Wort für Wort von Gott inspiriert: die Konsequenzen eines Bibelverständnisses

 

Wenn Christinnen und Christen die Bibel Wort für Wort als direkte göttliche Offenbarung verstehen, hat das tief greifende Auswirkungen darauf, wie die Bibel gelesen wird und welche Konsequenzen aus dieser Lektüre gezogen werden für den eigenen Glauben, für das eigene Leben und für das kirchliche und gesellschaftliche Engagement. Besonders einleuchtend ist dies im Blick auf jene christlichen Gruppen und Sekten, in denen gepredigt wird, dass diese Welt abgrundtief schlecht sei. Rasch finden sich in der Bibel genügend Verse, die dieses pessimistische Menschenbild zu bestätigen scheinen. In Predigten wird dann verkündet, es lohne sich nicht, die eigene Energie und Zeit für Verbesserungen in dieser sündigen Welt zu verschwenden. Es komme vielmehr darauf an, sich um das eigene Seelenheil und das seiner Nächsten zu sorgen. Die Anhänger solcher Gruppen fallen als aktive Mitglieder sozialer Bewegungen weitgehend aus.

 

Andere christlich-fundamentalistische Gruppen engagieren sich zwar in karitativer Hilfe (häufig um auf diesem Weg zu missionieren), lehnen aber jedes politische Engagement ab, was nicht bedeutet, dass keine politische Wirkung von ihnen ausgeht. Besonders in diktatorisch regierten Ländern, in denen es darauf ankäme, ein breites Bündnis für Demokratie und Menschenrechte zu schmieden, unterstützt ihre „unpolitische“ Haltung den Status quo.

 

In manchen Fällen wird sogar das herrschende Regime aktiv unterstützt, wenn sich dieses als christlich präsentiert. Eine kritische Auseinandersetzung mit der Globalisierung erfolgt dann selbstverständlich nicht. Die Behauptung, alles Böse komme vom Teufel und sei nicht das Werk von Menschen, erweist sich ebenfalls als Hindernis bei dem Versuch, gerechte Verhältnisse zu erkämpfen.

 

„Die jetzige Führung akzeptieren und sich auf den Himmel vorbereiten“

 

Der neuseeländische Theologe Paul Gifford hat in den 1980er und Anfang der 1990er Jahre systematisch untersucht, welche Theologie und welche Politik von fundamentalistischen Gruppen in Afrika verbreitet werden. Hier Beispiele aus Kenia: „Als dort in den achtziger Jahren alle politischen Aktivitäten der Opposition verboten wurden, haben in Grunde Kirchenmänner die Führungsrolle in der Opposition übernommen ... Aber gleichzeitig gab es eben andere Kirchen, die dem Moi-Regime unschätzbare Unterstützung zukommen ließen. Die staatlich kontrollierten Medien porträtierten Präsident Moi ständig als gottesfürchtigen Führer, der sich nur von seinen christlichen Prinzipen ‚Frieden, Liebe und Einheit‘ leiten lasse.

 

Jeden Sonntagabend war die erste Nachricht im Fernsehen, welchen Gottesdienst Präsident Moi am Morgen besucht hatte. An einem Sonntag im Februar 1992, als er schon unter erheblichem innerem und äußerem Druck stand, den Bann gegen die Oppositionsparteien aufzuheben, besuchte Moi den Gottesdienst der ‚Gospel Redeemed Church‘. An jenem Abend wurden in den Fernsehnachrichten lange Passagen aus der Predigt des Kirchenführers übertragen: ‚Im Himmel ist es genauso wie seit vielen Jahren in Kenia. Es gibt dort nur eine Partei - und Gott unterläuft niemals ein Fehler.‘ Er fuhr fort: ‚Präsident Moi ist von Gott berufen worden, das Land zu regieren, und alle Kenianer sollten für den Frieden, der im Land herrscht, dankbar sein ... Wir haben die Freiheit, Gottesdienste zu feiern, wir können beten und singen, wie wir es wollen. Was brauchen wir sonst?‘

 

Nur wenige Wochen später beschuldigte derselbe Kirchenführer jene Kirchenmänner, die gesellschaftliche und politische Reformen forderten: ‚Einige Kirchenmänner, die sich als Bischöfe und Pfarrer ausgeben, sind zu Rebellen geworden, die ihr eigenes, und nicht das Evangelium Christi predigen. Einige unter ihnen sind trunken vom Geist übler Politik.‘ Seine eigene Gemeinde forderte er auf, sich von Politik fernzuhalten: ‚Die Leute sollen den Mund halten, die jetzige Führung akzeptieren und sich auf den Himmel vorbereiten.‘“

