Die Bibel über alle Grenzen hinweg lesen

 

Seit durch die Globalisierung immer engere wirtschaftliche, politische, kulturelle und religiöse Verbindungen und feste Beziehungen zwischen Menschen in weit entfernten Weltteilen entstanden sind, bestehen sehr viel größere Möglichkeiten, sich über kontinentale Grenzen hinweg über biblische Texte auszutauschen. Auch konfessionelle Familien und kirchliche Bewegungen wie die Evangelikalen haben sich global vernetzt und tauschen sich darüber aus, wie sie die Bibel lesen und was einzelne Geschichten und Verse der Bibel für sie bedeuten. Für Christinnen und Christen ist also eine „Nebenwirkung“ der Globalisierung der globale Austausch über biblische Texte und deren Bedeutung für unseren Glauben und unser Engagement in Kirche und Gesellschaft.

 

Feministinnen in den Kirchen haben aus ihrem jeweiligen Kontext heraus und im weltweiten Austausch miteinander die Frauen in der Bibel neu entdeckt. Es gibt als Ergebnis keine einheitliche globale feministische Theologie, sondern viele feministische Theologien. Sie spiegeln die Erfahrungen und Erkenntnisse im jeweiligen Kontext wider, haben aber auch vieles gemeinsam. Dazu gehört, dass gemeinsam mit gleichgesinnten Christinnen in anderen Weltregionen die globalen ökonomischen Prozesse und deren gesellschaftliche Auswirkungen analysiert werden und Alternativen entwickelt werden.

 

Auch für die Christinnen und Christen in Deutschland können der ökumenische Austausch über die Bibel und das Lesen in der Bibel sehr bereichernd sein. Gemeinsam mit Glaubensgeschwistern in anderen Ländern und Kulturen können wir zum Beispiel darüber nachdenken, warum gleich am Anfang der Bibel zwei einander offenkundig widersprechende Schöpfungsgeschichten stehen. Oder die Frage, welche Bedeutung die vielen blutigen Schlachten und die wiederholte Verfluchung von Feinden in weiteren Kapiteln des Alten Testaments für uns heute haben. Oder ganz am Ende bei der Offenbarung des Johannes die schwer zu deutenden Bilder des apokalyptischen Textes, der beim ersten Lesen ein Buch mit sieben Siegeln bleibt?

 

Kommt hinzu: Je nach Alter, Situation und Stimmung lesen wir selbst die Bibel im Laufe unseres Lebens sehr unterschiedlich. Das hat der Theologe Heinrich Albertz bereits 1981 in einem Buchbeitrag über die Weihnachtsgeschichte so beschrieben: „Man hat also ein Leben lang zu tun, um über die Geschichte nachzudenken. Sie wechselt ihre Farben und ihr Gesicht und es bleibt doch immer die gleiche. Das letzte Mal mit seiner Mutter sie zu hören, das erste Mal mit seiner Frau, das erste Mal mit einem eigenen Kind, das erste Mal im Krieg. Und dann 1945, als alles vor­über war und ich mit Hunderten von Flüchtlingen in einer fremden Kirche, in einer fremden Stadt die Geschichte hörte, dieselbe Geschichte wie zu Hause, das es nun nicht mehr gab. Sentimentalitäten? Nun, warum nicht?“

 

Gemeinsam die Bibel lesen und verstehen

 

Die Bibel wird heute von Gläubigen überall auf unserem Globus je nach Heimatland, Kultur, sozialer Gruppe, Geschlecht, Konfession, kirchlicher Tradition, aktuellen ökonomischen und sozialen Konflikten sowie persönlicher Situation sehr unterschiedlich gelesen. Das ist ein großer Reichtum, dem wir miteinander teilen können, wenn wir nicht den Anspruch erheben, unser eigenes Verständnis der biblischen Texte sei das einzig richtige und andere Bibelleser seien in Gefahr, vom wahren Glauben abgefallen. Gemeinsames Bibellesen kann zu einer spannenden und nicht selten beglückenden Erfahrung werden, wenn wir bereit sind, aufeinander zu hören und voneinander zu lernen.

