Einem „roten Faden“ durch die Bibel folgen

 

Beim Lesen der Bibel können wir entdecken, dass es einige Themen gibt, die immer wieder aufgenommen und mit neuen Facetten und Nuancen behandelt werden. Immer neu haben die biblischen Autorinnen und Autoren danach gesucht und darum gerungen, welche Wegweisung und welche Gebote Gott den Menschen in Konfliktsituationen und existenziellen Fragen gibt. Sie haben den göttlichen Willen nicht immer in gleicher Weise wahrgenommen. Aber es zieht sich dennoch zu verschiedenen Themen ein „roter Faden“ durch die Bücher der Bibel.

 

Dies ist besonders beim Thema Armut der Fall. Die biblischen Propheten hatten erkannt, dass krasse soziale Unterschiede, Ungerechtigkeit und Ausbeutung ihre Gemeinschaft zerstören würden. Der Gott, dem sie in ihren prophetischen Texten eine Stimme geben wollten, war zornig über Unrecht und Ausbeutung und forderte von den Gläubigen, sich für sozialen Ausgleich und Gerechtigkeit einzusetzen. Deshalb war Ausbeutung nicht nur ein Fehlverhalten gegenüber den Ausgebeuteten, sondern zugleich ein schweres Vergehen gegen die Gemeinschaft des Volkes und barg die Gefahr, die enge Verbindung des Volkes zu seinem Gott zu zerstören. In der Bibel werden die Gläubigen deshalb immer aufs Neue dazu aufgefordert, diesem Gott als Arme und an der Seite der Armen zu folgen.

 

Der Umgang mit globalen Mächten

 

Im Zeitalter der Globalisierung ist es lohnend, einem weiteren „roten Faden“ zu folgen und zu ergründen, wie ein kleines Volk in biblischen Zeiten von damaligen „globalen“ Mächten wie Ägypten, Assyrien, Babylon und Griechenland unterdrückt wurde und wie es ihm dennoch gelang, seine Identität zu wahren. Es ist spannend, beim Lesen der Bibel herauszufinden, wie unterschiedliche Strategien in diesem Überlebenskampf entwickelt und welche Erfahrungen damit gemacht wurden. So ist zum Beispiel der Versuch, die globalen Mächte an Nil und Euphrat gegeneinander auszuspielen, kläglich gescheitert. Auch der militärische Widerstand war nur selten von Erfolg gekrönt.

 

Jesus hat daraus Konsequenzen für den Umgang mit der übermächtigen römischen Großmacht gezogen. Er hat eine direkte Konfrontation vermieden und auch den Guerillakrieg der Zeloten nicht unterstützt. Aber mit seinen Predigten vom kommenden Reich Gottes hat er seine Anhänger motiviert, die Botschaft des einen Gottes zu verkünden und sich für ein geschwisterliches Zusammenleben der Menschen einzusetzen. Besonders in der Bergpredigt wird dieser Weg eindrucksvoll als Alternative zum Unrechtsstaat der globalen Macht Rom dargestellt.

 

Jesus hat das Römische Reich nicht militärisch besiegt, sondern den Menschen die Hoffnung auf ein ganz anderes Leben gegeben, das schon zeichenhaft mitten in dieser Welt beginnt. Mit dieser Botschaft hat er bis heute Menschen Lebensorientierung, Hoffnung und Mut gemacht, für eine gottgefällige und menschengefällige Welt einzutreten.