 

Dies sind keine skurrilen Auffassungen eines einzelnen Predigers, sondern ähnliche Aussagen hörte Gifford von vielen extrem konservativen bis fundamentalistischen Predigern in verschiedenen afrikanischen Ländern. Er hat dabei auch festgestellt: „Das Christentum ist einer der wenigen florierenden Bereiche der Wirtschaft, in dem es noch immer Möglichkeiten der Beschäftigung, Statusverbesserung, Fortbildung und des beruflichen Aufstiegs sowie Raum zur Ausübung von Führungsaufgaben gibt. Angesichts der Marginalisierung des Kontinents - auf Afrika entfallen gegenwärtig nur zwei bis vier Prozent des Welthandels - ist sogar noch wichtiger, dass das Christentum internationale Vernetzung ermöglicht ... Einen Zugang zu Bildung verschaffen die Kirchen. Bibelschulen werden als Sprungbrett zu Einrichtungen in Übersee gesehen. Die aus den USA kommenden fundamentalistischen Pfarrer und Missionsdienste in Afrika, deren Zahl in den letzten Jahren gewaltig zugenommen hat, bieten Chancen für Überseekontakt."

 

Ziel vieler jungen Leute in diesen Kirchen und Para-Kirchen ist ein Studienplatz im Ausland, in erster Linie in den USA. Globale kirchliche Aktivitäten fundamentalistischer Kirchen und Gruppen vor allem aus den USA haben also gravierende Auswirkungen auf die kirchliche Situation im Süden der Welt, nicht nur in Afrika, sondern auch in Asien und in Lateinamerika.

Auch innerhalb vieler etablierter Kirchen im Süden der Welt gibt es starke Bewegungen, die theologische Vorstellungen von Kirchen und Para-Kirchen aus den USA und Europa übernommen haben. Ein Charakteristikum ist, dass solche Gruppen und Kirchen den politischen und sozialen Status quo propagieren, sich aber trotzdem als unpolitisch bezeichnen.

 

Ein wichtiges Instrument zur Verbreitung solcher Vorstellungen sind theologische Ausbildungsprogramme und insbesondere theologische Fernlehrgänge auch für Nichttheologen. Es findet von der weltweiten Ökumene viel zu wenig wahrgenommen, global ein geistiger und geistlicher Kampf um die Zukunft der Kirchen statt und der Ausgang dieses Kampfes hat gravierende Auswirkungen auf das kirchliche Engagement in der Gesellschaft und selbstverständlich auch in Globalisierungsfragen.

 

Der Schöpfungsbericht und die Lehre Darwins

 

Nun ein Beispiel dafür, dass die Art und Weise, wie die Bibel in evangelikalen, charismatische und Pfingst-Kirchen gelesen wird, ganz gravierende Auswirkungen hat: In den USA gibt es seit Jahren heftige Debatten darüber, ob Darwins Evolutionslehre an den Schulen unterrichtet werden darf. Von einflussreichen Gruppen wird gefordert, nur den biblischen Schöpfungsbericht zu lehren: Gott habe die Welt in einer Woche geschaffen. Punkt. So hat beispielsweise im August 1999 ein Gericht entschieden, dass Lehrer im Bundesstaat Kansas die Freiheit haben, die Evolutionslehre zu unterrichten. Allerdings wird es den einzelnen Schuldistrikten überlassen, ob im Schulcurriculum und in den Prüfungen die Lehre Darwins oder ein wortwörtliches Verständnis der Bibel zum Maßstab wird. Selbst dieser halbherzige Kompromiss wurde nur von sechs der zehn Richter mitgetragen.

 

Viele fürchten seither, dass die erfolgreichen Versuche, die biblischen Schöpfungsberichte im naturwissenschaftlichen Unterricht zu lehren, gravierende Auswirkungen haben werden. Diese Auseinandersetzung um die Entstehung der Welt hat in jedem Fall die Vorbehalte vieler Zeitgenossen gegenüber dem Christentum und der Bibel verstärkt, weil mit diesem Glauben verbunden zu sein scheint, alle wissenschaftlichen Erkenntnisse über die Entstehung der Erde und ihrer Pflanzen- und Tierwelt zu ignorieren, welche erstmals in dem 1859 erschienenen umfangreichen Buch „Über die Entstehung der Arten“ von Charles Darwin dargestellt wurden.

