Text und Kontext: Glauben, Geschichten und Geschehen in biblischen Zeiten und heute

 

Die Verfasser der biblischen Texte haben die Spannungen und Widersprüche zwischen einzelnen Geschichten, die einen Platz in der Bibel fanden, nicht übersehen. Diese sind nicht erst durch die Erkenntnisse moderner Theologen sichtbar geworden. Der Alttestamentler Jürgen Ebach hat sich beim Evangelischen Kirchentag 2007 in Köln mit dem Umgang mit solchen Widersprüchen in der Bibel beschäftigt: „Zuerst und vor allem: Man soll sie wahrnehmen, d. h. sie weder einebnen noch für einen Defekt halten und schamhaft verschweigen. Die Bibel als ganze bezeugt Erfahrungen von Menschen, die sie als Erfahrungen mit Gott deuten. Es gibt eben mehr als eine Form, Erfahrungen als Erfahrungen mit Gott zu deuten, ja die Mehrdeutigkeit oder auch Mehrdeutlichkeit ist geradezu eine Bedingung da­für, solche Erfahrungen aufzubewahren und weiterzugeben.“

 

Bemerkenswert sind in diesem Zusammenhang die ersten Verse des Lukasevangeliums: Da es nun schon viele unternommen haben, Bericht zu geben von den Geschichten, die sich unter uns erfüllt haben, wie uns das überliefert haben, die es von Anfang an selbst gesehen haben und Diener des Wortes gewesen sind, habe auch ich's für gut gehalten, nachdem ich alles von Anfang an sorgfältig erkundet habe, es für dich, hochgeehrter Theophilus, in guter Ordnung aufzuschreiben,  auf dass du den sicheren Grund der Lehre erfährst, in der du unterrichtet bist.“

 

In der Theologie ist über die Jahrhunderte immer wieder versucht worden, mit unterschiedlichen Methoden herauszudestillieren, was tatsächlich zu Lebzeiten Jesu geschah und was er verkündet hat. Der „historische Jesus“ ist von manchen Autoren bis in akribische Details dargestellt worden, während andere zu der Auffassung gelangt sind, dass wir eigentlich fast nichts sicher über Jesu Leben sagen können. Zu den vielen offenen Fragen gehört zum Beispiel, ob und in wel­chem Umfang die so genannten apokryphen Schriften herangezogen werden können, wenn wir versuchen herauszufinden, was damals wirklich geschah und was Jesus gewollt und gesagt hat.

 

Schon der Theologe und Arzt Albert Schweitzer hat vor mehr als einem Jahrhundert in seinem Buch „Leben Jesu Forschung“ festgestellt, dass wir keine Chance haben, jemals zu wissen, was sich damals wirklich ereignet hat und wer dieser Jesus war. Aber die Beschäftigung mit dem Zusammenhang von Text und Kontext biblischer Texte bleibt selbstverständlich trotzdem, ja gerade deshalb wichtig.

 

Glauben an den einen Gott

 

Die Leistung derer, die an der Bibel mitgeschrieben haben, verdient große Bewunderung. Diejenigen, die in den Nachbarvölkern religiöse Texte erzählten und aufschrieben, hatten es ungleich leichter. Sie konnten ein ganzes Ensemble von Göttinnen und Göttern in ihre Geschichten aufnehmen, und jede und jeder von diesen hatte eine festgelegte Rolle.

Die jüdischen Autoren hingegen mussten alles Geschehen und alle Gebote mit einem einzigen Gott in Verbindung bringen, dazu noch mit einem Gott, von dem es keine Bilder gab und auch keine Bilder geben durfte. Katastrophen und Siege, Bestrafung und liebevolle Unterstützung … alles musste mit diesem einen Gott in Beziehung stehen.

 

Nicht unterschätzt werden darf, dass es unter den Israeliten über die Jahrhunderte immer wieder Versuchungen gab, doch einen Götterhimmel mit einer „Arbeitsteilung“ unter den Göttern zu schaffen und auf diese Weise auch ein religiöses Miteinander mit den benachbarten Völkern und vor allem den Besatzungsmächten zu erleichtern.

