Die Bibel in den Auseinandersetzungen um die Globalisierung

 

Kann die Bibel eine Rolle in den Auseinandersetzungen um die zukünftige Gestaltung der Globalisierung spielen? Sie tut es bereits, allerdings oft nicht in der Weise, die Kritiker der vorherrschenden Globalisierung es sich wünschen würden. Das Evangelium der Wahl ist für die Gewinner der vorherrschenden Globalisierung das „Wohlstandsevangelium“, das ich in einem eigenen Abschnitt dargestellt habe. Selbst viele Verlierern erscheint dieses „Evangelium“ attraktiv, wird ihnen doch vermittelt, dass auch sie mit Gebeten und mit Spenden für die Prediger dieser Heilslehre bald reich sein werden. Gott habe ihnen genau das in der Bibel versprochen.

 

Christinnen und Christen in aller Welt, die die negativen Auswirkungen der Globalisierung kritisieren und sich für Alternativen einsetzen, berufen sich ebenfalls auf die Bibel. Ihre Stärke ist, dass sie sich nicht lediglich auf einzelne ausgewählte Bibelverse stützen müssen, sondern darauf verweisen können, dass in sehr vielen Kapiteln der Bibel das Eintreten Gottes für die Armen, für eine umfassende Gerechtigkeit und die Bewahrung seiner Schöpfung sehr deutlich ist.

 

1. Einladung zu Entdeckungsreisen zu den Kontexten biblischer Geschichten

 

Globalisierungskritische Christinnen und Christen sind häufig meist kritisch gegenüber der Auffassung, Gott habe den Verfassern der Bibel Wort für Wort diktiert, was wir heute lesen. Und da sie überzeugt sind, dass die Bibel das Werk von Menschen ist, die sich redlich bemüht haben, Gottes Willen und Weisungen zu erkennen und ihren Mitmenschen zu vermitteln, können sie die Bibel nicht einfach als Steinbruch für passende Zitate zur Globalisierungskritik betrachten.

 

Text und Kontext hängen bei diesem Bibelverständnis untrennbar zusammen, und auf diesem Hintergrund gehört zu einem verantwortungsbewussten Umgang mit der Bibel, den Kontext eines biblischen Textes zu studieren.

Das Wissen über die „globalen“ Mächte in biblischen Zeiten und ihr ökonomisches, politisches und militärisches Vorgehen öffnet die Augen dafür, die biblischen Texte ganz neu zu lesen und sehr viel deutlicher zu erkennen, wie überraschend aktuell die biblischen Aussagen zu Ökonomie und Ökologie, Armut und Gerechtigkeit sind. Sie können uns Wegweisungen in heutigen Konflikten geben. Dazu müssen der damalige und heutige soziale, politische, ökonomische und religiöse Kontext biblischer Texte studiert werden, um auf diesem Hintergrund über die Bibel ins Gespräch zu kommen.

 

Noch viel zu wenig kommt in den meisten Gottesdiensten und Gemeindeveranstaltungen vor, dass die Bibel sowohl für die Kritik an der bestehenden Globalisierung als auch bei der Suche nach Alternativen eine große Hilfe sein kann. Globalisierungskritische Christinnen und Christen tun gut daran, die Bibel nicht denen allein zu überlassen, die ein „Wohlstandsevangelium“ predigen oder die die Welt für abgrundtief schlecht halten oder die ein kirchliches Engagement in politischen Fragen ablehnen, aber faktisch den gesellschaftlichen und globalen ökonomischen Status quo verteidigen.

 

2. Ermutigung zum selbstbewussten Lesen der Bibel

 

Gläubige und religiös Suchende sollten zum Lesen der Bibel ermutigt und auf diesem Weg unterstützt werden. Ausgangspunkt kann es sein, das Selbstvertrauen zu stärken, selbst wichtige Erkenntnisse aus dem Lesen der Bibel zu gewinnen. Das Gegenteil geschieht, wenn vermittelt wird, ohne profunde Kenntnisse der biblischen Sprachen Hebräisch und Altgriechisch sowie Latein könne man die Bibel nicht wirklich verstehen und auslegen und sollte sich besser auf die dafür ausgebildeten Theologinnen und Theologen verlassen.

