Titelseite des Buches "Babylon - Mythos und Wirklichkeit"
Dieser Beitrag ist dem Buch "Babylon - Mythos und Wirklichkeit" von Frank Kürschner-Pelkmann entnommen, das im Steinmann Verlag, Rosengarten, erschienen ist. Das Buch ist im Buchhandel und beim Verlag erhältlich.

Einleitung des Buches „Babylon – Mythos und Wirklichkeit“

  

„Die du an großen Wassern wohnst und große Schätze hast, dein Ende ist gekommen, dein Lebensfaden wird abgeschnitten“ (Jeremia 51,13). Keine andere Stadt wird in der Bibel so negativ dargestellt wie Babylon – und keiner wird so häufig der Untergang prophezeit. Die Bibelstellen, wo neutral oder sogar positiv über die Stadt am Euphrat berichtet wird, sind rar. Nicht einmal die assyrische Hauptstadt Ninive hat in der Bibel einen so schlechten Leumund, denn immerhin wird in der Jonageschichte von der Umkehr und Rettung der Menschen dieser Stadt erzählt. Im Bewusstsein vieler Christinnen und Christen bleibt die antike Hauptstadt Babyloniens hingegen das „Sündenbabel“. Dem stehen seit Ende des 19. Jahrhunderts archäologische Erkenntnisse gegenüber, die die beeindruckenden Leistungen der Babylonier beweisen. Dabei ist auch deutlich geworden, dass die kulturelle, religiöse und ethnische Vielfalt der Stadt einen Reichtum dargestellt hat und keineswegs gradlinig in den Untergang führte.

 

Noch zu oft verlaufen heute der theologische und der archäologische Diskurs über Babylon unverbunden nebeneinander. Babylon in seiner ganzen Vielfalt zu entdecken, eröffnet Christinnen und Christen ganz neue Einsichten zur biblischen Botschaft und für ein glaubwürdiges christliches Leben in heutigen multikulturellen und multireligiösen Gesellschaften.

 

Die „oberen Zehntausend“ im babylonischen Exil

 

Babylon ist in der Bibel die Hauptstadt des größten Feindes des jüdischen Volkes, von König Nebukadnezar. Die Eroberung Jerusalems 597 v. Chr. durch seine Truppen hatte zur Folge, dass die Stadt zerstört und die „oberen Zehntausend“ der jüdischen Gesellschaft an den Euphrat verschleppt wurden. Sie erlebten in Babylon eine reiche, bunte und quirlige Großstadt mit einem vielstimmigen „babylonischen Sprachgewirr“. Jüdische Propheten waren überzeugt, dass eine solche Stadt dem Untergang geweiht sein musste.

 

Das Leben der Juden in der Exilszeit war keineswegs nur Anlass, an den Flüssen von Babylon zu sitzen und zu weinen. Anders, als wir nach einem Besuch einer Aufführung von Verdis Oper „Nabucco“ vermuten könnten, lagen die jüdischen Bewohner Babyloniens nicht schmachtend in Ketten. Vielmehr konnten sie in eigenen Siedlungsgebieten zusammenleben und ihre Religion praktizieren. Das war mehr, als besiegte und verschleppte Menschen in manchen anderen antiken Reichen zu erwarten hatten, beispielsweise in Assyrien. Dass die Juden im Exil in größeren Gruppen zusammenlebten, gilt heute als eine der Voraussetzungen dafür, dass sie als Volk das Exil überstanden haben und religiös gestärkt aus ihm hervorgegangen sind. Auch wissen wir inzwischen, dass manche Juden im Exil zu Wohlstand kamen und anerkannte Positionen in der babylonischen Gesellschaft erlangten. Das erklärt, warum viele Exilfamilien nicht in die Heimat zurückkehrten, als sie die Erlaubnis dazu erhielten, sondern in Babylonien blieben.

 

Die theologischen Grundlagen der jüdischen Religion sind in erheblichem Umfang in Babylon formuliert worden – und das selbst dann noch, als das babylonische Reich schon untergegangen war. Die großen jüdischen Diasporagemeinden an Euphrat und Tigris lernten die persische und dann die griechische Kultur und religiöse Welt intensiv kennen und wurden davon beeinflusst.