 

2014 wurde in den USA eine Studie veröffentlicht, aus der hervorging, dass neun von zehn US-Bürgerinnen und -Bürgern Zweifel an der wissenschaftlichen Evolutionslehre haben. Mehr als die Hälfte der Befragten vertraut den Kreationalismus. Danach ist die Erde vor 6.000 Jahren entstanden und von Gott in genau sechs Tagen geschaffen worden.

Die Kreationisten setzen sich intensiv mit den wissenschaftlichen Erklärungen zur Entstehung der Erde auseinander und haben sie nach eigener Überzeugung alle widerlegt. Manche ihrer eigenen Erklärungen mögen für andere Christinnen und Christen merkwürdig oder skurril klingen, aber sie zeigen beachtliche Wirkung. Dass der Mensch vom Affen abstammen könnte, ist für Kreationalisten undenkbar. Deshalb wurde von ihnen die These aufgestellt, der Neandertaler sei keineswegs ein Mensch, sondern ein Affe gewesen, der wegen eines Rückenleidens aufrecht gegangen sei.

 

Vor einigen Jahren eröffneten die Kreationalisten in Williamstown/Kentucky einen riesigen Bibel-Erlebnispark, der anschaulich machen soll, dass und wie die Schöpfung abgelaufen ist und die Menschheitsgeschichte genau so stattgefunden hat, wie es in der Bibel steht. Die große Sintflut hat danach vor etwa 4.000 Jahre die Erde überschwemmt, und ein großes Holzschiff soll zeigen, wie die Arche Noahs aussah.

 

Die Vorstellungen derer, die verhindern wollen, dass sich die Lehre Darwins in die Köpfe von Schülerinnen und Schülern festsetzt, mögen bei aufgeklärten Menschen Kopfschütteln auslösen. Aber ihre Auffassungen werden über zahllose religiöse Bücher, Broschüren, Radio- und Fernsehprogramme rund um den Globus verbreitet, eine durchaus wirksame Form der geistigen Globalisierung. Auch in Deutschland sind solche Auffassungen inzwischen weit verbreitet. Bei einer Umfrage im Jahre 2009 stimmten 20 Prozent der Aussage zu, dass der Mensch „von Gott geschaffen wurde, wie es in der Bibel steht“. Fast so viele Befragte waren sich nicht sicher.

 

Die Ablehnung der Evolutionslehre ist nicht auf bedeutende Teile der Christenheit beschränkt. Weltweit wird sie von vielen Muslimen geteilt. Sie sei mit dem Koran unvereinbar. In der Türkei steht sie inzwischen nicht mehr auf den Lehrplänen für den Biologieunterricht.

 

Es ist zu befürchten, dass die vielerorts ohnehin vorhandene Tendenz zunehmen wird, die Welt des Glaubens und die der Wissenschaft - auch im eigenen Kopf - streng zu trennen. Wochentags werden die Erkenntnisse der Naturwissenschaft im Beruf angewandt und sonntags wird der biblische Schöpfungsbericht so gepredigt, dass bei den Gläubigen kein Zweifel aufkommt, dass Gott die Welt tatsächlich in sechs Tagen geschaffen hat.

Diese Trennung birgt neben allen anderen Problemen die Gefahr in sich, dass die Bibel auch dann nicht herangezogen wird, wenn es um grundlegende Fragen der Bewahrung der Schöpfung geht. Ebenso sind solche Auffassungen politisch gefährlich, weil sie zumindest in den USA die gesellschaftliche Tendenz gefördert haben, wissenschaftlich eindeutig bewiesene Fakten zu ignorieren: Eure Fakten interessieren uns nicht, sie passen nicht zu unseren Überzeugungen. Inzwischen werden unbequeme Fakten als „fake news“ diffamiert.

 

Auch in einer anderen Hinsicht ist der Konflikt um die Entstehung der Welt spannend. Ken Ham, ein prominenter Gegner der Bemühungen, die Evolutionslehre an US-Schulen zu unterrichten, äußerte gegenüber dem ökumenischen Pressedienst „Ecumenical News International“, dass dieses wissenschaftliche Verständnis bei jungen Leute Hoffnungslosigkeit und ein Gefühl der Sinnlosigkeit verursachen würde: „Wenn es keinen Gott gibt, wenn es das Absolute nicht gibt, zu wem gehöre ich dann? Wem gegenüber habe ich Rechenschaft abzulegen? Was ist der Sinn des Lebens?“

 

Hier wird vollends deutlich, in welche Sackgasse ein Beharren darauf führt, dass die Bibel Wort für Wort das wiedergibt, was Gott gesagt und gewollt hat und was wir glauben und leben sollen. Allein schon die Tatsache, dass wir in der Bibel zwei Schöpfungsberichte finden, sollte uns zum Nachdenken darüber veranlassen, ob dies der angemessene Umgang mit der Bibel ist. Wenn der Glaube an Gott daran geknüpft wird, solche Fakten zu ignorieren, sind wir mit fundamentalen Fragen des Glaubens konfrontiert - und damit auch dem Kern eines in den Kirchen der Welt weit verbreiteten Fundamentalismus. Hier geht es um eine Grundfrage der Zukunft der Kirche, sondern es geht auch um die Zukunft des kirchlichen Engagements für Gerechtigkeit und Frieden in der Welt.