Zumindest Martin Luther hat den Gläubigen mehr zugetraut und sprach von einem „Priestertum aller Gläubigen“. Auf der Website der „Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau“ wird dieser Begriff so erklärt: „Nach Martin Luther ermöglicht der Heilige Geist jedem getauften Christen, die Bibel zu verstehen. Aus diesem Grund übersetzte Luther das Alte und das Neue Testament ins Deutsche und forderte, dass jeder lesen und schreiben lernt. Er war überzeugt, dass jeder, der die Bibel selbst lesen kann, sich auch an der Reform der Kirche beteiligt.“

 

Das macht Geistliche nicht überflüssig, aber die Nicht-Theologen sollen nicht entmündigt werden. Auf der EKD-Website lesen wir unter dem Stichwort „Priestertum aller Gläubigen“ hierzu: „Auch wenn hauptsächlich Pfarrerinnen und Pfarrer die Verkündigung übernehmen, ist jeder Christ frei, sich ein eigenes Urteil über die Lehre der Kirche zu bilden.“

 

Alle getauften Gemeindemitglieder können sich auf Luther berufen, der erklärt hat, dass sie mit der Taufe „Priester, Bischof und Papst“ sind. Das bedeutete für Luther nicht, dass es keine Pfarrerinnen und Pfarrer mehr geben sollte, nehmen sie doch unverzichtbare Aufgaben wie das Predigtamt wahr. Aber die Gaben der übrigen Gemeindemitglieder sollen systematisch gefördert und sie zum selbstständigen Lesen der Bibel ermutigt werden.

 

Es kann in diesem Zusammenhang an eine berühmte Aussage von Paulus erinnert werden. Beim Zusammenwirken unterschiedlichster Menschen in einer Gemeinde könnten sie ihre jeweiligen Fähigkeiten einbringen. Sie kämen aus unterschiedlichen Völkern und hätten einen unterschiedlichen sozialen Status, aber sie bildeten alle gemeinsam einen Leib und niemand soll sich über den anderen erheben. „Aber Gott hat den Leib zusammengefügt und dem geringeren Glied höhere Ehre gegeben, auf dass im Leib keine Spaltung sei, sondern die Glieder einträchtig füreinander sorgen.“ (1. Korinther 12,24-25)

 

Gerade, wenn wir die Bibel mit dem Ziel lesen, darin Orientierung für die Auseinandersetzung mit der vorherrschenden Globalisierung und Wege zu einer anderen Globalisierung zu finden, sind viele Kenntnisse und Fähigkeiten gefragt. Das reicht von historischen Kenntnissen über die „globale Ökonomie“ des Römischen Reiches zu Lebzeiten Jesu bis zu den Mechanismen und Auswirkungen der heutigen globalen Finanzbeziehungen. Niemand ist Experte auf all diesen Gebieten und viele können sich intensiver mit einzelnen Themen beschäftigen und ihre Erkenntnisse in das Gespräch über biblische Texte einbringen.

 

Wer noch Zweifel hat, dass „einfache Leute“ tatsächlich viel zur Auslegung von Bibeltexten beitragen können, möge das Buch „Das Evangelium der Bauern von Solentiname“ lesen. Der Theologe und Dichter Ernesto Cardenal hat in den 1970er Jahren mit Bäuerinnen und Bauern in Nicaragua biblische Geschichten gelesen und besprochen und die Gespräche in einem umfangreichen Buch veröffentlicht. Eine beeindruckende und faszinierende Lektüre – und natürlich kann man schlecht die Bibellektüre in lateinamerikanischen Basisgemeinschaften und -gemeinden schätzen und preisen, aber die Theologie hierzulande doch lieber den Experten überlassen.

 

3. Nicht jeder biblische Text gibt uns heute Orientierung

 

Der Zugang zu biblischen Texten wird erleichtert, wenn der oder die Lesenden von der Befürchtung befreit ist, sie sollten an alles glauben und alles tun, was in diesem umfangreichen Buch aufgeschrieben wurde. Wenn beispielsweise vom brutalen Niedermetzeln von Tausenden Feinden die Rede ist und dies mit göttlicher Zustimmung und Unterstützung geschehen sein soll, dann können heutige Christinnen und Christen diese Passagen der Bibel entspannt lesen und müssen sich keine Gedanken darüber machen, wie Gott solche Gewaltexzesse zulassen konnte.

 

Sie können diese Bibeltexte als Geschichten eines immer wieder geknechteten und gedemütigten Volkes lesen, das endlich auch einmal selbst zuschlagen und die Feinde zermalmen wollte und sei es nur in seinen religiösen Schriften. Das ist menschlich, allzu menschlich – und kein Anlass, über einen brutalen Gott nachzudenken. Das wir biblische Texte so lesen können, ist ganz wesentlich ein Verdienst der Aufklärung.

