Die Bibel lesen in der weltweiten Kirche

 

In sieben von zehn deutschen Haushalten steht eine Bibel im Regal. Gelesen wird darin meist nur selten, in vielen Familien gar nicht. Nur vier Prozent der erwachsenen Deutschen lesen täglich in der Bibel. Immer mehr Menschen in Deutschland wenden sich von den Kirchen ab, häufig auch vom christlichen Glauben und vom Lesen in der Bibel. In den neuen Bundesländern lesen 76 Prozent der Erwachsenen nie in der Bibel, in den alten Bundesländern sind es 68 Prozent. Beunruhigend ist auch, dass das Wissen über biblische Geschichten und Gebote in unserer Gesellschaft und besonders bei jungen Menschen dramatisch abnimmt, seien es nun die Gleichnisse Jesu oder die Zehn Gebote.

 

Unter denen, die regelmäßig in der Heiligen Schrift lesen, sind viele Christinnen und Christen, die die Bibel wortwörtlich als das Wort Gottes verstehen. Unter den Nichtlesern sind vor allem Kirchenmitglieder, die wissen oder ahnen, dass die Geschichten der Bibel nicht genau widergeben, was tatsächlich vor Jahrtausenden zwischen Mittelmeer und Jordan passiert ist. Auch hegen sie Zweifel, ob Gott wirklich genau das gesagt hat, was die Verfasser der Bibel als seine Aussagen und Gebote aufgeschrieben haben. Können aufgeklärte Menschen die Bibel lesen und darin Sinn und Orientierung für ihr Leben finden?

 

Viele erinnern sich ob solcher Fragen und Zweifel wehmütig an ihre Kindheit, als sie die Geschichten in der Kinderbibel gehört oder gelesen haben und fest daran geglaubt haben, dass diese spannenden Geschichten genau so stattgefunden hatten, wie sie beschrieben wurden. Sind sie im Erwachsenenalter aus dem biblischen Paradies vertrieben worden, weil sie von den Früchten des Baums der Erkenntnis genascht haben?

 

Vielen Erwachsenen erinnern sich allenfalls noch an Bruchstücke dessen, was sie im Religionsunterricht und im Konfirmandenunterricht erfahren haben, etwa die spannende Geschichte von David und Goliath, den Turmbau von Babel und vor allem die Weihnachtsgeschichte. Und es bleibt das Bild von dem lieben Gott mit dem Rauschebart, den es aber wohl doch nicht zu geben scheint und von dem man sich doch nicht ganz verabschieden möchte.

 

Täglich in der Bibel lesen

 

Deutschland gilt als säkularisiert. Die religiöse Situation in manchen anderen Teilen der Welt unterscheidet sich davon deutlich. Viele, sehr viele Christinnen und Christen im Süden der Welt, aber auch im „bible belt“ (dem „Bibelgürtel“) der USA lesen jeden Tag in der Bibel und verstehen die Worte der Bibel ganz direkt als Gottes Wort, das ihnen sagt, was sie glauben und tun sollen, um das ewige Leben zu erlangen und nicht in der Hölle zu landen.

In der Bibel lesen sie, was gut und was böse ist, was von Gott entfernt und was zu ihm hinführt. Nicht, dass sie sich immer danach richten, aber die biblische Botschaft bleibt ein Kompass für ihr Leben. Und ihr Pfarrer oder Prediger sorgt dafür, dass sie auch angesichts von einander widersprechenden biblischen Aussagen Kurs halten in den Stürmen des Lebens.

 

Aber auch für diese Christinnen und Christen stellt sich, so wie für alle anderen, die Frage, wie sie ihr Glaube und die Bibel auf das Leben in einer Welt vorbereiten, die immer enger zusammenzurücken scheint und in der gleichzeitig die Kluft zwischen und innerhalb der Nationen ständig wächst. Wie kann ein Jahrtausende altes religiöses Buch dabei helfen, komplexe globale und soziale Entwicklungen und Konflikte zu verstehen und christlicher Perspektiven für das Engagement in Globalisierungsfragen zu finden?

Bei genauerer Beschäftigung mit den politischen, ökonomischen und sozialen Verhältnissen in den Ländern am östlichen Mittelmeer in biblischen Zeiten fällt auf, dass die damalige (regionale) „Globalisierung“ durchaus gewisse Ähnlichkeiten mit der heutigen Globalisierung hatte – was es noch spannender und lohnender macht, Text und Kontext der Bibel zu studieren. Details dazu finden Sie auch in meinen Beiträgen zum Thema „Gott und die Götter der Globalisierung“.

