Titelseite des Buches "Babylon - Mythos und Wirklichkeit"
Dieser Beitrag ist dem Buch "Babylon - Mythos und Wirklichkeit" von Frank Kürschner-Pelkmann entnommen, das im Steinmann Verlag, Rosengarten, erschienen ist. Das Buch ist im Buchhandel und beim Verlag erhältlich.

Belsazar – kein König und doch weltberühmt

 

Er gehört zu den bekanntesten und berüchtigtsten antiken Herrschern. Aber verlässliche historische Informationen über Belsazar sind bisher rar, und man muss hoffen, dass die weitere Übersetzung und wissenschaftliche Auswertung von Keilschrifttexten dies ändern wird. Als gesichert ist anzusehen, dass Belsazar ein Sohn von König Nabonid war, denn dies wird in einer Keilschriftchronik über die Herrschaft von König Nabonid ausdrücklich erwähnt.

 

Auch ist belegt, dass Belsazar von seinem Vater als Regent eingesetzt wurde, als Nabonid 552 v. Chr. für zehn Jahre Babylon verließ und in die Wüstenstadt Tayma zog. Darüber, was Belsazar in dieser Regentschaftszeit tat, wissen wir bisher leider kaum etwas. Auf keinen Fall hat Belsazar den Königstitel geführt, und nachdem Nabonid 542 v. Chr. aus der Wüste zurückgekehrt war, hat dieser sein königliches Amt noch drei Jahre ausgeübt, bis persische Truppen in Babylon einzogen.

 

 Bisher übersetzte Keilschifttexte sagen nichts darüber, wie Belsazar gestorben ist. Manche Fachleute vermuten, dass er bei der persischen Besetzung von Babylon getötet wurde. Andere verweisen darauf, dass er in den Keilschrifttexten nach der Rückkehr von König Nabonid aus der Wüste nicht mehr erwähnt wird, und vertreten die These, er sei zum Zeitpunkt der persischen Eroberung der Stadt bereits verstorben gewesen. Die Menetekelgeschichte der Bibel, an deren Ende Belsazar getötet wird, gilt bei einer wissenschaftlichen Betrachtungsweise als nicht historisch. Ein solch einschneidendes Ereignis wäre sicher in den babylonischen Geschichtsdarstellungen notiert worden.

 

Belsazar, ein Herrscher „soff sich voll“

 

Sie gehört zu den besonders dramatischen Geschichten der Bibel, die Geschichte vom Gastmahl des Königs Belsazar. Martin Luther hat den Anfang dieser biblischen Geschichte in seiner manchmal drastischen Sprache so übersetzt: „König Belsazar machte ein herrliches Mahl für seine tausend Mächtigen und soff sich voll mit ihnen“ (Daniel 5,1). Der betrunkene König, erfahren wir in der Geschichte, wurde übermütig und ließ die goldenen und silbernen Gefäße bringen, die „sein Vater“ Nebukadnezar aus dem Tempel in Jerusalem geraubt hatte, um daraus mit seinen Mächtigen, seinen Frauen und Nebenfrauen zu trinken. Auch wer die Geschichte noch nicht kennen sollte, ahnt hier, dass das nicht gut gehen konnte.

 

Dass die versammelten Babylonier beim Trinken „die goldenen, silbernen, ehernen, eisernen, hölzernen und steinernen Götter“ lobten, besiegelte das Schicksal des Königs: „Im gleichen Augenblick gingen hervor Finger wie von einer Menschenhand, die schrieben gegenüber dem Leuchter auf die getünchte Wand in dem königlichen Saal. Und der König erblickte die Hand, die da schrieb. Da entfärbte sich der König und seine Gedanken erschreckten ihn, sodass er wie gelähmt war und ihm die Beine zitterten“ (Daniel 5,5-6).

 

Der erschrockene König ließ die Weisen, Gelehrten und Wahrsager des Reiches holen und versprach ihnen großen Reichtum und Macht, wenn sie die Schrift deuten könnten. Aber keiner von ihnen vermochte die Schrift zu deuten, was den König noch mehr erschreckte, ihm und seinen Mächtigen „wurde angst und bange“. Die Königsmutter machte daraufhin den Vorschlag, einen Zeichendeuter, Weisen, Gelehrten und Wahrsager mit einem überragenden Geist zu holen,

 

Daniel, in der Geschichte ein Gefangener aus Juda. Belsazar ließ ihn rufen und forderte ihn auf, die Schrift zu deuten. Daniel verzichtete auf die angebotenen Geschenke für die Deutung der Schrift, legte sie aber aus. Zunächst einmal erinnerte Daniel an den Aufstieg und tiefen Fall von Nebukadnezar, der vom königlichen Thron gestoßen und aus der Gemeinschaft der Menschen verstoßen wurde, „bis er lernte, dass Gott der Höchste Gewalt hat über die Königreiche der Menschen und sie gibt, wem er will“ (Daniel 5,21).