 

4. Das „aufgeklärte“ Lesen der Bibel

 

Die europäische Aufklärung des 18. Jahrhunderts ist zunächst von vielen Kirchen und ihren Theologen skeptisch bis ablehnend aufgenommen worden. Im Nachhinein können Christinnen und Christen aber dankbar für die Aufklärung sein, die bald auch große Teile der Kirchen beeinflusst und zu einem neuen Lesen der Bibel geführt hat.

 

Dabei müssen wir uns bewusst sein, dass die Aufklärung kein abgeschlossener Prozess ist. Mit dem Religionsphilosophen Christian Modehn können wir sagen: „Wir leben bekanntlich noch nicht in ‚aufgeklärten‘ Zeiten, sondern immer noch in einer ‚modernen‘ Welt, die um Aufklärung als Prinzip der Gestaltung von Gesellschaft, Staat, Religionen, Kirche usw. ringt.“

Es besteht kein Zweifel: Christinnen und Christen können sowohl dazu beitragen, dass die Aufklärung voranschreitet, als auch dazu, sie umfassend zu verstehen und nicht auf eine rationale Betrachtung und Gestaltung der Welt zu reduzieren. Dorothee Sölle äußerte sich dazu in einem Interview so: „Die Aufklärung im Sinne ihres Anspruchs auf rationale Bewusstmachung, Klären, aus dem Dunklen heraufheben, ins Licht bringen, das bejahe ich vollkommen. Nur wenn diese Aufklärung dann meint, sie hätte damit alles durchschaut, das wäre nun alles, dann greift die Aufklärung zu kurz.“

 

Es gilt, die Verdienste der historischen Aufklärung zu bewahren und fortzuentwickeln. Denke selbst nach und folge nicht blindlings irgendwelchen Autoritäten – diese Überzeugung der Aufklärer hat auch das Bibellesen und die Kirchen verändert. Gewiss, das Vertrauen der Aufklärer in die Wirkung der menschlichen Vernunft war zu optimistisch, hat manchmal auch auf Irrwege geführt und dies auch beim lesen und auslegen der Bibel. Aber die Aufbrüche in der europäischen Theologie des 19. und 20. Jahrhunderts wären ohne die Aufklärung kaum denkbar gewesen.

 

So hatten zum Beispiel in einer Stadt wie Hamburg die orthodoxen Lutheraner im 18. Jahrhundert eine so starke Stellung, dass abweichende religiöse Auffassungen in der Stadt mit Vehemenz und oft auch mit Erfolg bekämpft wurden. Der Aufklärer Lessing war einer der Opfer dieser Attacken und musste schließlich nach Wolfenbüttel auswandern. 

 

Erst ganz allmählich setzte sich im Gefolge der Aufklärung eine größere Freiheit der Bibelauslegung in den hiesigen christlichen Kirchen, aber auch im deutschen Judentum durch. Von der Aufklärung beeinflusste Bewegungen in Christentum und Judentum gewannen an Bedeutung und die Gläubigen allmählich die Freiheit, die Bibel selbst zu deuten und ihren Glauben auf dieser Grundlage zu leben.

 

Vernunft ist eine göttliche Gabe, die wir nicht beiseite legen müssen, wenn wir die Bibel aufschlagen, lautete und lautet die Überzeugung dieser aufgeklärten Gläubigen, und das hat ihren Horizont beim Lesen der Heiligen Schrift geradezu dramatisch verändert. Ein Weg zurück in die Voraufklärungszeit kann es nicht geben, sind zumindest in den hiesigen Kirchen die meisten Theologinnen, Theologen und kirchenleitenden Personen überzeugt.

Pastor Johann Hinrich Claussen, der Kulturbeauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland, argumentiert, dass der deutsche Protestantismus auf die historisch-kritische Forschungstradition stolz sein sollte: „Es sollte sie nicht unter den Scheffel stellen, sondern auf einen Leuchter. Denn sie ist der große und einzigartige Beitrag des aufgeklärten Protestantismus zur Christentumsgeschichte, eine lebendige Brücke zum Wahrheitsbewusstsein der modernen Welt.“

 

Die große Freiheit und die Vielfalt von Glaubensüberzeugungen in den Kirchen, besonders in den Kirchen der Reformation, wird heute von vielen Gläubigen geschätzt, und es können kaum Zweifel bestehen, dass heute die Abwanderung aus einer dogmatisch-orthodoxen lutherischen Kirche noch weit größer wären, als sie ohnehin ist.

