Wissenschaftliche Erkenntnisse und das Lesen von Laien in der Bibel

 

„Wir als Exegeten in Lateinamerika und der Karibik müssen zugeben, dass das volkstümliche Lesen der Bibel nicht unserer eigenen Intuition entspringt, sondern vielmehr dem armen gläubigen Volk zu verdanken ist. Dieses nahm die Bibel zur Hand und fing an, sie aus der Sicht seiner Leiden und seiner Kämpfe zu lesen.“ So beschreibt Elsa Tamez, eine in Mexiko geborene feministische Befreiungstheologin, wie in Lateinamerika die Bibel neu gelesen wird.

 

Und die Theologieprofessorin fügt hinzu: „Das wissenschaftliche Lesen der Bibel, wie es vorher praktiziert wurde, war eine Nachahmung der europäischen Methode und damit weit vom Leben des Volkes und seinem Glauben entfernt. Diese Wiederaneignung der Bibel durch die armen Gemeinschaften eröffnete den Exegeten einen neuen Horizont, was ihnen ermöglichte, ihre Aufgaben als Gelehrte der Bibelwissenschaft im Dienste des Reiches Gottes neu zu definieren.“

 

Davon ist man in Deutschland noch weit entfernt. In vielen Angeboten zum Lesen der Bibel durch Laien herrscht häufig der Versuch vor, ihnen mit Unterstützung eines Pastors, einer Pastorin oder eines Priesters den Zugang zu biblischen Texten zu eröffnen. Sie bleiben dabei Empfangende, nicht Subjekte der Aneignung und Auslegung biblischer Texte. Und die Armen und Ausgegrenzten unserer Gesellschaft sind in Bibelkreisen nur höchst selten zu finden.

 

Auch stellt sich die Frage, welche Erwartungen all jene engagierten Menschen bei uns, die Armut bekämpfen, Gerechtigkeit schaffen und die Umwelt schützen wollen, noch haben, durch das Lesen der Bibel Kraft, Zuversicht und Orientierung zu gewinnen. Gewiss, es kommt vor, aber doch zu selten. Kann es sein, dass nicht nur die Kirchen bei uns Mitglieder und gesellschaftliche Bedeutung verlieren, sondern auch kaum noch Erwartungen an das Bibellesen bestehen? Das lässt sich, fürchte ich, nicht nur durch neue pädagogische Vermittlungsformen überwinden.

 

Die wissenschaftliche Theologie, wie sie an deutschen Universitäten gelehrt wird, kann viel dazu beitragen, die biblischen Texte besser zu verstehen und daraus Kraft und Orientierung für das Alltagsleben zu gewinnen. Aber die Studierenden müssen noch viel stärker dazu befähigt werden, das Wissen über Text und Kontext der Bibel verständlich und dialogisch in das Gespräch mit all denen einbringen, die nicht wissen, was Hermeneutik und Ekklesiologie bedeutet und bei denen keine Kenntnisse der theologischen Positionen Karl Barths vorausgesetzt werden können.

 

Eine Grundvoraussetzung dafür ist, dass theologische Hochschullehrerinnen und -lehrer sich selbst stärker damit auseinandersetzen, dass ihre eigene Theologie eine kontextuelle Theologie ist und es deshalb geboten ist, sich intensiv mit eben diesem Kontext zu befassen. Dazu müssen viele von ihnen sich erst einmal das Instrumentarium anzueignen, mit dem politische, ökonomische und soziale Strukturen und Prozesse analysiert werden können.

Und schließlich stellt sich für Theologinnen und Theologen die Aufgabe, sich selbst Rechenschaft darüber abzulegen, mit welchen eigenen Positionen und Überzeugungen sie die Bibel lesen und auslegen. In dieser Hinsicht kann die Rezeption der lateinamerikanischen Befreiungstheologie die Augen öffnen.

 

Dann wird auch stärker deutlich, dass die Nicht-Theologen in Bibelkreisen nicht nur Hörende und Fragende sind, sondern selbst sehr viel dazu beitragen können, biblische Texte auszulegen und zu reflektieren, was sie uns in unserer heutigen persönlichen und sozialen Situation sagen können.

 

Wie Christinnen und Christen die Bibel lesen können

 

Wenn ein Verständnis der Bibel, das nicht auf einer wortwörtlichen göttlichen Inspiration beruht, den Menschen helfen soll, Sinn und Orientierung in ihrem Leben und ihrem gesellschaftlichen Engagement zu finden, ist es unerlässlich, die Mitglieder der Kirchen dazu einzuladen, mündige Christinnen und Christen zu werden.

 

Wer noch Skrupel hat, die Bibel anders als wortwörtlich zu verstehen, für den hat Pastor Johann Hinrich Claussen, der Kulturbeauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland, ein Argument, das zumindest lutherische Gläubige überzeugen kann. In der Ausgabe 11/2005 der „Zeitzeichen“ lesen wir: „Buchstabenhörig aber war Luther nicht. Seine Rechtfertigungslehre hatte er zwar aus der Schrift gewonnen. Aber er konnte sie auch gegen die Schrift wenden. Die Heiligkeit der biblischen Texte bemaß er danach, inwieweit sie seiner Rechtfertigungslehre entsprachen. Taten sie es nicht, verfielen sie einer scharfen Sachkritik – so wie der notorische Jakobusbrief oder weite Strecken des Alten Testamente.“

 

Wenn wir in der Kirchengeschichte noch ein Jahrtausend zurückgehen, stoßen wir auf überraschende Erkenntnisse. Augustinus von Hippo, der nordafrikanische Bischof mit einer langen Wirkungsgeschichte in der christlichen Theologie, hatte in seiner Jugend große Probleme damit, dass es in der Bibel eine ganze Reihe einander wiedersprechender Texte gibt, so die Stammbäume Jesu bei Matthäus und Lukas. Er wandte sich deshalb zunächst von der Kirche ab, kehrte aber dann doch zum christlichen Glauben zurück.