 

Ebenso blieb die Versuchung groß, sich ein Bild von Gott zu schaffen. Im Tanz um das goldene Kalb ist diese Sehnsucht nach einem Gott, den man sehen und anfassen konnte, in der Bibel überliefert. Moses wurde so wütend über diesen Versuch, ein Kalb anzubeten, dass er die göttlichen Gesetzestafeln zerstörte, lesen wir im Alten Testament. Daraufhin war er gezwungen, erneut auf den Berg zu steigen, um sich noch einmal die göttlichen Gesetze zu holen. Dieses Mal wagten es die unten Gebliebenen nicht, sich ein Bild von ihrem Gott zu machen. Das Bilderverbot blieb erhalten, und das Allerheiligste im Tempel in Jerusalem enthielt kein goldenes Bildnis Gottes, sondern war leer.

 

Die Jesusanhänger, besonders diejenigen aus nichtjüdischen Gesellschaften, hatten mit diesem unsichtbaren Gott ihre Probleme. Und die Sache wurde nicht einfacher dadurch, dass die Kirchenväter und Konzilsversammlungen sich auf eine Trinität von Gott als Vater, Sohn und Heiligem Geist verständigten. Diese theologische Konstruktion war so komplex, dass viele Gläubige sie einfach nicht verstehen konnten. Für die meisten Christinnen und Christen blieb dieses Gottesverständnis bis in die heutige Zeit schwer verständlich. Für sie war und ist der alte Mann mit dem Rauschebart ihr lieber Gott, und den haben sie ihrerseits lieb.

 

Ein Gott für alle Menschen

 

Beim Lesen der Bibel fällt auf, dass Gott an vielen Stellen als der Gott des Volkes Israel angesprochen wird, und zugleich ist er der Gott der gesamten Menschheit, der ganzen Schöpfung. Das lesen wir bereits ganz am Anfang der Bibel: „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.“ Und einige Verse später: „Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau.“ Diese Schöpfung, wie sie in der Bibel beschrieben wird, war also ein globales Projekt, lange vor der heute vorherrschenden Globalisierung.

 

Nach der großen Flut, die in 1. Buch Mose, Kapitel 6 bis 8 detailliert beschrieben wird, lesen wir in Kapitel 9,8-10: Und Gott sagte zu Noah und seinen Söhnen mit ihm: Siehe, ich richte mit euch einen Bund auf und mit euren Nachkommen und mit allem lebendigen Getier bei euch, an Vögeln, an Vieh und an allen Tieren auf Erden bei euch, von allem, was aus der Arche gegangen ist, was für Tiere es sind auf Erden.“

 

Im 1. Vers von Psalm 24 wird erklärt: „Die Erde ist des HERRN und was darinnen ist, der Erdkreis und die darauf wohnen.“ Und wenn wir nun einen großen Sprung ans Ende der Bibel machen, stoßen wir in der Offenbarung 21, 23-24 auf diese Prophezeiung: „Und die Stadt bedarf keiner Sonne noch des Mondes, dass sie ihr scheinen; denn die Herrlichkeit Gottes erleuchtet sie, und ihre Leuchte ist das Lamm. Und die Völker werden wandeln in ihrem Licht; und die Könige auf Erden werden ihre Herrlichkeit in sie bringen.“ In dem neuen Himmel und der neuen Erde, die wir nach der Offenbarung des Johannes erwarten dürfen, haben alle Völker und alle Menschen einen Platz.

 

Das jüdische Volk hatte und hat für Gott stets eine besondere Bedeutung als sein Volk, aber auch die anderen Völker geraten in den biblischen Texten nicht aus dem Blick. Müssen sie alle an den einen Gott glauben, um gerettet zu werden? Der srilankische Theologe A. Wesley Ariarajah, in den 1990er Jahren Direktor des Dialog-Programms und stellvertretender Generalsekretär des Ökumenischen Rates der Kirchen, ist bei seinem Studium der Bibel zu diesem Ergebnis gekommen:

 

„Zentral für ein pluralistisches Lesen des Neuen Testaments ist das Evangelium selbst. Es ist eine Bejahung der bedingungslosen Liebe Gottes zu allen Menschen, wer immer sie auch seien. Jesus und die Botschaft des Evangeliums richteten sich nicht gegen andere Religionen, sondern gegen falsche Religionen, was sich in einer Unaufrichtigkeit und Hierokratie (Herrschaft einer Priesterschicht, d. Ü.) gegenüber seinem Gott und seinen Nächsten erwies. Jesus fasst die Herausforderung durch die Herrschaft Gottes zusammen als Ruf, Gott völlig zu lieben und seinen Nächsten wie sich selbst zu lieben, eine Lehre, die sich auch in vielen anderen Religionen findet.“

 

Diese Position ist nicht unumstritten. Vertreter von Gegenpositionen werden diverse Bibelstellen ins Feld führen. Die Argumente Pro und Contra darzustellen, würde den Rahmen dieses Beitrags sprengen. Aber es gibt gute Gründe dafür, die Bibel nicht aus der Perspektive zu lesen, dass all diejenigen, die sich nicht zu diesem Gott bekennen, für auf ewig verloren wären.