 

5. Biblische Texte: Von Männern verfasst und doch ein Ausgangspunkt für den Aufbruch von Frauen in der Kirche

 

Die biblischen Texte wurden ausschließlich oder doch fast ausschließlich von Männern verfasst. Und diese Männer lebten in patriarchalen Gesellschaften. Das spiegelt sich in ihren Texten wider. Zwar gelingt es seit einigen Jahrzehnten vielen Frauen, den Frauen in der Bibel wieder mehr Beachtung zu verschaffen, aber es bleibt ein Problem, dass die Bibel nicht nur menschengemacht, sondern männergemacht ist. Das macht es für viele heutige Frauen schwierig, einen Zugang zur Bibel und zum Glauben zu finden. Dies gilt besonders für jüngere Frauen, die gesellschaftskritische und globalisierungskritische Positionen vertreten.

 

Besonders der Apostel Paulus steht im Ruf, frauenfeindliche Positionen in seinen Briefen vertreten zu haben, die ins Neue Testament aufgenommen wurden. Zu beachten ist aber, dass sieben der vierzehn Briefe, die Paulus zugeschrieben wurden, nach Auffassung eines großen Teils der heutigen Fachleute nicht von ihm verfasst wurden, sondern von seinen Schülern und Gläubigen, die sich in seiner Tradition sahen.

 

Beim Römerbrief gilt es zwar als gesichert, dass er von Paulus verfasst wurde, nur gibt es kontroverse Fachdebatten darüber ob der ursprüngliche Schluss verlorengegangen ist und welche Passagen später eingefügt oder verändert wurde. Es ist also bei jeder Paulus zugeschriebenen Aussage zu Frauen und Männern erst einmal zu prüfen, ob sie überhaupt mit hoher Wahrscheinlichkeit von ihm stammen oder ihm nur später zugeschrieben wurde.

 

Zu berücksichtigen ist auch, dass auch die Bibelübersetzungen sehr überwiegend von Männern stammen und eindeutige patriarchale Tendenzen in vielen Übersetzungen nachweisbar sind. Das gilt bereits für die Vulgata, die weit verbreitete lateinische Übersetzung der Bibel durch Hieronymus, die frauenfeindlich war, so zum Beispiel die Diagnose von Professor Martin Leutzsch (in der Zeitschrift „Junge Kirche 2/2002).

 

Die patriarchale Übersetzungstradition war ein wichtiger Anlass dafür, die „Bibel in gerechter Sprache“ zu veröffentlichen. Wer sich über frauenfeindliche Sätze in der Bibel ärgert, dem sei empfohlen, die neue Bibelübersetzung heranzuziehen. Selbstverständlich werden sie und er nicht auf ein frühfeministisches Werk stoßen, aber manch anstößige Formulierungen in anderen Übersetzungen werden nun zumindest relativiert.

Das Argument „Es steht aber so in der Bibel“ muss Frauen also keineswegs zum Schweigen bringen, sondern kann nur Anlass sein, die Bibel neu und dezidiert aus einer Frauenperspektive zu lesen und interpretieren. Dabei sind in den letzten Jahren bemerkenswerte Erfolge erzielt worden, so die „Wiederentdeckung“ von starken Frauen in der Bibel.

 

Wenn wir den Zusammenhang von Text und Kontext der Bibel ernst nehmen und zur Grundlage des Bibellesens machen, kommen wir zu weiteren Erkenntnissen. Ein „aufgeklärtes“ Lesen der Bibel eröffnet besonders Frauen einen neuen Zugang zu Glauben und christlichem Engagement in Kirche und Gesellschaft.

 

Wie mehrfach erwähnt, ist es bereichernd, wenn man nicht ausschließlich still in seinem Kämmerlein in der Bibel liest, sondern gemeinsam mit anderen Gemeindemitgliedern. Solche Bibelgesprächskreise müssen dann allerdings „frauenfreundlich“ sein, also nicht von einigen Alpha-Männern dominiert werden, die ständig das Wort führen und dabei Stil und Inhalt der Gespräche dominieren. Jesu Kommunikationsstil war eindeutig den Frauen zugewandt und auf ihr „Empowerment“ ausgerichtet. Davon können heutige Bibelgesprächskreise viel lernen. 

