Elisabeth den Lobgesang mit den im Lukasevangelium überlieferten Worten tatsächlich angestimmt hat. Zweifel sind angebracht. Es wird vermutet, dass Lukas einen Lobpsalm aufgenommen und Maria zugesprochen hat, der bereits im ersten Jahrhundert von der Jesusbewegung gesun­gen wurde. Aber da Maria zu diesem Kreis gehörte, war es nicht ganz unbe­rechtigt, dass Lukas sie das Magnifikat verkünden ließ.

 

Die feministische Theologin Claudia Janssen schreibt in einer Auslegung des Mag­­nifikats und der Begegnung von Maria und Elisabeth: „Zwar ist die Erzählung in Lk. 1 als ‚legendarisch’ zu verstehen, dennoch sind hier viele historische Erinne­rungen der Menschen, die sie überliefert haben, verarbeitet. Mit den Erzählungen … berichten die frühchristlichen Gemeinden auch über ihre eigene Gegenwart.“ (Claudia Janssen: Maria und Elisabeth singen, in: Janssen/Wehn (Hrsg): Wie Freiheit entsteht, Gütersloh 1999, S. 178f.)

 

Diese Auffassung scheint sich auch in der weltweiten Ökumene durch­zusetzen, ist doch zum Beispiel Professorin Kris Owan vom „Catholic Institute of West Africa“ in Port Harcourt/Nigeria der Auffassung, dass das Magnifikat von Lukas „kom­poniert“ wor­den ist und es als unwahrscheinlich gelten kann, dass es von Maria verfasst wur­de. Die nigerianische Theologin betont zugleich, dass dieser biblische Text die Er­fah­­rungen von jüdischen Frauen der damaligen Zeit zum Ausdruck bringt – und eben­so die Erfahrungen vieler heutiger Frauen.

 

Das Magnifikat passt ideal in die Dramaturgie des Lukasevangeliums, das einen Spannungsbogen von der Ankündigung der Geburt Jesu bis zur Kreuzigung und Auferstehung zeichnet. Die Geschichten dieses Evangeliums durchzieht die Parteinahme für die Armen und Unterdrück­ten wie ein roter Faden. In dem Hymnus des Magnifikats wird bereits das Programm Gottes mit dieser Welt deutlich, das anschließend im ganzen Evangelium entfaltet wird.

Dass bei Lukas Frauen an dieser wie an vielen anderen Stel­len in seinem Evangelium eine derart zentrale Rolle im Geschehen übernehmen, ist umso bemerkenswerter, als der Text in einer Zeit verfasst wurde, als die Männer in der entstehenden Kirche bereits dominierten und damit beschäftigt waren, Frauen daran zu hindern, verantwortliche Positionen in der Gemeinschaft zu übernehmen.

 

Ein Lied, in der jüdischen Tradition verwurzelt

 

Magnifikat heißt dieser biblische Text, weil die ersten Worte auf Lateinisch lauten: „Magnificat anima mea Dominum“. Dieses Magnifikat nimmt jüdische Traditionen auf. Wie frühere Prophetinnen und Propheten zu ihrer jeweiligen Situation, so sagte Maria in einer Zeit der Unterdrückung durch das Römischen Reiches voraus, dass die Besatzer nicht das letzte Wort haben werden, dass Gott die Gewal­tigen vom Thron stürzt und die Reichen leer ausgehen lässt.

Wie vor ihr andere jüdische Prophetinnen und Propheten brachte Maria so das Vertrauen in die Hilfe Gottes für das Volk Israel zum Ausdruck. Direkt knüpfte Maria an den Lobgesang der Hanna an, das im zweiten Kapitel des Ersten Buches Samuel überliefert ist. Hanna hatte verkün­det, dass Gott den Bogen der Starken zerbrechen wird und die Armen umgürtet mit Stärke, dass die Satten um Brot dienen müssen und diejenigen, die Hunger leiden, nicht mehr hungern werden.

 

Maria verkündete in dieser Tradition den unterdrückten und verfolgten Menschen eine Botschaft der Hoffnung. Der Gott, den Maria preist, vertröstet nicht auf ein Jenseits, sondern er greift zugunsten der Armen und Unterdrückten in die Geschichte ein.

Die Generalkonferenz der katholischen Bischöfe Lateinamerikas hat sich 1979 in Puebla zur Option für die Armen bekannt und zum Lobgesang der Maria festge­stellt: „Das Magnifikat ist Spiegel der Seele Mariens. In ihm erreicht die Spiritu­alität der Armen Jahwes und der Prophetengeist des Alten Bun­des seinen Höhe­punkt. Das Magnifikat ist der Gesang, der das neue Evangelium Christi ankündigt, es ist das Präludium der Bergpredigt.“

 

Ein Lied der Opfer der Globalisierung

 

Das Magnifikat knüpft an die Erfahrungen derer an, die die Hebräische Bibel verfasst hatten. Ein großer Teil der ersten Bücher der Bibel entstand im babylonischen Exil oder wurde dort neu formuliert. Nach einer katastrophalen militärischen Niederlage, nach der Zerstörung der Stadt Jerusalem und des Tempels, nach der Verschleppung vieler Juden nach Babylon geschah das Ungeheuerliche, das Jörg Zink in diese Worte gefasst hat:

 

„Das wehrlose und rechtlose Volk der Gefangenen unternahm also das Unerhörte: die Staatsreligion der herrschenden Macht zu demon­tie­ren und an ihre Stelle den Glauben an den souveränen Gott zu setzen. Es demon­tierte damit zugleich eine ganze Welt von Mythologie und suchte an ihrer Stelle eine schlichte, aus ungöttlichen Dingen bestehende, aber von dem einen Gott geschaffene und durchwirkte Welt.