 

Die Erfahrungen und Einsichten der Gläubigen in der Diaspora trugen wesentlich zur Festlegung der jüdischen Glaubensvorstellungen bei, wie wir sie heute kennen. Das Bild von Babylon in der Bibel blieb dennoch weitestgehend negativ und dies auch im Neuen Testament.

 

Die biblischen Geschichten von Babylon haben immer wieder Künstler, Komponisten, Schriftsteller und in den letzten hundert Jahren auch Filmemacher inspiriert. Unser Bild vom unvollendeten Turmbau von Babel hat Lukas Cranach d. Ä. mit seinen Gemälden für immer geprägt. Georg Friedrich Händel hat die Geschichte von Belsazar und dem Menetekel an der Wand zu einem Oratorium gestaltet und Heinrich Heine das gleiche Thema zu einem berühmten Gedicht verarbeitet. Unter den zahllosen Fil-men, die Motive aus den biblischen Babylongeschichten aufgegriffen haben, nimmt der Stummfilm „Metropolis“ von Fritz Lang bis heute eine Sonderstellung ein: als eines der bedeutendsten Werke der Stummfilmgeschichte. Unter den neueren musikalischen Werken zur Stadt am Euphrat ist der weltweit verbreitete Song „Rivers of  Babylon“ besonders zu erwähnen, der ursprünglich von einer karibischen Reggaeband produziert wurde.

 

Ein neues Bild von Babylon

 

Erst ganz allmählich setzt sich bei uns unter dem Einfluss der Altorientalistik und Archäologie ein differenzierteres Bild von Babylon durch. Die polemische Darstellung dieser Stadt in biblischen Texten ist inzwischen als Ausdruck der Wut eines unterdrückten und verschleppten Volkes erkannt worden. Die Entzifferung der babylonischen Keilschrift und die Freilegung von Wohnhäusern eröffnen einen völlig neuen Zugang zu einer der ersten Großstädte in der Geschichte der Menschheit, ihrer religiösen und kulturellen Vielfalt und dem Alltagsleben ihrer Bewohner. Inzwischen ist unbestritten, dass die babylonische Kultur und Wissenschaft über viele Jahrhunderte prägend war für die gesamte Region, die wir heute als Mittleren Osten bezeichnen. Immer noch beeindrucken die Beiträge Babylons auf Gebieten wie Mathematik, Medizin und Astronomie. Wenn jemand heute in letzter Minute ankommt, richtet er sich nach dem Zeitmaß der Babylonier. Sie waren die ersten, die den Tag in 24 Stunden und jede Stunde in 60 Minuten einteilten. Wer auf die Botschaften der Sterne vertraut, orientiert sich dabei immer noch am astronomischen und astrologischen Wissen der Babylonier, das auf langjährigen Beobachtungen des Sternenhimmels beruhte. Viele Legenden und Geschichten der Herrscher von Babylon und ihrer Untertanen sind so spannend und nicht selten auch so geheimnisvoll wie die biblischen Geschichten aus jener Zeit.

 

Aus vielen Facetten entsteht ein Bild vom Leben und Glauben in einer Stadt, die länger bestanden hat als fast alle anderen Städte auf der Erde. Davon sind neben den Keilschrifttafeln fast nur noch Lehmziegel und Lehmhügel übrig geblieben – und ein offenbar unsterblicher Mythos. Oder sind es doch sehr unterschiedliche Mythen, an die zum Beispiel amerikanische Fundamentalisten, die Gründer multikultureller Kulturvereine und die Betreiber „einschlägiger“ Etablissements anknüpfen?

 

Die wissenschaftlichen Erkenntnisse über Babylon stimmen in vielen Punkten nicht mit den Erzählungen, Berichten und Legenden in der Bibel überein. Das wird allerdings von manchen Christinnen und Christen weiterhin vehement bestritten, die mit dem Buch „Und die Bibel hat doch recht“ von Werner Keller[1] unter dem Arm archäologische Erkenntnisse sehr selektiv zur Kenntnis nehmen. Dabei eröffnet uns die    unvoreingenommene Beschäftigung mit den Ergebnissen der Erforschung des historischen Babylon viele neue Erkenntnisse und Einsichten zu biblischen Texten. So wissen wir heute, welche Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen babylonischen Mythen und biblischen Geschichten wie der Geschichte von der großen Flut bestehen, und warum das so ist.