 

6. Die Infantilisierung der Gemeindemitglieder erschwert jegliches globalisierungskritische Engagement  

 

Nicht selten bin ich enttäuscht und entsetzt, wenn ich erlebe, wie in Predigten der Eindruck vermittelt wird, alle biblischen Geschichten würden die damalige Realität wiedergeben. Aber wer in einer Predigt zum Beispiel den Eindruck erweckt, der Turm in Babel sei wegen der Sprachverwirrung nicht vollendet worden, der ignoriert alle archäologischen Erkenntnisse der letzten zwei Jahrhunderte. Die Behauptung des unvollendeten Turms ist so unsinnig wie die These, die Erde sei eine Scheibe.

 

Genauso unsinnig ist es, den Eindruck zu erwecken, Daniel sei eine historische Persönlichkeit gewesen. Damit schreibe ich wahrlich nichts Neues, im Gegenteil. Zumindest diejenigen Geistlichen, die an einer Universität Theologie studiert haben, können wissen, dass viele biblische Geschichten historische Ereignisse nicht exakt wiedergeben und manche überhaupt keine historischen Wurzeln besitzen. Dafür können wir heute nachvollziehen, auf welchem Hintergrund und mit welcher Zielsetzung eine Geschichte so aufgeschrieben wurde. Das können interessierte Gemeindemitglieder auch selbst jederzeit auf den Websites der Deutschen Bibelgesellschaft und des Katholischen Bibelwerks sowie diversen anderen Websites herausfinden.

 

Aber warum kommen diese Tatsachen so selten in Predigten und Gemeindekreisen vor? Zugegeben, die Geschichte von Daniel in der Löwengrube lässt sich besonders spannend erzählen, wenn sie wie ein Tatsachenbericht erscheint. Dagegen ist es schwieriger, in der Predigt zu vermitteln, dass die Geschichte kein historisches Ereignis widergibt, aber auch kein Märchen ist, sondern tiefere Wahrheiten enthält.

 

Aber sehr viele Gemeindemitglieder werden ohnehin daran zweifeln, dass Daniel wirklich wohlbehalten aus einer Löwengrube gestiegen ist, aber werden sich ernst genommen fühlen und durchaus gespannt zuhören, in welcher historischen und religiösen Situation diese Geschichte entstanden ist.

Aber kommt es auf die historischen Tatsachen wirklich an? Kehren wir dafür zum Turmbau von Babel zurück. In der biblischen Geschichte scheitert der Bau, weil die Bauleute unterschiedlichste Sprachen sprachen und sich nicht mehr verständigen konnten. Eine mehrsprachige Gesellschaft scheint also ins Chaos zu führen.

 

Tatsächlich war der Turmbau ein Beispiel dafür, dass Menschen aus unterschiedlichen Völkern und Kulturen gemeinsam ein beeindruckendes Gebäude fertigstellen können. Babylon war eine Vielvölkerstadt, und das Zusammenleben hat so gut funktioniert, dass nicht nur die Architektur beeindruckend war, sondern auch die Wirtschaft und die Kultur florierten.

Eine Predigt, die das thematisiert, kann in der heutigen multikulturellen Realität selbst in kleineren Städten eine wichtige Botschaft vermitteln. Dabei muss das historische Babylon keineswegs idealisiert werden, aber es war eben nicht das Sünden-Babel der Offenbarung des Johannes. Aber das ist eine andere Geschichte, denn eigentlich ging es in der Offenbarung nicht um Babylon, sondern um Rom. Angesichts der begonnenen Verfolgung durch das Römische Reich zogen der oder die Verfasser der Offenbarung es aber vor, Rom unerwähnt zu lassen. Die damaligen Zuhörer wussten wahrscheinlich, dass nicht Babylon, sondern Rom mit den Prophezeiungen gemeint war.

 

Und heutige Gottesdienstbesucher? Was erfahren sie? Wenn in einer Predigt sinnvollerweise Text und Kontext berücksichtigt werden sollen, spielt es für den damaligen und ebenso für den heutigen Kontext unbestreitbar eine Rolle, ob es in dem Bibeltext um Babylon oder um das Römische Reich geht, die sehr unterschiedliche Strategien hatten, um ihr „globales“ Reich zu beherrschen. Generell gilt, dass Fakten im Blick auf Text und Kontext biblischer Texte zählen.