 

Wer nach Alternativen zur vorherrschenden Globalisierung und nach Inspiration und Kraft für dieses Engagement sucht, der kann die Bibel mit großem Gewinn lesen. Beispiele hierfür finden Sie auf dieser Website in Beiträgen des Themenblocks Gott und die Götter der Globalisierung. Zur vertieften Beschäftigung mit der Thematik empfehle ich „… so lernen die Völker des Erdkreises Gerechtigkeit. Ein Arbeitsbuch zu Bibel und Ökonomie“, herausgegeben von Kuno Füssel und Franz Segbers (vergriffen, aber antiquarisch lieferbar). In der Einleitung schreiben die Herausgeber: „Das biblische Bild einer Ökonomie des Haushalts wird zum kritischen Gegenbild zur Ökonomie als Markt.“ Und weiter: „Der biblische Umgang mit der Marktökonomie der Antike kann lehren, in die Gegenwart hinein Impulse zu mehr Gerechtigkeit und Humanität im globalen Markt zu geben.“

 

Manches spricht dafür, die Bibel nicht hintereinander vom ersten bis zum letzten Vers zu lesen, sondern sich mit den biblischen Themen zu beschäftigen, die einer oder einem Gläubigen oder eine Gemeindegruppe gerade „unter den Nägeln brennt“. Das kann die Bewahrung von Gottes Schöpfung sein oder die aktive Rolle von Frau in biblischen Zeiten und heute oder der Schutz von Flüchtlingen als göttlicher Auftrag.

 

Auch sperrige Texte der Bibel nicht ignorieren

 

Dabei gilt es der Versuchung zu widerstehen, nur die Verse und Abschnitte der Bibel näher zu betrachten, die zu den eigenen Vorstellungen passen, und die anderen zu überblättern. Diese Versuchung gibt es auch bei Pastorinnen und Pastoren, hat Hartmut Bärend, damals Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Missionarische Dienste in der EKD, 2005 in einem Zeitschriftenbeitrag diagnostiziert: „Da benutzt der Prediger den Bibeltext als Aufhänger für das, was er den Leuten immer schon sagen wollte. Da wird aus der Bibel wie aus einem Steinbruch das herausgenommen, was zur Unterstreichung der eigenen Meinung passt. Was sonst in der Bibel steht, wird hingegen hemmungslos abgelehnt.“ Hinzugefügt werden muss, dass ein solcher selektiver Umgang mit biblischen Texten gelegentlich auch in globalisierungskritischen Kreisen vorkommen soll.

 

Dass diejenigen, die die Bibel in der heutigen Gestalt zusammengestellt haben, bereits in der Antike darauf verzichtet haben, all jene Texte zu tilgen, die ihren eigenen Vorstellungen widersprachen, kann sich für heutige Bibelleserinnen und Bibelleser als ein großer Gewinn erweisen. Es ist nun weiterhin möglich, nachzuvollziehen, wie die einzelnen Verfasser biblischer Texte darum gerungen haben zu erkennen, welche Antworten Gott auf die existenziellen Fragen der Menschen gibt.

 

Dass, was sie als Gottes Willen und Gottes Gebote aufgeschrieben haben, war immer auch mitbestimmt von ihrer eigenen Situation, ihren eigenen Glaubensüberzeugungen und von der Situation ihres Volkes. Der „rote Faden“ zu einer Thematik wird also nicht schnurgerade sein, sondern weist viele Krümmungen und manchmal schwer zu entwirrende Knoten auf.

 

Roter Faden und Widersprüche in der Bibel

 

Es wäre falsch zu behaupten, die Bibel widerspreche sich in wichtigen Fragen, sondern es lohnt sich zu erkunden, aus welcher Situation heraus eine bestimmte Aussage entstanden ist. Zweifelsfrei ist dies nicht immer möglich, aber wenn wir zum Beispiel wissen, dass ein Bibeltext im babylonischen Exil entstanden ist und wir uns mit dieser Exilzeit beschäftigen, können wir ihn besser einordnen und vor allem jene Aussagen besser verstehen, die unseren eigenen Glaubensüberzeugungen widersprechen. Ich habe dies in dem Buch „Babylon – Mythos und Wirklichkeit“ versucht. Die Kapitel dieses Buches sind auf dieser Website online verfügbar.