 

Für den Umgang mit den Widersprüchen in der Bibel fand er eine bemerkenswerte Lösung. Er vertrat als Bischof und Verfasser zahlreicher theologischer Werke die Auffassung, die Bibel sei Wort für Wort Gottes Offenbarung. Jene Texte, deren Sinn nicht gleich zu verstehen ist oder die in Widerspruch zu anderen Texten stehen, sind nach Auffassung von Augustinus allegorisch, also bildhaft zu verstehen. Als Autorität der Bibelauslegung entschied der Bischof von Hippo selbst, welche Texte bildhaft zu verstehen waren.

 

Dieser Weg steht uns nicht offen. Wissen und Glaube, die Poesie biblischer Texte und die Kenntnis ihres sozialgeschichtlichen Hintergrunds müssen heute so in Beziehung zueinander gesetzt werden, dass wir im Glauben gestärkt und dazu ermutigt werden, mitten in dieser Welt nach den Maßstäben zu leben, die Jesus seinen Jüngerinnen und Jüngern mit auf den Lebensweg gegeben hat.

 

Das „andere“ Verständnis der Bibel nötigt uns dazu, uns viel intensiver mit diesem Buch, seiner Geschichte und seinen Botschaften zu beschäftigen. Das Erwachsensein im Glauben, ohne das Kindsein im Staunen und die Ehrfurcht vor Gott und seiner Schöpfung zu verlieren, mag zunächst als eine anstrengende Aufgabe empfunden werden, aber sie ist spannend und vor allem bereichernd.

 

Im Blick auf die Globalisierungsthematik ist besonders spannend, in den biblischen Texten Antworten auf die sozialen und ökonomischen Krisenerscheinungen der jeweiligen Entstehungszeit zu suchen. Die damaligen Antworten, so haben Theologinnen und Theologen in allen Teilen der Welt in den letzten Jahrzehnten herausgearbeitet, können uns helfen, christliche Antworten auf heutige Krisen und Konflikte zu finden.

Eine solche Beschäftigung mit heutigen ökonomischen und sozialen Themen auf der Grundlage einer sozialgeschichtlich fundierten Lektüre der Bibel ist eine ungemein lohnende Sache, und es ist schade, dass in zahllosen Predigten so wenig davon aufleuchtet.

 

Häufig werden biblische Texte immer noch so vermittelt, als handele es sich Wort für Wort um die Wiedergabe von Gottes Worten und von historischen Ereignissen, was den Zugang zu den Texten sehr erschwert und die Gottesdienstbesucher letztlich infantilisiert. Was sie selbst und was die Kirche brauchen, sind aber mündige Christinnen und Christen. Wenn sie selbstständig und sachkundig mit biblischen Texten umgehen, haben sie die Möglichkeit, aus der Bibel eine Wegweisung für ihr eigenes Leben und ihr Engagement in Kirche und Gesellschaft zu gewinnen.

 

Ein mündiger Umgang mit der Bibel

 

Es gibt die Sorge, unser ganzes christliches Glaubensgebäude könnte einstürzen, wenn wir die Bibel auf diese Weise sozialgeschichtlich einordnen und die Schreiber der Texte als Kinder ihrer Zeit verstehen. Diese Sorge ist unbegründet. Die Zukunft der Kirche wird dadurch bedroht, dass die Bibel aus dem geschichtlichen und wissenschaftlichen Diskurs herausgehalten wird. Erst dadurch konnte 1999 ein Göttinger Professor mit Thesen wie ,,Das Grab war nicht leer" jene öffentliche Aufmerksamkeit finden, die ihm offenbar so wichtig war.

 

Ein mündiger Umgang der Christinnen und Christen mit der Bibel lebt aus dem Wissen, das die Wahrheit sich nicht auf das reduzieren lässt, was wir sehen, messen, zählen und wiegen können. Es gibt eine tiefere Wahrheit, die erst jenseits der Welt der Erbsenzähler beginnt. Diese Wahrheit ist mit der Weisheit verwandt und wir dürfen wissen, dass diese Welt mehr Geheimnisse enthält und mehr Achtung vor ihrer Schönheit und ihrem Reichtum verdient, als mit Messgeräten zu erfassen ist.

 

Der Glaube an Gott hängt nicht daran, dass wir an Details der Weihnachtsdarstellung bei Matthäus und Lukas glauben, nachdem Historiker längst herausgefunden haben, dass sie so nie stattgefunden haben. Im Gegenteil: Das Festhalten an der Annahme, die Bibel gebe das historische Geschehen genau so wieder, wie es vor zwei oder drei Jahrtausenden geschehen ist, kann den Weg zum Glauben geradezu verbauen. Ausführliche Beiträge lassen sich im Themenbereich „Weihnachtsgeschichte“ auf dieser Website finden.

 

Wenn wir zu diesen tieferen Ebenen des Glaubens vordringen, dann brauchen wir uns nicht vor der Erkenntnis zu fürchten, dass die Mauern von Jericho nicht unter Trompetenschall eingestürzt sind, sondern können die biblische Geschichte von der Landnahme umso besser unter der Fragestellung lesen: Was soll uns mit dieser Geschichte gesagt werden, welche tiefen Wahrheiten sind in ihr enthalten. die mir helfen können, mit den Konflikten in unserer heutigen Welt umzugehen?

 

 

© Frank Kürschner-Pelkmann