 

Zunächst einmal werden die meisten Christinnen und Christen – und dies besonders in Deutschland – einräumen, dass auch die Jüdinnen und Juden nicht vom Heil ausgeschlossen sind und bekehrt werden müssen. Aber wie steht es dann mit den Muslimen? Und mit all jenen Menschen, die im Laufe der Menschheitsgeschichte nie etwas von dem einen Gott gehört haben oder die durch das Verhalten von Christinnen und Christen davon abgehalten wurden, an diesen Gott zu glauben, etwa die Opfer der Eroberung Amerikas?

Bevor wir andere Menschen als „Heiden“ und „Ungläubige“ bezeichnen, sollten wir uns bewusst machen, dass es nicht an uns ist zu entscheiden, wer in das Reich Gottes aufgenommen wird. Auch ist zu beachten, dass das, was Menschen in der Bibel über die „Anderen“ aufgeschrieben haben und als Gottes Willen verstanden, nicht ohne Widersprüche ist und unterschiedliche Interpretationsmöglichkeiten erlaubt.

 

Christinnen und Christen, das ist theologisch unumstritten, sind aufgefordert, andere Menschen dazu einzuladen, diesem Gott nachzufolgen und sich in ihrem Leben an seiner Botschaft und seinen Geboten zu orientieren. Aber ebenso wenig wie es in ihrer Macht steht, ein solches Leben in der Nachfolge zu verordnen, haben sie die Autorität, denen, die diese Botschaft nicht annehmen oder die sie nie gehört haben, die ewige Verdammnis vorherzusagen. Das eröffnet große Möglichkeiten, gemeinsam mit Menschen anderer Glaubensgemeinschaften oder ohne einen religiösen Glauben an einer alternativen Globalisierung zu arbeiten, die alle einbezieht und niemanden ausschließt.

 

Die Bibel auf historisch-kritischer Grundlage lesen

 

In der theologischen Beschäftigung mit biblischen Texten hat im 20. Jahrhun­dert hierzulande die historisch-kritische Exegese eine zentrale Bedeutung gewonnen. Exe­gese bedeutet, mithilfe philologischer und historischer Methoden den Versuch zu unternehmen, biblische Texte besser zu verstehen. Wie Pastor Johann Hinrich Claussen, der Kulturbeauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland, ein Argument, in der Ausgabe 11/2005 der „Zeitzeichen“ betonte, hat dieses Studium biblischer Texte ein historisches Vorbild, die Aufklärungstheologie des 18. Jahrhunderts:

 

„Ihr Ausgangspunkt – das wird von ihren Gegnern gern übersehen – ist keine säkulare Ideologie, sondern in unverstellter Blick auf die Texte selbst. Die historische Kritik besteht im Grunde nur aus einer unbefangenen und unbestechlichen Lektüre. Sie liest die Bibel, ohne theologische Harmonisierungen zu berücksichtigen. So entdeckt sie Unebenheiten, Brüche, Spannungen und Gegensätze. Und sie liest zugleich die Zeugnisse der religiösen Umwelt. So stellt sie Verwandtschaften und Gemeinsamkeiten fest.“ Diese Freiheit nehmen sich heute diejenigen Theologinnen und Theologen, die biblische Texte historisch-kritisch studieren – oder als Laien die Bibel unbefangen lesen.

 

Historisch-kritisch ist eine Exegese, wenn sie sich intensiv mit dem historischen Kontext des biblischen Textes beschäftigt und wahrnimmt, wie die Menschen, die sie verfassten, geschichtliche Erfahrungen deuteten und daraus Weisungen für ein Leben gemäß Gottes Willen ableiteten. Es gilt deshalb zu verstehen, in welchem Kontext sich das abspielte, was in den biblischen Texten steht, und in welcher Situation diejeni­gen gelebt haben, die diese Texte aufgeschrieben oder später redaktionell verän­dert und in einen neuen Zusammenhang gestellt haben. Berücksichtigt wird in der Exegese unter anderem auch, in welchen Textvarianten ein biblischer Text überliefert ist und welche Widersprüche und inhaltlichen Spannungen bestehen.