 

Wir entdecken auf diese Weise, wie kreativ sich Christinnen und Christen in anderen Teilen der Welt die Bibel aneignen und die biblischen Botschaften in Beziehung setzen zu ihren eigenen Erfahrungen, ihrem Alltag und ihren Hoffnungen. Neben die wissenschaftliche Exegese, wie sie vor allem an europäischen und nordamerikanischen Hochschulen gelehrt wird, eröffnen das Erzählen, Singen oder auch das Gespräch in kleinen Gruppen ganz neue Zugänge zur Bibel.

 

Die feministische Theologin Claudia Janssen hat beim Evangelischen Kirchentag 2009 in Bremen die Bedeutung von Gesprächen über biblische Texte und das anschließende Handeln so zum Ausdruck gebracht: „Die Antworten sind nicht einfach und unmittelbar in der Bibel zu finden, sondern werden in einem Lernprozess ent­wickelt. Zur jüdischen Praxis der Toraauslegung gehört das Gespräch – zwischen den Generationen, zwischen Lehrenden und Lernenden. Dahinter steht das Verständ­nis, dass in der jeweiligen Gegenwart immer neu herausgefunden werden muss, was das Wort Gottes bedeutet, wozu es auffordert, wozu es herausfordert. Das Wahrnehmen der Bibel wird hier aber nicht nur als Angelegenheit von Verstand und Herz beschrieben, sondern auch als Geschehen, das Konsequenzen im Le­ben hat … Zum richtigen Verständnis der Schrift gehört es, das, was ich verstan­den habe, auch zu tun: Tu das, und du wirst leben!“

 

Ein solcher Umgang mit biblischen Texten kann für sich in Anspruch nehmen, zu den Wurzeln unseres Glaubens zurückzuführen und daran anzuknüpfen, wie vor Jahrtausenden der Glaube an den einen Gott Gestalt annahm und erst später in die heute überlieferte schriftliche Form gegossen wurde.

 

Auf dem Weg zu einer alternativen Globalisierung, in der der Austausch von Erfahrungen, Einsichten und Hoffnungen einen hohen Stellenwert hat, haben auch Gespräche darüber, wie eine spontane Bibellektüre und eine Beschäftigung mit den historischen und theologischen Erkenntnissen zu den biblischen Texten einander ergänzen, ihren Platz. So wird es möglich, die Bibel ganz neu zu lesen – nicht auf einheitliche Weise, aber bereichert durch den Austausch mit anderen Christinnen und Christen.

 

„Globalisierung ganz anders – wie Menschen weltweit die Bibel lesen“. So hat das „Evangelische Missionswerk in Solidarität“ (früher „Evangelisches Missionswerk in Südwestdeutschland“) ein ökumenisches Bibellese-Projekt Ende 2019 beschrieben. In 15 Jahren war es gelungen, 250 Gruppen in 20 Ländern die Erfahrung zu ermöglichen, jeweils in „Tandems“ den gleichen Bibeltext zu lesen und sich darüber auszutauschen. Der Bibeltext wurde dabei zusammengebracht mit der eigenen Lebensrealität.

 

 

Meistens wurden die Erfahrungen und Einsichten der jeweils zwei Gruppen beim Lesen des gemeinsam ausgewählten Bibeltextes schriftlich ausgetauscht, manchmal bestand auch die Möglichkeit, sich persönlich zu treffen. Die 15jährigen Erfahrungen sind in dem Buch „Die Bibel lesen mit den Augen anderer“ dargestellt worden, ausdrücklich mit dem Wunsch, dass andere Gruppen sich davon inspirieren lassen möchten. Gabriele Mayer, die das Programm koordiniert hat, war beeindruckt davon „welch interkulturelle Lernerfahrungen möglich und spirituelle Schätze durch Graswurzel-Gruppen sichtbar geworden sind“. 

 

© Frank Kürschner-Pelkmann