 

7. Die Bibel als Richtschnur

 

Mit einem ernsthaften Studium der biblischen Texte entgehen wir wirksam der Gefahr einer Beliebigkeit der Auslegung von Bibelversen und -abschnitten. Es gibt in der Bibel viele eindeutige „rote Fäden“, denen wir folgen können und sollen, um ein Leben zu führen, das gottgefällig ist und uns und unseren Mitmenschen zum Wohle dient.

 

Das stellt Anforderungen an uns – und kann ein Leben in Fülle ermöglichen. Wenn wir – um einen zentralen „roten Faden“ zu nennen - das Gebot der Nächstenliebe ernst nehmen, dann hat das sehr gravierende Auswirkungen auf unser Verhalten in der Wirtschaft. Wir müssen uns dann zum Bespiel konsequent und laut dafür einsetzen, dass die Ausbeutung von Menschen in Goldbergwerken und Textilfabriken im Süden der Welt umgehend beendet und all die Unternehmen verurteilt und zur Umkehr veranlasst werden, die davon profitieren. Auch der eigene Konsum muss nicht nur punktuell, sondern grundlegend und konsequent verändert werden.

 

Bei Geboten wie der Nächstenliebe kann es, wenn wir die Bibel ernst nehmen, keine pragmatischen kleinen Schritte geben, die erst in Jahrzehnten zu einer Beseitigung von Missständen führen. Auch kann die Bewahrung der Schöpfung nicht mit langen Übergangsfristen verwirklicht werden, die vor allem dazu dienen, diejenigen zu beschwichtigen, die durch den Natur- und Tierschutz für ihre Unternehmen und sich persönlich Nachteile befürchten.

 

Die Nächstenliebe ist in der Bibel untrennbar verbunden mit der Liebe zu sich selbst. Das könnte leicht missverstanden werden. Es geht nicht um Narzissmus und Egomanie, sondern darum, liebevoll mit sich selbst umzugehen – und diese Liebe mit anderen zu teilen. Die andere Globalisierung wird nicht von „kühlen“ Analytikern gestaltet werden, sondern von Menschen, die mit Herz und Verstand eine bessere Welt aufbauen wollen – und manche von ihnen werden entdecken, welche Kraftquelle und welcher Kompass die Bibel auf diesem Weg ist. 

 

Aber: „Patentrezepte“ für die Probleme unserer heutigen komplexe Welt dürfen wir aus dem Lesen der Bibel nicht erwarten. Professor Jürgen Ebach hat in einer Bibelarbeit während der EKD-Synode 2001 zum Thema Globalisierung nachdenklich festgestellt: „Vielleicht hilft die Bibel überhaupt weniger dazu, die richtigen Antworten zu finden als richtige Fragen. In einer Zeit, in der mehr Antworten produziert und auf dem Markt angeboten als wirklich kritische Fragen gestellt werden, wäre es nicht wenig, wenn das Hören auf einen Bibeltext vorgefertigte Denk- und Einstwellungsmuster auch nur um ein Geringes verrückte.“

 

8. Die wachsende gesellschaftliche Unübersichtlichkeit, die Gefahr des Fundamentalismus und das ökumenische Engagement

 

Es gibt Christinnen und Christen, die klare Vorgaben schätzen, was zu glauben ist und was nicht, was gut und was böse ist, wer sich Hoffnung machen kann, in den Himmel zu kommen und wer nicht. Sie empfinden einen Glauben als kraftvoll und überzeugend, der „klare Ansagen“ macht und der auch keinen Zweifel am göttlichen Ursprung biblischer Texte hegt oder zulässt. Es gibt ein festes religiöses Fundament, an dem nicht gerüttelt wird und nicht gerüttelt werden darf. Der Weg von der vehementen Verteidigung solcher Fundamente des Glaubens gegen jeglichen „Zeitgeist“ bis zum religiösen Fundamentalismus kann allerdings recht kurz sein.