 

Der Siegeszug des Neoliberalismus und die neuen christlichen Bewegungen

 

Das Wachstum pfingstlerischer, charismatischer und vieler evangelikaler Bewegungen steht in Beziehung zur Expansion neoliberaler Ideen und Wirtschaftskonzepte in allen Teilen der Welt. Die wachsende Konkurrenzmentalität und Individualisierung innerhalb der Gesellschaft korrespondierten mit dem Wachstum von Kirchen, in deren Lehre das individuelle Heil und der individuelle Aufstieg im Mittelpunkt stehen, nicht das christlich begründete gemeinsame soziale Engagement für die Armen. In einer Analyse des ökumenischen Informationsdienstes „Latinamerica Press“ war bereits 1996 zu lesen:

 

„Der chilenische Sozialwissenschaftler Cristian Parker sagt, dass durch den Angriff der Globalisierung eine neue Ära begonnen hat, eine sogenannte postmoderne oder postindustrielle Ara, in der frühere Modelle der sozialen und industriellen Organisation in wachsendem Maße irrelevant werden. Diese zunehmende Irrelevanz von Institutionen in unseren zunehmend säkularen, pluralistischen und auf den globalen Markt orientierten Gesellschaften bildet die grundlegende Ursache für die Krise der historischen Kirchen in Lateinamerika.

 

Nach Auffassung von Parker beeinflusst die Globalisierung auch die Volksreligiosität in Lateinamerika und setzt sie einer stärker pluralistischen, vielschichtigen und heterogenen Weltkultur aus. In der postmodernen Gesellschaft, argumentiert er, gibt es mehr Raum für die Entwicklung unterschiedlicher Kulte, Rituale und Glaubensüberzeugungen und ebenso für ‚populärere‘ Ausdrucksformen des Protestantismus mit einer pfingstkirchlichen Ausprägung.“

 

Kardinal Paulo Evaristo Arns, der als Erzbischof von Sao Paulo zu den führenden Verfechtern der Befreiungstheologie gehörte, sprach davon, dass „ein wirtschaftliches und ideologisches Massaker stattfindet“. Die religiösen Auseinandersetzungen in allen Teilen der Welt verdienen die ganze Aufmerksamkeit derer, die sich für Gerechtigkeit, eine Überwindung von Armut und Elend auf der Welt und eine andere Globalisierung einsetzen.

 

Die Pfingstbewegung und die Globalisierung

 

Der US-amerikanische Theologe Robert Schreiter schreibt in einem Aufsatz zu Globalisierungsfragen über die Pfingstbewegung: „Die Form des Christentums in der heutigen Welt, die sich am schnellsten ausbreitet, ist die Pfingstbewegung. Sie wächst am schnellsten unter den Armen und Entrechteten Afrikas und Lateinamerikas, hat aber auch in Ländern wie Südkorea und der Volksrepublik China Fuß gefasst. Der Pfingstglaube, der von der Überzeugung getragen ist, dass der Heilige Geist unmittelbar durch ganz gewöhnliche Menschen und nicht nur durch die Elite der Kirche spricht, hat seine neuzeitlichen Ursprünge in der Azusa-Street-Erweckung in Los Angeles im Jahre 1906. Wenn die Pfingstbewegung in dem gleichen Tempo weiterwächst, wird sie bald größer sein als die Orthodoxie und der übrige Protestantismus zusammen und fast so groß wie der römische Katholizismus zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts.