 

Es ist kaum zu glauben. Da endet ein Volk – wie heutige Marxisten sagen würden – auf dem Misthaufen der Geschichte und weiß das. Und dann steht einer auf und sagt: Dies ist kein Ende. Dies ist kein Misthaufen der Geschichte. Dies ist eine gute Zeit zum Nachdenken, Sicherinnern, Sichändern, zum Einüben von Vertrauen und Gelassenheit, zur Korrektur von Fehlern und eine große Chance zu einem neuen Anfang. Das Exil hat sich als die große Stunde in der Geschichte Israels erwiesen.

 

Aus ihm ging das Judentum recht eigentlich hervor, lebensfähig bis heute in seiner unerklärlichen geistigen und religiösen Kraft. Der Mensch erhob sich, der, als Partner Gottes angeredet, seine Freiheit am Reichtum dieser sprechenden Schöpfung, vor allem fähig zur Verantwortung.“ (Jörg Zink: Die Urkraft des Heiligen, Freiburg 2003, S. 307f.)

 

Die Jüdinnen und Juden standen am Ende des ersten Jahrhunderts erneut im wahrsten Sinne des Wortes vor einem Trümmerhaufen, denn der Tempel in Jerusalem war zerstört worden und die Römer hatten zahlreiche Juden aus der Stadt vertrieben, auch viele Jesusanhänger. Lukas und seine Glaubensgeschwister befanden sich in einer durchaus ähnlichen Situation wie die Verfasser der biblischen Texte in Babylon.

 

Den Menschen, der der Hoffnungsträger ihrer jungen religiösen Bewe­gung war, hatten die Römer als Aufrührer hingerichtet. Die Jerusalemer Gemeinde, die die Apostel gegründet hatten und die den Kristallisationspunkt der verstreuten Jesusbewegung bildete, gab es nicht mehr. Gleichzeitig nahmen die Konflikte mit den jüdischen Glaubensgeschwistern zu, und die Verfolgung durch die Mächtigen des Römischen Reiches hatte eingesetzt.

 

Angesichts all dieser Bedrängnis und vor allem des übermächtig erscheinenden globalen Reiches der Römer nahm Lukas mit dem Magnifikat die Babylon-Tradition des Judentums wieder auf. Er entfaltete mit diesem mutigen Bekenntnis gleich in den ersten Abschnitten seines Evangeliums das, was er als Kern der Botschaft Jesu erkannt hatte: das unbedingte Vertrauen in den einen Gott und das Vertrauen in die Menschen, diese Welt aus dem Glauben heraus so zu gestalten, dass Zeichen der Herrschaft dieses Gottes über die Welt sicht­bar werden – als Gegenmodell zum Herrschaftsanspruch des Römischen Rei­ches.

 

Der Gott, der die Gewaltigen vom Thron stürzt, vertraut auf Menschen, die sich entschlossen dem umfassenden Herrschaftsanspruch einer globalen Macht entgegenstellen. Das war die Bot­schaft der jüdischen Gelehrten in Babylon, und es war die Botschaft der jungen Frau aus armen Verhältnissen, die Lukas das Magnifikat verkünden ließ.

 

So sehr diese Gedanken vielen Frauen und Männern in den Kirchen als Ermutigung erscheinen, so muss dennoch daran erinnert werden, dass das Magnifikat mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht von Maria gesungen wurde, sondern ihr nachträglich vom Verfasser des Lukasevangeliums „in den Mund gelegt“ wurde. Aber auch dann bleibt bemerkenswert, dass Lukas es für angemessen hielt, diesen theologischen Schlüsseltext seines Evangeliums von einer „ungebildeten“ jungen Frau sin­gen oder sagen zu lassen. Aus diesem Grunde bleibt das Magnifikat auch eine Ermutigung für Laien, eine aktive Rolle im theologischen Diskurs zu übernehmen und dies gilt in be­sonderem Maße für Frauen.

 

Die aufrührerische Botschaft zu verkünden und daraus Konsequenzen für die eigene christliche Existenz zu ziehen, war zu allen Zeiten mit dem Risiko von Lei­den, Verfolgung und Tod verbunden. Marias Magnifikat verbietet es, wenn wir es ernst nehmen, die Mutter Jesu, wie Lukas sie uns vorstellt, zur Hauptperson in einem harmlos-süßlichen Weihnachts­zauber zu missbrauchen. Maria ist auch nicht das Vorbild einer „duldsamen Frau“, sondern die Verfechterin tiefgreifender religiöser und gesellschaftlicher Ver­än­de­rungen.

 

Die Gewaltigen auf dem Thron haben nicht das letzte Wort

 

Das Magnifikat ist ein unbequemer Text für alle, die zu den Reichen und Mächtigen gehörten und gehören. Gott ergreift Partei für die „Anderen“, für die Opfer der damaligen und heutigen Globalisierung. Indem Lukas das Magnifikat in sein Evangelium aufnahm, trug er wesentlich dazu bei, dass die Gemeinschaften der Jesusanhängerinnen und -anhänger eine klare Orientierung für ihr Leben inmitten einer von Unrecht und Gewalt geprägten Welt gewinnen konnten – und vor allem, dass sie die Hoffnung auf eine andere Welt nicht aufgaben.

Die Gewaltigen der Welt schienen zu triumphieren, aber unerschütterlich hielt die Jesusbewegung an dem Glauben fest, dass ihr Gott die Gewaltigen vom Thron stößt. Maria, wie sie Lukas in seinem Evangelium vorstellt und zu Wort kommen lässt, ist eine Pro­phe­tin, eine Botschafterin für eine gottgefällige Welt. Dass sie sich nach der Ermor­dung ihres Sohnes der Schar seiner Jüngerinnen und Jünger anschloss, ist auf diesem Hintergrund nur konsequent.