 

Warum ein solcher Fundamentalismus heute viele Anhänger findet, hat Professor Jürgen Ebach in einer Bibelarbeit beim Evangelischen Kirchentag 2007 in Köln so analysiert: „Der zuzeiten in vielen Religionen wachsende Fundamentalismus profitiert von der wachsenden Unübersichtlichkeit der Lebenswelten. Je mehr fraglich ist, desto klarer sollen die religiösen Antworten sein; je widersprüchlicher die Erfahrungen werden, desto gefragter sind möglichst einfache Wahrheiten. Wer die Welt nicht mehr versteht, sucht nicht selten Zuflucht im Irrationalen. Um ‚Aufklärung‘ muss es darum gehen, aber auch um die ‚Dialektik der Aufklärung‘. Gefordert ist ein Umgang mit der Bibel, der vom ‚Frieden Gottes‘ lebt, welcher ‚höher ist als alle Vernunft‘, aber darum den Gebrauch derselben nicht überflüssig macht.“

 

Auf den ersten Blick mag ein Glaube als schwach und zaudern gelten, der ein kritisches Hinterfragen religiöser Grundlagen und religiöser Praxis nicht nur zulässt, sondern dazu ermutigt. Niemand hat im liberal geprägten Protestantismus die Autorität, für alle verbindlich zu verkünden, wie ein Bibeltext auszulegen ist. Es gilt, einen eigenen Zugang zu einem biblischen Text zu finden und sich mit anderen darüber auszutauschen.

 

Es zählt das überzeugende Argument, nicht die Lehrentscheidung einer religiösen Autorität oder – noch gravierender - einer militanten religiösen Bewegung, die anderen ihren Willen aufzwingen will. Das ist ein Erbe der Aufklärung, ein wertvolles Erbe in einer Zeit, in der in verschiedenen religiösen Gemeinschaften auf der Welt all jene geächtet und manchmal sogar mit dem Tod bedroht werden, die die herrschende Festlegung der heiligen Schriften und religiösen Pflichten und Gebote nicht folgen.

 

Nicht nur Protestanten, sondern auch viele andere Christinnen und Christen verteidigen das Erbe der Aufklärung. Allerdings verteidigen sie es häufig zu zurückhaltend und leise. Auch im Judentum, im Islam und in anderen Religionen gibt es Gläubige, die die Freiheit verteidigen wollen, die heiligen Schriften selbst auszulegen und daraus Folgerungen für das individuelle Leben und das gesellschaftliche Zusammenleben zu ziehen. Und diese Gläubigen haben eine Zukunft des gedeihlichen Miteinander der Religionen auf ihrer Seite. Eine andere Globalisierung kann nur entstehen, wenn Menschen aller Religionen gemeinsam daran mitwirken, ebenso Menschen ohne religiöse Bindung.

 

9. Der Verteidigung des Status quo entgegentreten – mit der Bibel

 

Es gibt viele Gründe für die Überzeugung, dass sie heute vorherrschende Globalisierung mit den biblischen Maßstäben für eine Ökonomie zum Wohle der Menschen unvereinbar ist. Diese Globalisierung ist auch mit den Geboten und Verboten vieler anderer Religionen unvereinbar.

 

Wir erleben heute, dass viele Christinnen und Christen, die den ökonomischen und sozialen Status quo verteidigen, die Augen verschließen vor den biblischen Forderungen und Geboten. Diese machen auf unsere heutige globale und lokale Situation angewandt tief greifende Veränderungen unabdingbar und dies so rasch wie möglich. Ich bin überzeugt, dass es kein glaubwürdiges christliches Leben geben kann, das sich „unpolitisch“ gibt, wo ein konsequentes politisches Handeln erforderlich ist, um Gottes Schöpfung zu bewahren, Gerechtigkeit für alle zu schaffen und Milliarden Menschen von einem Leben in Armut und Elend zu befreien.

 

Zwar ist es möglich, sich auf jene Bibelverse und -abschnitte zu fokussieren, die den gesellschaftlichen Status quo und die persönliche Lebensweise nicht infrage stellen. Auch ist es möglich, all die Tatsachen über ökonomischen und sozialen Missstände, die gläubige Menschen zu einem nicht selten radikalen Engagement nötigen würden, zu relativieren oder als „fake news“ zu diffamieren - von der globalen Klimakatstrophe bis zur Ausbeutung von vielen Millionen Arbeiterinnen und Arbeitern in der globalen Textilindustrie. Aber die Nachfolge Jesu erfordert etwas anderes.