 

Der Pfingstglaube ist eine zutiefst persönliche Form des Glaubens. In seiner klassischen Form findet man ihn vor allem unter den Armen, unter denen die von den negativen Auswirkungen der Globalisierung betroffen sind, aber nichts von ihren Vorteilen spüren. Der Pfingstglaube wird in kleinen, intensiven, intimen Gemeinschaften gepflegt, in denen Menschen, die in der großen Gesellschaft Nicht-Personen sind, zu besonderen Persönlichkeiten werden durch die Taufe des Heiligen Geistes, durch Zungenreden und durch den Besitz eines geheimen Wissens (nämlich, dass der Herr bald kommen wird).“

 

Die ökumenisch orientierten Kirchen im Norden und Süden der Welt müssen neue Antworten auf die existentiellen Fragen der Menschen finden, die in tiefer Armut und Hoffnungslosigkeit leben, wollen sie nicht immer mehr Mitglieder an jene Kirchen verlieren, die sich allein um das Heil des Einzelnen sorgen und ein besseres Leben im Jenseits versprechen, die aber in ihren Gottesdiensten und Gemeindeveranstaltungen auch die Erfahrung von Gemeinschaft und gemeinsam gelebter Spiritualität vermitteln.

 

Die Vielfalt neuer religiöser Bewegungen

 

Pauschale Kritik an den neuen Kirchen und religiösen Bewegungen hilft nicht weiter und verkennt deren Vielfalt. Kategorien wie Pfingstkirche, Evangelikale, Charismatiker oder indigene/unabhängige Kirchen bieten lediglich eine grobe Orientierung. Gerade diese Vielfalt nötigt dazu, sich intensiver mit der Frage zu beschäftigen, welche Theologie und welche Soziallehre die einzelnen Kirchen und Gruppen vertreten. Viele der neuen Kirchen leben ganz auf das Jenseits hin, andere engagieren sich in Sozial- und Entwicklungsprogrammen.

 

So meldete sich die „Organisation of the African Instituted Churches of Africa“ (OAIC), ein Zusammenschluss unabhängiger afrikanischer Kirchen in verschiedenen Teilen des Kontinents, aus Anlass der Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen in Harare im Dezember 1998 zu Wort. Sie setzte sich für „koordinierte Entwicklungsanstrengungen zur Überwindung der grundlegenden Ursachen von Armut, Kriegen und schlechter Regierungsarbeit in Afrika“ ein.

 

Die Organisation hält es für wichtig, Initiativen zur Friedensförderung, zur Ernährungssicherung, zur Bewahrung der Schöpfung und zur Verwirklichung der Menschenrechte und des Rechts auf Entwicklung zu ergreifen. Sie lud den ÖRK ein, gemeinsam an einem Programm zu arbeiten, um „eine historische Alternative zu schaffen, mit einem neuen Lebenssinn und neuen Werten, die Gerechtigkeit, die Bewahrung der Schöpfung, die Partizipation aller und eine nachhaltige Entwicklung als Kennzeichen des Reiches Gottes beinhalten.“

 

Es gibt aber auch Gegenbeispiele. So berichtete Michael Hanfstängl, der damalige Afrikareferent des Nordelbischen Missionszentrums. in der Zeitschrift seines Werkes über einen pfingstlerischen „Kreuzzug“ in Nairobi zu Ostern 1993: „Im Jevanese Garden waren etwa 300 Menschen versammelt. Stundenlang standen sie in der glühenden Mittagshitze, sangen Loblieder und hörten einen Bericht nach dem anderen, wie Gott einzelnen Menschen geholfen hat. ‚Sei es Malaria oder sogar Aids, sei es ein Ehebruch oder der Verlust des Arbeitsplatzes. Habt Vertrauen auf Gott und hofft auf ein Wunder. Er heilt, er versöhnt, er gibt eine neue Zukunft.‘ Auffällig bei diesem Treffen war die mangelnde Sozialethik. Es gibt immer nur die Einzelnen mit ihren Nöten, die zudem zeigen, dass sie zu wenig auf Gott vertraut haben. Die Fragen nach einer gerechteren Verteilung von Arbeit, nach Demokratie und Gewerkschaftsrechten werden ausgeblendet oder sogar abgewehrt. Die Aidsaufklärung einer kirchlichen Einrichtung wurde lächerlich gemacht.“

 

Wie auf anderen Gebieten ist auch in dem breiten globalen Spektrum der Evangelikalen, Charismatiker und Pflingstler weiterhin eine ökonomische Vorherrschaft von Akteuren in Europa und Nordamerika festzustellen. Zwar leben die meisten Angehörigen dieser Gemeinden, Kirchen und Para-Kirchen im Süden der Welt, aber die Bücher, Fernsehsendungen, theologischen Ausbildungsprogramme etc. kommen häufig aus wirtschaftlich reichen Ländern oder werden von ihnen bestimmt. Das beginnt sich erst ganz allmählich zu verändern und dies besonders langsam bei den Überzeugungen und Perspektiven, mit denen biblische Texte gelesen werden. 