 

Wir können erkennen, dass nicht alle Gebote und Verbote für uns heute als verbindliche Anweisungen für unsere Kirche und unser persönliches Leben anzusehen sind. Pastor Holger Teubert, damals Chefredakteur des Adventistischen Pressedienstes, hat 1997 im „Bibelreport“ geschrieben: „Die Heilige Schrift ist zwar von Gott inspiriert, aber nicht jeder ihrer Aussagen ist notwendigerweise normativ für das Verhalten eines heutigen Christen.“ Mit dieser Auffassung steht er auch in freikirchlichen Kreisen nicht allein.

 

Peter Steinacker, Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Deutschland, hat 2005 in einem Interview der Monatszeitschrift „Zeitzeichen“ auf die Frage, ob die Bibel das Wort Gottes sei, mit einem einzigen Wort geantwortet: „Nein“. Der überraschen Redaktion hat er dann erläutert: „Die Bibel ist nicht mit dem Wort Gottes identisch. Das Wort Gottes ist kein Buch, sondern lebendiges Geschehen. Es ist überall in der Welt zu vernehmen, auch nonverbal, zum Beispiel in der liebevollen Zuwendung zu einem Menschen, wie es in der Diakonie geschieht. Die Bibel hilft uns dabei allerdings, das Wort Gottes zu erkennen.“

 

Die Aufgabe bleibt, biblische Texte auf das eigene Leben anzuwenden – aber eben nicht alles, was wir in der Bibel lesen, als verbindlich für das heutige Leben anzusehen. Auch fundamentalistische christliche Männer werden zögern, sich entsprechend diesem Bibelvers zu verhalten: Ihr sollt euer Haar am Haupt nicht rundherum abschneiden noch euren Bart stutzen.“ (3. Mose 19,27) Und auch auf diese Genehmigung zum Halten von Sklaven wird sich niemand mehr berufen wollen: „Willst du aber Sklaven und Sklavinnen haben, so sollst du sie kaufen von den Völkern, die um euch her sind, und auch von den Beisassen, die als Fremdlinge unter euch wohnen, und von ihren Nachkommen, die sie bei euch in eurem Lande zeugen.“ (3. Mose 25, 44-45) Die Zahl solcher Bibelstellen, die uns heute keine Orientierung für das Leben mehr geben, ist lang. Wir tun also gut daran, nicht alle Gebote und Gesetze, die wir in der Bibel lesen, auf unser heutiges Leben anzuwenden.

 

Wir müssen uns vor der Anmaßung hüten, wir könnten verbindlich festlegen, was heute noch Gültigkeit hat und was zeitgebunden zu verstehen ist. Das gilt auch für Fragen der Sexualität und besonders der Homosexualität. Sonst besteht die Gefahr, dass einzelne Bibelverse zur Verurteilung von Menschen missbraucht werden und viel Unheil rechtfertigen, wie die Kirchengeschichte und manche aktuelle kirchliche Debatte zeigen. Das wird immer wieder zu Debatten mit Christinnen und Christen aus anderen Teilen der Welt führen.

 

Gefragt sind bei der Beschäftigung mit einem „roten Faden“ mündige Christinnen und Christen, die die Bibel als Heilige Schrift lesen, ohne jeden einzelnen Vers oder gezielt ausgewählte Verse zur Rechtfertigung eigener Positionen zu bestimmten aktuellen Fragen zu nutzen. Treue zur Bibel bedeutet, beim Lesen der Bibel herauszufinden, was Gott von uns in dieser Welt erhofft und erwartet, und nach seiner Weisheit und Wahrheit in den biblischen Texten zu suchen.

 

 

Die Bibel kann dann zum Kompass für soziales Engagement und für das eigene Leben werden, wenn sich die Beschäftigung mit biblischen Texten nicht in wissenschaftlichen Analysen erschöpft. Am Anfang, im Zentrum und am Ende des Lesens und des Nachdenkens über das Gelesene steht der Glaube an den Gott, der den Menschen einen hervorgehobenen Platz in seiner Schöpfung gegeben hat, und ebenso die Freiheit, einen Weg durch dieses Leben zu gehen, der hin zu ihm oder weg von ihm führen kann. 

 

 

© Frank Kürschner-Pelkmann