 

Die Gewaltigen, die vom Thron gestürzt werden sollten, waren im 1. Jahrhundert leicht zu identifizieren, betont Professorin Luise Schottroff, die in den letz­ten Jahrzehnten viel dazu beigetragen hat, die sozialgeschichtlichen Zusammenhänge zu Zeiten des Aufschreibens des Neuen Testaments besser zu verstehen:

 

„Die Gewaltigen hatten auch damals Namen und Adresse: Das waren der Kaiser in Rom, seine Statthalter in Syrien und Caesarea, seine Truppen in Jerusalem und seine Helfershelfer aus dem eigenen jüdischen Volk: viele Hohepriester und vor allem Sadduzäer. Die machten eine ganz konservative Theologie und unterstützten die römische Herrschaft und profitierten davon.“ (Luise Schottroff: Das Evangelium der Armen, in: Walter Jens (Hrsg.): Frieden, Die Weihnachtsgeschichte in unserer Zeit, Stuttgart 1981, S. 57f.)

 

Mit dieser Einschätzung steht die feministische Theologieprofessorin nicht allein. Bei dem chinesischen Theologieprofessor Sun Hanshu lesen wir: „Maria selbst lebte unter der rücksichtslosen politischen Herrschaft des römischen Imperiums. Jeden Tag beobachtete sie die Selbstgefälligkeit der stolzen römischen Amtsträger und die arrogante jüdische Oberschicht. Sie sah, wie unanständig und raffgierig diese Reichen und mächtigen Leute waren und wie tragisch und schwierig das Leben der Armen und Hungernden war.“ (Sun Hanshu: The Magnificat, Ching Feng (Nanjing), 4/1985, S. 237)

 

Jesu Leben war von der Geburt bis zum Tod stark beeinflusst von dem Schatten, den das mächtige Römische Reich auf Galiläa und Judäa warf. Der Lobgesang der Maria enthält eine kühne Gegenvision zum Alltag der brutalen Herrschaft eines Welt­reiches. Luise Schottroff und Dorothee Sölle schreiben in ihrem Jesus-Buch über diesen Lobgesang:

 

„Die mächtigen Herrscher des weltweiten Römischen Reiches verlieren ihre Macht, denn sie haben sie in Arroganz missbraucht. Erniedrigte, wie das junge Mädchen Maria und das verarmte jüdische Volk werden zu Gottes geliebten Kindern. Alle Verheißungen der Geschichte Israels sind erfüllt worden. Das Lied setzt eine präzise kritische Analyse der wirtschaftlichen und politischen Situation des von Rom unterworfenen jüdischen Volkes voraus. Die moderne Sozialgeschichte rechnet für diese Zeit mit einer sozialen Spaltung zwischen Reichen und Armen und damit, dass 99% der Bevölkerung arm zu nennen sind. Das Magnificat benutzt die Sprache der religiösen Tradition, die Sprache der Psalmen, um die soziale Situation beim Namen zu nennen.“ (Dorothee Sölle/Luise Schottroff: Jesus von Nazareth, München 2000, S. 12f.)

 

Ein Hoffnungstext für Christinnen und Christen im Süden der Welt

 

Zur Wirkungsgeschichte des Magnifikats gehört, dass es in Theologien im Süden der Welt zu den zentralen Hoffnungstexten zählt, vergleichbar den Texten über den Aufbruch aus der Sklaverei in Ägypten, dem Exodus. Heute ist das Magnifikat in besonderer Weise zu einer Verheißung für Befreiungstheologinnen und -theologen geworden. Am Magnifikat lässt sich exemplarisch zeigen, wie ein biblischer Text immer wieder neu aus dem jeweiligen Kontext interpretiert wird und zahllose Frauen (und manche Männer) in verschiedenen Teilen der Welt zum eigenen Nachdenken über die biblische Verheißung inspiriert.

 

Dafür ist der westafrikanische Theologin Kris Owan ein Beispiel. Sie schrieb Mitte der 1990er Jahre in einem theologischen Beitrag über das Magnifikat: „Es ist enttäuschend, feststellen zu müssen, dass etwa zweitausend Jahre, nachdem Maria das Magnifikat gesungen hat, der Ruf nach Gerechtigkeit, Frieden und Entwicklung weiterhin ein Schrei aus der Ferne von Menschen und Orten überall auf dem Glo­bus ist. Für die Zukunft und eine bessere Weltordnung ist es dringend erforderlich, die Armen zu stärken. Sie zu stärken bedeutet, Partei für die Armen zu ergreifen, ihnen mehr Macht zu verschaffen, damit sie selbst Entscheidungen treffen und ihr eige­nes Los verbessern können ... Dies bedeutet nicht bloß, den Armen und weni­ger Privilegierten mit einmaligen Maßnahmen zu helfen, sondern sich Ausbeutung und Unterdrückung entgegenzustellen.“ (Chris J.N. Owan: The Magnificat and the Empowerment of the Poor, in: Vidyajyoti, Journal of Theological Reflection, Delhi, October 1995, S. 658)

 

Eine asiatische befreiungstheologische Interpretation biblischer Texte vermit­telte die koreanische Theologin Chung Hyun Kyung: „Maria singt ein revolutionäres Lied, das Magnifikat. Ihrer Sehnsucht nach Befreiung aller Unterdrückten gibt sie mit den Worten Hannas, einer gleichfalls starken Frau Israels, Ausdruck. Maria lässt die vergessene Kraft ihrer Vormutter, Hanna, lebendig werden, indem sie han­delt und das Wirken des Geistes in ihrer Schwangerschaft annimmt ... Dass Elisabeth die erste Hörerin des Magnifikats ist, offenbart eine wichtige Wahrheit: Frau­en brauchen die Gegenwart und Bestätigung anderer Frauen, um den Traum der Revolution zu wagen und ihre Lebenskraft zu feiern.“ (Chung Hyun Kyung: Schamanin im Bauch, Christin im Kopf, Stuttgart 1992, S. 151)

 

Hier soll noch ein asiatischer Theologe zu Wort kommen, der Indonesier Edy Sumartono. Er hat in einer Bibelarbeit über das Magnifikat herausgestellt, dass Marias Text auch einen neuen Zugang zur Theologie eröffnet:

 

„Maria sah Theologie als Kontemplation und als ein umfassendes Verständnis der tagtäglichen Erfahrungen mit Gott an. Daher ist die Entwicklung theologischer Konzepte nicht nur das Recht von Akademikern und religiösen Führern, sondern das Recht eines und einer jeden. Dieses Konzept veranlasste Maria dazu, ihre Theologie auf ihrer Lebenserfahrung aufzubauen. Statt ihre theologischen Konzepte in Form religiöser Vor­­schriften, Dogmen, Philosophien oder wissenschaftlicher Schriften zum Ausdruck zu bringen, äußerte sie sich in einem Lobpreislied.“ (Edy Sumartono: Bible Study, Christmas, Women and Politics, in: Refleksi, Indonesien, 1/1997, S. 59)

 

Edy Sumartono fügt hinzu, dass Theologie in diesem Rahmen Erfahrungen im ganz realen Leben zum Ausdruck bringt und in einer Weise formuliert, die gewöhnliche Leute gut verste­hen können.

 

Ein Hoffnungslied auch für wohlhabende Christinnen und Christen in Europa?

 

Der Lobgesang Marias bei ihrer Begegnung mit Elisabeth gehört zu den biblischen Texten, die immer wieder Menschen, und besonders Frauen, in aller Welt Mut gemacht haben, selbstbewusst aufzutreten und sich gegen Unrecht und Ausbeutung zur Wehr zu setzen. Schon der Anfang des Magnifikats ist ein „Paukenschlag“. Welche Sätze einer jungen Frau aus armen Verhältnissen! Wie ist die europäische Theologie mit dieser Provokation umgegangen?

Das Magnifikat hat zu Martin Luthers Zeiten viele Bauern und andere Opfer des Status quo dazu veranlasst, die Macht der Fürsten und Könige infrage zu stellen. Auch die „Schwärmer“ waren nicht bereit, die be­stehenden politischen Autoritäten als gottgegeben zu akzeptieren. Martin Luther grenzte sich scharf von ihnen ab. In seiner 1520/21 entstandenen umfangreichen Schrift über das Magnifikat unterschied er die Verfehlungen von Fürsten, die deshalb mit ihrem Sturz rechnen müssten, von der Überzeugung, dass die „Stühle bleiben“.

 

Es kann nicht überraschen, dass es im Laufe der Kirchengeschichte immer wieder Versuche gegeben hat, der aufrührerischen Botschaft ihre Spitze zu neh­men, jedenfalls für diese irdische Welt. In einer Welt, in der die Reichen immer reicher und die Mächtigen immer mächtiger wurden, mochte die Kirche gar zu oft nicht die Botschaft Marias in ihrer ganzen Radikalität verkünden. Siegfried Meurer, damals Generalsekretär der Deutschen Bibelgesellschaft, hat dies Anfang der 1980er Jahren in einem Buchbeitrag zurechtgerückt:

 

„Die Kir­che hat deshalb in diesem Hymnus vornehmlich Aussagen über das Reich Gottes am Ende aller Tage gesehen. Spätestens dann werden die Mächtigen entthront, die Hochmütigen erniedrigt, die Frommen erhöht und die Hungernden satt werden. Da­mit ist gewiss Wahres ausgesprochen – denn den sozialen Ausgleich, der alle zufriedenstellt, wer­den wir auf Erden nicht verwirklichen … Wenn die Kirche jedoch nur diesen endzeitlichen Aspekt verkündigt, wird sie der biblischen Aussage nicht gerecht und darf sich nicht wundern, wenn sie damit die marxistischen Gegen­­thesen geradezu herausfordert.“ (Siegfried Meurer: Vom kraftlos gewordenen Salz und anderem Verrat am Reich Gottes, in: Hartwig Liebich (Hrsg.): Die Mülltonnen der Reichen und der arme Lazarus, Stuttgart 1982, S. 34)

 

Siegfried Meurer stellte dann die Frage, wie die Aussagen Marias zu verstehen sind: „Um auf diese Frage eine rechte Antwort zu finden, muss zunächst einmal auf einen Tatbestand hingewiesen werden, der durch die Luther-Bibelübersetzung etwas verdeckt ist. Eigentlich heißt es in dem Hymnus: Er hat die Mächtigen vom Thron gestoßen, er hat die Hungrigen gesättigt und so fort. So steht es im Urtext, so wird es auch in einigen Übersetzungen wiedergegeben. Mit anderen Worten: Obwohl dieses und jenes noch nicht eingetreten ist oder noch aussteht, wird es bereits als geschehen ausgesagt. So aber haben die Propheten des Alten Testaments geredet ... Der Lobgesang Marias ist deshalb eigentlich ein prophetischer Hymnus, in dem besungen wird, was bereits bei Gott beschlossene Sache ist und gewiss eintreten wird.“ (S. 34f.)

 

In den deutschen Kirchen hat in den letzten Jahren ein neues Nachdenken über das Bild Marias und über das Magnifikat begonnen, und das ist vor allem Frauen zu verdanken. Dafür einige Beispiele: Elisabeth Moltmann-Wendel hat über das Magnifikat geschrieben: „Und dann ist da Marias Lied. Man hat es ein aufrühre­risches Lied genannt, das von Sozialrevolutionären stammen soll. Vielleicht stammt es nicht von ihr, und man hat es ihr in den Mund gelegt. Aber es sagt soviel von ihr aus: Sie ist die, die keine Gewalt hat und die eigentlich auf eine niedere soziale Stufe gehört. Sie ist die Hungrige, die jetzt tief befriedigt ist. Sie und Gott auf der einen Seite – die brutale Gewalt, der billige Reichtum auf der anderen Seite. In ihr und ihrer Geschichte ist dies lebendig geworden.“  (Elisabeth Moltmann-Wendel: Brief an eine junge Frau, in: Das Sonntagsblatt)