 

Die Abwanderung aus etablierten Kirchen und die Suche nach einem Gegenkonzept

 

In den letzten Jahrzehnten haben evangelikale und charismatische Kirchen, „unabhängige“ Kirchen und Pfingstkirchen eine geradezu sprunghaft wachsende Zahl von Anhängern gewonnen und zwar vor allem in Afrika, Asien und Lateinamerika. Dies geht zu Lasten der aus der Missionsarbeit entstandenen protestantischen und anglikanischen Kirchen sowie der katholischen Kirche.

 

Die Unterschiede zwischen den einzelnen neuen Kirchen und Gruppen sind – auch in sozialethischen Fragen - sehr groß. Gemeinsam ist ihnen aber, dass sie die etablierten Kirchen als zu wenig lebendig, zu hierarchisch, zu festgefügt in Lehre und Gottesdienst und zu wenig in der lokalen Kultur verwurzelt ansehen und darstellen. So verlieren beispielsweise in Südafrika die Kirchen mit europäischem Wurzeln viele Mitglieder, während die Zahl der unabhängigen schwarzen Kirchen rasch wächst.

 

Es gibt auch viele christliche Gruppen, die sich innerhalb der aus der Missionsarbeit in Afrika, Asien und Lateinamerika entstandenen Kirchen um eine evangelikale, charismatisch oder pfingstkirchlich inspirierte Erneuerung bemühen und dies auch als Reaktion auf die Abwanderung von Kirchenmitgliedern zu den neuen Kirchen und Para-Kirchen.

 

Einer der bekanntesten Vertreter der charismatischen Bewegung innerhalb der katholischen Kirche Brasiliens ist der Priester Marcelo Rossi. Er tritt in allen großen Fernsehsendern auf und zu seinen Messen strömen Zehntausende Menschen. Seine Kirche in Sao Paulo ist das größte katholische Gotteshaus Lateinamerikas und bietet 25.000 Gläubigen Platz, weitere 75.000 können sich auf dem Außengelände versammeln. Seine Bücher und CDs erreichen Millionenauflagen.

Marcelo Rossi spricht in seinen Predigten nicht über soziale Fragen und betont, dass die Arbeit von Pfarrern „mehr religiös als sozial sein muss“. Antonio Kater, der Autor eines Buches zum Thema ,,Marketing in der katholischen Kirche“, äußerte über die Diözese von Pfarrer Rossi: „Die Diözese Santa Ammaro macht den Eindruck eines Unternehmens, das gut organisiert ist und weiß, wie es sein Produkt verkaufen kann: Heil.“ Der Befreiungstheologe Leonardo Boff spricht von einer „kommerziellen Religion“.

 

Zu erwähnen ist, dass Pfarrer Rossi von evangelikalen Kreisen in Brasilien heftig kritisiert wird. Sie werfen ihm vor, ihre Lieder ohne Genehmigung zu verwenden, und auch seine Gottesdienste würden Elemente aus der evangelikalen Tradition übernehmen. Auch innerhalb der katholischen Kirche wächst der Widerstand gegen eine Vermarktung des Evangeliums durch Gruppen innerhalb ihrer Kirche, aber angesichts der großen Zahl der Gläubigen, die jeden Sonntag in seine Kirche kommen, zögern die Kirchenoberen, ihn öffentlich zu kritisieren.

 

Im Süden der Welt gibt es nicht nur diesen Typus von Evangelikalen, sondern ein breites Spektrum evangelikaler Prediger, evangelikaler Bewegungen innerhalb von Kirchen und evangelikal geprägten Kirchen. Viele bemühen sich, ein authentisches evangelikales Christsein in ihrem jeweiligen Kontext zu erarbeiten und zu leben. Dafür war der ghanaische Theologe Kwame Bediako ein überzeugendes Beispiel.

 

Kwame Bediako – die Bibel in der eigenen Sprache und Kultur lesen

 

„Jesus war vor den Missionaren da“, davon war der ghanaische Theologe Kwame Bediako fest überzeugt, und deshalb versuchte er, afrikanische Tradition und Kultur mit dem christlichen Glauben als Einheit wahrzunehmen. Geboren wurde er 1945 in der ghanaischen Hauptstadt Accra. Seine Eltern waren Mitglieder der Presbyterianischen Kirche von Ghana.

 

Nach dem Abschluss der Oberschule erhielt er 1970 ein Stipendium für ein Studium an der Universität Bordeaux, wo er einen Magister erlangte und promovierte. In Frankreich kam er mit dem Existenzialismus in Berührung und löste sich vorübergehend von Christentum und Kirche. Nach kurzer Zeit fand er zum christlichen Glauben zurück und begann in Aberdeen ein religionswissenschaftliches Studium.