 

Daniel wiederholte also in knapper Form die Geschichte, die wir bereits aus dem 4. Kapitel dieses biblischen Buches kennen. Dann prangerte er den frevelhaften Umgang von Belsazar mit den Gefäßen aus dem Tempel in Jerusalem an. Nun erreicht die Geschichte ihren dramatischen Höhepunkt, denn Daniel deutete die aramäische Schrift an der Wand: „So aber lautet die Schrift, die dort geschrieben steht: Mene mene tekel u-parsin. Und sie bedeutet dies: Mene, das ist, Gott hat dein Königtum gezählt und beendet.

 

Tekel, das ist, man hat dich auf der Waage gewogen und zu leicht befunden. Peres, das ist, dein Reich ist zerteilt und den Medern und Persern gegeben“ (Daniel 5,25-28). Das aramäische Original des Spruches, wie Daniel es überliefert, lässt verschiedene und signifikant voneinander abweichende Deutungen zu, die immer wieder von Theologen diskutiert worden sind. Aber da es sich hier um eine Erzählung handelt und nicht um einen historischen Text, können wir auch einfach der Interpretation folgen, die der Verfasser des Daniel-Buches in seine Geschichte eingebaut hat. Der historische Belsazar hätte die Feinheiten der Interpretationsmöglichkeiten ohnehin nicht verstanden, weil er wahrscheinlich kein Aramäisch lesen und verstehen konnte.

 

Belsazar reagiert in der biblischen Geschichte auf die Deutung des Spruches durch Daniel anders, als man erwarten würde. Er beschimpft Daniel nicht und lässt ihn ob der schlechten Vorhersagen auch nicht in den Kerker werfen, sondern ordnet an, ihn mit Purpur zu kleiden, ihm eine goldene Kette um den Hals zu hängen und ihm ein Drittel des Königreiches zu geben. Belsazar selbst hat diese Großzügigkeit nicht mehr geholfen, denn er wurde noch in derselben Nacht getötet.

 

Mit dem historischen Geschehen in Babylon hat diese Geschichte wenig, ja gar nichts zu tun, wenn wir einmal davon absehen, dass es Belsazar tatsächlich gegeben hat. Er war kein König, sondern Regent, und er war auch kein Sohn von König Nebukadnezar. Manche Theologen wollen die historische Exaktheit der Bibel damit „retten“, dass sie sich eine weite Auslegung des Sohnbegriffes zueigen machen und damit auch einen Enkel unter den Begriff Sohn fassen. Dafür gibt es durchaus Argumente. Schwierig wird die Argumentationslinie aber, wenn es gilt, eine solche Verwandtschaftslinie herzustellen.

 

Es wird behauptet, dass König Nabonid eine Tochter von Nebukadnezar II. geheiratet habe und Belsazar somit ein Enkel dieses Herrschers sei. Historische Belege gibt es dafür nicht. Im Gegenteil. Wenn Nabonid tatsächlich eine Tochter von Nebukadnezar geheiratet hätte, gäbe es keinen Grund, dies bei seinen intensiven Versuchen, sich zum legitimen Nachfolger von Nebukadnezar zu stilisieren, unerwähnt zu lassen. Von einer solchen Verwandtschaftsbeziehung ist in den apologetischen Texten für Nabonid aber nirgendwo die Rede. Sagen wir es deutlich: Eine solche Behauptung zur „Rettung“ der historischen Authentizität der biblischen Geschichte ist völlig unglaubwürdig.

 

Wie ein Herrscher erst die Fassung und dann das Leben verlor

 

Die dramatische Geschichte von Belsazar und der Schrift an der Wand hat immer wieder Dichter, Komponisten und Maler inspiriert. Die berühmteste Belsazar-Ballade stammt von Heinrich Heine und entstand etwa 1820. Später ist sie in seine Sammlung „Buch der Lieder“ aufgenommen worden. Heinrich Heine folgt in der Ballade zunächst der Darstellung im Daniel-Buch und steigert die Dramatik des Geschehens noch weiter.