 

Maria Jepsen, bis 2010 evangelische Bischöfin in Hamburg, hat in einem Interview mit der „tageszeitung“ (15.5.2010) beschrieben, was sie in der Ökumene über das Magnifikat und den Satz gelernt hat, dass die Mächtigen vom Thron gestürzt werden: „Ja, das ist mir gerade in Lateinamerika deutlich geworden, wo Maria Symbolfigur des Umsturzes ist. Jedoch nicht als Revolution, sondern als Umsturz der Werte. Gott ist auch bei den kleinen und schwachen Menschen.“

 

Auf die Rückfrage, ob das Magnifikat nicht doch etwas mit Revolution zu tun habe, antwortete die Hamburger Bischöfin: „Mit Revolution hat es schon zu tun, aber nicht mit Gewalt und Terror. Es ist eine Revolution der Werte. Es geht um die Gerechtigkeit Gottes, nicht um Gewalt von oben. Es ist eine Revolution in Richtung Gerechtigkeit und Barmherzigkeit, und es ist immer ein Aufstand gegen Diktatur, ob es die politische Diktatur ist oder die des Geldes.“

 

Ein revolutionäres Lied und der Alltag der Globalisierung

 

„Wie sehr muss dieses Lied die Mächtigen dieser Erde erzittern lassen! Der ‚revolutionäre Kern’ des ‚Magnificat’ soll schon den russischen Zaren in Schrecken versetzt haben und spricht heute unmittelbar hinein in die soziale Not vieler Christenmenschen in der sog. Dritten Welt.“ Dies verkündete der badische Bischof Ulrich Fischer im Dezember 2008 in einer Predigt. Angesichts krassen Unrechts in der Welt und auch im eigenen Land entdecken viele Christinnen und Christen in Europa heute den „revolutionären Kern“ des Magnifikats neu.

 

Warum versetzt das Magnifikat heute die Mächtigen dieser Welt nicht mehr in Schrecken? Und schon gar nicht die politisch und wirtschaftlich Mächtigen in Europa? Unter den Bedingungen der Globalisierung machen sich vielerorts unter den Verlierern des Globalisierungsprozesses große Perspektivlosig­keit und tiefe Resignation breit. Die „Bestrafung“ der eigenen Regierung durch Abwahl scheint wenig zu bringen, wenn die Beherrscher der Märkte – und vor allem der Finanzmärkte – entscheiden, welche Volkswirtschaft auf „Ramschniveau“ herabgestuft wird und damit keine Chance mehr hat, zu verkraftbaren Zinsen neue Kredite zu erhalten.

 

Und auch die Länder, die besser dastehen, passen sich den Anforderungen der „Märkte“ oder genauer gesagt einer begrenzten Zahl mächtiger Akteure auf diesen Märkten an. Und viele dieser mächtigen Akteure sind skru­pellose Spekulanten, die gezielt auf den Niedergang einer Volkswirtschaft wetten, um selbst hohe Gewinne zu erzielen, und denen völlig egal ist, wie viele Menschen sie auf diese Weise ins Unglück stürzen.

 

Theologinnen und Theologe überall in der weltweiten Ökumene haben in dieser Situation die „Sprengkraft’“ des Liedes erkannt und benannt. Der Ka­tholik Claudio Ettl kommt in einer Veröffentlichung des Katholischen Bibelwerks zu dieser Einschätzung: „Das Magnifikat ist ein Protest- und Kampflied mit macht- und sozialkritischer Sprengkraft. Gottes Fürsorge und Barmherzigkeit ist zugleich immer auch Protest gegen herrschende ungerechte Strukturen und Kampf für Gerechtigkeit und Gleichheit. Marias Glaube ist subversiv im wörtlichen Sinne, er unterwandert bestehende ungerechte Strukturen und zersetzt die Macht der Herrschenden. Für Lukas besitzen diese Worte ein gleichermaßen prophetisches wie revolutionäres Potenzial – gesprochen von einer Frau, noch vor der Geburt Jesu.“ (Claudio Ettl: Leben mit dem Wunderkind, in: Maria und die Familie Jesu, Welt und Umwelt der Bibel, 4/2009, S. 14)

 

Können Christinnen, Christen und ihre Kirchen in einer von der Globalisierung geprägten Welt Hoffnung und Per­spektiven glaubwürdig verkünden und exemplarisch vorleben? Die Verheißung des Magnifikats für die Armen und Unterdrückten bedeutet heute vor allem eine kritische Anfrage an die wohlhabenden und reichen Christinnen und Christen in Ländern wie Deutsch­land. Daher muss wohl dem leider zugestimmt werden, was Präses Nikolaus Schneider beim Schlussgottesdienst des 2. Ökumenischen Kir­chen­tages 2010 in Berlin über das Magnifikat sagte: „Wir gutsituierten Christenmen­schen – wir träumen nicht von der Umkehrung aller Verhältnisse, allenfalls träu­men wir von friedlicher Veränderung. Nur zaghaft und kleinlaut stimmen wir ein in das wilde, aufständische Hoffnungslied der Maria.“

 

Die nordelbische Bischöfin Bärbel Wartenberg-Potter hatte sieben Jahre vorher in einer Ökumenischen Marienfeier beim ersten Ökumenischen Kirchentag 2003 in Berlin über das Magnifikat gesagt: „Heute sind wir nicht mehr so rebellisch im Ton, aber das Lied der Maria ist so radikal geblieben, wie es in der Bibel steht: Wer wagte heute öffentlich zu sagen, dass die Reichen leer ausgehen sollen? Sie gehen nicht leer aus, sondern mit gefüllteren Taschen denn je. Die soziale Frage ist neu gestellt in unseren Tagen. Wer bezahlt für die Veränderungen, die die Globalisie­rung erzwingt? Wer macht sie sichtbar, die Armen dieser Erde, nach denen nie­mand mehr fragt, weil sie nichts kaufen können, nicht konsumieren können, mit keiner Faser ihres Lebens teilnehmen an den Errungenschaften des Fortschritts und der Globalisierung? Wer fragt nach den sozial Ausgegrenzten in unserer eige­nen Mitte, wer triff für sie ein?“