 

1976 kam Kwame Bediako nach Ghana zurück, wo er auch ohne eine Pastorenausbildung ordiniert wurde. Bereits zwei Jahre später kehrte er nach Aberdeen zurück, um dort seine zweite Promotion abzuschließen und als Universitätsdozent zu arbeiten. Zurück in der Heimat nahm seine Pastorentätigkeit wieder auf und gründete 1987 das „Akrofi-Christaller Memorial Centre for Mission, Research and Applied Theology“ in Akropong.

 

Dieses Zentrum erwarb sich einen hervorragenden Ruf auf den Gebieten Forschung und akademische Weiterbildung zu Mission, Evangelium und Kultur im ghanaischen Kontext und zog Studierende aus vielen Kirchen an. Es gelang Kwame Bediako, für sein Studienzentrum Verbindungen zu evangelikalen Zusammenschlüssen in Afrika und auf weltweiter Ebene zu knüpfen, auch wenn viele Evangelikale seine theologischen Positionen nicht teilten. Gleichzeitig hat er bis zu seinem Tod 2008 eng mit ökumenischen Theologen und kirchlichen Einrichtungen zusammengearbeitet.

 

Der Dialog von Evangelium und afrikanischer Tradition

 

Kwame Bediako war überzeugt, dass jede und jeder die Bibel in der Muttersprache lesen sollte: „Die Rolle der Muttersprache ist entscheidend, denn es ist die einzige Sprache, in der Gott zu jedem von uns spricht. Gott spricht keine geheiligte, esoterische, spezielle oder Kastensprache, sondern eine gewöhnliche, gemeinsame Sprache, so dass wir ihn hören können.“

Dass die Missionare die Bibel in afrikanische Sprachen übersetzten, kann nach Auffassung Bediakos „als das allerwichtigste Einzelelement des missionarischen Erbes in Afrika angesehen werden“. Dies habe ermöglicht, dass der christliche Glaube im afrikanischen Bewusstsein verwurzelt wurde. „Afrikanische Christinnen und Christen, die Zugang zur Bibel in ihren eigenen Muttersprachen erhielten, konnten tatsächlich für sich in Anspruch nehmen, dass Gott in ihrer eigenen Sprache zu ihnen sprach.“ So ist ein Dialog zwischen Evangelium und afrikanischer Tradition möglich geworden und zwar ein authentischer Dialog, weil er nicht in einer fremden Sprache stattfindet, sondern in den lokalen Sprachen, Dialekten und Weltsichten.

 

Kwame Bediako warf den Missionaren allerdings vor, sie hätten ein „verwestlichtes Evangelium“ gepredigt und damit den Afrikanerinnen und Afrikanern den Zugang zur Bibel erschwert. Deshalb müsse das afrikanische Christentum dekolonisiert werden. Afrikanische Christinnen und Christen sollten erkennen, dass europäische Zivilisation/Kultur und Christentum nicht identisch sind.

 

Die Missionare hätten die afrikanischen Religionen als heidnischen Aberglauben bekämpft und im Gegensatz zu Paulus nicht versucht, so an das vorgefundene kulturelle und religiöse Erbe anzuknüpfen, dass die neuen Gläubigen sich sowohl im Evangelium als auch in ihrer Kultur heimisch fühlen konnten. Afrika habe „keinen Paulus gehabt“. Bediako betonte hinsichtlich der westafrikanischen Völkergruppe der Akan: „Mein eigener Zugang besteht darin, dass ich die traditionelle Akanfrömmigkeit im Blickfeld behalte.“

 

Die Soziologin Andrea Pfeiffer, die sich intensiv mit dem ghanaischen Theologen beschäftigt hat, schrieb 2001 in einem Beitrag für das „Jahrbuch Mission“: „Bediako ist fest davon überzeugt, dass afrikanische Christinnen und Christen das Christentum, wie die in der Bibel aufgezeichneten Wunder, die Auferstehung von Jesus sowie das Alte Testament vor ihrem kulturellen Hintergrund wesentlich einfacher und ganzheitlicher verstehen könnten als die Europäer. Hier sei es ganz normal, dass Heilungen im Gottesdienst stattfinden. Warum also an den Heilungen kranker Menschen in der Bibel zweifeln? Die Auferstehung von Jesus treffe sich ebenfalls mit dem tief verwurzelten Glauben an die Ahnen, welche besonders geschätzte Mitglieder der Familie sind und auch nach ihrem Tod ‚lebendig‘ seien und in die Familien hineinwirken könnten.“

