Die Bibel lesen in Zeiten der Globalisierung

 

„Gott ruft Amos!“ lautete das Thema einer Sommerfreizeit der Evangelischen Jugend, an der ich im Alter von 12 oder 13 Jahren teilnahm. Die Einzelheiten habe ich nach fast sechs Jahrzehnten vergessen, aber den Kerngedanken der Bibelarbeiten und Andachten über den Propheten Amos, den habe ich in Erinnerung, in guter Erinnerung, behalten: Gott setzt sich für Gerechtigkeit ein und steht auf der Seite derer, die unter Ungerechtigkeit leiden, und derer, die sich wie Amos für Gerechtigkeit einsetzen.

 

An diesen Gott konnte und wollte ich glauben. Und ich hatte dann das Glück, einen Konfirmandenunterricht zu genießen, der uns die biblische Botschaft nahe brachte und nicht lediglich darin erschöpfte (und mich erschöpft hätte), den Kleinen Katechismus auswendig zu lernen. Am Ende der Schulzeit und in großen Teilen des Studiums erfolgte dann eine Entfremdung von der Kirche und auch von der Bibel.

 

Es war dann das Thema der Gerechtigkeit, das mich zurück zur Bibel führte und dann auch in ein kirchliches Werk. Dieses Thema war es, das es mir ermöglichte, linke politische Positionen und Artikel für linke Publikationen mit einem christlichen Engagement zu verbinden. Theologische Kenntnisse habe ich dadurch erworben, dass ich eine größere Zahl von theologischen Texten aus dem Süden der Welt übersetzt oder redaktionell für Veröffentlichungen vorbereitet habe. Keine schlechte Art, in die theologische Welt einzutauchen und die Bibel aus immer neuen Blickwinkeln zu lesen, finde ich im Nachhinein.

 

Aber natürlich erwirbt man auf diesem Wege keinen theologischen Studienabschluss. Und das Fehlen dieses Abschlusses als Theologe habe ich immer wieder zu spüren bekommen. Besonders, als ich Artikel und Publikationen veröffentlichte, in denen es auch um theologische Fragen ging. Wie erlaubt sich so jemand, sich zu theologischen Fragen zu äußern … Zu meinem Babylon-Buch erschien 2016 in der kirchlichen Monatszeitschrift „Zeitzeichen“ eine Rezension, in der ich als „christlich gebildeter Journalist“ bezeichnet wurde. Ob das jemand ist, der Apsis und Agape unterscheiden kann? Dem wurde einige Absätze später in der Rezension der „Wissenschaftler“ (vermutlich meinte der Rezensent sich selbst) gegenübergestellt, dessen Erwartungen ich nicht erfüllt hätte.

 

Ich habe mich trotz solcher Angriffe in den letzten Jahrzehnte immer wieder mit biblischen Texten beschäftigt und aus dieser Perspektive politische, ökonomische und kulturelle Prozesse und vor allem Ungerechtigkeiten analysiert und mich für Veränderungen eingesetzt. Die Bibel ist mir in all den Jahren wichtig geblieben, und ich könnte mich durchaus als „bibeltreu“ bezeichnen, auch wenn dieser Begriff von einigen evangelikalen Gruppierungen besetzt worden ist. Aber meine Bibeltreue lasse ich mir von diesen Gruppen nicht absprechen, auch und gerade weil ich sie anders verstehe.

  

Ich möchte Sie gern ermutigen, (wieder) in der Bibel zu lesen und liefere auf den folgenden Seiten einige Anregungen und hilfreiche Informationen zum Bibellesen und zur Beschäftigung mit einzelnen biblischen Texten. So soll Kritikerinnen und Kritikern der vorherrschenden Globalisierung eine Orientierung bei der Suche nach Alternativen gegeben werden. Und wenn Sie nicht bei Adam und Eva anfangen wollen, empfehle ich, das Bibellesen mit dem Propheten Amos zu beginnen. In Zeiten, in denen nicht nur hierzulande Fragen der Gerechtigkeit, der Armut, der Ökologie und der aus dem Ruder geratenen Globalisierung diskutiert werden, sind Propheten wie Amos erstaunlich aktuell geblieben.

 

© Frank Kürschner-Pelkmann