 

Bärbel Wartenberg-Potter forderte dazu auf, in die Fußstapfen der großen Vorbilder Maria und Elisabeth zu treten: „Gott braucht unseren Mund, um große Lie­der zu singen und heute furchtlos die Zeitansage zu machen, wie es mit den Armen und Niedrigen heute steht.“ Gott brauche ebenso unsere Hände, um dort anzupacken, wo Menschen Hilfe brauchen, und er braucht unsere Füße: „Um weite Wege zu gehen, damit die Zukunft nicht nur den Schnellen und Cleveren, dem weltweiten Web überlassen bleibt, sondern mit menschlicher Gegenwart Einsamkeit über­wunden und Nähe geschaffen wird.“

 

Zum Beispiel: Tissa Balasuriya, ein feministischer Befreiungstheologe in Sri Lanka

 

„In einer Welt voller Ungerechtigkeit ist Marias Botschaft der Gerechtigkeit und Befreiung bedeutsam für die Armen und für die Reichen, für die Opfer von Ungerechtigkeit und ebenso für diejenigen, die andere unterdrücken. Marias Spiri­tua­lität kann eine Inspiration für eine grundlegende Verwandlung sein, die wir alle brauchen in unserer Welt des Hungers inmitten von Überfluss, von Kriegen und Kriegsdrohungen, der Ausbeutung von Menschen und Natur sowie einem großen Ausmaß von Tod und Zerstörung, verursacht durch menschlichen Eigennutz und Desinteresse an anderen Menschen.“

 

Das schrieb 1990 der srilankische katholische Theologe Tissa Balasuriya in seinem Buch „Mary and Human Liberation“. Er äußerte in seinem Buch die Hoffnung, dass mit einem neuen Verständnis von Maria eine Erneuerung von Theologie und Kirche einhergehen könnte – und eine neue Mariologie zur Befreiung der Frauen beitragen würde:

 

„Das Nachdenken über die befreiende Botschaft von Jesus und der Mitwirkung von Maria (und anderer Frauen) daran kann zur Befreiung der Frauen inspirieren, ins­besondere durch das Bewusstsein der Frauen von ihren Rechten und ihrer Würde. Das Verständnis von der Rolle Marias und ihrer Identität auf eine menschlichere Weise kann alle Jüngerinnen und Jünger Jesu dazu ermutigen, an dem Kampf teilzunehmen, der erforderlich ist für die Verwirklichung der Frauenrechte in einem Welt­system, in dem sie für Profit, Vergnügungen und Machtausübung ausgebeutet werden.“

 

Besonders aufgrund des Magnifikats sah der srilankische Befreiungstheologe in Maria die Vorkämpferin einer umfassenden Be­freiung: „Wir sehen hier eine totale Umkehrung der Werte und Strukturen. Es ist zweifellos eine radikale Botschaft von der Art, die wir in den Schriften revo­lutionärer Prophetinnen und Propheten verschiedener Zeitalter nachlesen kön­nen. Das Bedauerliche ist aber, dass die christliche Tradition erfolgreich darin war, Maria so weit zu domestizieren, dass sie eher als Beruhigerin der Verstörten denn als Beunruhigerin der behaglich Lebenden angesehen wird. Ihre Worte können eine Inspiration für radikales Handeln zu Veränderungen der Wesensart von Per­sonen und von Strukturen der Gesellschaft sein.”

 

EINE ZUNEHMENDE DISTANZ ZUR EUROPÄISCHEN THEOLOGIE

Tissa Balasuriya wurde am 29. August 1924 in einem abgelegenen Dorf in Sri Lanka geboren. Sein Vater arbeitete dort als Apotheker für die Regierung. Mit fünf Geschwistern wuchs Tissa in einer idyllischen, aber armen Umgebung auf, und wahrscheinlich hat sein lebenslanges Engagement für die Armen hier eine ihrer Wurzeln. Er besuchte eine lokale Grundschule und danach eine hoch angesehene katholische Oberschule, in der die Marienverehrung eine große Rolle ein­nahm. Mit 18 Jahren begann Tissa Balasuriya das Universitätsstudium. Er schloss es mit Auszeich­nung im Fach Ökonomie ab.

 

Schon während des Studiums hatte er sich entschieden, Priester zu werden. Er trat 1945 in den Oblaten-Orden ein, weil dieser Orden die Option für die Armen ernst nimmt. Nach einem Jahr als Novize in einem Kloster wurde Tissa Balasuriya von seinem Orden nach Rom geschickt, um an der berühmten katholischen Universität Gregoriana die Fächer Philosophie und Theologie zu studieren.

 

Gemeinsam mit anderen Studenten aus dem Süden der Welt wehrte er sich dort gegen die europäische Überheblichkeit gegenüber den Menschen in Afrika und Asien. Mit den europäisch geprägten Lehrinhalten konnte der srilankische Student nicht viel anfangen. Allein das intellektuelle Training sei wertvoll gewesen, sagte er später. Anschließend beschäftigte sich Tissa Balasuriya in Oxford mit Fragen der Agrarökonomie und in Paris mit philosophischen Themen. Er befasste sich also vor allem intensiv mit westlicher Theologie und Philosophie, entwickelte aber eine zuneh­mende Distanz zu ihnen.

 

Nach sechs Jahren kehrte Tissa Balasuriya 1953 nach Sri Lanka zurück, übernahm verschiedene Lehraufträge und wurde Rektor einer katholischen Hochschule. Aber so hoch das Ansehen auch war, das er dort genoss, so sehr war er bestrebt, eine für die Armen in Sri Lanka relevantere Aufgabe zu übernehmen. 1971 trat er von seinem Posten zurück und gründete das „Centre for Society and Religion“ (CSR).