 

In diesem Buch geht es auch um die neuere Geschichte Babylons: die Ausgrabungen der Stadt seit dem 19. Jahrhundert, den Abtransport der bedeutendsten Funde nach Europa, den „Wiederaufbau“ von Teilen von Babylon unter Saddam Hussein, seine Stilisierung zum neuen Nebukadnezar und schließlich die Einrichtung eines US-Armeehauptquartiers mitten zwischen den Resten von Babylon.

 

Dabei wird deutlich: Ein neuer Umgang mit dem Erbe von Babylon kann wesentlich zum nationalen, auch geistigen Wiederaufbau des Iraks beitragen. Gleichzeitig können neue Brücken zwischen diesem Land und anderen Kulturen der Welt geschlagen werden, die auf vielfältige Weise von dem profitiert haben, was in Babylon gedacht und entdeckt wurde.

 

Von Babylon lernen, heißt Vielfalt zu schätzen

 

In diesem Buch wird der Versuch unternommen, die historische Entwicklung, die biblischen Darstellungen und den Mythos von Babylon in Beziehung zueinander zu setzen. Dafür habe ich zahlreiche Forschungsergebnisse unterschiedlichster Wissenschaften zu Babylon studiert, um ihre Kernaussagen verständlich zu vermitteln und zu einem Gesamtbild zusammenzufügen. Dieses Buch soll etwas von der Faszination dieser Stadt sichtbar machen und dazu einladen, von Babylon zu lernen, von seinen geschichtlichen Erfahrungen, seiner Kultur, seiner Religion und auch von seinem Mythos.

 

Mir sind bei der Beschäftigung mit Babylon und der Verwünschungen dieser Stadt jene biblischen Texte noch wichtiger geworden, die das Miteinander von Menschen und die Geschwisterlichkeit der Kinder Gottes betonen. Diese biblischen Texte zeichnen kein konfliktfreies Bild des Lebens der Menschheit und ihres Verhältnisses zu Gott. Aber sie sind nicht von einem abgrundtiefen Hass auf die Anderen geprägt, sondern von dem Engagement für eine Welt, in der alle einen Platz und eine Zukunft haben.

 

Eine Beschäftigung mit Babylon wirft nicht zuletzt viele Fragen zum Zusammenleben in heutigen multikulturell geprägten Großstädten auf. Ist eine Vielfalt von Kulturen, Sprachen und Religionen eine Bereicherung? Oder drohen eine „babylonische Sprachverwirrung“ und ein Zerfall der Gesellschaft? Wie lässt sich eine Balance von Identitätswahrung und Integration herstellen? Professor Markus Hilgert, Assyrologe und Direktor des Vorderasiatischen Museums in Berlin, hat die Bedeutung der Beschäftigung mit dem antiken Mesopotamien für heutige Menschen so beschrieben: „Die altorientalischen Metropolen hatten Herausforderungen zu bewältigen, mit denen Gesellschaften bis zum heutigen Tag konfrontiert sind. Dazu zählen etwa die soziale Integration ethnischer Minderheiten, Natur- und Umweltkatastrophen sowie das Ressourcenmanagement. Viele Städte des Zweistromlands sind offenbar sehr erfolgreich mit diesen Herausforderungen umgegangen, denn sie waren über mehrere Jahrtausende hinweg äußerst einflussreiche Macht- und Kulturzentren – denken wir nur an Uruk, Babylon oder Assur. In unserem eigenen Interesse sollten wir heraus finden, was sie so beispiellos erfolgreich machte.“[2]

 

© Steinmann Verlag, Rosengarten

Autor: Frank Kürschner-Pelkmann

 



[1] Werner Keller: Und die Bibel hat doch recht, Berlin 2009.

[2] Interview mit Dr. Markus Hilgert: Was sagen uns 4.000 Jahre alte Keilschrifttafeln heute, Wissenschaft aktuell, o. J.