 

Am Anfang von Daniel 5 reicht ein Vers, um zu beschreiben, dass Belsazar mit den Mächtigen seines Reiches bei einem Mahl zusammen sitzt und sich betrinkt. Heinrich Heine erweitert diesen kurzen Bericht auf sechs Verse und beginnt sein Gedicht mit den Zeilen:

 

Die Mitternacht zog näher schon;

In stummer Ruh lag Babylon.

 

Aber von dieser Ruhe ist im Schloss des Königs nichts zu spüren, denn hier klirren die Becher und jauchzen die Knechte. Auch das Herbeiholen der goldenen Geräte aus dem Jerusalemer Tempel wird von Heine sehr viel ausführlicher und dramatischer geschildert als in der Bibel. Dort lässt Belsazar das Tempelgerät kommen, während er bei Heinrich Heine zusätzlich „die Gottheit mit sündigem Wort“ lästert. Als getrunken wird, loben Belsazar und die Seinen im Daniel-Buch ihre Götter. Bei Heinrich Heine ruft der König mit schäumendem Mund:

 

„Jehovah! dir künd ich auf ewig Hohn –

Ich bin der König von Babylon!“

 

Nach diesen Worten erscheint die Schrift an der Wand, und nun sitzt der König der Ballade „mit schlotternden Knien und totenblass“ da. Interessanterweise verzichtet Heinrich Heine in seinem Gedicht dann aber auf den Auftritt von Daniel. Er erwähnt noch, dass die Magier des Königs die Flammenschrift an der Wand nicht deuten können, und lässt dann im letzten Vers der Ballade Belsazar durch seine Knechte umbringen. Dieser Mord bleibt ohne den Auftritt Daniels recht unmotiviert, und auch nach der Lektüre verschiedener Interpretationen der Ballade habe ich keine wirklich plausible Erklärung dafür gefunden. Dessen ungeachtet wird die Ballade im gymnasialen Unterricht häufig gelesen, und zu ihrem Bekanntheitsgrad hat auch beigetragen, dass Heines „Belsazar“ von Robert Schumann vertont worden ist.

 

Immer wieder aufgeführt wird das Oratorium „Belshazzar“ von Georg Friedrich Händel, eines der vielen Oratorien, in deren Mittelpunkt dieser Komponist biblische Gestalten wie Saul, Samson und Esther gestellt hat. Die Uraufführung des Belsazar-Oratoriums fand am 27. März 1745 in London statt, erhielt aber zunächst so wenig Zuspruch, dass es nach drei Aufführungen vom Spielplan abgesetzt wurde. Erst eine Neufassung des Oratoriums wurde vom Publikum positiver aufgenommen. Das Libretto von Charles Jennens basiert vor allem auf dem 5. Kapitel des Daniel-Buches. Es wurden aber auch Texte von Jeremia und Jesaja sowie von Herodot hinzugezogen.

 

Im Oratorium nimmt Nitrocis als Königsmutter eine Schlüsselstellung ein. Der Name dieser Königsmutter ist nur bei Herodot und nicht in der Bibel überliefert. Der Tübinger Altorientalist Wolfgang Röllig hat sich ausführlich mit Nitocris (oder Nitokris) beschäftigt,[1] die unter diesem Namen nicht auf den Keilschrifttafeln Babylons zu finden ist. Es spricht viel dafür, dass mit dieser Königsmutter bei Herodot die Mutter von König Nabonid, Adad-guppi, gemeint war, die als Anhängerin des Mondgottes Sin einen großen Einfluss auf den Sohn ausübte.

 

Die historische Nitocris wäre dann die Großmutter von Belsazar gewesen, aber um historische Verwandtschaftsbeziehungen geht es in dem Oratorium nicht. Nitocris ist hier die Mutter des Königs Belsazar, und überraschenderweise glaubt sie an den einen Gott, den Exiljuden ihr nahe gebracht haben. Er ist für sie der einzige Gott, dessen Reich ewig währt. Zu ihren Vertrauten gehört der jüdische Seher Daniel, der sie zu beruhigen versucht, als ihr Sohn Belsazar nicht auf sie hört, sondern sein sündiges Leben fortsetzt.