 

Durch eine solche Beschäftigung mit biblischen Texten gelangt man auch zur Erkenntnis, dass viele Texte von den patriarchalen Überzeugungen der Verfasser und den patriarchalen Strukturen ihrer Gesellschaften beeinflusst sind – und dass dennoch die anti-patriarchale Ausrichtung der befreienden und erlösende göttliche Botschaft erkennbar bleibt. Die Verfasser der Bibel waren „Kinder ihrer Zeit“, die Botschaft, die sie uns hinterlassen haben, lässt uns dennoch erkennen, dass Gott uns nicht beauftragt hat, das Patriarchat als Grundlage des Zusammenlebens von Frauen und Männern zu schaffen und für alle Zeiten zu verteidigen. Wenn wir beim Lesen der Bibel Text und Kontext im Blick haben, gewinnen wir also ganz neue Einsichten darüber, was es heute bedeutet, Christin oder Christ zu sein.

 

Im Bericht einer ökumenischen Konsultation zur „Gemeinschaft von Frauen und Männern in der Kirche“ 1983 in Sheffield lesen wir hierzu: „Nun ist es allerdings bemerkenswert, dass die Schriften, die in einem patriarchalen Umkreis geschrieben wurden, auch sehr wichtige anti-patriarchale Abschnitte enthalten, Dies unterstreicht die einzigartige Tiefe der Autorität dieser Schriften: Maßgebend (autoritativ) ist nicht der patriarchalische Rahmen (das sozio-kulturelle Muster dieser Zeit), sondern die erlösende Botschaft, die uns Gott darin übermittelt … Wenn man anerkennt, dass es Gottes letzte Absicht ist, alle in seine Liebe einzuschließen, dürfen wir nicht vergessen, dass in der Geschichte Gottes Sorge um Gerechtigkeit ihn auf die Seite derer gestellt hat, denen Unrecht widerfuhr … Ohne Gerechtigkeit kann es keine echte Einheit in der Gemeinschaft von Frauen und Männern geben.“

 

An der historisch-kritischen Bibelauslegung ist kriti­siert worden, dass sie zu einer unübersehbaren Fülle von Hypothesen geführt habe. Aber dennoch hat die histo­risch-kritische Exegese Maßstäbe für das Lesen und das Verständnis biblischer Texte vorgegeben, hinter die die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit biblischen Texten nicht zurückfallen kann.

 

Allerdings müssen wir uns mit Helmut Kremers, dem früheren Chefredakteur der kirchlichen Mo­nats­zeitschrift „Zeitzeichen“, dem Unbehagen vieler heutiger Christinnen und Christen stellen: „Kann man dann überhaupt noch eine Glaubenswahrheit erfassen und festhalten? Kann man noch ganz einfach in der Bi­bel lesen, kann man dem trauen, was man als spirituelle Stärkung erfährt, ohne sich erst einmal von der historischen Bibelwissenschaft belehren zu lassen, was wirklich gemeint war, in welchem hi­storischen Kontext der Text entstanden ist, kann man gar einzelne aus dem Kon­text gelöste Bibelsprüche meditieren?“

 

Helmut Kremers betont, dass wir heute in einer nachaufklärerischen Zeit leben, aber: „Wir wissen um die ‚Dialektik der Aufklärung’, die darin liegt, dass nach der vollendeten ‚Entzauberung der Welt’ der Umschlag in die Barbarei droht.“ Der aufgeklärte Mensch könne akzeptieren, dass viele Glaubensaussagen im strengen Sinne nicht erklärbar sind, ohne auf die Inspiration durch die Bibel zu verzichten: „Wenn wir uns der Vermutung öffnen, dass in der Bibel Gottes Wort enthalten ist, können wir uns zum Beispiel auch jenseits aller wissenschaftlichen Einordnungen und Erklärungen von einem Wort wie diesem treffen lassen: Denn der Herr ist der Geist; wo aber der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit. (2. Korinther 3,17)“

 

Sozialgeschichtliche Bibelauslegungen

 