 

Dieses Institut ist zu einem der wichtigsten Zentren für die kritische Reflexion und Diskussion politischer, sozialer und ökonomischer Prozesse und Perspektiven in Sri Lanka geworden. Soziale Emanzipation gehört ebenso zu den Zielen des Zentrums wie die Vertiefung spiritueller Werte.

 

Das Engagement für eine umfassende Befreiung

 

Im Juli 1981 hielt Tissa Balasuriya ein Referat bei der internationalen Tagung „Die Gemeinschaft von Frauen und Männern in der Kirche“, in Sheffield/Großbritannien, ein ökumenisches Treffen, das zum Ausgangspunkt für den Aufbruch vieler Frauen in der Ökumene und für ein stärkeres Frauenengagement in den Kir­chen wurde. Der srilankische Theologe setzte sich in seinem Vortrag mit dem Zusammenhängen von Geschlechts-, Rassen- und Klassenherrschaft auseinander und entfaltete ein umfassendes Befreiungsverständnis, das später auch in seinem Ma­ria-Buch zum Tragen kam:

 

„Unser Ziel sollte eine ganzheitliche Befreiung sein, sodass die Beziehungen zwischen Personen und Gesellschaften für alle Menschen an allen Orten reich und erfüllt werden können. Das erfordert ein Annehmen des anderen Menschen und der anderen Rasse und die Abschaffung einer auf Ausbeutung einer Klasse durch die andere gegründeten Gesellschaft. Natürlich ist das ein Ideal, eine Utopie, beinahe ein unerfüllbarer Traum. Aber die besten Entwürfe des menschlichen Geistes und die Verheißungen Gottes in der Bibel sind dieser Art.“ (Tissa Balasuriya: Frauen und Männer in neuer Gemeinschaft, in: Constance F. Parvey (Hrsg.) Die Gemeinschaft von Frauen und Männern in der Kirche, Neukirchen-Vluyn 1985, S. 62f.) 

 

Tissa Balasuriya bemüht sich, die Verbindungen zwischen dem Leben in kleinen Gemeinschaften wie dem Dorf seiner Kindheit und globalen Problemen zu erken­nen. Daher hat er sich intensiv mit den Auswirkungen der Globalisierung auf die Menschen im Süden der Welt beschäftigt und ist dabei – nicht überraschend – zu globalisierungskritischen Positionen gelangt. Die befreiende Botschaft des Evangeliums stellt, ist der srilankische Theologe überzeugt, Christinnen und Christen vor die Aufgabe, sich für soziale Gerechtigkeit in der Welt einzusetzen.

 

Tissa Balasuriya hat über dreißig Bücher zu Fragen der Theologie, der Menschenrechte und der Religionen veröffentlicht. In diesen Büchern, in zahlreichen Ar­­­tikeln und in seinem praktischen Engagement in Sri Lanka hat er sich bemüht, Unrecht entgegenzutreten und den Dialog aller gesellschaftlichen und religiösen Grup­pen zu fördern. Dazu gehörten zum Beispiel Gespräche mit Politikern und re­ligiösen Führern, aber auch mit Jugendlichen im Gefängnis und mit tamilischen Re­bellen. Ich selbst habe ihn Ende der 1980er Jahren zusammen mit anderen Mitgliedern einer interreligiösen srilankischen Friedensinitiative kennengelernt und war tief beein­druckt von diesem ebenso klugen wie engagierten Theologen.

 

Konflikt um „Maria und die menschliche Befreiung“

 

Das Buch „Mary and Human Liberation“ erschien 1990 und wurde zunächst über Sri Lanka hinaus kaum beachtet. Erst zwei Jahren nach dem Erscheinen warnten die katholischen Bischöfe Sri Lankas vor häretischen Inhalten des Buches. International bekannt wurde diese Veröffentlichung aber erst, als der Autor 1997 wegen des Buches von der katholischen Kirche exkommuniziert wurde. Der damalige Präfekt der Glaubenskongregation, Kardinal Ratzinger, war aufseiten des Vatikans für das Verfahren zuständig, das zum Ausschluss Tissa Balasuriyas aus der katholischen Kirche führte.

 

An „Mary and Human Liberation“ wurde vor allem kritisiert, dass die unbefleckte Empfängnis Marias und die Vorstellung von der Erbsünde in Zweifel gezogen wurden. Auch die Unterscheidung des Autors zwi­schen dem, was Jesus gelehrt hatte, und dem, was die Kirche lehrt, stieß im Vatikan auf Ablehnung. Kritisiert wurde außerdem, dass Tissa Balasuriya das christolo­gische Dogma der Kirche relativiert habe, indem er Jesus in seinem Buch nur als „obersten Lehrer“ bezeichnete, hingegen die Gottessohnschaft nirgends explizit an­er­kannt hatte. Schließlich stießen Tissa Balasuriyas Ausführungen zur interreli­giösen Zusammenarbeit auf Missfallen.

 

Seine Exkommunizierung am 2. Januar 1997 löste vor allem unter asiatischen Christinnen und Christen heftige Proteste aus. Auch die Asiatische Menschenrechtskommission befasste sich mit dem Fall und ver­urteilte das Vorgehen des Vatikans. Vielleicht vom Ausmaß der Proteste überrascht, war man im Vatikan zu neuen Gesprächen bereit, und im Januar 1998 wurde Tissa Balasuriya wieder in die Kirche aufgenommen. Er bekannte keinen Irrtum in Fragen der Doktrin, räumte aber „Irrtümer bei der Wahrnehmung“ ein. Er musste zustimmen, dass er alle seine zukünftigen zur Veröffentlichung vorgesehenen Texte vorab den Bischöfen zur Imprimatur, also zur Freigabe, vorlegen werde.