 

Im Oratorium belagern die persischen Truppen von König Kyros während der Herrschaftszeit Belsazars die Stadt Babylon. Zunächst gelingt es ihnen nicht, die Stadtmauern zu überwinden, was ihnen den Spott von Belsazar und seiner Gefolgsleute einträgt. In der Stadt sieht Daniel den Sieg von Kyros voraus und ebenso die daraus entstehende Möglichkeit für eine Rückkehr der Juden in ihre Heimat – Grund genug, Kyros in einem Rezitativ als Befreier Israels zu preisen. Belsazar feiert derweil mit seinen Kumpanen ein rauschendes Fest und missbraucht die Schalen aus dem Jerusalemer Tempel als Weinkelche. Seine Mutter versucht vergeblich, ihn von dem frevelhaften Handeln abzubringen.

 

Während Belsazar durch das Menetekel seine göttliche Bestrafung angedroht bekommt, nutzen die persischen Truppen einen Schwachpunkt in den Verteidigungslinien von Babylon, dringen in die Stadt ein und erobern sie. Die persischen Soldaten erreichen rasch den Palast des Königs, wo sie wegen der Trunkenheit der Wachen auf keinen Widerstand stoßen. Belsazar wird getötet, und Kyros verspricht Daniel, dass die Juden in ihre Heimat zurückkehren können und er für den Wiederaufbau von Jerusalem sorgen wird. Am Ende des Oratoriums steht der jubelnde Gesang „Sei von mir gepriesen, o Gott, mein Herr!“.

 

Auch in der Malerei war die dramatische Geschichte von König Belsazar immer wieder ein beliebtes Motiv. Das berühmteste Gemälde von Belsazar im Augenblick des Erscheinens der Schrift an der Wand hat Rembrandt van Rijn 1635 geschaffen. Wir sehen auf dem Bild die erschrockenen Gesichter der Feiernden und auch Belsazar selbst schwant nichts Gutes, auch wenn er die Schrift nicht entziffern kann. Anders als verschiedene andere Maler bildet Rembrandt das Menetekel ab und wählte hierfür hebräische Buchstaben. Das Gemälde hängt heute in der „National Gallery“ in London.

 

Auch für die Kommentierung der aktuellen Politik kann der babylonische Regent herangezogen werden. In einer Glosse in der „Welt“ vom Mai 2009 wird nach einem Volksentscheid für die Wiedereinführung des Religionsunterrichts in Berlin eine Verbindung zwischen dem Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit und Belsazar hergestellt. Der Bürgermeister hatte die gescheiterte Initiative nicht unterstützt und musste sich in der Glosse gefallen lassen, mit dem babylonischen Herrscher verglichen zu werden: „Belsazar, ein ähnlich feierfreudiger Regent wie Wowereit, saß mit seinem Tross um Mitternacht beim Gastmahl …“[2] Mit Belsazar nahm es ein schlimmes Ende. „Das wünscht Klaus Wowereit keiner. Heutzutage genügt es ja schon, wenn die Knechte und Knechtinnen, so wie gerade geschehen, ganz zivilisiert die Fraktion wechseln und die Mehrheit der rot-roten Koalition in Berlin dadurch auf eine Stimme Vorsprung schrumpft.“

 

In der Glosse wird auch die Vermutung geäußert, dass der Bürgermeister, wenn er Religionsunterricht gehabt hätte, die biblische Geschichte von Belsazar kennen würde. Hier muss hinzugefügt werden: Wenn der Verfasser der Glosse sich mit den historischen Hintergründen der biblischen Geschichte befasst hätte, wäre ihm nicht entgangen, dass es doch nicht ganz so einfach ist, den ganz realen Klaus Wowereit mit der Gestalt in einer biblischen Legende auf eine Ebene zu stellen. Dass die Flammenschrift nie real an einer babylonischen Wand erschien, erfahren wir in der Glosse nicht. Hat der Verfasser in seinem Religionsunterricht nicht aufgepasst oder wurde die nicht ganz nebensächliche Tatsache dort übergangen? Eine Werbung für einen zeitgemäßen Religionsunterricht ist die Glosse so leider nicht.

 

Aber warum trägt seit einigen Jahren ein deutscher Wermut den Namen „Belsazar“? Ein Vertreter der Herstellerfirma hat es gegenüber der Fachzeitschrift „Mixology Magazin“[3] verraten. Als man einen Namen für einen neuen Wermut suchte, ging man zurück in die Geschichte der Wermut-Rezepturen und stieß auf einen Sixtus Balthasar. Man erwog, den Wermut Balthasar zu nennen, aber der Name wäre rechtlich nicht zu schützen gewesen, und so kam man auf den Gedanken, den Namen Belsazar zu wählen, der als Grundform von Balthasar eingeordnet wurde und der sich als Markenname schützen ließ. Der „Belsazar Vermouth“ erinnert seither an jenen Herrscher, der der Legende nach übermäßigem Alkoholgenuss erst seine Fassung und dann sein Leben verlor.