Seit den 1980er Jahren ist in Deutschland intensiv an „sozialgeschichtlichen Bibelauslegungen“ gearbeitet worden, u. a. in der Zeitschrift „Junge Kirche“. Das Theologenpaar Luise und Willy Schottroff hat Pionierarbeit auf diesem Gebiet geleistet. Diese Aus­­­legungen haben sowohl den gesellschaftlichen Kontext zum Zeitpunkt der Entstehung der biblischen Texte als auch den Kontext der heutigen Leserinnen und Leser im Blick. Es wird vor allem nach den konkreten Lebensbedingungen und der Bedeutung des Glaubens im Alltag gefragt. Zu den heutigen Konsequenzen aus einem solchen Lesen der Bibel schreiben Luise und Willy Schottroff: „‘Selig sind die Armen‘ (Lukas 6,20) konnte und kann nicht mehr heißen, sich in unserem Kontext mit Spenden zufriedenzugeben, es bedeutete und bedeutet, wirtschaftliche Verflechtungen zu analysieren und öffentlich die Gewalttaten des Kapitalismus und die eigene Mittäterschaft beim Namen zu nennen und für Veränderungen zu arbeiten.“

 

Die sozialgeschichtlichen Bibelauslegungen berücksich­tigen Erkenntnisse des christlich-jüdischen Dialogs, der feministischen Theologie und der Befreiungstheologie. Am Ende eines Aufsatzes zur sozialgeschichtlichen Bibelauslegung schreibt das Autorenpaar: „Jeder Satz über die Bibel ist ein Baustein für Befreiung, für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung – oder dagegen. Die hier notwendige Entscheidung ist auch eine Frage der historischen Methode.“

 

Erfreulicherweise ist das Wissen über den sozialgeschichtlichen Hintergrund der einzelnen biblischen Texte in den letzten Jahrzehnten deutlich gewachsen und es ist möglich geworden, fundierte Aussagen über die damalige Wirtschaftsweise, über das Verhältnis von Männern und Frauen, über den sozialen Status von Kindern etc. zu machen. Auch kann man die Entstehungsgeschichte vieler biblischer Texte nachvollziehen und mit hoher Wahrscheinlichkeit sagen, welche Texte historische Ereignisse beschreiben, was Lehrgeschichten oder Legenden sind und wo Visionen und theologische Reflexionen der Verfasser in einer historischen Krisensituation in die Bibel aufgenommen wurden.

 

Lernen lässt sich auch aus den Beziehungen des Volkes des einen Gottes zu den anderen Völkern des damaligen „globalen“ Kosmos an Mittelmeer, Nil und Euphrat. Wir finden in der Bibel alle Formen der Kooperation und Konfrontation von friedlichem Zusammenleben bis zu blutigen Schlachten. Wenn wir in der Bibel vom Aufstieg und Niedergang großer Reiche, von den Konflikten zwischen ihnen und von der Rolle kleiner Völker in solchen Auseinandersetzungen lesen, entdecken wir bei allem Unterschieden auch Ähnlichkeiten zur Gegenwart. All dies hat eine enorm große Bedeutung, wenn wir uns mit der Bibel in der Hand auf die Suche nach Wegen zu einer alternativen Globalisierung machen.

 

Zwischen Adaption und schroffer Abgrenzung – das Verhältnis zu anderen Religionen

 

Spannend ist es zu sehen, in welchem Umfang die Mythen und religiöse Vorstellungen anderer Völker, vor allem der Ägypter und Babylonier, adaptiert und so in die Bibel aufgenommen wurden, dass sie in Einklang mit den grundlegenden eigenen Glaubensüberzeugungen standen. War dies nicht möglich, erfolgte eine eindeutige Abgrenzung von den religiösen Vorstellungen und Geschichten anderer Völker. Diese Prozesse der gegenseitigen Beeinflussung und der schroffen Abgrenzung gegenüber benachbarten religiösen Gemeinschaften ist in allen Teilen der Welt zu beobachten, aber im Blick auf die Bibel besonders gründlich erforscht.

 

Manfred Oeming, Professor für Altes Testament an der Universität Heidelberg, schrieb hierzu 2020 in einem Beitrag der „Herder Korrespondenz“: „Es ist einfach nicht zu leugnen, dass es signifikante Parallelen zwischen den zahlreichen alttestamentlichen Konzepten und den jeweiligen Umweltreligionen gibt. Das Alte Testament ist an sich ein wesenhaft interreligiöses Phänomen.“ Ebenso deutlich sind aber auch die Eigenheiten der biblischen Texte im Vergleich zu den religiösen Texten der Nachbarvölker, schreibt Manfred Oeming. „Wer die Gemeinsamkeiten betont, muss ebenso das Trennende mitbenennen und klar herausstellen.“ Das eröffne interreligiöse und interkonfessionelle Perspektiven für eine versöhnte Verschiedenheit.

