Jede Theologie ist kontextuell

 

Die kontextuellen Theologien in Afrika, Asien, Pazifik, Karibik und Lateinamerika haben in Erinnerung gebracht, dass jede Theologie vom jeweils eigenen Kontext geprägt ist – für manche war dies eine ganz neue Erkenntnis. Diese Einsicht nötigt auch die deutsche Theologie, sich über den eigenen Kontext und dessen Einfluss auf die eigene Theologie Rechenschaft abzulegen und sie nicht als die „eigentliche“ Theologie zu verstehen, neben der es in anderen Teilen der Welt kontextuelle Theologien geben mag.

 

Nur die Wahrnehmung der eigenen Theologie als kontextueller Theologie ermöglicht es, in einen fruchtbaren Dialog mit den Vertreterinnen und Vertretern anderer kontextueller Theologien zu treten. Der Alttestamentler Erhard S. Gerstenberger, einer der hiesigen Pioniere im Dialog kontextueller Theologien, gab sich selbst Rechenschaft über seinen Standort als Theologe in Deutschland:

 

„Als Bürger und Mensch lebe ich auf der wirtschaftlich und politisch ungeheuer privilegierten Nordhalbkugel der Erde. Ich bin nicht in Favelas oder Slums großgeworden, sondern in einer Industriegesellschaft, die trotz eines verlorenen Krieges an den Gewinnen eines raffinierten globalen Herrschaftssystems teilhat. Der europäische Wohlstand wird von der Mehrheit der unterbezahlten, analphabetischen Weltbevölkerung produziert oder finanziert.

 

Die Folgen für die gängigen Gottesvorstellungen und wahrscheinlich auch für meine eigenen Gottesideen sind unschwer auszumalen und in der kirchlichen gesellschaftlichen Wirklichkeit unserer Tage deutlich zu erkennen. Der herrschende, richtende und die Feinde vernichtende Gott, der gelegentlich in Superman- oder Rambomanier auftritt, hat in unserer Zeit und in unserer Gesellschaft einen hohen Beliebtheitsgrad.“

 

Gerstenberger fügt hinzu: „Als Mann, dem patriarchale Einstellungen vor allem durch die Mutter mitgegeben wurden, bin ich in der traditionellen Hierarchie der Geschlechter großgeworden. Die Gefangenschaft in ererbten und tief eingeschliffenen Rollen ist sehr stark und vielleicht nie völlig abzuschütteln.“ Eine Theologie, die dies in Rechnung stellt, unterscheidet sich notwendigerweise grundlegend von einer Theologie, die in dem berühmten Elfenbeinturm entsteht.

 

Die kontextuellen Theologien lassen sich nicht nur regional definieren, sondern geben auch die Erfahrungen, Einsichten und Hoffnungen bestimmter gesellschaftlicher Gruppen wieder. Am bekanntesten ist die feministische Theologie, aber zum Beispiel auch die Christen unter den Dalit (die sogenannten ,,Unberührbaren" in Indien) haben eigenständige Theologien erarbeitet und lesen die Bibel auf diesem Hintergrund ganz neu. Die Bibel zu lesen und Theologie zu betreiben, ist gerade für unterdrückte und marginalisierte Bevölkerungsgruppen ein wichtiger Teil des Prozesses der Identitätsfindung und Befreiung.

 

Das Beispiel Solentiname

 

Die neuen kontextuellen Theologien sind dadurch geprägt, dass sie im Gespräch entstehen, an dem sich auch Christinnen und Christen intensiv beteiligen, die nicht Theologie studiert haben. Diese Theologien werden auch auf andere Weise vermittelt, als nur in schwer lesbaren wissenschaftlichen Werken mit umfangreichem Anmerkungsapparat. Ein besonders überzeugendes Beispiel für die neue Art Theologie zu betreiben und zu vermitteln sind die Gespräche von Ernesto Cardenal in den 1970er Jahren mit Bäuerinnen und Bauern von Solentiname in Nicaragua, die er in dem Buch „Das Evangelium der Bauern von Solentiname“ wiedergegeben hat. Cardenal schreibt in der Einleitung des Buches:

 

„In Solentiname, einer abgelegenen Inselgruppe im Großen See in Nicaragua mit einer bäuerlichen Bevölkerung, hören wir in der Sonntagsmesse keine Predigt, sondern unterhalten uns ganz einfach über das Evangelium. Die Auslegungen der Bauern sind oft von größerer Tiefe als die vieler Theologen, aber gleichzeitig von genau so großer Einfachheit wie das Evangelium selbst. Das darf uns nicht verwundern, denn das Evangelium, die ‚gute Nachricht für die Armen‘, wurde für sie geschrieben, für Menschen wie sie ...