 

Maria aus einer srilankischen Befreiungsperspektive

 

Was steht nun in dem Buch, mit dem Tissa Balasuriya derart viel Aufmerksamkeit und Kritik auslöste? Ausgangspunkt für die theologischen Reflexionen des srilankischen Befreiungstheologen ist die Überzeugung, dass in der vorherrschenden Theologie „Maria zum Vorteil einer männlichen Dominanz und Konformität mit der bestehenden sozialen Ungleichheit interpretiert worden ist“. Maria kann uns heute, schreibt Tissa Balasuriya, zu einem Dienst für Gerechtigkeit, interreligiösem Dialog, Friedenshandeln, Befreiung der Frauen und Sorge für die Natur motivieren.

 

Tissa Balasuriya plädiert für eine neue Marienfrömmigkeit. Maria ist von Christinnen und Christen immer wieder in persönlichen Notsituationen ange­rufen worden, wobei, ist er überzeugt, die soziale Dimension vernachlässigt wor­den ist: „Aber der Mariologie fehlte eine klare und systematische Beziehung zu grundlegender sozialer Umgestaltung, die Gerechtigkeit innerhalb von Gemeinschaften, Na­tionen und auf weltweiter Ebene schafft.“

 

Dies wären aber Im­pli­kationen, die sich aus dem Magnifikat ergeben: „Aber über die Jahrhunderte ist die Marienspiritualität kaum in einer Weise dahin entwickelt worden, dem Bösen, den Ungerechtigkeiten der Feudalgesellschaft, dem Kapitalismus, dem impe­ria­lis­ti­schen Kolonialismus und der männlichen Vorherrschaft entgegenzutreten ... Diese Dimension der Mariologie als gesellschaftlich befreiend entsteht erst in jüngerer Zeit mit der Zunahme eines umfassenden Bewusstseins für die unlösbare Verbin­dung von sozialer Gerechtigkeit und christlicher Heiligkeit.“

 

Alternativen zur vorherrschenden Globalisierung

 

Die Beschäftigung mit der Bedeutung Marias für unsere heutige Welt ist für Tissa Balasuriya aufs Engste verknüpft mit einer scharfen Kritik an der vorherrschenden Globalisierung und mit dem Engagement für eine Globalisierung, die auf menschlicher Solidarität beruht. Diese Position hat er in zahlreichen Beiträgen veröffentlicht und im Jahre 2000 in dem Buch „Globalization and Human Solidarity“ zusammengefasst. Darin formuliert er: „Mensch­liche Solidarität würde es erfordern, dass die Menschheit fähig wird, die Ressourcen der Erde zum Wohle aller Menschen auf der Welt zu nutzen.“

 

Es kann nicht überraschen, dass die gegenwärtig bestehende Globalisierung nach Einschätzung von Tissa Balasuriya diesem Maßstab nicht gerecht wird. Daher setzt er sich dafür ein: „Menschliche Gemeinschaft erfordert, dass für die dringenden Bedürfnisse aller Sorge getragen wird und erst dann dem Luxus einiger weniger. Dies beinhaltet eine fairere Verteilung von Ressourcen wie Land, physische Ressourcen, Kapital, Berufsausbildung, Wissen und Technologie.“ Die bestehende Globalisierung müsse radikal verändert werden in Richtung auf ein Teilen der Ressourcen und eine Sorge für alle.

 

Die Religionsgemeinschaften, führte Tissa Balasuriya in seinem Globalisierungsbuch aus, können eine wichtige Rolle dabei übernehmen, die benach­teiligten Gruppen in aller Welt zu mobilisieren und dies zunächst für begrenzte Ziele. Daraus kann dann eine große Bewegung menschlicher Solidarität entstehen, die zu einer mächtigen Kraft für die erstrebenswerten persönlichen und gesell­schaft­li­chen Veränderungen wird.

 

Besonderes Gewicht legte Tissa Balasuriya auf die Bedeutung der Spiritualität als menschlichem Streben nach einer Verwirklichung der „edelsten Sehnsüchte, nach Heiligkeit und Vollkommenheit in Gemeinschaft mit dem Transzendenten, dem Göttlichen, in dem Maße, wie uns dies in unserer irdischen Existenz möglich ist. Es bezieht den Menschen und die Gemeinschaft in die Bemühungen ein, Selbstsucht zu überwinden, für andere zu sorgen, mit ande­ren zu teilen, was jede und jede von uns besitzt, damit menschliches Glück und Fülle für alle zunehmend verwirklicht werden.“

 

Weil die Bedingungen menschlichen Lebens heute sehr stark sowohl von lokalen als auch von globalen Kräften abhängig sind, sei es unverzichtbar, dass sich diejenigen, die an der spirituellen Entwicklung von Menschen interessiert sind, in globalen Fragen von Essen, Wohnen, Beschäftigung, Gerechtigkeit, Frieden und sozialem Zusammenhalt im tatsächlichen Leben engagieren.

 

Tissa Balasuriya starb am 17. Januar 2013 im Alter von 89 Jahren. Auch in seinen letzten Lebensjahren hat er Essays veröffentlicht, in denen er sich kritische mit vielfältigen Formen der Ungerechtigkeit auseinandersetzte, und hat weiterhin mit armen Gemeinschaften in Colombo zusammengearbeitet. Er behielt seinen bescheidenen Lebensstil bei. In einem Nachruf bezeichnete ihn sein Freund und Mitstreiter Ruki Fernando als „einen liebenden und einfühlsamen Rebellen“.

 

Seine Kritik am Vatikan blieb scharf und er forderte eine Anerkennung der Verbrechen im Namen der Kirche von den Kreuzzügen über die Inquisition und die Hexenverbrennung bis zu heutigen Formen des Unrechts. Maria blieb eine Quelle der Inspiration und der Wegweisung für ihn, und er hat seinerseits Menschen inspiriert, sich aus dem Glauben heraus für Gerechtigkeit und Versöhnung einzusetzen.

 

© Frank Kürschner-Pelkmann