 

Die vier Reiche und ihr Ende

 

Noch ein weiteres Mal wird die Herrschaftszeit Belsazars zum Thema eines Kapitels im Daniel-Buch. Am Anfang des 7. Kapitels, das den Übergang von den Erzählungen zu den Visionen markiert, lesen wir: „Im ersten Jahr Belsazars, des Königs von Babel, hatte Daniel einen Traum und Gesichte auf seinem Bett; und er schrieb den Traum auf und dies ist sein Inhalt …“ (Daniel 7,1). Noch einmal wird der Untergang Babylons zum Thema. Die Reiche, von denen im 2. Kapitel des Daniel-Buches die Rede war, sollten nicht von Dauer sein, sondern waren dem Untergang geweiht. Das erfuhr Daniel in einer Vision, lesen wir im 7. Kapitel dieses biblischen Buches: „Ich, Daniel, sah ein Gesicht in der Nacht, und siehe, die vier Winde unter dem Himmel wühlten das große Meer auf. Und vier große Tiere stiegen herauf aus dem Meer, ein jedes anders als das andere“ (Daniel 7,2-3). Das erste dieser Tiere ähnelte einem Löwen, der Flügel hatte wie ein Adler. Aber im Traum wurden ihm die Flügel genommen. Das Tier, das Babylon symbolisierte, wurde auf zwei Füße gestellt wie ein Mensch und ihm wurde ein menschliches Herz gegeben.

 

Das zweite Tier glich einem Bären und wird mit dem Reich der Meder und der Perser in Verbindung gebracht. Das dritte Tier glich einem Panther, hatte aber vier Köpfe sowie vier Flügel auf seinem Rücken, und dieses Tier stand in dem Traum wahrscheinlich für das Reich von Alexander dem Großen. Und dann erschien das vierte Tier, vermutlich das Reich der Römer. „Danach sah ich in diesem Gesicht in der Nacht, und siehe, ein viertes Tier war furchtbar und schrecklich und sehr stark und hatte große eiserne Zähne, fraß um sich und zermalmte, und was übrig blieb, zertrat es mit seinen Füßen. Es war auch ganz anders als die vorigen Tiere und hatte zehn Hörner“ (Daniel 7,7).

 

Aber dieses vierte Tier wurde getötet, und „mit der Macht der andern Tiere war es auch aus; denn es war ihnen Zeit und Stunde bestimmt, wie lang ein jedes leben sollte“ (Daniel 7,12). Und prophetisch heißt es dann im vorletzten Vers des Kapitels: „Aber das Reich und die Macht und die Gewalt über die Königreiche unter dem ganzen Himmel wird dem Volk der Heiligen des Höchsten gegeben werden, dessen Reich ewig ist, und alle Mächte werden ihm dienen und gehorchen“ (Daniel 7,27).

 

Nach einer anderen Interpretation sind die vier Reiche anders zuzuordnen. Danach bleibt das erste Reich das babylonische, das zweite Reich ist das der Meder, getrennt davon folgt das Reich der Perser und dann das der Griechen. Das Römische Reich hat in dieser Zählung also keinen Platz. In jedem Fall steht Babylon am Anfang einer Liste der großen weltlichen Reiche, die zerstört werden. Als das Daniel-Buch geschrieben wurde, war Babylon bereits von den Persern und dann von den Truppen Alexanders des Großen erobert worden. Die Ankündigung des Untergangs des babylonischen Reiches war also keine Vorhersage, sondern beschrieb bereits Geschehenes.

 

© Steinmann Verlag, Rosengarten

Autor: Frank Kürschner-Pelkmann

 


 



[1] Wolfgang Röllig: Nitokris von Babylon, in: R. Stiehl u. H.E. Stier (Hrsg.): Beiträge zur Alten Geschichte und deren Nachleben, Berlin 1969, S.127ff.

[2] Matthias Heine: Ist Wowereit Belsazar?, in: Die Welt, 7. 5. 2009.

[3] Vgl. Marco Beier: Belsazar Vermouth Red. Was kann der deutsche Wermut?, Mixology online, 15.1.2014.