 

Jeden Sonntag werden zuerst Exemplare des Neuen Testaments verteilt. Das heißt, an die, die lesen können, denn viele unserer Gemeindemitglieder sind Analphabeten, vor allem die älteren und diejenigen, die auf weit entfernten Inseln wohnen und nicht regelmäßig zur Schule gehen können. Einer von denen, die am Besten lesen können (für gewöhnlich ein junger Mann oder ein junges Mädchen) liest die Bibelstelle vor, die wir an dem jeweiligen Sonntag besprechen wollen. Danach besprechen wir einen Vers nach dem anderen.“

 

Die einfachen nicaraguanischen Bäuerinnen und Bauern lasen und besprachen biblische Texte lebhaft und mit tiefem Engagement für die Armen in der Bibel und in der eigenen Gesellschaft und fanden so einen ganz direkten Zugang zu den biblischen Verheißungen. Ihre Gemeinschaft wurde nicht zufällig zu einem Zentrum des Widerstandes gegen die Diktatur in Nicaragua. Das Militär hat diese Gemeinschaft von Solentiname mit brutaler Gewalt zerschlagen, aber auch das hat die Revolution in Nicaragua nicht verhindern können. Das „Evangelium der Bauern von Solentiname“ gehört zu den herausragenden Beispielen neuer Formen der Theologie, die dort anknüpfen, wo christliche Theologie vor fast zwei Jahrtausenden begonnen hat.

 

Durch das Gespräch über biblische Texte die eigene Situation besser verstehen

 

Professor Gerstenberger hat in der Begegnung mit der lateinamerikanischen Kirche und Theologie erkannt: „Die Bibel ist ein Volksbuch. sie spiegelt das Singen, Sagen, Erzählen des antiken Gottesvolkes ... alle befreiungstheologischen Überlegungen schlechthin gehen vom souveränen Gottesvolk aus und nicht von wissenschaftlichen Theorien oder kirchlichen Hierarchien bzw. vom Wahrheitsanspruch akademischer Eliten.“

 

In Gesprächen wie denen in Solentiname, die heute auch an vielen anderen Orten geführt werden (so in den christlichen Basisgemeinden Lateinamerikas), hilft die Beschäftigung mit biblischen Texten dabei, die eigene soziale Situation und die eigene Gesellschaft besser zu verstehen und Möglichkeiten zu erkennen, sie zu verändern. Eine solche Theologie hilft auch, Zusammenhänge zwischen globalen ökonomischen Prozessen und der eigenen sozio-ökonomischen Situation zu analysieren und über Alternativen nachzudenken. Angesichts der tiefgreifenden ökonomischen Veränderungen der letzten Jahrzehnte nehmen die vorherrschende Globalisierung und ihre Folgen inzwischen eine wichtige Rolle in diesen Gesprächen ein.

 

Die wachsende Vielfalt an Theologien und theologischen Positionen in der Weltchristenheit ist ein großer Reichtum, der zur Entfaltung kommt, wenn sehr unterschiedliche Menschen und Gruppen aus vielen Gesellschaften in ein Gespräch über biblische Texte eintreten. Weil so viele neue Theologien entstanden sind, ist der Austausch über nationale, soziale und kulturelle Grenzen hinweg ebenso unentbehrlich wie bereichernd. Nur im Austausch wird uns der ganze Reichtum der biblischen Botschaft bewusst und wir können erkennen, was Christinnen und Christen überall auf Welt verbindet und zu gemeinsamem Engagement beruft und befähigt.

 

© Frank Kürschner-Pelkmann