 

Wer dennoch den sozialen und kirchlichen Status quo verteidigen möchte, dem können wir mit einem Satz antworten, den der große Aufklärer Lichtenberg über sein Bett gehängt hatte: „Ich kann freilich nicht sagen, ob es besser werden wird, wenn es anders wird, aber so viel kann ich sagen, es muss anders werden, wenn es gut werden soll.“

 

10. Rationale Analysen allein führen nicht zu einer anderen Globalisierung

 

Es gibt verheißungsvolle Möglichkeiten, die Bibel neu zu lesen. Ganz in der Tradition der Aufklärung können wir uns unseres Verstandes bedienen, um Widersprüche zwischen biblischen Texten wahrzunehmen und sie auch aus der historischen Situation zur Zeit ihrer Abfassung und den Glaubensüberzeugungen der Verfasser zu erklären. Wir können dann erkennen, dass es nicht darum gehen kann, die eigene, bereits gefestigte Auffassung zu einer Thematik mit geeigneten Bibelversen zu untermauern. Wir sollten vielmehr versuchen, die „roten Fäden“ in der Bibel zu erkennen. Sie wurden über die Jahrhunderte immer aufs Neue von den Verfassern biblischer Texte als Gottes Wille erkannt, ein Wille, der das Beste für die Menschen und die ganze Schöpfung zum Ziel hat.

 

Wenn wir uns auf die Suche nach einem solchen „roten Faden“ machen, begeben wir uns auf eine spannende Entdeckungsreise, die uns verändern wird. Das gelingt allerdings nur, wenn wir uns nicht auf eine rationale Durchdringung von Text und Kontext von Bibelabschnitten beschränken. Erst mit Verstand und mit Herz können wir die biblische Botschaft wirklich „begreifen“ und uns zu einem veränderten Glauben und Leben bewegen lassen. Viele anrührende und poetische Abschnitte der Bibel erleichtern uns diesen Weg.

 

Wir können uns dabei von Jesus anleiten lassen. Vor allem aus seinen Gleichnissen können wir lernen, dass er die wirtschaftlichen, politischen, sozialen, kulturellen und religiösen Verhältnisse seiner Gesellschaft genau kannte. Es gelang ihm, dieses Wissen zur Grundlage für Geschichten zu machen, die den Verstand und die Gefühle seiner Zuhörerinnen und Zuhörer ansprachen. Er wusste, dass Glaube ohne Gefühle und ohne Empathie für die Nächsten nicht wachsen kann. Und wie der reiche Jüngling haben wir die Wahl, ob wir dem Weg, den Jesus uns aufgezeigt hat, mit Herz und Verstand folgen oder traurig davongehen.

 

11. Das Erbe der Aufklärung im weltweiten ökumenischen Austausch

 

Im Austausch mit Christinnen und Christen aus der weltweiten Ökumene werden die historisch-kritische Exegese und die daraus gewonnenen Erkenntnisse nur selten thematisiert. Das ist nicht nur meine eigene Erfahrung, sondern auch die von Johann Hinrich Claussen, dem Kulturbeauftragten der EKD: „… im ökumenischen Gespräch hält man sich zurück aus Angst, den unaufgeklärten Gesprächspartnern einen heiligen Schrecken einzujagen“.

 

Zwar ist es selbstverständlich möglich, sich auch bei unterschiedlichen Vorstellungen darüber, wie in der Bibel gelesen werden kann, gemeinsam für Gerechtigkeit, Frieden, die Bewahrung der Schöpfung zu engagieren. Schwierig wird es aber, wenn die ökumenische Zusammenarbeit dadurch belastet wird, dass der eigene historisch-kritische Zugang zu biblischen Texten „schamhaft“ verschwiegen wird. Ökumene lebt auch davon, dass Unterschiede thematisiert und diskutiert werden, sonst bleibt sie oberflächig.

 

12. Neue Bündnisse für eine andere Globalisierung

 

Das Engagement für eine Globalisierung, die auf den Zielen Gerechtigkeit, sozialen Ausgleich und eine Bewahrung unserer Erde beruht, kann Christinnen und Christen auch mit Menschen anderer Religionsgemeinschaften verbinden, die diese Werte in ihren heiligen Schriften erkannt haben und sich daran orientieren. Zu diesem Bündnis gehören auch all jene, die keinen religiösen Glauben haben, sondern sich als Humanisten für eine andere, gerechtere Welt engagieren.

 

 

Nur gemeinsam werden wir diese Welt zum Besseren verändern können. Und die Christinnen und Christen, die sich mit auf diesen Weg machen, können entdecken, dass sie durch die Begegnung mit Menschen anderen Glaubens und ohne Glauben ihren Horizont erweitern und die Bibel mit neuen Augen lesen.

 

© Frank Kürschner-Pelkmann