 

Angesichts der gegenwärtigen Globalisierungs- und Migrationsprozesse, durch die immer häufiger die Menschen in der Nachbarwohnung oder dem Nachbarhaus einer anderen Religionsgemeinschaft angehören, kann ein religiöses Miteinander wachsen, wenn die Gläubigen sich der Gemeinsamkeiten ihrer Religionen und ebenso der Unterschiede bewusst sind.

 

Bei der Vermittlung von Wissen über die Entstehung der Bibel sollten also Ähnlichkeiten zu den Religionen benachbarter Völker nicht schamhaft verschwiegen werden, sondern im Gegenteil als Belege dafür gelten, dass in biblischen Zeiten und auch heute ein Miteinander von Religionsgemeinschaften alle bereichern kann und nicht zur Aufgabe der eigenen Identität führen muss.

 

Wenn der Kontext biblischer Texte vernachlässigt wird

 

Unter dem Einfluss von Missionaren hat sich in vielen Kirchen im Süden der Welt und besonders in Afrika eine Tradition entwickelt und gefestigt, die Bibel im engen Sinne als „Gottes Wort“ zu verstehen, so als habe Gott den Text Wort für Wort diktiert. Wird die Bibel so gelesen, ist es schwierig, Widersprüche zwischen den Aussagen verschiedener biblischer Texte aus ihrem jeweilen historischen Kontext und den Glaubensüberzeugungen der unterschiedlichen Verfasser wahr- und ernstzunehmen und zu deuten.

Insgesamt verliert der Kontext, in dem ein biblischer Text entstanden ist, bei einem solchen Lesen biblischer Texte an Bedeutung. Der Bibeltext zählt, und zwar jeder einzelne Text. Das eröffnet Predigern die Möglichkeit, mit gezielt ausgewählten Bibelversen und -kapiteln ihr eigenes Verständnis der Heiligen Schrift zu untermauern und eine autoritative Auslegung zu beanspruchen. Der Weg zu einem christlichen Fundamentalismus ist dann nicht weit.

 

Wenn der ökonomische und soziale Kontext, in dem das Neue Testament entstand, wenig oder keine Beachtung findet, gehen kritische Positionen Jesu zur antiken „Globalisierung“ des Römischen Reiches, wie sie sich auch in den Evangelien widerspiegelt, entweder verloren oder treten stark in den Hintergrund.

 

Auch können Grundlinien der Bibel wie die Aufforderung zur Solidarität mit den Armen und zum Engagement für Gerechtigkeit aus dem Blick geraten, wenn der Prediger sich die Freiheit nimmt, gezielt jene Bibelverse auszuwählen und aus ihrem Kontext zu lösen, die seinen Vorstellungen in theologischen und gesellschaftlichen Fragen entspricht.

 

Eine solche selektive Lese-Tradition bildet zum Beispiel die Grundlage für ein „gospel of prosperity“, ein Reichtumsevangelium. Hier wird das erfolgreiche individuelle Anhäufen materieller Güter als Zeichen der Zuwendung Gottes zu diesen Menschen und als evangeliumsgemäßes Leben und Wirtschaften verstanden.

 

Um nicht missverstanden zu werden, eine Schlussbemerkung zu diesem Abschnitt: Es geht nicht darum, die biblischen Texte „gnadenlos“ zu sezieren und ihnen dabei jede spirituelle Kraft zu rauben, sondern das Ziel muss es sein, im Gespräch zu erkunden, was uns biblischen Texte sagen können, in denen die Wünsche, Ängste und Träume der Menschen in biblischen Zeiten ebenso deutlich werden wie ihre Versuche, diesen einen Gott und seine Botschaften zu verstehen und die eigenen Einsichten weiterzugeben. Nicht die Beschreibungen von Schlachten machen die Bibel zur Heiligen Schrift, sondern die immer neu aufgeschriebenen Bemühungen zu verstehen, wer Gott ist, was er den Menschen als Orientierung mit auf den Lebensweg gibt und was es bedeutet, als seine Menschen zu leben.

 

© Frank Kürschner-Pelkmann