 

Gleichzeitig Afrikaner und Christ sein

 

Kwame Bediako hatte sich in seiner theologischen Dissertation mit der Frage beschäftigt, wie die christliche Botschaft in den ersten Jahrhunderten in der hellenistischen Welt Fuß fassen konnte und kam zum Ergebnis, dass es den Menschen ermöglicht wurde, gleichzeitig Grieche und Christ zu sein. So wie die Theologen damals mit den Fragen von Glauben und Identität konfrontiert waren, so sind es die afrikanischen Theologen heute. Bediako war überzeugt: „Wer seine kulturellen Wurzeln nicht kennt, weiß nicht, wer er ist.“ Und er fügte hinzu: „Doch zugleich transformiert der Glaube an Jesus Christus jede Kultur.“

 

Im zweiten Jahrhundert ging es nicht darum, die hellenistische Kultur zu ersetzen, sondern die Bekehrung mündete in einer kulturellen Erneuerung und in einer christlichen Identität. Und wie die damaligen Theologen, so Bediako, könnten auch afrikanische Theologen entdecken, dass Gott schon vor der Ankunft der Missionare auf ihrem Kontinent präsent war. Daher sei es für die afrikanischen Theologen wichtig, die ursprünglichen afrikanischen Religionen, die so oft verzerrt dargestellt worden sind, neu zu interpretieren.

 

Die westliche Theologie ist nicht die „eigentliche“ Theologie

 

Für Kwame Bediako ist die Bibel der maßgebliche Ausgangspunkt jeder Theologie. Die westliche Theologie spiegelt die Begegnung von Evangelium und westlicher Kultur wider, hier liegt ihre Bedeutung. Sie kann aber keinen universalen Anspruch erheben. Die Afrikaner können und sollen die Bibel auf ihrem eigenen kulturellen und religiösen Hintergrund lesen und auslegen. Afrikanische Theologie ist für Bediako keine „exotische“ Theologie, sondern Teil eines weltweiten globalen Diskurses, in der es keine vorherrschende Auslegung der Bibel gibt.

 

Kwame Bediakos Beitrag zu einer gleichberechtigten weltweiten christlichen Gemeinschaft besteht darin, einzufordern, dass die unterschiedlichen Theologien, die aus dem Lesen der Bibel entstanden sind, gleichberechtigt in einen Dialog einbezogen werden müssen. Er hat dazu beigetragen, die westlichen akademischen Theologen, seien sie ökumenisch oder evangelikal, von dem Sockel der Selbstüberschätzung zu stoßen, sie würden die „eigentliche“ Theologie vertreten, neben denen es noch einige kontextuelle Theologien geben könnte. Der Vielfalt der Kulturen und religiösen Kontexte all derer, die die Bibel in ihrer jeweiligen Sprache lesen, entspricht eine Vielfalt von Theologien. Das ist ein Schatz der weltweiten Christenheit, den es gemeinsam zu heben gilt, so wie Kwame Bediako es in seinem Studienzentrum getan hat.

 

Kwame Bediako gehörte zu den hoch angesehenen afrikanischen Theologen des 20. Jahrhunderts und hat wesentlich dazu beigetragen, in der weltweiten evangelikalen Bewegung das Gewicht von Theologinnen und Theologen aus dem Süden der Welt in den letzten Jahrzehnten deutlich zugenommen hat. Beispielhaft sei erwähnt, dass Kwame Bediako zu den aktiven Mitgliedern der „International Fellowship of Evangelical Mission Theologians“ (INFEMIT) gehörte, eine Vereinigung, die evangelikale Theologen vereint, die sich aus ihrem Glauben heraus in sozialen Fragen engagieren.

 

Auch die „World Evangelical Fellowship“ befasst sich mittlerweile verstärkt mit christlichen Antworten auf soziale und ökonomische Veränderungen wie die Globalisierung. Dies habe ich vor einigen Jahren in dem Beitrag „Die evangelikale Bewegung zur Globalisierung“ dargestellt, den Sie auf dieser Website online lesen können. Kwame Bediako hat ganz wesentlich zu diesen Veränderungen beigetragen, indem er selbstbewusst an einer afrikanischen theologischen Erneuerung mitgewirkt hat, die sich von der Vorherrschaft europäischer Theologie emanzipierte und die Bibel mit den Augen afrikanischer Christinnen liest und auslegt. 

 

© Frank Kürschner-Pelkmann