 

Wie die Bibel den Gläubigen im Süden der Welt Hoffnung und Orientierung gibt

 

Welche verändernde Kraft vom Lesen der Bibel ausgehen kann, zeigt sich in Afrika, seit die Heilige Schrift in einheimische Sprachen übersetzt worden war. Dazu schrieb der ghanaische Theologe John S. Mbiti in seinem Buch „Bibel und Theologie im afrikanischen Christentum“ (Göttingen 1986): „Die Welt der Bibel ist nicht vor zwei- oder dreitausend Jahren vergangen; die Menschen entdecken, dass es für sie eine Welt von gestern und heute ist, eine Welt wie in ihrem eigenen Leben und ihren Gemeinschaften. Sie ist ein lebendiges Porträt ihrer Kulturen und Erfahrungen, ihrer Geschichte und Geographie, ihrer Ängste und Hoffnungen, ihrer geistigen Sehnsüchte.“

 

Wie in Europa entdecken auch die Frauen in Afrika in den letzten Jahrzehnten die Frauen in der Bibel neu und erheben den Anspruch, dass Frauen in den heutigen Kirchen einen größeren Platz und mehr Verantwortung erhalten müssen. Dabei nehmen sie Impulse aus den feministischen Theologien in anderen Teilen der Welt auf und versuchen, sie mit einem Engagement für allmählichen Veränderung afrikanischer Kulturen und Theologien zu verbinden.  

 

Welche verändernde Kraft vom gemeinsamen Lesen der Bibel ausgehen kann, hat Bolivar, ein Campesino im Südwesten Kolumbiens bei der Leitung einer Bibellesegruppe erfahren: „Seit ich beim wöchentlichen Bibelteilen dabei bin, sehe ich die Welt mit anderen Augen. Ich erfahre viel Kraft, engagiere mich mehr im Sozialen und bin optimistischer, ja hoffnungsvoller geworden.“

 

Gegenüber einem Mitarbeiter der Schweizer Zeitschrift „Wendekreis“ fügte er 2003 hinzu: „Diese Art der Bibelarbeit bedeutet einen völligen Wandel für uns: Wir lassen uns auf das aktuelle Leben, auf die Nöte anderer ein und bleiben nicht in der von unseren Ahnen gelebten Leben. Wir erfahren in der Bibel, was Gott für das Glück jeder einzelnen Person möchte und was wir dafür tun können.“ Und tatsächlich haben sich die Mitglieder dieser Bibellesegruppe engagiert, in kleinen lokalen Vorhaben wie dem Bau eines Kinderspielplatzes und in Auseinandersetzungen mit den Behörden, um die Rechte der „kleinen Leute“ durchzusetzen.

 

Solche Erfahrungen beim gemeinsamen Bibellesen haben neben dem Leben der beteiligten Gemeindemitglieder verändert, sondern auch die lateinamerikanische Theologie. Die zentralamerikanische Theologin Elsa Tamez schreibt in einem Beitrag des Studienheftes „Der Text im Kontext“ (Hamburg 1998): „Wir als Exegeten Lateinamerikas und der Karibik müssen zugeben, dass das volkstümliche Lesen der Bibel nicht unserer eigenen Intuition entspringt, sondern dem armen geplagten Volk zu verdanken ist. Dies nahm die Bibel zur Hand und fing an, sie aus der Sicht seiner Leiden und seiner Kämpfe zu lesen. Diese Wiederaneignung der Bibel durch die armen Gemeinschaften eröffnet den Exegeten einen neuen Horizont, was ihnen ermöglichte, ihre Aufgabe als Gelehrte der Bibelwissenschaft im Dienste des Reiches Gottes neu zu definieren ...

 

Ein ganz wichtiger Teil des hermeneutischen Schlüssels zum volkstümlichen Lesen der Bibel ist die Option für die Besitzlosen. Die Basisgemeinden identifizieren sich mit den Befreiungsgeschichten der Bibel ... Diese Art, die Bibel zu lesen, hat sich auf dem gesamten Kontinent ausgebreitet. Wir sprechen von einer biblischen Bewegung.“

 

Auch in den asiatischen, pazifischen und karibischen Kirchen ist das Lesen der Bibel und das Gespräch über biblische Texte sehr viel weiter verbreitet als in Europa. Viele dieser Christinnen und Christen finden einen direkten Zugang zu biblischen Texten und schöpfen daraus Kraft und Vertrauen für den oft schwierigen Alltag. Es ist auch für uns spannend und lohnend, die Bibel angesichts der vorherrschenden Globalisierung und ihrer verheerenden Folgen zu lesen und dort einen Wegweiser für eine gänzlich andere Globalisierung zu finden. 

 

 

© Frank Kürschner-Pelkmann