Die Bibel als globaler „Bestseller“

 

Wie wir einen biblischen Text lesen und verstehen, hängt ganz wesentlich davon ab, welche Bibel wir gerade lesen. Es gibt keine neutrale oder objektive Übersetzung der Bibel. Immer fließen die Erfahrungen und Überzeugungen der Übersetzer in eine Bibelübersetzung ein. Davon zeugen zum Beispiel die mehr als drei Dutzend Bibelübersetzungen ins Deutsche, die heute häufig gelesen werden. Das Spektrum reicht von der Bibel auf der Grundlage der Übersetzung Luthers bis zur Bibel in gerechter Sprache.

 

Wenig Beachtung findet häufig, wie mit fett gedruckten Hervorhebungen einzelner Bibelverse als besonders wichtig klassifiziert werden. Selbstverständlich gehen diese Hervorhebungen nicht auf eine göttliche Beauftragung zurück, sondern auf Entscheidungen der Übersetzer oder Herausgeber der jeweiligen Bibel.

 

Martin Luther hat mit seiner Übersetzung der Bibel ins Deutsche ganz entscheidend dazu beigetragen, dass das Lesen der Heiligen Schrift in unseren Kirchen und Kirchengemeinden auch für „einfache Leute“ möglich wurde. Dazu trugen selbstverständlich auch die Erfindung des Buchdrucks sowie der Auf- und Ausbau des Schulwesens bei. Auch in der katholischen Kirche nahm in den letzten Jahrhunderten das Bibellesen der Gemeindemitglieder stark zu.

 

Bereits 1710 entstand in Halle an der Saale auf Initiative des Freiherrn Carl Hildebrandt die weltweit erste Bibelgesellschaft, die sich zum Ziel setzte, einen preiswerten Zugang zur Bibel zu ermöglichen. Die erste in großem Stil international tätige Bibelgesellschaft war die „British and Foreign Bible Society“, die 1804 gegründete überall in Großbritannien und bald auch in ganz Europa und Übersee preiswerte Bibeln anbot. Das britische Beispiel ermutigte auch überall in Deutschland zur Gründung von Bibelgesellschaften, von denen manche bis heute bestehen.

 

Bibelgesellschaften ermöglichen den Zugang zu Bibeln in der eigenen Sprache

 

Am 9. Mai 1946 gründeten Delegierte aus 13 Ländern im englischen Haywards Heath die „United Bible Societies“, den „Weltverband der Bibelgesellschaften“. Gehörten UBS zunächst ausschließlich europäische und nordamerikanische Bibelgesellschaften an, so umfasst die Mitgliedschaft inzwischen annähernd 150 nationale Bibelgesellschaften, die gleichberechtigt alle wichtigen Entscheidungen treffen. Die großen Denominationen wie Katholiken, Protestanten und Orthodoxe arbeiten über die nationalen Bibelgesellschaften mit, ebenso viele kleinere Kirchen und Para-Kirchen. Gemeinsam sind sie in über 200 Ländern tätig, um den Menschen den Zugang zu Bibeln in ihren eigenen Sprachen zu eröffnen.

 

Die Bibelgesellschaften haben entscheidend dazu beigetragen, dass die Bibel heute in mehr als 500 Sprachen gelesen werden kann, in weiteren mehr als 1.300 Sprachen zumindest das Neue Testament. Mit den übersetzten Bibeln kann 80 Prozent der Weltbevölkerung die Heilige Schrift in ihrer eigenen Sprache lesen. Damit sie sie tatsächlich lesen können, bieten viele Bibelgesellschaften auch Alphabetisierungsprogramme an.

 

In vielen Ländern sind die Bibelgesellschaften die Zusammenschlüsse mit der breitesten Mitgliedschaft christlicher Kirchen und tragen so wesentlich zur ökumenischen Zusammenarbeit bei. Ein Beispiel: Auf Madagaskar gab es früher eine evangelische und eine katholische Übersetzung der Bibel in Malagasy, die sich zum Beispiel darin unterschieden, dass unterschiedliche Worte für Gott gewählt wurden. Die Bibelgesellschaft des Landes hat dafür gesorgt, dass Katholiken und Protestanten sich auf eine gemeinsame Bibelübersetzung geeinigt haben und es seither auch auf Malagasy nur noch einen Namen Gottes gibt. Damit wurde die Voraussetzung für ein gemeinsames ökumenisches Bibellesen geschaffen.

 

Bibelübersetzer und ihre theologischen Überzeugungen

 

Es gehört zu den Verdiensten vieler Missionare des 18. und 19. Jahrhunderts, die Bibel im Süden der Welt in einheimische Sprachen übersetzt zu haben. Für manche Völker war die Bibel das erste Buch in ihrer Sprache und hat die Sprachkultur und die Identität dieser Völker stark gefördert. Diese Übersetzungen sind selbstverständlich auch von den theologischen Überzeugungen des jeweiligen Missionars geprägt und das wirkt bis heute in diesen Kirchen nach.

 

Dafür ein Beispiel, das ich der feministischen Theologin und Hochschullehrerin Dora R. Mbuwayesango verdanke. In dem Sammelband „Other Ways of Reading – African Women and the Bible“ (Atlanta und Genf 2001) hat sie dargestellt, wie die Missionare bei der Bibelübersetzung in die simbabwische Sprache Shona den Namen des höchsten religiösen Wesens in der einheimischen Glaubenswelt, Mwari, als Bezeichnung für den christlichen Gott wählten. Der Gott der Bibel sollte so relevant und akzeptabel für die einheimische Bevölkerung gemacht werden.

 

Der einheimische Geist Mwari sollte dabei abgesehen von der Übernahme seines Namens in jeder anderen Hinsicht durch den christlichen Gott ersetzt werden, hat die afrikanische Theologin diagnostiziert. Dora Mbuwayesango zögert nicht, dies als „Usurpation“ zu bezeichnen: „Den Namen von Mwari zu übernehmen bedeutet, den Shona ihre Tradition zu rauben und Mwari zu kolonisieren.“

 

Der christliche Gott trat ganz allmählich das Erbe des einheimischen Mwari an. Von diesem christlichen Gott gab es umfangreiche schriftliche Texte in der Bibel und diese wurden in Schulen und Kirche immer aufs Neue vorgelesen und gelesen. Demgegenüber wurde die einheimische Religion mündlich von einer Generation zu nächsten weitergegeben und diese Tradition ging durch die Umwälzungen der Kolonialzeit weitgehend verloren.

 

 

Gravierend wirkt sich bis heute aus, dass Mwari in der Shona-Tradition geschlechtsneutral war, also weder männlich noch weiblich. Mit der Bibelübersetzung wurde daraus aber ein männlicher Gott.  

 

© Frank Kürschner-Pelkmann